{"id":3468,"date":"2010-11-19T14:35:34","date_gmt":"2010-11-19T13:35:34","guid":{"rendered":"http:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=3468"},"modified":"2011-08-14T23:23:43","modified_gmt":"2011-08-14T22:23:43","slug":"stake-land-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=3468","title":{"rendered":"Stake Land (2010)"},"content":{"rendered":"<p class=\"anmerkung\">Dieser Text ist f\u00fcr die kommende Ausgabe der <a href=\"http:\/\/www.splatting-image.com\/\"><em>Splatting Image<\/em><\/a> entstanden.<\/p>\n<p><strong>Postapokalypse now<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/buttkickingbabes.de\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/stakeland.jpg\" alt=\"\" title=\"stakeland\" \/><\/p>\n<p>Da\u00df postapokalyptische Szenarien und das Roadmovie nicht nur im amerikanischen Film eine enge, manchmal fast schon symbiotisch wirkende Bindung eingegangen sind, liegt bei genauerem Nachdenken auf der Hand. Wo das Roadmovie ja in der \u00e4u\u00dferen die innere Bewegung sucht und verbirgt, so da\u00df die Reise an sich, mit ihren Begegnungen und Auseinandersetzungen auf dem Weg Metapher und ausl\u00f6sender Impuls zugleich f\u00fcr die pers\u00f6nliche Entwicklung sein soll, da erzwingt parallel dazu das Motiv der postapokalyptischen Welt die Konzentration dieser Entwicklung auf eben das Wesentliche, die eigene Person: Wo sonst kaum \u00dcberlebende zu finden sind, mu\u00df man eben selber wachsen. Zugleich bietet die weitgehende Abwesenheit von Menschen zuweilen auch eine willkommene Gelegenheit, die gern verwendete episodische Struktur der Reise nicht nur zu begr\u00fcnden, sondern sogar noch besonders zu betonen. Die Leere des Raumes dazwischen bestimmt den Rhythmus des Wachstums und der Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Die Beispiele f\u00fcr das apokalyptische Roadmovie sind Legion, von <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0079501\/\"><em>Mad Max<\/em><\/a> (der freilich anderes im Sinn hat als das eben Beschriebene) reichen sie \u2013 mit ganz unterschiedlichen Erz\u00e4hlweisen \u2013 bis zu den j\u00fcngeren Versuchen wie <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0898367\/\"><em>The Road<\/em><\/a> und <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt1037705\/\"><em>The Book of Eli<\/em><\/a>. Mit <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt1464580\/\"><em>Stake Land<\/em><\/a> geht Jim Mickle (nach <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0473514\/\"><em>Mulberry Street<\/em><\/a> von 2006) nun in eine \u00e4hnliche Richtung \u2013 und auch wenn es nicht willk\u00fcrlich erscheint, da\u00df der Name des Films an Ruben Fleischers <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt1156398\/\"><em>Zombieland<\/em><\/a> (<a href=\"http:\/\/www.critic.de\/film\/zombieland-1970\/\">meine Kritik<\/a>) erinnert, so ist doch die Erz\u00e4hlweise der beiden Filme grunds\u00e4tzlich verschieden.<\/p>\n<p>[filminfo_box]<\/p>\n<p>Denn <em>Stake Land<\/em>, der auf dem Filmfestival in Toronto den Midnight Madness Audience Award einheimsen konnte, ist alles, nur nicht lustig, und die Reise der beiden Protagonisten kann deshalb nat\u00fcrlich auch nicht in einem \u201eAmusement Park\u201c enden. Amerika und wom\u00f6glich die ganze Welt sind, der Filmtitel l\u00e4\u00dft das erahnen, von Vampiren \u00fcberrannt worden \u2013 wo sie herkommen, wie das ablief, all diese Fragen spielen keine Rolle. Stattdessen sind die Figuren ganz fundamental mit dem \u00dcberleben besch\u00e4ftigt. Schon mit der ersten Szene bricht das auf die Leinwand ein, als \u201eMister\u201c (Nick Damici), dessen Namen wir nie erfahren, den jungen Martin (Connor Paolo) vor seinen eigenen Eltern rettet, die gerade erst gebissen wurden.<\/p>\n<p>Von da an reisen die beiden gemeinsam durch das versehrte Land, und der \u00c4ltere lehrt seinen Ziehsohn alle Fertigkeiten, die er f\u00fcrs \u00dcberleben braucht: Nat\u00fcrlich hilft er ihm vor allem, erwachsen zu werden. (Und: ein Mann. Deshalb mu\u00df der Film zu jenem Zeitpunkt enden, an dem er endet. Aber <em>Stake Land<\/em> macht daraus keine r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte, gar reaktion\u00e4re Maskulinit\u00e4tsphantasie, sondern erz\u00e4hlt wom\u00f6glich eher einen Abgesang aufs Patriarchat. Aber davon sp\u00e4ter.)<\/p>\n<p>Mister und Martin meiden die St\u00e4dte, und ihr Amerika ist deshalb eines, in dem die Weite des Landes, seine endlos sich ausstreckende Natur eine enorme Rolle spielt. Lange bewegen sie sich mit dem Auto, aber in der zweiten H\u00e4lfte sind sie eine ganze lange Weile zusammen mit anderen \u00dcberlebenden zu Fu\u00df quer durch bewaldete Berglandschaften unterwegs. Da wird der Mensch in der Tat auf eine Existenz zur\u00fcckgeworfen, die grundlegend vormodern ist. Und so sehr ihm die technischen Relikte der industriellen Revolution \u2013 Autos, Waffen, elektrisches Licht \u2013 Hilfe und Rettung auch gegen die Vampire sein k\u00f6nnen, so sehr sind ihm zugleich geistige \u00dcberbleibsel dieser Zeit eine Gefahr.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/buttkickingbabes.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/stakeland_2.jpg\" alt=\"\" title=\"stakeland_2\" \/><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es noch andere \u00dcberlebende im Amerika von <em>Stake Land<\/em>, die meisten sind nicht \u201eon the road\u201c wie die Protagonisten, sondern haben sich in kleinen Ansiedlungen organisiert, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise organisiert sind. Das ist ein bi\u00dfchen un\u00fcbersichtlich \u2013 es gibt friedliche kleine D\u00f6rfer, wo abends zum Tanz aufgespielt wird, und milit\u00e4risch durchorganisierte, ans faschistoide grenzende Camps. Wie mit einem Brennglas richtet Mickle die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf den scharfen Kontrast zwischen diesen beiden Extremen \u2013 und beschreibt damit zugleich einen politischen Konflikt, der das reale, heutige Amerika ber\u00fchrt und zerrei\u00dft. Denn die militaristisch agierende Miliz, mit der Mister und Martin unweigerlich in Konflikt treten werden, ist zugleich von extrem religi\u00f6sen Haltungen gepr\u00e4gt, die im Angesicht der gottlosen, ultimativ diesseitigen Postapokalypse doppelt \u00fcberholt wirken; sie waren schon in unserer au\u00dferfilmischen Gegenwart veraltet.<\/p>\n<p>Mickles Vampiren haftet nichts Metaphysisches an \u2013 sie sind Monstren, gewi\u00df, die nicht unserer Welt, soll hei\u00dfen: unserer Realit\u00e4t entstammen. Zugleich sind sie aber so fundamental irdisch, schleimig, animalisch, da\u00df ihre Existenz eher so wirkt, als habe sich ein Spalt in der Welt aufgetan, von dem wir vorher nichts wu\u00dften. Das ist weit entfernt von den aristokratischen Figuren des klassischen Vampirfilms, von den eleganten Frauen in schwarzem Leder, wie sie die <em>Underworld<\/em>-Filme etablierten, und nicht einmal nahe an den r\u00fccksichtslosen Monstren aus <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0389722\/\"><em>30 Days of Night<\/em><\/a> (<a href=\"http:\/\/genderblog.de\/index.php\/2007\/11\/13\/es-darf-gebissen-werden\/\">meine Kritik<\/a>; und <a href=\"http:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=3139\">zum Sequel<\/a>). Diese Vampire sind in ihrem r\u00fccksichtslosen Blutdurst den energischen Zombies von Zack Snyder n\u00e4her als ihresgleichen je zuvor, und sie sehen auch nicht unbedingt viel besser aus.<\/p>\n<p>Die furchtbarsten Feinde des Lebens sind aber eben nicht die Untoten, sondern die religi\u00f6sen Fanatiker, die den Untergang der Menschheit vervollst\u00e4ndigen wollen, und denen dazu wortw\u00f6rtlich jedes Mittel recht ist: Sie wollen die Apokalypse vollenden, und es f\u00e4llt schwer, darin nicht die christlichen Eiferer gespiegelt zu sehen, die den Nahostkonflikt befeuern wollen, um die Wiederkehr ihres Heilands zu beschleunigen. (Da\u00df ausgerechnet der amerikanische Norden \u2013 Kanada!, wo es schon jetzt angeblich immer besser sei als in den USA \u2013 f\u00fcr Mister und Martin das Ziel ihrer Reise und Sehnsuchtsort ist, ist eine feine ironische Note im Gegenwartsbezug des Films.)<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird sich der Konflikt bis zum Ende des Films noch personalisieren und fokussieren \u2013 und \u201eMister\u201c, darin eben doch Woody Harrelsons Tallahassee aus <em>Zombieland<\/em> entfernt verwandt, ist dann der schwarze Ritter in dieser Geschichte, der Mann mit der offenbar (aber zugleich nie explizierten) gewaltt\u00e4tigen Vergangenheit, der sich aufs \u00dcberleben so gut versteht wie aufs T\u00f6ten. Und der deshalb Schuld auf sich nimmt, um Martin \u2013 dem jungen Mann, der es besser als er vermag, mit anderen, M\u00e4nnern wie Frauen, gleichberechtigt zusammenzuleben \u2013 eine Zukunft zu erm\u00f6glichen. Oben in Kanada, wo vielleicht die Vampire etwas weniger zahlreich sind.<\/p>\n<p class=\"credits\" style=\"clear:left;\">Fotos: Sitges Film Festival<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Text ist f\u00fcr die kommende Ausgabe der Splatting Image entstanden. Postapokalypse now Da\u00df postapokalyptische Szenarien und das Roadmovie nicht nur im amerikanischen Film eine enge, manchmal fast schon symbiotisch wirkende Bindung eingegangen sind, liegt bei genauerem Nachdenken auf der Hand. 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