{"id":1429,"date":"2010-05-17T11:16:16","date_gmt":"2010-05-17T10:16:16","guid":{"rendered":"http:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=1429"},"modified":"2010-11-20T21:47:18","modified_gmt":"2010-11-20T20:47:18","slug":"amer-2009","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=1429","title":{"rendered":"Amer (2009)"},"content":{"rendered":"<p><em>(Dieser Text ist zuerst im M\u00e4rz 2010 in der <a href=\"http:\/\/www.splatting-image.com\/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=74&#038;Itemid=1\">Splatting Image Nr. 81<\/a> erschienen.)<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/buttkickingbabes.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/amer_1.jpg\" alt=\"\" title=\"amer_1\" \/><\/p>\n<p>Von Anfang an sind die Augen da, im Vorspann mit Splitscreen gar drei Paar gleichzeitig \u2013 da k\u00fcndigt der Film seine eigene Struktur schon an, nur merkt man es noch nicht. Kratziges Filmmaterial bieten die Opening Credits, und mit der eingesetzten Type, der geteilten Leinwand und der Musik wird man flugs in die Filmwelt der 1970er Jahre versetzt, und das ist Absicht, und das ist erst der Anfang.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.imdb.es\/title\/tt1426352\/\"><em>Amer<\/em><\/a> ist der erste Langfilm von H\u00e9l\u00e8ne Cattet und Bruno Forzani, die schon mit ihren Kurzfilmen <em>La fin de notre amour<\/em> (2004) und <em>Santos Palace<\/em> (2006) auf sich aufmerksam gemacht hatten. Ihr neuestes Projekt, vom franz\u00f6sischen Verleih gerne als \u201eNeo-Giallo\u201c angek\u00fcndigt, l\u00e4sst mit jedem Atemzug der Protagonistin die Begeisterung der zwei Regisseure f\u00fcr den Giallo erkennen; <em>Amer<\/em> ist keine Hommage, er ist eine Liebeserkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Was in dem Film geschieht, ist gar nicht so bedeutsam \u2013 wie wir es erleben, ist ungleich wichtiger. Wir sehen und h\u00f6ren, was Ana geschieht, einen Wust von Fragmenten, Ultra-Close-Ups (dabei immer wieder Augen, Schl\u00fcssell\u00f6cher, Spiegel), r\u00e4tselhaften Bildern in leuchtenden Farben, stellenweise \u00fcberstrahlt, fast immer mit selektiv verst\u00e4rktem Ton. Ger\u00e4usche: Das Kratzen eines Dorns auf Haut, das Knirschen von Leder, der Wind, der Anas Kleid anhebt. Das Drehen des Schl\u00fcssels im Schloss, eine zufallende T\u00fcr, knarzende Holzbohlen. Man sollte diesen Film in einem guten Kino sehen, wo das Sounddesign sich entfalten kann.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/buttkickingbabes.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/amer_2.jpg\" alt=\"\" title=\"amer_2\" \/><\/p>\n<p>Die Handlung besteht nur aus drei Momentaufnahmen aus dem Leben der jungen Ana. Als Kind lebt Ana mit ihren Eltern in einem alten Landhaus; die Gro\u00dfmutter bewohnt das Zimmer nebenan, sie ist ganz in schwarz geh\u00fcllt, gesichtslos, unheimlich; Anas Gro\u00dfvater ist just gestorben und liegt in einem verschlossenen Zimmer aufgebahrt.<\/p>\n<p>Man sieht dann die jugendliche Ana beim Einkauf mit ihrer Mutter im benachbarten Dorf (wir sind wohl in der franz\u00f6sischen Provinz), alles ist andeutungsvoll, sexuell aufgeladen: Atemger\u00e4usche, dem Rascheln von Stoff auf Haut, Schwei\u00dftropfen. Als Erwachsene kehrt sie schlie\u00dflich zu dem nun verlassen stehenden Haus zur\u00fcck, in dem sie als Kind gewohnt hat. Kindheit, Jugend und Erwachsenendasein korrespondieren in diesen Bildern mit dem Unheimlichen (und unseren \u00c4ngsten davor, den Schatten im Haus, den Blicken der Toten), dem Begehren (in dem alles sich aufs Sexuelle beziehen kann) und schlie\u00dflich: vielleicht einer Verbindung von beidem zu etwas Drittem.<\/p>\n<p>Es wird wenig gesprochen in Amer; es geht hier nicht um echte Kontaktaufnahme zur Au\u00dfenwelt, alles ist Innensicht und Wahrnehmung, in der sich Phantasie, Begehren, Furcht und Realit\u00e4t nicht voneinander abgrenzen lassen. (Wie sehr man darin versinkt, merkt man eigentlich nur, als einmal mit einem abrupten Klaps die Au\u00dfenwelt ihr Recht einfordert.) Das hei\u00dft aber auch: Der Film verl\u00e4sst sich ganz auf seine Hauptdarstellerinnen (nacheinander: Cassandra For\u00eat, Charlotte Eug\u00e8ne Guibbaud und Marie Bos), die hier all das transportieren und verbinden m\u00fcssen, was Farbe, Bildausschnitte und Ton nicht zu leisten verm\u00f6gen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/buttkickingbabes.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/amer_3.jpg\" alt=\"\" title=\"amer_3\" \/><\/p>\n<p>Das Fragmentarische, Elliptische und Selektive ist ganz und gar Pro- wie Psychogramm. Zwar ist die \u00c4sthetik kein Selbstzweck und weist in ihrer Bedeutung auch \u00fcber den Film selbst hinaus. Zun\u00e4chst aber dient sie ihm: Was da in den ersten Minuten irritierend wie zerrissenes, experimentelles Avantgardekino daherkommt, will und kann doch etwas ganz anderes. (Aber es wird Bu\u00f1uel und Dal\u00ed ehrf\u00fcrchtig und schrecklich Reverenz erwiesen; Genrefans k\u00f6nnen beruhigt sein: Blut flie\u00dft.)<\/p>\n<p><em>Amer<\/em> ist intensiv, dicht, erotisch und gruselig; wenn man sich einmal in diese filmische Entsprechung eines Stream-of-Consciousness, oder vielleicht besser: Stream-of-Sensations eingefunden hat; entwickelt sie einen ungeheuren Sog. Ein Triptychon von Furcht und Begehren \u00f6ffnet sich da vor unseren Augen (wobei beides hier, in der Haut der Protagonistin, stets weiblich gedacht bzw. inszeniert wird \u2013 letztendlich liegt das aber in der Reduktion des Films auf eine einzelne Figur, nicht an irgendeiner Form von aufs Geschlecht bezogenen Essentialismen).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/buttkickingbabes.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/amer_plakat.jpg\" alt=\"\" title=\"amer_plakat\" class=\"float\" \/><\/p>\n<p><em>Amer<\/em> greift Themen und Mittel des Giallo auf und konzentriert sie auf ihre direkten filmischen Ausdrucksformen: Was \u00fcbrig bleibt, sind die \u00e4sthetischen Konventionen des Giallo (aber nicht nur sie) in nahezu reiner Gestalt. Hier unterwirft sich nicht die Form unter eine Handlung, die Handlung entsteht erst aus der kunstvollen Anwendung der Mittel \u2013 und erst in unserem Kopf. Amer macht den Zuschauer, Auge und Ohr, bewusst und explizit zum Mitt\u00e4ter, der die Ereignisse erst konstruieren muss, um dem Film konventionelle Handlungsstringenz abpressen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Konzentration auf die Form erlaubt eine \u00e4sthetische Spurensuche, eine Arch\u00e4ologie des Genres, bei der aus dem Blick auf einzelne Elemente zutage tritt, welchen Traditionen der Giallo entstammt: dem Gruselfilm, dem erotischen Kino, nat\u00fcrlich dem Thriller. <em>Amer<\/em> ist deshalb kein \u201eNeo-Giallo\u201c im eigentlichen Sinne, er betreibt keine Neufassung oder Wiederbelebung des Genres; man k\u00f6nnte ihn allenfalls einen Meta-Giallo nennen, wenn das nicht viel zu theoretisch und abstrakt kl\u00e4nge f\u00fcr diesen Film, der vor allem eines ist: konkret, im Moment.<\/p>\n<p>Die leuchtenden Farben \u2013 strahlend rot sind Blut und manche Gegenst\u00e4nde, manche Einstellungen sind fast monochromatisch lila oder gr\u00fcn \u2013 sind so nicht nur Verweis, sie betonen auch die Dichte des einzelnen Moments. Amer greift zwar Bestehendes auf, entwickelt daraus jedoch seine eigene \u00c4sthetik. Und bleibt doch Hommage: Die Musik ist Filmen wie <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0066924\/\"><em>La coda dello scorpione<\/em><\/a> (1971) und <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0069343\/\"><em>La tarantola dal ventre nero<\/em><\/a> (1971) entliehen, und Anas altes Landhaus scheint, wie vieles andere in diesem Film, unmittelbar Argentos <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0073582\/\"><em>Profondo rosso<\/em><\/a> (1975) entsprungen zu sein, f\u00fcr den Cattet und Forzani in Interviews gro\u00dfe Zuneigung bekundet haben.<\/p>\n<p>Hier lieben zwei Menschen das Kino sehr und aus ihrer Liebe einen zarten Diamanten geschliffen. Es ist ein Gl\u00fcck, dass wir solche Filme haben.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Hier der Trailer:<\/p>\n<p><object width=\"853\" height=\"505\"><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/www.youtube-nocookie.com\/v\/1U5v0Rufhf4&#038;hl=de_DE&#038;fs=1&#038;rel=0&#038;color1=0x5d1719&#038;color2=0xcd311b\"><\/param><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\"><\/param><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\"><\/param><embed src=\"http:\/\/www.youtube-nocookie.com\/v\/1U5v0Rufhf4&#038;hl=de_DE&#038;fs=1&#038;rel=0&#038;color1=0x5d1719&#038;color2=0xcd311b\" type=\"application\/x-shockwave-flash\" allowscriptaccess=\"always\" allowfullscreen=\"true\" width=\"853\" height=\"505\"><\/embed><\/object><\/p>\n<p>Hier noch ein Clip aus dem Film:<\/p>\n<p><object width=\"600\" height=\"338\"><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/ictv-bd-ec.indieclicktv.com\/player\/embed\/b51134344b4b64572c52606f9e8f148c\/4b54b4af50e90\/10\/0\/defaultPlayer-player.swf\"><\/param><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\"><\/param><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"always\"><\/param><embed src=\"http:\/\/ictv-bd-ec.indieclicktv.com\/player\/embed\/b51134344b4b64572c52606f9e8f148c\/4b54b4af50e90\/10\/0\/defaultPlayer-player.swf\" type=\"application\/x-shockwave-flash\" allowFullScreen=\"true\" allowscriptaccess=\"always\" width=\"600\" height=\"338\"><\/embed><\/object><\/p>\n<p><span class=\"credits\">Fotos: amer-film.com<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Dieser Text ist zuerst im M\u00e4rz 2010 in der Splatting Image Nr. 81 erschienen.) 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