Super 8 (2011)

Es ist der Sommer des Jahres 1979: Star Wars und Spielbergs Close Encounters of the Third Kind sind erst zwei Jahre her, und gerade hat George A. Romero sich mit Dawn of the Dead richtig tief ins amerikanische Unterbewusstsein eingefressen. In einem Kaff im ländlichen Ohio macht sich darob eine Gruppe von Freunden daran, in den Sommerferien einen „Monsterfilm“ zu drehen, wie Joes Vater (Kyle Chandler), der Deputy der Kleinstadt, das nennt – Erwachsene haben eben keine Ahnung. Charles (Riley Griffiths) möchte sich mit seinem Zombiestreifen um Aufnahme bei einem kleinen Filmfestival bewerben – ausgerüstet nur mit einer Handvoll Ideen, einem selbstgeschriebenen Drehbuch und dem Enthusiasmus einiger Freunde.

Sie sind, wenn man so will, die letzte Generation von Nerds, die ohne Heimcomputer aufwächst, und Super 8, der das Medium ihrer Wahl im Titel vor sich her trägt, setzt ihnen ein Denkmal, die mit Schminke, Latexelementen und selbstgebastelten Feuerwerkskörpern einfach das machen, wonach sie sich sehnen. Das ist eine gänzlich aktuelle Szenerie – schließlich sind selbstgedrehte Filme heute mehr denn je en vogue – und zugleich eine ganz und gar nostalgische, in der sich alles vereint, was die Mythologie von Kindheit und Jugend im provinziellen Amerika der 1970er, 1980er Jahre hergibt.

Mehr noch als ein Monsterfilm, zu dem Super 8 nach und nach wird, ist er also ein Coming-of-Age-Drama als Abenteuerfilm, in Ernsthaftigkeit und Gestus irgendwo zwischen Die Goonies und Stand By Me, denen es sich auch stilistisch und in seinen Figuren anschmiegt. Das alles fügt sich auch zusammen in den Hauptpersonen hinter der Kamera: Produzent Steven Spielberg, dem Altmeister des Science-Fiction- und Abenteuerkinos (sein E.T. – Der Außerirdische ist hier auch stets präsent), und Regisseur und Drehbuchautor J.J. Abrams, der nicht zuletzt dafür bekannt geworden ist, dass er alte Themen für ein neues Publikum aufzubereiten weiß, von Cloverfield bis zum Star Trek-Remake.

Joe (Joel Courtney), Charles und ihre Freunde wollen also den Zombiefilm drehen, und der sehr umtriebige Charles denkt sich für den Film noch eine kleine Liebesgeschichte aus, um ihn interessanter zu machen – es gelingt ihm sogar, die eher stille Alice (Elle Fanning) dafür zu gewinnen, die alle beteiligten Jungs mehr oder minder heimlich verehren. Mit Alice betritt die spannendste Figur, mit Fanning die bemerkenswerteste Schauspielerin des jungen Ensembles die Leinwand – und wenn man an dessen Konstellation etwas zu bemängeln hat, dann die Abwesenheit Alices während eines guten Drittels des Films.

Es gibt eine großartige Szene gleich zu Beginn des Films, als Charles auf einem verlassenen Eisenbahnhaltepunkt eine nächtliche Abschiedsszene mit Alice und ihrem Film-im-Film-Ehemann Martin (Gabriel Basso) drehen will – Alice spielt ihre Rolle als verzweifelte Ehefrau so überzeugend, dass die anderen Kinder mit den Tränen kämpfen, und Fanning wechselt so übergangslos von ihrer Film-im-Film-Figur zu Alice zurück, dass auch den Zuschauern im Kino den Atem raubt. Und kurz darauf wird dieser Moment voller Emotionen und präzisem Schauspiel von einem Effektgewitter überladen: Bei einem offenbar absichtlich herbeigeführten Unfall entgleist direkt neben den Kindern ein Zug der Air Force – und nach und nach stellt sich heraus (den kinoerfahrenen Zuschauern ist es schon frühzeitig klar), dass in einem der Wagons ein Wesen transportiert wurde, dass nicht in diese Welt gehört. (die Szene ist online verfügbar)

Es folgen dann die weitgehend unvermeidlichen Szenen, die zum gemeinsamen Motiv dieser Filme gehören: der Einmarsch des Militärs in die ahnungslose Kleinstadt, die Täuschung der Bevölkerung, und natürlich haben nur die Kinder, auf die niemand hören will, eine vage Ahnung davon, was wirklich geschieht. Man findet also viele Szenerien des Monsterfilms, die man auch anderswo schon gesehen hat, und das auch noch bis in die Geschlechterordnung hinein oft allzu traditionell ausgerichtet. Gleichwohl wird Super 8 nie langweilig und bleibt – Abrams macht da seinen Job hervorragend – durchweg unterhaltsam und spannend; den Zauber der allerersten Minuten, als sich alles nur um die Beziehungen der Kinder untereinander dreht, findet er allerdings nicht mehr wieder.

Sein Publikum wird der Film als gut gemachter Monsterfilm mit deutlich komplexeren Figuren als im Genre sonst üblich aber dennoch finden; zumal er nicht nur als zeithistorisch fast schon beängstigend präzise nostalgische Rückbesinnung auf die Hochzeit des Genres funktioniert, sondern mit seiner (nicht minder genretypischen) Kritik an Technokratie und Technikgläubigkeit (der Unfall im Atomkraftwerk von Three Mile Island taucht explizit auf) auch gut in der Gegenwart funktioniert.

Und natürlich haben sich mit Spielberg und Abrams zwei Kenner der Filmgeschichte ausgetobt: der implizit antisowjetische Unterton vieler Alieninvasionsfilme der 1950er und 1960er Jahre wird hier umgedreht, wenn die seltsamen Geschehnisse der Stadt – vom Monster und vom eigenen Militär verursacht – von den verschreckten Einwohnern einer geheimen Sowjetinvasion zugeschrieben werden.

Der Artikel erschien zuerst im Juli 2011 auf horrorblog.org (inzwischen offline).
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(Fotos: Paramount)

Falling Skies (TV, 2011, 1×01-02)

„Being the leader of a postapocalyptic gang of outlaws has been exhausting!“

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Die US-Serie Falling Skies, die an diesem Wochenende in den USA startet und dann ab 24. Juni auch in Deutschland auf TNT Serie läuft, hat ihren Ausgangspunkt am Ende einer Alieninvasion auf der Erde: Die bestehenden staatlichen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen sind offenbar weitgehend aufgelöst, die Überlebenden suchen nach Nahrungsmitteln in leerstehenden Supermärkten und Lagerhallen, Kontakt zur anderen Menschengruppen scheint es nicht zu geben.

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Das ist ein Szenario, wie es in Folge von Filmen wie Invasion: Battle Los Angeles oder Skyline denkbar wäre: Die Menschen sind nur noch „die Überlebenden“ (wie treffend natürlich auch die Pilotfolge heißt); an Sieg ist noch lange nicht zu denken. (Das ist natürlich auch eine hervorragende Prämisse für eine lang laufende Serie.) Und zugleich ist es natürlich ein Szenario, das unter minimal veränderten Vorzeichen alle Topoi des postapokalyptischen Films wieder aufnimmt, nicht zuletzt des Zombiefilms, und damit auch in direkter Konkurrenz zur Serie The Walking Dead zu sehen ist, deren zweite Staffel allerdings erst im Oktober anläuft – genug Raum also für Falling Skies.

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Die Pilotfolge führt die Situation und das Setting sehr schön ein – über Kinderzeichnungen von der Invasion und den Beschreibungen der Kinder dazu – was sie erlebt haben, wie es ihnen dabei geht. Das setzt nicht nur den Ton (Mut trotz Verzweiflung, aber auch die permanente Erwartung des Todes), sondern führt auch bereits die Haltung dieser „Überlebenden“ ein: Im Angesicht des Untergangs gibt es noch Kinder, für die man Zeit hat, gibt es noch Schule gar.

Die Gruppe hat sich sehr amerikanisch, klassisch-postapokalyptisch organisiert: Eine große Gruppe Zivilist_innen (von denen zunächst nur sehr wenige herausgehobene Bedeutung erhalten), beschützt von einer mehr oder minder selbstherrlichen Miliz, zum Teil ehemalige Soldaten. Wer da auf den langen Märschen in akquirierten Häusern und Betten schlafen darf, daran zeigen sich schon erste Brüche in der Sozialstruktur.

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Die Hauptfiguren sind Tom Mason (Noah Wyle), ein Geschichtsprofessor mit Spezialgebiet Militärhistorie, seine Söhne Matt, Ben und Hal, sowie die Ärztin Anne Glass (Moon Bloodgood). Tom schlägt sich mit seinem Vorgesetzten herum, will auf die Suche nach seinem von den Aliens gekidnappten Sohn Ben gehen und ist zugleich Ansprechpartner (und potentielles romantic interest) für Anne, die sich als Sprachrohr der Zivilist_innen versteht.

Das Hauptproblem der ersten beiden Folgen von Falling Skies, die ich vorab habe sehen können, scheint zu sein, daß diese Menschengruppe – bei allen kleinen Hakeleien, die sich andeuten, bislang noch zu sehr zu einfach verschiedene Variationen und Interpretationen des Guten und Richtigen repräsentiert, während alles Dunkle nach Außen projiziert wird – auf die Aliens, auf eine Gang von Outlaws, die raubend, vergewaltigend, an die Ressourcen der Miliz heranwill. Da ist freilich noch viel Potential für Konfliktentwicklung da, man wird sehen, was Robert Rodat aus dem Stoff machen will.

Schön ist dafür, daß der innere Konflikt zwischen dem Kampf fürs allgemeine und das persönliche Wohl hier offen ausgetragen (wenn auch zuweilen etwas rasch bereinigt) wird; wie die Wissenschaften Geschichte und Biologie kleine Würdigungen erfahren, wenn auch allein als Mittel im Kampf gegen die Invasoren, und wie schließlich und vor allem die Differenz von Momenten des Kampfes und der Auseinandersetzung kontrastiert wird mit ein, zwei starken Szenen, in denen plötzlich die Ruhe und Unschuld der Welt von früher durchdringt.

Fotos: TNT