The Dark Knight Rises (2012)

Natürlich musste der Backlash irgendwann kommen – nach den ersten, ach so enthusiastischen Besprechungen von Christopher Nolans so sehr erwartetem The Dark Knight Rises wurden schon die ersten kritischen Auseinandersetzungen von jenen Fanboys, die den Film noch gar nicht gesehen haben konnten, mit so unfreundlichen Invektiven und Reaktionen belegt, dass sich die amerikanische Plattform Rotten Tomatoes gezwungen sah, die Kommentarfunktion zu Kritiken des Films abzuschalten.

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Und trotzdem fragte am Abend nach der Berliner Pressevorführung ein Kollege zu Recht: „Was war da los in den USA?“ Denn was wir vorher zu sehen bekommen hatten, war – und das lag keineswegs nur an der stellenweise abgründig schlechten Synchronisation – keineswegs das Meisterwerk, als der The Dark Knight Rises in den USA gehandelt wurde und wird. Vielleicht fällt das vor allem so deutlich auf, weil Nolan zuvor mit The Dark Knight (meine Kritik) einen Film zustande gebracht hatte, der sich ins Gedächtnis einbrennt und Massen, Kritiker und Fans gleichermaßen begeisterte.

Nolan dürfte also alle künstlerischen und reichlich finanzielle Freiheiten gehabt haben für den Abschluss seiner Batman-Trilogie, und nach dem Vorgängerfilm durfte man sicher Großes erwarten; zumal die Trailer und Clips aus der Marketingmaschine Hoffnung machten. Herausgekommen ist nun aber ein Film, der große Botschaften transportieren will und dann an sich selber scheitert: An der Hybris des zu großen Zugriffs, am fehlenden Mut, diesen mit Bildern zu füllen.

Ich will von Handlung und Wendungen so wenig wie möglich verraten, was man nicht schon aus dem Werbematerial ersehen kann, allein dies also (mit leichten Spoilern): Bane (Tom Hardy, verlässlich massiv, aber grauenhaft synchronisiert) will die Stadt Gotham ins Grauen stürzen, indem er sie von der Außenwelt isoliert und zugleich einer unglaublichen Gefahr aussetzt, während Bruce Wayne/Batman (Christian Bale) für Monate außer Gefecht gesetzt ist. Wayne hatte sich vorher aus seinen beiden Leben – als Milliardär und Wohltäter ebenso wie als dunkler Ritter – völlig zurückgezogen, dies aber auf Drängen seines treuen Butlers Alfred (Michael Caine, always a joy) und von Lucius Fox (Morgan Freeman) aufgegeben.

Bis zu dem Moment, in dem Bane die Stadt in seine Gewalt bringt (großes Explosionskino ist das, die Szene im Footballstadion reines Gänsehauterweckungsritual, wunderbar), ist The Dark Knight Rises überzeugend, spannend und bedrohlich dunkel. Dann aber häuft Nolan erzählerische Nachlässigkeiten auf logische Brüche, um gleichzeitig irgendwie die Auferstehung seines Helden in den Griff zu bekommen – und nichts passt mehr zusammen, der Film fällt in sich zusammen wie ein Soufflé, weil auf einmal die Luft rausgeht. Denn Nolan findet keinen Weg, diese fünf Monate stringent einzubinden – vor allem aber zeigt er nicht, was in dieser Zeit in Gotham vor sich geht. Bane verspricht der Stadt anarchische Unordnung, aber Nolan deutet nicht einmal an, was in der Zeit geschieht, wie abgründig schrecklich sie sein könnte.

Die Monate scheinen schreckenslos und ohne nennenswerte Konsequenzen zu vergehen – monatelang in einer Höhle eingeschlossene Menschen entsteigen ihr schließlich in ordentlich gebügelten Klamotten. Nolan behauptet nur und zeigt nichts; „ein Sturm zieht auf“, flüstert Kyle Wayne zu, aber den Wind bekommt man kaum zu sehen. Das ist in etwa das Gegenteil dessen, was er in The Dark Knight so großartig hinbekommen hatte.

Das mag man als handwerkliche Schwächen sehen, aber es ist eben auch das Scheitern Nolans auf einer weiteren Ebene: Die Conditio humana, dieses ärgerliche, zwiespältige Ding Menschsein, in dem sich Gut und Böse so trefflich mischen, entschlüpft ihm. Er will von ihr erzählen, dem Potential des Menschen zu tief klaffenden Abgründen, aber gelungen ist ihm das nur mit Ledgers Joker: An Bane kann oder will er es nicht zeigen (obwohl er ihm doch auch noch Menschlichkeit geben will), und die Menschen von Gotham sollen sein Thema nicht sein: Dabei müßte es genau um sie gehen, um die Menschlichkeit in Zeiten des Terrors. Bruce Wayne will seiner Stadt helfen, aber warum, das verstehen wir nicht.

Irgendwo darin ist eine Geschichte verborgen, von Kapitalismus, Finanzmärkten und Gerechtigkeit vielleicht, von den oberen 1% und den anderen, sowie den unteren 1%, die wortwörtlich aus der Kanalisation kriechen, um die Macht an sich zu reißen… und vielleicht von der Verlogenheit der Oberen, die „investieren“ wollen, „um das Gleichgewicht herzustellen“, das sie womöglich vorher selbst erst ins Wanken gebracht hatten. Aber vielleicht verbirgt der Film seine Wahrheit auch zu gut, wenn er die Auseinandersetzungen zwischen Batman und Bane allein als düstere, physische Prügeleien inszeniert. Mit dem Joker war es immer ein battle of the wits, hier sind nur Muskeln gefragt.

Anne Hathaway macht eigentlich gute Figur als Selina Kyle (und eigentlich ein bißchen Catwoman – wann kriegt sie ihren eigenen Film, damit wir Halle Berry vergessen können?), kriegt aber nur wenige interessante Szenen und verschwindet für eine ganze Weile völlig unverständlicherweise aus dem Film. Stattdessen tauscht sie in seltsamen Dialogen mit Wayne/Batman unfreiwillig komische Sätze aus, die von lieben Kolleginnen sofort treffend phallisch interpretiert wurden.

Um nicht falsch verstanden zu werden: The Dark Knight Rises ist kein völlig schlechter Film, unterhaltsam ist er allemal (den stellenweise absurd schwachen Kampfszenen zum Trotz) und eben doch gespickt mit großen Momenten, Bildern sowieso. Aber er ist eben auch nicht das ganz große Kino, das ich womöglich selbst auch erwartet hatte – stattdessen sieht man hier einen ziemlich holperig rumpelnden Blockbuster, der viel zu viel Erzählung in immer noch zu viel Laufzeit unterbringen wollte und sich dann nicht mehr für die Details des Erzählens interessieren wollte: Und am Ende wird sogar noch ein Bösewicht demontiert.

Ich muss gestehen, dass ich mit Nolans Batman-Figur nie wirklich etwas anfangen konnte – er war für mich in allen drei Filmen (von denen der erste mir nach wie vor der schwächste scheint) immer eine Leerstelle, reine Reaktion auf die Welt um sich herum. Aber The Dark Knight leuchtet und strahlt in die Welt hinein vor allem, wenn nicht allein, durch die Kraft der Joker-Figur und durch den Mut und die Unbedingtheit im Spiel von Heath Ledger. Hier ist ein Bösewicht, der wirklich die Welt ins Chaos zu stürzen bereit ist, der unsere eigenen Lebens- und Morallügen offenzulegen bereit ist – und Nolan breitete das aus wie funkelnde Diamanten der Bösartigkeit auf einem samtenen Tuch. Da zeigte er Bereitschaft, ohne Rückhalt seinen Helden als fahl, blass, uninteressant erscheinen zu lassen. Sein dunkler Ritter hat sich davon nie erholt; aber The Dark Knight, Heath Ledgers Joker wird uns bleiben. Das ist ein Trost.

(Fotos: Warner Bros.)

Inception (2010)

Inception - (c) Warner Bros.

Inception, der neue Film von Christopher Nolan, der zuletzt den grandiosen The Dark Knight (meine Kritik) gemacht hatte, ist ein kaum weniger großartiger Abenteuerfilm, ein Heistmovie in Räumen mit irrealer Architektur, ein kleines Meisterstück der Spannungsdramaturgie und Actionmontage. Kein Streifen ohne Fehl und Tadel, und natürlich kann eine Kritik vor deren größten nicht zurückweichen – geht man aber zu sehr auf die Details ein, erinnert das rasch ans Zählen einzelner fauler Rosinen in dem enormen Kuchen, der ein kleines cinematographisches Schlaraffenland umgibt. Aber genug des Begeisterungspathos, ein paar Rosinen müssen sein.

Nolans Protagonist ist das größte Problem des Films. Das liegt zu allererst und zum geringeren Teil am Star: Leonardo DiCaprio spielt Cobb, und er macht das nicht schlecht, aber er macht es zu sehr wie in Shutter Island; Teddy Daniels und Cobb sind sich zudem recht ähnlich: Ein gebrochener Mann, psychisch womöglich instabil, den Erinnerungen an seine verstorbene Frau verfolgen…

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Immerhin geht Nolan mit solchen Rollen-Interferenzen in Star Personas bewußt und elegant um. Denn Cobbs verstorbene Frau, die sich immer wieder als Projektion in seinen Träumen einnistet, wird hier von Marion Cotillard gespielt, deren internationale Karriere erst so richtig begann, nachdem sie den Oscar als beste Hauptdarstellerin für La Môme (2007) gewonnen hatte. Da spielte sie Edith Piaf, und Nolan verwendet nun Piafs wohl bekanntestes Lied, „Je ne regrette rien“ als eine Art Leitmotiv – was nicht wenig ironisch ist in einem Film, in dem es sehr viel um Trauer und Bewältigung von Schuld geht, in dem „filled with regrets“ als Ausdruck von nicht weniger leitmotivischer Stärke immer wiederkehrt – und zugleich als ein Handlungselement, einen synchronisierenden Reiz, der den Beteiligten ankündigt, wann ihre Träume beendet werden.

Womit wir schon mitten im komplexen Konstrukt wären, das Nolan für Inception gestrickt hat, ein Spiel von so vielen Regeln und Tricks, daß der Film eine gute Stunde braucht, um diese Informationen den Zuschauer_innen zu vermitteln.

Cobb ist ein Dieb der besonderen Art, der es versteht, Informationen direkt aus dem Unterbewußten anderer Menschen zu pflücken. Dazu versetzt er diese mittels bestimmter Drogen und einer Maschine in einen traumartigen Zustand, in den er auch selbst mit eintreten kann, und entlockt ihnen das Gesuchte dort über komplexe Vorspiegelungen und Tricks – etwa durch Drohungen oder indem er sich ihr Vertrauen erschleicht. Freud hätte vermutlich eine Dauerkarte gelöst für diese Form der Informationsbeschaffung, Cobb und seinen Leuten hingegen kümmert die geistige Gesundheit ihrer Zielpersonen nur wenig.

Inception - (c) Warner Bros.

Sie sind wohl die Besten in ihrem Metier, aber nachdem ein Job schief gegangen ist (die Vorgeschichte dazu kann man sich hier als Comic herunterladen [PDF, 45 MB], dessen Inhalt man ohne Vorkenntnis des Films aber womöglich nicht versteht), muß Cobb auf ein Angebot des reichen Geschäftsmannes Saito (Ken Watanabe) eingehen. Diesmal soll er nichts stehlen, sondern seinem Konkurrenten Robert Fischer Jr. (Cillian Murphy) von Saito eine Idee einpflanzen, so daß dieser glaubt, sie selbst gehabt zu haben – diese Form der Beeinflussung wird „Inception“ genannt.

Inception ist also zuallererst ein Heist-Movie, denn ob stehlen oder einpflanzen ist hier relativ wurscht: Die Reise geht mehrere Ebenen tief ins Unterbewußte, und dann muß man irgendwie herauskommen. Und ganz in der guter alter Genre-Tradition stellt Nolan uns erst einmal die Protagonist_innen vor (dazwischen: Jagdszenen in Mombasa), neben Cobbs rechter Hand Arthur (Joseph Gordon-Levitt) sind das der „Chemiker“ (Dileep Rao), der die Schlafdrogen dosiert, der Trickbetrüger (Tom Hardy – nach Bronson [meine Kritik] schier nicht wiederzuerkennen) und vor allem die „Architektin“ Ariadne (Ellen Page).

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The Dark Knight

Dieser Text ist vor einiger Zeit an anderer Stelle bereits erschienen, soll aber hier zumindest angerissen sein.

The Dark Knight - Szenenfoto (c) Warner Bros.

(für den lieben M., dem ich den Abend, wenn nicht versaut, so doch zumindest zerrissen habe)

Im Grunde muß man über The Dark Knight nicht mehr viel schreiben und sagen, die Kritiken sind jetzt schon so zahlreich und so durchweg positiv, daß man nur bestätigen kann: Ja, ein richtig, richtig guter Film.

Und der beste Superheldenfilm seit Spider-Man, vor allem aber der bessere Spider-Man 3. Dort sollte die Spaltung in Gut und Böse sich ganz innerhalb der Person von Peter Parker und seinem eifersüchtigen, gewalttätigen Alter Ego abspielen. Das führte nicht nur zu einer ziemlich gedrängten Erzählung, in der auch noch zwei Spidey-Gegenspieler ab- und durchgenudelt werden mußten, es war auch insgesamt weniger überzeugend bis lächerlich. Das war umso bedauerlicher, als der erste Spider-Man gerade dort am besten war, wo er sich nur mit der inneren Spannung seiner Hauptperson beschäftigte.

In The Dark Knight sind Gut und Böse nun fein säuberlich getrennt, mit Batman hier und dem Joker dort – „You complete me“ gurrt er einmal, und weiß genau, daß auch Batman nur durch ihn komplett ist. Das trifft den entscheidenden Punkt bestürzend genau: Ohne solche Bösewichter ist Batman eine völlig uninteressante Figur.

Hier geht’s zum ganzen Text »

(Foto: Warner Bros.)