Kurzfilm: Der kleine Nazi

Das ist zwar offenbar nur ein Vierminutenzusammenschnitt des eigentlich 13:30 Minuten langen Kurzfilms von Petra Lüschow (Portrait von 2006 in der taz), mit dem sie auf dem interfilm Festival 2010 den ZDFneo-Preis gewonnen hat – aber auch in dieser kondensierten Fassung schon ist das ein schön schmerzhafter Blick auf heile, „deutsche“ Weihnachten.

Und damit den Leser_innen dieses Blogs ein frohes Weihnachtsfest mit hoffentlich ganz anderer Dekoration.

(via/und)

Kurzfilm: A Very Zombie Holiday

Schöner Zombie-Weihnachtsfilm, leicht im Stile eines Lehrvideos der 1960er Jahre gemacht, vom Team Unicorn („Geek Girls: Like unicorns, we’re not supposed to exist“; Rileah Vanderbilt, Michele Boyd, Milynn Sarley and Clare Grant).

Nicht zuerst um den Weihnachtskuchen kümmern! Und den Kindern Waffen untern Baum!

(via)

Mehr von den Damen, die auch Verbindungen zur sehr lustigen Webserie The Guild haben: das Musikvideo zu „G33K and G4m3r Girls“. Vgl. das großartige „Do You Wanna Date My Avatar“.

The Long Kiss Goodnight (1996)

Logo Weihnachtsfilm-Blogathon

Natürlich ist The Long Kiss Goodnight, dem deutschen Verleihtitel Tödliche Weihnachten zum Trotz, kein Weihnachtsfilm im eigentlichen oder auch nur übertragenen Sinne, aber er ist einer meiner liebsten mit Weihnachtsdekor. Darüber hinaus ist er aus mehr als einem Grund einer meiner liebsten Actionfilme und womöglich der Höhepunkt von Renny Harlins Karriere – was er vielleicht aber auch der Zusammenarbeit mit dem Autor Shane Black verdankt, der zum Beispiel auch das Drehbuch für den ganz großartigen Kiss Kiss Bang Bang (meine Kritik) geschrieben hat.

Geena Davis spielt hier Samantha Caine, Grundschullehrerin und Mutter mit Gedächtnisverlust, die eines Tages unsanft daran erinnert wird, daß sie früher einmal Charlene Elizabeth Baltimore war, genannt Charlie, Auftragskillerin der CIA. And thus, the shooting begins…

[amazon_iframe asin=“B000J3OCC0″]

Es ist schon bemerkenswert, daß es Harlin hier über fast zwei Stunden Filmlaufzeit gelingt, den Film kontinuierlich, flott und actionreich am Laufen zu halten. Da wird die zentrale Halle eines Provinzbahnhofs in Schutt und Asche gelegt, es gibt Explosionen und Shoot-Outs galore und schließlich auch noch einen Ausbruchsversuch mit Babypuppenpipi. Echt jetzt!

Die minimalen Längen, die der Film aufweist, verdanken sich eher den Momenten, in denen er und Black sich tatsächlich ein wenig um die Figuren kümmern und so vor allem, aber nicht nur der Hauptfigur auch einiges an Entwicklungspotential einschreiben – das ist mehr, als normale Actionfilme je auf die Reihe bekommen.

Davis‘ Samantha/Charlie ist eines der grundlegenden „Butt-kicking Babes“ der Filmgeschichte, und eine der überzeugendsten dazu – selten hat sich später ein Film getraut, eine Frau derart kompromißlos als Agentin zu positionieren und dies auch durchzuziehen (erst 2010: Angelina Jolies Salt fällt mir noch ein). Sie ist, als sie ihr Gedächtnis wiedererlangt hat, eine völlig rücksichtslose Killerin – „Kill ‚em for me, bitch. What are you good for?“, fragt ihr Sidekick Mitch (Samuel L. Jackson) sie einmal -, die ihren Auftrag (den sie sich hier gleichwohl selbst gewählt hat, eine Verschwörung im Hintergrund gibt es nämlich auch noch) ohne Zögern ausführt.

In Form einer Persönlichkeitsspaltung qua Amnesie agiert diese Figur dabei zugleich die zwei Extreme aus, zwischen denen die Frauenbilder des Hollywoodfilms (bzw. westlicher kultureller Produktion überhaupt; Klaus Theweleit läßt grüßen) üblicherweise changieren: Als Samantha ist sie zwar nicht jungfräuliche Heilige, aber eben doch brave Lehrerin und Mutter; als Charlie ist sie promisk, schminkt sich, schneidet sich die Haare ab und negiert die Beziehung zu ihrer Tochter. (Eine Art gewollte, bewußt herbeigeführte Amnesie, wenn man so will.)

Die beiden Extreme schließen sich zunächst filmisch völlig aus: In Träumen sieht Samantha ihr Alter Ego im Spiegel, und Charlie schneidet ihr aus dem Spiegelbild heraus die Kehle durch.

Das eigentlich Bemerkenswerte an The Long Kiss Goodnight ist nun, daß Black und Harlin diese Differenz der Persönlichkeiten nicht aus dem Weg schaffen wollen: weder bekehren sie Charlie zu Mutterschaft à la Samantha bekehren noch lösen sie das Problem durch den Tod der Mutter. Stattdessen bleibt am Schluß eine facettenreiche Frau zurück, die zwar friedlich Lehrerin, Partnerin und Mutter bleiben will, aber die Regierung auch mit Vergnügen um einen Koffer voll Geld betrügt und Messer immer noch beängstigend präzise werfen kann. Wer weiß schon, was auf die Frau noch für ein Leben wartet.

[filminfo_list]

(Bizarres Randmoment ist übrigens, das ich die Neusichtung von The Long Kiss Goodnight zufällig am gleichen Tag machen konnte wie die Erstsichtung von Mother & Child (Kritik folgt) – in beiden, wirklich sehr, sehr unterschiedlichen Filmen spielen Samuel L. Jackson und David Morse mit. Sehr eigenartig war diese Zusammenschau.)

Arthur Christmas

Aus den Aardman Studios kommen mit dem ersten Trailer zu Arthur Christmas erfreuliche Aussichten fürs nächste Jahr:

<a href="http://video.msn.com/?mkt=en-gb&brand=v5%5E544x306&from=sp&vid=78b0bed5-c9c2-43f0-a0b9-54a016bedd1a" target="_new" title="Exclusive Arthur Christmas trailer">Video: Exclusive Arthur Christmas trailer</a>

(via)

Black Christmas (2006)

Logo Weihnachtsfilm-Blogathon

Ich muß gestehen, daß ich das Original von 1974 nicht kenne, das diesem Remake aus der Hand von Glen Morgan (der sonst als Regisseur bisher nur Willard mit Crispin Glover gemacht hatte) zugrunde liegt. Der Inhaltsangabe bei Wikipedia nach gibt es aber zumindest in Sachen der Handlung doch einen klaren Bezug, auch wenn Morgans Neufassung stärker Themen einbindet, die sich zum Beispiel in den zahlreichen Halloween-Slashern ebenfalls finden. Ein Metahorrorfilm wird sein Black Christmas dadurch freilich noch lange nicht – und ich vermute, daß man ihn nicht nur aufgrund seiner expliziten Brutalität auch kaum als ironische Neuauflage lesen kann.

Die Handlungskonstruktion besteht aus nachgerade archetypischen Versatzstücken: Studentinnen einer amerikanischen „Sorority“ sind zum Weihnachtsfest noch versammelt, können das Haus aber wegen eines Schneesturms eigentlich nicht verlassen, um zu ihren Familien und Freund_innen zu fahren. Stattdessen versammelt man sich unter Ägide der „house mother“ am Weihnachtsbaum und verteilt offenbar gewichtelte Geschenke. Parallel dazu bricht ein psychisch kranker Mörder aus seiner Zelle aus, der im gleichen Haus vor vielen Jahren seine Eltern ermordet hatte – und alsbald dezimiert sich die Zahl der jungen Frauen deutlich und auf wenig angenehme Weise.

[filminfo_box]

Die brutale Gewalt, die der Film mit einiger Inbrunst ausstellt – schon die Zahl der Toten in den ersten Minuten ist einigermaßen bemerkenswert -, hat wenig mit dem humorig unterlegten Splatter zu tun, den etwa der Zombiefilm oft präsentiert; stattdessen will Morgan hier eine ganz und gar grimmige Geschichte erzählen. Dazu wird das Familienthema („echt“, Patchwork oder Wahlgemeinschaft?) schmerzhaft mit dem Weihnachtstamtam zusammengebracht („She’s my family now“ ist ein Refrain, der hier aus Mördermunde immer wieder zu hören ist, und gemeint sind meist jüngst Verstorbene). Ein Flashback auf die Vorgeschichte des Mörders (samt Ermordung seines Vaters und Inzest – the whole nine yards) oszilliert so in einer gewissen bösartigen Harmonie mit den Streitereien und Unfreundlichkeiten zwischen den Sorority-„Schwestern“, die da zusammen wohnen. Das ganze Haus mag innen und außen bunt und fröhlich dekoriert sein, im ganzen Haus findet sich kein Frohsinn und kein Glück.

Black Christmas wird aber nie zu einer metaphysisch aufgeladenen Meditation über Liebe, Familie und das Weihnachtsfest – das ist ein ganz und gar basaler, diesseitiger, gelegntlich inszenatorisch interessanter, vor allem aber mörderischer Slasher, der es am Schluß sogar vermag, seine vermeintlichen logischen Schwächen noch geschickt wegzuerklären. Und dennoch ist er, wie die meisten Slasher, vor allem ein Abzählreim auf Zelluloid, bei dem am Schluß nur noch die Frage übrig bleibt, wen es als nächsten, wen als letzten trifft.

You Better Watch Out (1980)

Logo Weihnachtsfilm-Blogathon

Das ist ein seltsamer Film: You Better Watch Out, auch unter dem Namen Christmas Evil vertrieben, ist der vielleicht erste, der „ursprüngliche“ Weihnachtsslasher Slasher mit mörderischem Weihnachtsmann* (noch vor Silent Night, Deadly Night), aber kaum jemand kennt ihn wirklich. Und obwohl John Waters den Film angeblich jahrelang auf seinen Weihnachtsfeiern zeigte, ist er nur mit Mühe auffindbar; in Deutschland gibt es derzeit keine DVD auf dem Markt.

Das alles hat natürlich damit zu tun, daß man es hier mit einem Low-Budget-Produkt zu tun hat, das sich einer großen Öffentlichkeit nie so recht präsentieren konnte – für die You Better Watch Out aber wahrscheinlich auch zu sperrig, zu seltsam und zu langatmig geraten sein könnte. Denn die Erwartungen, die etwa die derzeit verwendeten Cover wecken, gehen an Lewis Jacksons Film doch ganz klar vorbei.

Hier gibt es keinen mörderischen Weihnachtsmann, der allein auf Mord und Blutvergießen aus wäre. Harry Stadling (Brandon Maggart) ist stattdessen ein sehr einsamer Mann, der bis vor kurzem am Fließband einer Spielzeugfabrik arbeitete und nun auf einen Schreibtischjob befördert wurde, was ihm nicht so recht behagt. Sein sonstiges Leben führt Harry freilich in einer ganz an Weihnachten und Santa Claus orientierten Welt: Er schläft im roten Kostüm, macht Dehnungsübungen zu Weihnachtsmusik und beobachtet dann die Kinder der Nachbarschaft, um ihr Betragen anschließend in einem großen Buch festzuhalten.

Seine (völlig platonischen und nie sexualisierten) voyeuristischen Eskapaden deuten an, daß der Film eigentlich komplexere Subtexte hat, als er sich zugestehen mag. Da geht es natürlich um das wahre Verhältnis des Weihnachtsmanns zu Kindern, um Santa Claus als Mann in Drag (so interpretiert Waters den Film), aber eben auch um die Trennung zwischen Gut und Böse, brav und ungezogen, naughty or nice, die der Film aus der Prä-Coca-Cola-Weihnachtswelt zurück in seine Gegenwart transportiert, die aber nicht so recht zu dem Mann im roten Mantel passen will.

So ist auch die Welt, in der Harry lebt, an den Ideen von Weihnachten recht wenig interessiert (ein immer wieder auftauchendes Thema des Weihnachtsfilms natürlich, das hatte ich hier ja auch schon beim Grinch bemerkt; es trägt offenbar selbst bis in den Horrorfilm hinein). Die Spielzeugfabrik verschenkt zwar angeblich Geschenke an kranke Kinder, aber Harry kann nicht herausfinden, wie viele das sind oder ob es sich nur einen Marketing-Trick handelt. (Das monochromatische Spielzeug, das die Fabrik herstellt, ist übrigens eine der traurigsten Aussagen über kapitalistische Massenproduktion, die ich je gesehen habe.)

Hinzu kommt, daß Harry eine psychische Deformation hat, die sich aus der Überinterpretation des Regisseurs und Autors Jackson bezüglich der Freudschen Urszene ergibt: Harry hat nämlich als kleines Kind beobachtet, wie der Weihnachtsmann (also sein verkleideter Vater) sich seiner Mutter unterm neben dem Weihnachtsbaum sexuell näherte. Das hat ihn offenbar so schwer mitgenommen, daß er nun, als sich seine Auseinandersetzung mit der Fabrik zuspitzt, sich selbst wortwörtlich als den echten Weihnachtsmann versteht (samt ekstatischer Freude vor dem Spiegel, mit angeklebtem Bart: „It’s me! It’s me!“).

Und dann geht der Mann eben seiner Wege und seiner Aufgabe nach. Die bösen Kinder werden allerdings nicht bestraft; für die gibt es reichlich Geschenke, für das Krankenhaus gleich einen ganzen Transporter voll. Die bösen Erwachsenen freilich kommen nicht ungeschoren davon, da kommen Spielzeuglanzen, Beile, Messer und sogar Weihnachtsbaumdekorationen zum tödlichen Einsatz. Erst am Schluß, als ein fackelschwingender Mob à la Frankenstein ihn durch die Straßen jagt, wird ihm klar: „They don’t want Santa Claus!“ Oder jedenfalls nur die weichgespülte Version. Und dann durchbricht er mit seinem Auto ein Geländer und fliegt, wie von Rentieren gezogen, über einen vom Vollmond erleuchteten Himmel.

I kid you not. Der surreale Schluß ist gleichwohl der beste Moment des Films, der vorher nie so richtig in die Puschen kommt und sich über seine 100 Minuten doch recht mühselig dahinzieht. Lange Zeit passiert nämlich eigentlich gar nichts, und man mag diese Szenen dem Film nur deshalb verzeihen, weil sie mit einigermaßen brauchbaren Schauspieler_innen gefüllt sind, und sie gelegentlich auch zur Charakterisierung des Protagonisten und seiner Welt beitragen. Zwischendrin ist aber auch unglaublich viel Leerlauf, viel zu lange Einstellungen und nutzloser Füllstoff, und das alles vor eher billigen Kulissen (das 1947 vom Anfang des Films sieht dem zeitgenössischen Ende der 1970er Jahre doch sehr, sehr ähnlich) – daß Lewis Jackson danach nie wieder einen nennenswerten Film gemacht hat, mag sich auch aus diesen Eindrücken erklären.

(Lesenswert: Das Interview mit Lewis Jackson bei FEARnet.)

*Der Dank für den präzisierenden Hinweis gebührt Thomas Vorwerk!

How the Grinch Stole Christmas (2000)

Logo Weihnachtsfilm-Blogathon

Als ersten eigenen Beitrag für den Weihnachtsfilm-Blogathon habe ich mir einen Film ausgesucht, von dem ich mir möglicherweise irgendwann sogar heimlich geschworen hatte, ihn mir nie ansehen zu wollen, nienienie: How the Grinch Stole Christmas von Ron Howard, mit Jim Carrey in der Titelrolle (als Grinch natürlich, nicht als Weihnachtsfest).

Der Grinch ist eine Figur, die hierzulande wohl so wenig bekannt ist wie auch die meisten anderen Schöpfungen von Dr. Seuss/Theodore Seuss Geisel (daß ich z.B. The Cat in the Hat ein bißchen kenne, ist eher Zufall und familiäre Gegebenheiten). Er wohnt in der Nähe von Whoville, wo mit Hingabe Weihnachten gefeiert wird – weil er das aber den Bewohner_innen der Stadt nicht gönnt, spielt er ihnen erst Streiche, um schließlich, als Weihnachtsmann verkleidet, ihnen Weihnachten gleich ganz zu nehmen, indem er alle Geschenke und Weihnachtsbäume mitgehen läßt.

[filminfo_box]

Grinch beginnt eigentlich noch recht vielversprechend als ziemlich explizite Kritik an einem rein konsumistisch verstandenen Weihnachtsfest: Da kaufen die „Whos“ alle ein wie verrückt, und die entscheidenden Bilder sind: Kassen, Geld, Geschenke. Neben einer Geschichte von Ungerechtigkeit und Außenseitertum (in deren Zentrum natürlich der Grinch selbst steht) ist das aber leider auch alles, was dem Film einfällt: Komplexer wird es nie. Denn am Ende ist die Botschaft, schlicht und schlicht: Bei Weihnachten geht es nicht nur um die Geschenke, sondern um das Miteinander; und in diesem Miteinander soll niemand ausgeschlossen sein, denn jede_r ist wertvoll und wichtig. Schmalziger geht Weihnachten nicht.

Der Weg dahin ist freilich ein bis an den Rand vollgestopfter. Die bösen Streiche und Methoden des Grinch sind durchaus lustig; die Whos bekommen böse Post zum Fest, die Geschenke werden mit einem großen Staubsauger aufgesaugt, die Weihnachtssocken über dem Kamin von rasend schnell fressenden Motten zerkaut. Aber Subtilität kennt der Film nicht, nur Offensichtlichkeiten, und diese türmt er noch aufeinander, bis es aus den Rändern herauszuquellen scheint. Die Bilder sind hier stets zu bunt, zu fröhlich, zu voll, zu laut, zu bumm, und gerade Linien gibt es kaum.

Gleichwohl muß man natürlich eingestehen, daß zumindest die Schlichtheit der Geschichte schon der Vorlage entstammt; dabei handelt es sich aber um ein eher knappes Kinderbuch, dessen filmische Umsetzung im Grunde mit dem 26-minütigen Fernseh-Animationsfilm letztgültig erledigt zu sein schien, den Chuck Jones 1966 verantwortete. (Unten anzusehen.)

Und in der Tat ist die (holzhammerartige) Kapitalismuskritik natürlich eine Neuerung des Howard/Carrey-Unternehmens (das in meiner Wahrnehmung für beide ein Tiefpunkt ihrer respektiven Karrieren war), und sie hat lichte Momente. Etwa wenn der Grinch nicht nur die Geschenke anprangert, sondern die Wegschmeißkultur gleich mit (er wohnt neben der Müllkippe): „That’s what it all is about: gifts, gifts, gifts. They all come to me in my garbage.“ Später wird der Hund, der die Rolle des Rentiers am Schlitten spielen muß, sich weigern, eine rotleuchtende Nase anzuschnallen, und da wird der Grinch fast politisch: „You reject your own nose because it represents the glitter of commercialism!“

Durchaus interessante Ansätze liegen auch in der seltsamen sexuellen Anziehung, die offenbar zwischen dem Grinch und der Dorfschönheit besteht (Furries, anyone?) und den sonstigen, sehr vorsichtigen anzüglichen Andeutungen des Films. Babies kommen hier in beschirmten Körbchen vom Himmel gesegelt, und ein glücklicher, frischer Vater ruft im Moment des Fundes nach seiner Frau: „Honey, our baby is here!“, und nach einer irritierten Pause: „He looks just like your boss.“

Aber Grinch beläßt es trotz seiner 104 Minuten Laufzeit bei solchen Andeutungen von Tiefe, und bis zum (fast) allgemeinen Glück im Finale passiert dann auch nichts mehr – außer eben viel Gebläse, Trara und Geschrei.

***

Und hier als Bonustrack Chuck Jones‘ How the Grinch Stole Christmas! von 1966, weniger aufgeregt und näher am Originaltext:

Weihnachtsfilm-Blogathon 2010

Gewinnen schon mit einem einzelnen Kommentar möglich!

Beiträge im Blogathon:

weiterlesen

Rare Exports: Die Kurzfilme

Für nahezu alle Beteiligten und die meisten Unbeteiligten völlig überraschend kommt am 23. Dezember 2010, passend und trefflich rechtzeitig zum Fest, der, nunja, sehr eigene Weihnachtsfilm Rare Exports: A Christmas Tale sogar in deutsche Kinos. (Den Trailer gibt’s weiter unten.)

Der Film (Besprechung folgt noch hier bei filmstarts.de) spielt im Norden Finnlands, wo ein etwas zwielichtiger Geschäftsmann seine Firma nach dem Grab des Weihnachtsmannes graben läßt – und als er es dann gefunden hat, geschehen reichlich seltsame Dinge. Kinder verschwinden, Rentiere werden dutzendweise gerissen, und generell kann von fröhlicher Weihnacht nur bedingt die Rede sein.

Die Handlung von Rare Exports basiert auf zwei Kurzfilmen, die Autor und Regisseur Jalmari Helander zuvor veröffentlicht hatte: Rare Exports Inc. von 2003 und, zwei Jahre später, The Official Rare Exports Inc. Safety Instructions 2005. Beide Filme unterscheiden sich zwar in ihrer Erzählweise völlig von Helanders (übrigens erstem) Langfilm – die Shorts sind als Werbe- bzw. Instruktionsvideos der fiktionalen Firma „Rare Exports Inc.“ aufgemacht -, sie deuten aber schon viele Themen an, die in Rare Exports: A Christmas Tale auch enthalten sind, der im Grunde als eine Art inhaltliches Prequel zu den Filmen funktionieren könnte, wenn dann nicht einige Ungereimtheiten logischer Natur übrigblieben. Aber das ist ja Wurscht.

Jedenfalls sind diese beiden kurzen Filmchen nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch die beste Werbung für den reichlichen Schrägen Weihnachtsfilm, den es Ende des Jahres zu sehen geben wird. Darauf einen Glühwein!

We wish you a safe and merry christmas!

Rare Exports Inc.

(Direktlink)

The Official Rare Exports Inc. Safety Instructions 2005

(Direktlink)

Und hier ist der Trailer zum Langfilm:

Foto: Filmwebsite

Legion (2010)

legion_0

Wenn Engel das Actionkino heimsuchen, nicht um dem gewaltsamem Treiben ein friedliches Ende zu bereiten, sondern um ihm noch kräftig Pfeffer zu geben, dann sträuben sich mir meist die theologischen Nackenhaaren. Nicht daß ich selbst in Glaubensfragen da sofort zimperlich würde, aber zumindest ist einigermaßen viel Aufwand und Intellekt nötig, um eine solche Konstellation aufrechtzuerhalten, ohne sich in eine weltanschaulich eher peinliche Ecke zu manövrieren. Constantine (meine Kritik) meisterte das seinerzeit leidlich gut, indem er, bei allen Schwächen, die der Film sonst so hat, seine Engelsfiguren mit einer Ambivalenz ausstattete, die dann doch viel schwingend offen ließ.

Ambivalenz ist allerdings kein Grundprinzip von Legion, weder in der Inszenierung noch im Drehbuch, solange man eine gewisse Unentschlossenheit in der Erzählstruktur nicht als positiv konnotierte Ambivalenz durchgehen lassen möchte. Stattdessen kracht es hier vor Eindeutigkeiten und, nein, das ist nicht immer eine gute Sache.

So geht’s los: Ein Engel landet (natürlich) in Los Angeles, durch ein Loch im Himmel scheint er herabzustürzen und muß erst einmal ein paar Wunden versorgen und sich einiger Menschen entlegen, die des Weges kommen. Ist er vielleicht doch ein Böser? Sorry, das war’s, wie angekündigt, schon mit der Ambivalenz. Der Mann ist Erzengel Michael (Paul Bettany), er ist vielleicht sogar ein bißchen besser als Gott (da fangen die theologischen Probleme an) und leider zieht er in der Tat sein T-Shirt nur einmal kurz aus.

legion_3

Eigentlicher Handlungsort ist aber das passend benamste Wüstennest Paradise Falls, an dem derweil, wie man im Englischen so schön sagt, das Exkrement mit dem Ventilator kollidiert. Ein eigenartiger Sturm zieht auf, während eine alte Dame fauchend die Wände hochkrabbelt und einem Kunden von Bob Hansons Diner schwere Bißwunden zufügt. Dann fallen Fernsehen und Radio aus, in Amerika immer ein sicheres Zeichen der nahenden Apokalypse, und kurz nachdem Michael mit einem Kofferraum voll konventioneller Schußwaffen die Szene betritt, sammeln sich offenbar von Dämonen bessessene, zu Mord und Totschlag bereite Menschen vor dem kleinen Lokal.

Ohne viele Fragen zu stellen oder gar seine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen, folgt die verstreute Schar – ein Paar mit Teenager-Tochter, ein Schwarzer auf dem Weg zu seiner Familie, der Koch, offenbar Kriegsveteran, der Wirt (Dennis Quaid) mit seinem Sohn und die hochschwangere Bedienung Charlie (Adrianne Palicki – den Anweisungen Michaels und, äh, metzelt die Neuankömmlinge nach bestem Wissen und Vermögen nieder. So, liebe Freunde, retten wir die Welt.

Denn, wie Michael den Anwesenden dann erklärt, Gott hat so richtig die Nase voll von der Menschheit, und wo er einst die Sintflut schickte, macht er ihr jetzt mittels einer Armee von Engeln und offenbar besessenen Menschen den Garaus. Aus Gründen, die nicht weiter erklärt werden, hängt allerdings das Schicksal der gesamten Menschheit daran, ob Charlies Kind geboren wird oder nicht. Michael ist wild entschlossen, die werdende Mutter und ihr Kind zu schützen, weil er seinerseits den Glauben an die Menschheit noch nicht verloren hat, auch wenn er sich damit dem direkten Willen des Allmächtigen widersetzt. Erzengel Gabriel (Kevin Durand) hingegen beabsichtigt, Gottes Wille zu tun und also Mutter und Kind dahinzuschlachten. Warum das alles jetzt ausgerechnet in Paradise Falls sein muß, wird aber leider nicht verraten.

legion_2

Ich möchte auf der Handlung eigentlich gar nicht weiter herumreiten, aber es wird in zweierlei Hinsicht noch wirklich furchtbar. Denn zum einen hat der Film ein Strukturproblem: Nach dem ersten Ansturm der Dämonen/von Engeln Besessenen/Whatever gibt es eine lange, lange, lange Phase der Ruhe (vor dem nächsten Sturm, natürlich), in der die Figuren sich über ihr Schicksal unterhalten, ihre Motivationen etc.pp. Das soll tiefsinnig sein, kommt aber über die üblichen Platitüden keinen Schritt hinaus – vor allem spielt jedoch das Gesagte und Benickte für den weiteren Verlauf des Films überhaupt keine Rolle. Als retardierendes Moment funktioniert diese Phase natürlich schon – allerdings ist sie so ungeschickt in den Gesamtfilm eingepreßt, daß sie eher langweilt als daß sie Spannung aufbauen würde.

Zum anderen aber ist der Film in seiner Ikonographie wie Pseudotheologie eine wirkliche Zumutung. Aus Gott und seinen Heerscharen wird hier ein streitsüchtiger Haufen, dem griechischen Pantheon nicht unähnlich, samt Meinungsverschiedenheiten und Eifersüchteleien. Und Engel sind offenbar auch nur sterbliche Wesen, wenn auch mit kugelsicheren Flügeln und Superkräften, die mit je einer Wumme rechts und links in den bewaffneten Kampf streben, wenn sie nicht auf einem schwarzmetallenen Luftschiff über die Sündhaftigkeit des Menschengeschlechts parlieren. Man weiß gar nicht, wo die Blasphemie beginnt und wo der schlichte Irrsinn endet.

Es geht mir dabei, wie gesagt, gar nicht um Purismus in theologischen Fragen, aber wenn man schon mit fundamentalen Positionen des Christentums herumspielt, erwarte ich doch etwas mehr als nur oberflächliches Gebrabbel und wildes Effektgewitter (das Regisseur Scott Stewart als altgedienter Spezialeffektler allerdings gut im Griff hat). Dafür sind die Statements, die sich Paul Bettanys Engel abringt, doch zu allgemeiner, und nur vage religiöser Natur.

legion_1

Legion versucht verzweifelt (und vergeblich) eine Erzählung ähnlich der von den Terminator-Filmen geschaffene Mythologie um John Connor (die Anspielung auf den Sohn Gottes in den Initialien dürften die meisten Leser_innen hier wohl schon kennen) und seine Geburt bzw. den Kampf um dessen Verhinderung zu stiften – nur daß dieser Versuch hier schon allein deshalb scheitern muß, weil sich Peter Schink und Scott Stewart, die das Drehbuch gemeinsam verfaßt haben, hier viel zu eng an die, wenn man das so sagen darf, ursprüngliche religiöse Vorlage halten und dadurch nur verlieren können. Herrjemine, das Kind soll auch noch an Weihnachten zur Welt kommen!

Und dabei habe ich jetzt noch nicht einmal damit angefangen, mich über die Geschlechterrollen aufzurollen: Denn die arme Charlie soll vor allem das Kind zur Welt bringen und ansonsten bloß nicht kämpfen; ihr männlicher Begleiter hingegen soll den Weg weisen, sie beschützen und so weiter und so altbacken fort. Dieses durchaus vielversprechende Poster hat mit dem Film also schlichtweg gar nichts zu tun.

Fotos: Sony Pictures