{"id":8038,"date":"2022-04-07T20:46:28","date_gmt":"2022-04-07T19:46:28","guid":{"rendered":"http:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=8038"},"modified":"2026-05-18T15:08:19","modified_gmt":"2026-05-18T14:08:19","slug":"und-das-weibsbild-das-hat-zaehne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=8038","title":{"rendered":"Und das Weibsbild, das hat Z\u00e4hne &#8230;"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Essay war am 18. Januar 2011 zuerst im Blog des International Comedy Film Festivals erschienen, das inzwischen offline ist. Anlass war das Screening des ph\u00e4nomenalen kleinen Meisterwerks <strong>Teeth<\/strong>. Der Text ist hier unver\u00e4ndert wiedergegeben.<\/em><\/p>\n<p>Fr\u00fcher, da war die Welt noch in Ordnung. Da waren es <em>Drei M\u00e4nner im Schnee<\/em>, die sich in kom\u00f6diantische Verstrickungen begaben, und am Ende blieb nicht nur das soziale Gef\u00fcge zwischen Herr und Diener unangetastet, der junge Mann bekam auch noch die Tochter des Alten zur Frau. Und es gab nat\u00fcrlich <em>Ein Pyjama f\u00fcr Zwei<\/em>, in dem sich Rock Hudson und Doris Day zwar auf scheinbarer Augenh\u00f6he begegnen \u2013 beide als Angestellte unterschiedlicher Werbeagenturen \u2013 aber dann schlie\u00dflich doch sich die Frau dem Mann in den Arm wirft, und nat\u00fcrlich nicht umgekehrt.<\/p>\n<p>Aber, ach, so sind die Zeiten nun nicht mehr. Heutzutage bleibt den M\u00e4nnern in den Kom\u00f6dien manchmal sogar nur die Rolle des sympathischen Losers, oft genug jedenfalls sehen sie sich mit aufm\u00fcpfigen Frauen konfrontiert, die ihnen die Position an der Spitze von Gesellschaft und Sch\u00f6pfung streitig machen.<\/p>\n<p>So ist das in <em>Made in Dagenham<\/em> (jetzt als <em>We Want Sex<\/em> in deutschen Kinos), in dem britische Arbeiterinnen sich dagegen wehren, das sie schlechter bezahlt werden als ihre m\u00e4nnlichen Kollegen; und so ist das auch, auf der anderen Seite der sozialen Verh\u00e4ltnisse, in <em>Potiche<\/em> (<em>Das Schmuckst\u00fcck<\/em>) von Fran\u00e7ois Ozon: Da muss die Frau eines Fabrikbesitzers eher notgedrungen als gerne die Z\u00fcgel in der Regenschirmfabrik in die Hand nehmen \u2013 und dann will sie sie gar nicht mehr loslassen. (Ganz nebenbei ist <em>Potiche<\/em> ein Film, der zeigt, wie sehr und wie gut gelaunt die franz\u00f6sischen Regisseure ihre Grandes Dames des Kinos zu inszenieren und zu feiern verstehen.)<\/p>\n<p>Es ist vielleicht kein Zufall, dass diese Filme beide in der Vergangenheit spielen, in Welten zumal, die wom\u00f6glich politisch und ideologisch noch etwas einfacher, durchsichtiger waren (oder jedenfalls im Film so wirken), mit klareren Grenzen und sch\u00e4rferen Regeln. F\u00fcr soziale und politische Auseinandersetzungen der Gegenwart lassen sich meist nicht so entspannte Bilder und Wortgefechte finden, weshalb sie als zentrale Themen wohl noch am ehesten in schwarze Kom\u00f6dien Eingang finden \u2013 man denke nur an <a href=\"http:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=2541\"><em>Four Lions<\/em><\/a> \u2013 oder in humoristisch gedrehten Dokumentarfilme \u00e0 la Michael Moore. In beiden F\u00e4llen aber n\u00e4hrt sich das Lachen aber wohl oft genug vor allem aus der Verzweiflung, wie schlimm die Verh\u00e4ltnisse wirklich sind.<\/p>\n<h2>Love is a battlefield<\/h2>\n<p>Das hei\u00dft nun aber keineswegs, dass die Frauen- und M\u00e4nnerbilder der Gegenwart kein Thema des Kinos w\u00e4ren \u2013 das Gegenteil ist selbstverst\u00e4ndlich der Fall, nur wird eben in den allermeisten F\u00e4llen die Emanzipation selbst nicht thematisiert, wird, aufs Politische gesprochen, die Feminismusfrage nicht gestellt. Zugleich ist aber ein bestimmtes Genre wie wom\u00f6glich kein zweites daf\u00fcr geeignet, den Stand des Verh\u00e4ltnisses der Geschlechter zeit- und kulturgenau zu pr\u00e4sentieren: die Romantische Kom\u00f6die.<\/p>\n<p>Sie ist ja auch bestens daf\u00fcr geeignet. In ihrer meistverbreiteten, heterosexuellen Variante steht ja gerade ein (Bald-, Nochnicht-, Nichtmehr-)Paar im Zentrum der Aufmerksamkeit, in dem zwar nicht durchschnittlich und typisch, aber eben doch: beispielhaft ein Mann und eine Frau aufeinander treffen. Mit ihnen treffen aber zugleich eben \u201edie Verh\u00e4ltnisse\u201c aufeinander, Machtgef\u00fcge und Beziehungsmuster: Selbst wenn eine solche Kom\u00f6die nicht dazu gedacht (und wahrscheinlich auch nicht geeignet) ist, die bestehenden Stat\u016bs Quo aufzubrechen, so sind sie doch dazu geeignet, sie zu repr\u00e4sentieren, will sagen: aufzuzeigen.<\/p>\n<p>Darin wird dann das eigentlich Exemplarische n\u00e4mlich in der Tat schnell zu einer Form der Wirklichkeitsbeschreibung in allen Spielarten der Gegenwart: In den Actionkom\u00f6dien <a href=\"https:\/\/www.critic.de\/film\/kiss-kill-2240\/\"><em>Kiss &#038; Kill<\/em><\/a> sowie <em>Knight &#038; Day<\/em> gab es zweimal schlanke, blonde Dummchen neben muskul\u00f6sen Superm\u00e4nnern zu sehen; dagegen wirkt das widerwillige, seinen Teenagerjahren auch schon entwachsene Paar in <em>The Ugly Truth<\/em> geradezu emanzipiert, obwohl sie trotz oberfl\u00e4chlicher Verbesserungen nicht viel weiter sind als Hudson und Day es seinerzeit waren. Und dann wiederum gibt es \u00e4ltere Herrschaften wie in <em>It&#8217;s Complicated<\/em>, bei denen die Unabh\u00e4ngigkeit der Frau von den M\u00e4nnern sich nicht aufs Materielle beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Wenn man an eine Verbindung zwischen dem Kino und der Realit\u00e4t glaubt, wenn hier also auch ein wenig Weltbeschreibung geschieht, wird schon \u00fcberdeutlich, dass die Welt nicht mehr in Ordnung ist wie fr\u00fcher, oder genauer: jedenfalls nicht mehr in einer Ordnung. Stattdessen stehen sich hier viele, auch widerspr\u00fcchliche Lebensentw\u00fcrfe gegen\u00fcber, fast wie im wirklichen Leben. Man kann das negativ postmoderne Beliebigkeit oder Orientierungslosigkeit schimpfen, oder sich \u00fcber Vielfalt und Freiheit freuen. (Und nat\u00fcrlich gab es das fr\u00fcher auch schon. Aber das ist eine andere Geschichte.)<\/p>\n<p>Wenige Kom\u00f6dien haben solche Entw\u00fcrfe in den letzten Jahren sch\u00f6ner und witziger aufeinanderprallen lassen als Will Glucks <em>Easy A<\/em>, in der die fabul\u00f6se Emma Stone als Olive zum Tratschzentrum ihrer High School wird, nachdem sie vorgespielt hatte, ein schwuler Freund habe Sex mit ihr gehabt. Konstrukt und Sympathien dieses Films stehen ganz in der Tradition der Highschoolfilme von John Hughes und haben wenig zutun mit Machwerken wie <em>She&#8217;s All That<\/em>, die die weibliche Hauptfigur ostentativ in den Mittelpunkt des Geschehens r\u00fccken, damit sich der Mann umso besser an sie heran entwickeln und bilden kann.<\/p>\n<p><em>Easy A<\/em> hingegen hat eine Protagonistin, die ihr Schicksal immer selbst in die Hand nimmt \u2013 und Jungs kommen darin zwar auch vor, aber davon l\u00e4sst sie sich ihr Leben und ihr Denken nicht bestimmen. (Das coolste Elternpaar, das man im Kino seit langem zu sehen bekam, hat der Film au\u00dferdem.) Bei allem Gerede um Sex aber \u2013 denn darum geht es in den Ger\u00fcchten um Olive: mit wem sie wann, wie viel oder gar: f\u00fcr wie viel Sex hatte \u2013 weicht der Film der Sexualit\u00e4t seiner Protagonistin aber weitr\u00e4umig aus. Ganz jungfr\u00e4ulich und damit h\u00f6chst unbedrohlich ist die junge Dame \u2013 so kann sie auch der b\u00f6sen Ger\u00fcchte ganz unschuldiges Opfer sein.<\/p>\n<h2>Vom Horror, eine Vagina zu haben<\/h2>\n<p>Es ist dann schlie\u00dflich der Horrorfilm, der sich die vielleicht ehrlichsten Blicke ins gesellschaftliche Unbewusste erlaubt, der f\u00fcr Vorstellungen von weiblicher Sexualit\u00e4t, nicht zuletzt das Geheimnis von Schwangerschaft und Geburt, oft nur wenig angenehme Bilder findet \u2013 von <em>Alien<\/em> bis <a href=\"https:\/\/taz.de\/!425508\/\"><em>Splice<\/em><\/a>, von <em>Species<\/em> bis <em>Brain Dead<\/em> geht es in komplexen Bild- und Gedankenwelten um Fortpflanzung und Mutterschaft von bedrohlich bis grotesk (und, die \u00c4lteren werden sich erinnern, schon in <em>Psycho<\/em> spielte das ja eine gewisse Rolle), w\u00e4hrend auf der anderen Seite eine Horrorkom\u00f6die wie <a href=\"http:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=661\"><em>Doghouse<\/em><\/a> eine an den Haaren herbeigezogene Handlung verwendet, um das weibliche Geschlecht und seine Emanzipationsbestrebungen ordentlich in die Schranken zu weisen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=4549\"><em>Teeth<\/em><\/a> nun ist ein Film, der komische Elemente des Highschoolfilms nimmt und sie so mit groteskem K\u00f6rperhorror vermischt, dass etwas ganz und gar Eigenes und Eigenartiges dabei herauskommt. (Er ist damit eigentlich sehr nahe am gef\u00e4lligeren und zugleich zielloseren <a href=\"https:\/\/www.critic.de\/film\/jennifers-body-1905\/\"><em>Jennifer&#8217;s Body<\/em><\/a> von Karyn Kusama und Diablo Cody, dessen kom\u00f6diantische Aspekte allerdings meist v\u00f6llig untersch\u00e4tzt werden.) Mitchell Lichtensteins Film erz\u00e4hlt von einer feministischen Selbsterm\u00e4chtigung, die ganz und gar direkt \u00fcber die Sexualit\u00e4t der Protagonistin Dawn (Jess Weixler) vermittelt wird \u2013 aber anders als in vielen \u00e4hnlichen Geschichten wird die Frau hier nie wirklich zum Opfer.<\/p>\n<p>Die Komik des Films liegt meines Erachtens gerade darin, dass er diese Erwartung durchbricht und seine Hauptfigur mit ganz eigenen F\u00e4higkeiten ausstattet, die sie im Laufe des Films immer pr\u00e4ziser und selbstbewusster einzusetzen versteht. Das Lachen richtet sich dann immer gegen jene, die noch glaubten, die alten Machtverh\u00e4ltnisse best\u00fcnden noch \u2013 w\u00e4hrend das Leben l\u00e4ngst seinen eigenen, anderen Weg genommen hat.<\/p>\n<p>Dawns erwachende Sexualit\u00e4t (ihr Vorname ist nat\u00fcrlich kein Zufall), mit der sie sich anfangs \u00fcberhaupt nicht besch\u00e4ftigen will, ist tats\u00e4chlich eine Gefahr \u2013 aber nicht die, vor der sie selbst sich immer gewarnt hat. Stattdessen st\u00fcrzt sie den die Macht repr\u00e4sentierenden (aber schon in der feministischen Theorie nie real besitzenden) Phallus ganz wortw\u00f6rtlich, und mit ihm auch die Verh\u00e4ltnisse. Und wenn dann einer der vielen M\u00e4nner im Film zu ihr sagt, wiederholend was so viele Vergewaltiger zu ihren Opfern schon sagten: \u201eYour mouth is saying one thing, but your sweet pussy is saying something very different\u201c \u2013 dann bereitet er damit nur den Moment vor, in dem er merken muss, dass bei Dawn beide mit einer, sehr deutlich vernehmbaren Stimme sprechen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Essay war am 18. Januar 2011 zuerst im Blog des International Comedy Film Festivals erschienen, das inzwischen offline ist. Anlass war das Screening des ph\u00e4nomenalen kleinen Meisterwerks Teeth. Der Text ist hier unver\u00e4ndert wiedergegeben. Fr\u00fcher, da war die Welt noch in Ordnung. Da waren es Drei M\u00e4nner im Schnee, die sich in kom\u00f6diantische Verstrickungen&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/buttkickingbabes.de\/?p=8038\"><span class=\"screen-reader-text\">Und das Weibsbild, das hat Z\u00e4hne &#8230;<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,2013,1451],"tags":[1337,1040,154,110,598,1002],"class_list":["post-8038","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-butt-kicking-babes","category-essays","category-icoff-2011","tag-comedy-film-festival","tag-comedyfilmfestival","tag-feminismus","tag-horrorfilm","tag-icoff","tag-teeth","entry"],"wp-worthy-pixel":{"ignored":false,"public":"d9dfd12614cc437e8f2aa7379837b240","server":"vg07.met.vgwort.de","url":"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/d9dfd12614cc437e8f2aa7379837b240"},"wp-worthy-type":"normal","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8038","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8038"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8038\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8043,"href":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8038\/revisions\/8043"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8038"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8038"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/buttkickingbabes.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8038"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}