Buchkritik: Radikale Erschütterungen

Die Filme des „New French Extremism“ (oder Französischen Terrorkinos) im ersten Jahrzehnt der 2000er, von High Tension bis The Divide sind zwar Lieblingsfilme unter Genrefreunden sowohl im Publikum wie im Feuilleton, es mangelt aber bislang noch an gründlicher wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Immerhin löst man sich inzwischen vom Begriff des „torture porn“ – vielleicht auch deshalb, weil man aus Frankreich eben doch Kino mit Hirn erwartet, und zwar nicht nur dem an der Wand. Die Berliner Filmwissenschaftlerin Susanne Kappesser hat sich in ihrer Doktorarbeit „Radikale Erschütterungen“ dieses Korpus’ nun einmal angenommen – und schaut natürlich genau hin: Was sind die Körperbilder, die in diesen Filmen thematisiert (und womöglich zerstückelt) werden – und welchen Effekt haben sie auf die kulturell geprägten Körpervorstellungen der Zuschauer? Was hat es zu bedeuten, dass in diesen Filmen (besonders hervorgehoben in High Tension und Inside) Frauen Hauptrollen sowohl als Opfer als auch als Täterinnen spielen? Und welche kulturellen, vielleicht auch politischen Effekte hat es, dass es in den Filmen nicht zuletzt auch um „Frauenthemen“ geht: Mutterschaft, heteronorme (oder deviante) Sexualität… Kappessers Arbeit (von Marcus Stiglegger betreut) verliert sich dabei nicht in wissenschaftlichen Jargon, sondern analysiert das Material und bleibt über weite Strecken sehr lesbar. Und ein Gewinn ist ihr Buch sowieso.

Susanne Kappesser: Radikale Erschütterungen. Körper- und Gender-Konzepte im neuen Horrorfilm. Berlin: Bertz+Fischer 2017 (Reihe: Medien/Kultur, Bd. 12). 208 S., 25,00 €.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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