Die Verlorene Welt – The Lost World (1925)

Man muss sich nur vage vorstellen, wie absolut sensationell es im Jahr 1925 gewesen sein muss, auf der Leinwand, übermenschlich groß, sich bewegende Dinosaurier zu sehen, noch dazu zeitgleich im Bild mit Menschen – wie die Menschen einen brennenden Holzscheit nach der angreifenden Echse werfen und dieses den Scheit in seinem Maul auffängt und hin und her bewegt. Nur so lässt sich verstehen, welche nie dagewesene Sensation Die Verlorene Welt war, ein Spektakel sondergleichen, Vorbild für alle Dino-Filme nach ihm – dahinter wird gern vergessen, dass Harry O. Hoyts Film über das Abenteuer von Professor Edward Challenger und seinen Begleitern (Wallace Beery als Challenger, neben ihm vor allem Bessie Love, Lewis Stone und Lloyd Hughes) auch ein ziemlich solider Abenteuerfilm ist, mit ein wenig Slapstick, reichlich exotisch wirkenden Settings, Raubkatzen und Schlangen, und nonchalant eingestreuten zeittypischen Rassismen, vor allem den Schwarzen Diener Zambo, für den der weiße Schauspieler Jules Cowle in Blackface Grimassen zieht. Für die Animation der Saurier war vor allem Willis O’Brien verantwortlich, der später auch bei King Kong für die Technik verantwortlich war. Die neue Ausgabe kommt mit überflüssiger Kolorierung und vor allem leider ziemlich liebloser musikalischer Untermalung.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Dr. Jekyll & Mr. Hyde (1920)

John S. Robertsons Dr. Jekyll & Mr. Hyde, bei weitem nicht die erste Verfilmung von Robert Louis Stevensons berühmter Erzählung, gehört zu den frühesten Exemplaren des Horrorfilms avant la lettre: Die Kritiker warnten davor, Makeup und Grimassen des Hauptdarstellers John Barrymore, seine Verwandlung in den bösartigen Mr. Hyde könne auf Kinder verstörend wirken. Das liegt auch daran, dass Barrymore an diesem Stummfilm aus dem Jahr 1920 das ist, was noch lange im Gedächtnis bleibt. Sein Dr. Jekyll ist ein Altruist, ein wohlhabender Arzt, der von seinem eigenen Geld eine Art Hospital für die Ärmsten finanziert und sich hier aufopferungsvoll um Kinder, Alte und Schwache kümmert. Von seinem Schwiegervater in spe ein wenig angestachelt, entwickelt er ein Elixier, dass seine bösen Charaktereigenschaften von seinen guten abspaltet – so entsteht Mr. Hyde, der nachts sündhaft durch die Straßen der Stadt zieht. Bis hin zum zwingend tragischen Ende ist das ein aufregender Film, stilistisch nicht so entschieden wie die expressionistischen Meisterwerke (z.B. Nosferatu), die bald darauf folgen sollten. Aber Robertsons Film war ein Wahnsinnserfolg seinerzeit, und wird bis heute in Jekyll/Hyde-Filmen referenziert – am schönsten vielleicht in Stan Laurels Parodie Dr. Pyckle and Mr. Pride.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Die Stadt ohne Juden (1924)

Auf einem Pariser Flohmarkt ist dieser Film 2015 wieder aufgetaucht, nachdem zuvor nur Fragmente vorhanden waren. Eine abenteuerliche Entdeckungsgeschichte ist das, ein Glück und ein Zufall: Die Stadt ohne Juden gilt nun als einzig erhaltener österreichischer Stummfilm des Expressionismus, und zugleich ist er ein einzigartiges Zeitdokument. Mit dem Material aus Frankreich war schließlich (es brauchte dazu noch eine Crowdfunding-Kampagne) eine fast vollständige Rekonstruktion des Films möglich, es fehlen womöglich noch ein paar Minuten – aber was zu sehen ist, ist von zum Teil sensationeller Bildqualität.

Der 1924 entstandene Film erzählt davon, wie die Regierung der Republik Utopia – gemeint ist, kaum verhohlen, Österreich, die Romanvorlage ist da explizit – beschließt, die Jüdinnen und Juden aus dem Land zu werfen. Es gibt keinen besonderen Grund eigentlich, aber die Wirtschaftslage ist schlecht, die antisemitischen Politiker (es ist eine reine Männershow im Parlament) und Wirtshausmeiner (auch dies nur Männer) schimpfen gerne aufs Judentum, und Bundeskanzler Dr. Schwerdtfeger gibt ihnen schließlich nach: Bis Weihnachten müssen sie alle das Land verlassen.

Meine Besprechung des wiederentdeckten Klassikers ist drüben bei Kino-Zeit erschienen.

Der Golem (1920) mit neuer Musik

Wie René berichtet, ist seit drei Wochen der Stummfilmklassiker Der Golem, wie er in die Welt kam in der Neuvertonung durch Black Francis (von den Pixies; Homepage) komplett auf vimeo bereitgestellt:

Da der Film mittlerweile im Public Domain ist, ist die Entscheidung des Musikers, den Film auch mit seiner neuen Musik ebenfalls der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, nur zu begrüßen.

Daß der Film für 88 Jahren keinen Ton gehabt habe, wie bei vimeo behauptet wird („Groundbreaking as it was, the film sat ’silent‘ for nearly 88 years until the San Francisco International Film Festival requested Black Francis score the film and perform it live for their annual film festival in April, 2008.“), stimmt freilich so nicht. Es gab natürlich eine Filmmusik von Hans Landsberger, die 1920 bereits gespielt wurde und von der ich annehme, daß sie in dieser Fassung zu hören ist (kann das jemand bestätigen oder verneinen?), und eine Fassung des Films mit der, äh, modernen Musik von P. Emerson Williams ist bei archive.org verfügbar oder hier als Flashvideo.

Darüber hinaus gibt es auch noch eine Filmmusik von Ajoscha Zimmermann, die 2002 für die restaurierte Fassung des Films entstanden ist und u.a. bei arte schon gezeigt wurde.

Weitere zweihundert frei (und legal) verfügbare Filme gibt es übrigens auf dieser Seite recht übersichtlich aufgelistet.

Addendum 2. November 2010: Hier gibt es noch 21 Mini-Essays zum Golem (auf Englisch; via).