{"id":7524,"date":"2018-09-22T11:00:07","date_gmt":"2018-09-22T10:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=7524"},"modified":"2018-09-14T14:11:15","modified_gmt":"2018-09-14T13:11:15","slug":"pans-labyrinth-2006","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=7524","title":{"rendered":"Pans Labyrinth (2006)"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDie Welt ist ein grausamer Ort.\u201c Eine letzte Warnung, eine letzte Mahnung; kurz darauf ist Of\u00e9lias Mutter tot, gestorben unter der Geburt des kleinen Bruders, dem das elfj\u00e4hrige M\u00e4dchen schon im Bauch der Mutter M\u00e4rchen erz\u00e4hlt hat. Nicht die Geschichten in Disney\u2019schen Pastellfarben, sondern dunkle Mythen von Schmerz, Unsterblichkeit und schweren Pr\u00fcfungen. Of\u00e9lias Welt ist bev\u00f6lkert von Monstren, Wesen voller Ambivalenz und Abgr\u00fcndigkeit: Menschenfresser, Feen mit scharfen Z\u00e4hnen, ein riesiger Faun.<\/p>\n<p>Der Magie steht in <em>Pans Labyrinth<\/em> eine mechanistische Logik gegen\u00fcber: F\u00fcr Of\u00e9lias Stiefvater, Capitan Vidal, z\u00e4hlt das starre Funktionieren der Welt in patriarchaler Ordnung. Sein Weltbild spiegelt sich in der Taschenuhr, die sein Vater ihm hinterlassen hat, der sie, so erz\u00e4hlt man sich, im Angesicht seines Todes zu Boden warf, damit sein Sohn erfahren k\u00f6nne, wann sein Vater gestorben sei \u2013 und wie ein ehrenhafter Tod zu sterben sei.<\/p>\n<p>Guillermo del Toros Meisterwerk ist voll von solchen Paarungen: Leben und Tod, Frauen und M\u00e4nner, starre Mechanik und sich wandelnde Lebewesen. Trennscharfe Gegens\u00e4tze gibt es allerdings nicht, mit einer Ausnahme: Der Faschismus, das starr-unmenschlich Mechanische, sie sind des Teufels. Damit nimmt <em>Pans Labyrinth<\/em> Motive auf, die sich auch schon in del Toros <em>Hellboy<\/em> wiederfanden, mit jenem mitleidslosen M\u00f6rder Karl Ruprecht Kroenen, dessen Herz nur noch ein Uhrwerk ist.<\/p>\n<p>Die Monstren, der Faschismus: Zu diesen Themen kehrt del Toro immer wieder zur\u00fcck, mal mehr, mal weniger spezifisch. Schon in <em>The Devil&#8217;s Backbone<\/em> hatte er sich mit dem Spanien der Franco-Zeit besch\u00e4ftigt (und dies nat\u00fcrlich in eine Geistergeschichte geflochten, die noch viele andere Ebenen hatte), und selbst seine (zusammen mit Chuck Hogan erstellte) Roman-Trilogie und Fernsehserie <em>The Strain<\/em> verwebt die Geschichte monstr\u00f6ser Vampire mit den Nazis, der Judenverfolgung.<\/p>\n<p>Das Besondere an <em>Pans Labyrinth<\/em> ist freilich, wie organisch Weltgeschichte und Fantasie miteinander verwoben werden; anders als in <em>Hellboy<\/em> ist das Fantastische nicht selbstverst\u00e4ndlicher Teil der realen Welt, sondern schwebt von Anfang an in einem Status des M\u00f6glichen, irgendwo zwischen Realit\u00e4t und Traumwelt. Ist die ganze Geschichte von der Prinzessin, die in unserer Welt gefangen ist und sich befreien kann, nur eine Erz\u00e4hlung, die sich die in der ersten Einstellung schon oder noch sterbende Of\u00e9lia selbst erz\u00e4hlt? Oder legt sie die Wahrheit hinter der eigentlichen Geschichte frei?<\/p>\n<p>Die Monster dort sind jedenfalls kaum grausiger als die Menschen hier. Der kinderfressende bleiche Mann mag furchterregend aussehen, der Haufen verlassener Kinderschuhe in seinem Versteck allerdings verweist nur auf die gr\u00f6\u00dferen Schuhberge in den deutschen Vernichtungslagern des Dritten Reiches; und so grausam der Faun sich auch geben mag \u2013 niemand hier ist kaltherziger und an menschlichem Leben desinteressierter als Capitan Vidal.<\/p>\n<p><em>Pans Labyrinth<\/em> brennt sich nicht nur als Geschichte, sondern auch mit Bildern und Musik in Netzhaut und Trommelfelle ein. Del Toro schafft mit seinem langj\u00e4hrigen Kameramann Guillermo Navarro eine Welt, in der Farben, Schatten und Lichter oft wortlos weitererz\u00e4hlen. Und dann betritt Doug Jones, der sowohl den Faun als auch den bleichen Mann spielt, die Szene, und wir tauchen vollends in die Fantasie ein. Jones\u2018 dritte Zusammenarbeit mit dem Regisseur (nach <em>Mimic \u2013 Angriff der Killerinsekten<\/em> und <em>Hellboy<\/em>) ist wom\u00f6glich sein gr\u00f6\u00dfter Film; ein unfassbar sch\u00f6nes, grausames Meisterwerk.<\/p>\n<p>Die jetzt erschienene Ultimate Edition pr\u00e4sentiert del Toros chef-d\u2019\u0153uvre in w\u00fcrdigem Umfang: Die Blu-ray basiert auf der f\u00fcr die Criterion Edition angefertigten und vom Regisseur selbst \u00fcbersehenen neuen 2K-Abtastung, es gibt mehrere Stunden Extras und Interviews sowie als Bonus die Dokumentation <em>Creature Designers: The Frankenstein Complex<\/em> und die Aufnahme einer Masterclass mit del Toro; ein Booklet von Deadline-Autor Prof. Dr. Marcus Stiglegger rundet die Ausgabe ab.<\/p>\n<p>Die Kritik ist zuerst in der <a href=\"https:\/\/www.deadline-magazin.de\/\">Deadline<\/a> erschienen; siehe auch <a href=\"https:\/\/www.critic.de\/film\/pans-labyrinth-784\/\">meine alte Kritik seinerzeit zum Kinostart<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Welt ist ein grausamer Ort.\u201c Eine letzte Warnung, eine letzte Mahnung; kurz darauf ist Of\u00e9lias Mutter tot, gestorben unter der Geburt des kleinen Bruders, dem das elfj\u00e4hrige M\u00e4dchen schon im Bauch der Mutter M\u00e4rchen erz\u00e4hlt hat. 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