16ème Étrange: Vampires (2010)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

Den belgischen Film Vampires als Vampirkomödie zu beschreiben, ist zwar einerseits insofern zutreffend, als er sich einen komischen Zugang zum Sujet Vampir sucht, verfehlt den Film aber insofern, als er dies völlig anders betreibt als etwa (Namensverwandtschaften jetzt einmal ignorierend) Suck oder Vampires Suck.

Vampires ist stattdessen ein Mockumentary, ein konsequent als Dokumentarfilm verkleideter Blick auf die (natürlich fiktionale) Vampirgesellschaft in Belgien am Beispiel zweier in einem Haus zusammenlebenden Vampirfamilien.

Vincent Lannoo läßt seinen Film mit einigen Texttafeln beginnen, die von den schwierigen und sogar tödlichen Versuchen berichten, diesen Film zu drehen – meistens wurde die Crew zum Hauptgericht der zu Portraitierenden. Nun aber sei man beim dritten Mal und unter großen Sicherheitsvorkehrungen endlich erfolgreich gewesen – und widme den Film gerne den bei seiner Entstehung Verstorbenen.

Solcherlei schwarzer Humor findet sich später noch öfter; er zieht seine Kraft vor allem daraus, daß hier eine bürgerliche Normalität konstruiert und gezeigt wird, die allerdings mit den Wertvorstellungen und vor allem aber: Ernährungsgewohnheiten der Vampire kollidiert. Da ist dann die Käfighaltung von illegalen Einwanderern plötzlich nicht mehr unmoralisch, sondern Bestandteil der Nahrungskette; die Vampire sind wie Reinigungskräfte für die Population, erzählt der eine. Und um die dahinter kaum verborgene politische Ebene noch zu verstärken, schwadroniert eine andere Vampirin von Reinheit und Sittenverfall.

Dazwischen walzt Vampires noch eine Idee aus, die in Daybreakers (meine Kritik) nur ganz am Anfang durchschien: Was passiert eigentlich, wenn man mitten in der Pubertät zum Vampir wird, wenn man die dauernden Hormonschübe nicht mehr loswird? Hier trifft es die „Tochter“ der Familie, stets in Rosa, aber stets verzweifelnd. (Allein die Szene, in der sie sich scheckig über einen rosa Sarg freut, darf man sich nicht entgehen lassen.) Wie also, das ist ja das in Daybreakers nicht ganz zu Ende gedachte Problem, geht man in der potenziell ewigen Unsterblichkeit mit den Problemen und Sorgen des Alltags um?

Darauf sucht Vampires wenigstens einige Antworten. Mit einer Mischung aus „Talking Heads“ und immersiv dokumentarischem Stil ahmt der Film dabei ziemlich effektiv derzeit gängige Dokumentarstile nach – und gibt ihnen, gerade bei den ethisch fragwürdigen Momenten, einen schalen Beigeschmack. Und das ist natürlich die wahre Größe: Daß einem das Lachen gelegentlich im Halse stecken bleibt. Dort also, Sie wissen schon, wo die Vampire vermutlich beißen werden. (Wobei, der Hals, scheint es mir nach Sichtung dieses Films, ist wohl dem Familienoberhaupt vorbehalten.)

Foto: Fantasy Filmfest

16ème Étrange: Suck (2009)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

Wo wir schon bei Vampirkomödien sind: Suck dürfte in diesem Subgenre zu den etwas interessierter erwarteten Filmen gehört haben, bevor er jetzt auf dem Fantasy Filmfest auch in Deutschland und hier in Paris beim L’Étrange Festival zu sehen war.

Eine kleine kanadische Band, die seit vermutlich ewigen Zeiten herumtouren, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen, werden plötzlich erfolgreich, nachdem zuerst ihre Bassistin und dann auch die männlichen Mitglieder zu Vampiren werden. Allerdings sind nicht alle Beteiligten besonders glücklich mit dieser Entwicklung.

Die Handlung von Suck ist nicht besonders aufregend, zumal sie ohne große Höhepunkte und dramatische Zuspitzungen so dahinerzählt wird. Wenn man so will, ist das die Geschichte, die Jennifer’s Body im Hintergrund nicht (oder jedenfalls nicht so) erzählt (allerdings mit Vampirismus statt Dämonen, dafür auch hier mit einer Jennifer): Wie es der Band ergeht, die den Pakt mit dem Teufel schließt. Suck macht daraus eine schwärzliche Komödie, die man sich vor allem deshalb gerne ansehen mag, weil sie bei kurzer Filmzeit flott erzählt ist und durch reichliche Musikbeigaben sehr palatabel.

Die Musik kommt nicht nur von der Film-Band The Winners, sondern auch von zahlreichen Größen des Rockgeschäfts, die Autor/Regisseur/Hauptdarsteller Rob Stefaniuk irgendwie davon überzeugen konnte, hier mitzuspielen: Moby, Alice Cooper, Iggy Pop… und Malcolm McDowell spielt „Eddie Van Helsing“, einen einäugigen, versoffenen Vampirjäger, was ihm offenbar große Freude bereitet. Mit Lust spielt auch Dmitri Coats den Vampir Queeny, der den Stein ins Rollen bringt; er wirkt dabei stets wie Johnny Depps Mad Hatter aus Speed.

Ansonsten verbringt Stefaniuk viel Zeit damit, seine Hauptdarstellerin Jessica Paré als Vampirin ins rechte Licht (gerne überstrahlt) zu setzen und verführerisch auf die Leinwand zu bringen. In welcher Konsequenz er das betreibt, ist schon fast wieder amüsant für sich. Suck ist ein grundsympathischer Film, der über seine Schau- und Hörwerte ganze anderthalb Stunden lang trägt. Dann ist Schluß, und dann ist auch gut.

Foto: Fantasy Filmfest

Vampires Suck (2010)

Ein Geständnis: Nein, ich habe Vampires Suck nicht ganz gesehen. Das hat einen ganz einfachen Grund: Ich halte diesen schlaff herabhängenden, völlig bedeutungslosen Humor nicht aus, er knattert in meinem Kopf laut als verrinnende Lebenszeit.

Es ist ja nicht so, als ob das Filmprojekt, die meiner Meinung nach eher minder aufregenden Twilight-Filme aufs Korn zu nehmen, nicht ohne Meriten und Möglichkeiten wäre. Worauf Marcus schon hingewiesen hat (dessen Besprechung für blairwitch.de ich zu diesem Film gerne als Verweisstelle und Referenz anführe): Allein sich die verklemmte Sexualmoral der Franchise mal vorzuknöpfen, daraus ließe sich reichlich Stoff für einen Spoof, eine Parodie, oder auch nur: einen guten Film ziehen. Aber Vampires Suck, der für den deutschen Verleih den nicht wesentlich originelleren Titel Beilight – Biss zum Abendbrot bekommen hat, läßt praktisch alle Chancen für etwas tiefgründigeren Humor links liegen und greift stets zum offensichtlichsten, vorhersehbarsten und flachsten Klamauk.

Irgendwo dadrin stecken zwar ein paar absurde Gaga-Momente (wie wenn Edward im Wald die über dem Kaninchenbau grübelnde Alice [die aus dem Wunderland] erschießt) und Scherze, die mediale Konstrukte („You’re staring at each other in slow motion!“) und Rezeptionsphänomene („Team Edward“ und „Team Jacob“ greifen aktiv in den Kampf ein) tatsächlich reflektieren; aber das bleiben einzelne Momente, nie wird ein erhellender Gedanke daraus. Der Film fühlt sich so fahl, so lustlos dahingerotzt und auf Profit ausgerichtet an: Ich kann mich nur mit Grauen abwenden.

Foto: 20th Century Fox

FFF 2009: Lesbian Vampire Killers (2009)

Alle Beiträge zum Fantasy Filmfest 2009 unter dem Tag FFF2009

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Was sich der durchschnittlich verunsichert heterosexuelle Mann so gerne mal unter weiblicher Homosexualität vorstellt, dürfte schon bei oberflächlicher Betrachtung des Angebots im entsprechenden Pornographiesegment mehr als offenbar sein: Junge, schlanke Damen mit langen Haaren, die sexuell zwar dem eigenen Geschlecht zugetan, einem hinzukommenden Mann aber auch nicht abgeneigt sind.

Sieht man von letzterem Element ab, ist es diese realitätsfreie Phantasievorstellung, die der Welt von Lesbian Vampire Killers (2009) zugrunde liegt. Das „Lesbian“ im Titel (das auf der britischen DVD schon mal gerne schamvoll verhüllt wird, als sei Homosexualität etwas unanständiges) bezieht sich dabei strikt auf die Vampirinnen des Films, welche allesamt Biss für Biss von der Vampirfürstin Carmilla – wir befinden uns hier, nota bene, im Bereich britischen Humors, wo der Bezug zu Camilla Parker-Bowles nicht weit sein dürfte – nicht nur zum Blutsaugen, sondern eben auch gleich zur jugendfreien Cartoonpornofassung weiblicher Homosexualität bekehrt wurden. (Männern geht es an den Kragen.)

Lesbian Vampire Killers geht dabei in der Entkleidung seiner Protagonistinnen (vampirisch and otherwise) stets so weit, wie es möglich ist, ohne irgendein primäres oder sekundäres Geschlechtsmerkmal wirklich zu entblößen. Das alles zur Freude insbesondere von Fletch (James Corden), einem der beiden jungen Männer, die sich auf einem eher unmotiviert begonnenen Wanderurlaub mitten in dem kleinen, von Carmillas Fluch gebeutelten Dorf Cragwich wiederfinden. Und während sein braver Kumpel Jimmy (Mathew Horne) ob der wiederholten Trennung von seiner Freundin leidet, lechzt Fletch alsbald der Gruppe schwedischer Studentinnen hinterher, die in einem VW-Bus durchs Dorf tuckern, wo sie sich mit lokalen Mythen und insbesondere der Geschichte von Carmilla beschäftigen. (Besonders intellektuell wirken die Damen, mit einer Ausnahme, leider nicht, aber, hey, das hier ist Spaßkino, nicht Logikkino.)

Der Film wandelt sich alsbald, wenn die Sonne untergegangen ist, zu einer fröhlichen Vampirjagdsplatterkomödie, das Ganze ist flott inszeniert, einigermaßen witzig und wirklich sehr erträglich. Und wenn die Vampirkörper dann mit Beilen, Pfählen und dergleichen final traktiert wurden, sondern sie in Fontänen eine weißlich-schleimige Substanz ab. Ob die nur nicht rot sein durfte, um einer harscheren Altersfreigabe zu entgehen, oder ob doch das hier unterschwellig immer präsente Sexuelle eine Rolle spielt? Jedenfalls bekommt die Spritzer vor allem Fletch ab, der nur die logische Konsequenz fürchtet, es demnächst mit einem schwulen Werwolf zu tun zu bekommen. Go figure.

Mit der hemmungslos und vergeblich auf der Suche nach dem weiblichen Geschlecht befindlichen Fletch setzt der Film natürlich zugleich der angepeilten Zielgruppe eine ziemlich unverstellte Spiegelung vor die Augen – und offenbart, daß er um seine eigenen psychosexuellen Voraussetzungen weiß. So entkommt der Film auch einigermaßen sicher all den geschmacklichen Untiefen, die er für seine Scherze aber dennoch ausloten muß.

Mit dem Erlösung versprechenden und als Griff mit einem Dildo versehenen magischen Schwert vergreift sich das Team um Regisseur Phil Claydon dann am Schluß doch noch gänzlich im Ton, aber pubertärer denkende Zuschauer werden auch diese unausgegorene Pointe sicher zu schätzen wissen. Am Ende dann gibt es zwar für den Vampirismus eine Lösung, die Homosexualität der jungen Damen aber ist nicht rückgängig zu machen. Sie ist ja auch schließlich keine Krankheit.

[Daß der Film hier auch unter der Kategorie „Butt-kicking Babes“ erscheint, ist zwar nur gerade so zu rechtfertigen, hat aber durch die Schlagkraft der von MyAnna Buring (The Descent, Doomsday, et al.) gespielten Figur Lotte seine einigermaßen mühsame Begründung.]

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2009: Blood: The Last Vampire (2009)

Dieser Text setzt eine Reihe zu Filmen fort, die auf dem Fantasy Filmfest 2009 zu sehen sein werden und hier in Frankreich dankenswerterweise schon zu sehen bzw. zu haben waren. Alle Beiträge zum FFF 2009 unter dem Tag FFF2009

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Die Position, die Schwerter und andere Waffen schwingende Heroinnen im asiatischen Kino innehaben, historisch verortet und anderweitig präzisiert, ist mir leider noch nicht vollständig klar. (Lese- und Sehhinweise werden in den Kommentaren und per Mail wirklich sehr gerne entgegengenommen.) Aber schon nur oberflächliche Betrachtung zeigt: Da gibt es offenbar eine Vorgeschichte, die der Westen in dieser Art nicht kennt, und sie wäre wahrscheinlich ein eigenes Buch wert. Aber das nur am Rande.

Ein Beispiel für diesen, scheint’s, unaufgeregt selbstverständlichen Heldinnentypus ist nun Saya, die in Blood: The Last Vampire (2009) im Japan der frühen 1970er Jahre auf Vampir- bzw. Dämonenjagd geht. (Die auch begriffliche Durchlässigkeit zwischen den Konzepten „Dämon“ und „Vampir“ bzw. „Blutsauger“ ist in diesem Film für meine westlichen Augen und Ohren eigenartig.) Der Film beruht auf dem gleichnamigen Anime-Film aus dem Jahr 2000, der dann wiederum Mangas, Romane und eine Fernsehserie nach sich zog. (Nähere Infos zu den diversen Abschweifungen in der in dieser Hinsicht wie stets ausführlichen englischsprachigen Wikipedia.)

Saya, die offenbar selbst halb menschlich, halb Vampir ist, jagt die Dämonen für eine geheimnisvolle Organisation, die sie im Ausgleich vor allem mit Blut versorgt. Ihre Suche nach einer besonders mächtigen Dämonin führt sie auf eine US-Airforce-Basis in Japan, wo sie zur (allerdings ziemlich stümperhaften) Tarnung auf die amerikanische Schule geschickt wird. Nach den ersten blutigen Schwertkämpfen vor Ort findet sie sich ohne große Begeisterung in einer Schicksalsgemeinschaft mit der Tochter des kommandierenden Generals wieder, bevor es schließlich zur großen Konfrontation mit den Blutsaugern kommt.

Die Handlung, man ahnt es schon, spielt hier eher eine Nebenrolle, die großzügigen Lücken, Logiklöcher und Drehbuchrevisionseffekte wurden nicht weniger großzügig übersehen oder durch viel Wums übertüncht. Immerhin spektakelt es hinreichend vor sich hin, daß die einigermaßen knackigen 90 Minuten tatsächlich nicht sonderlich langweilen. Da stört es, so man willig ist, unterhalten zu werden, eben nur bedingt, daß die Spezialeffekte weniger an großes Kino als an ein Computerspiel gemahnen und daß der finale Plottwist natürlich keiner ist, sofern man vorher nicht komplett geschlafen hat.

Saya (ohne allzu großes Gefühlsrepertoire gegeben von Gianna Jun) ist, hat man den Blick fest aufs amerikanische Mainstreamkino gerichtet, vielleicht noch am ehesten eine Wiedergängerin von Blade, ein „Halbblut“, das sich gegen seine schlechtere Hälfte brachial zur Wehr setzt. Man sähe auch an Saya allerdings lieber robustes Leder anstelle der doch recht knappen Schulmädchenuniform, die ihr die Handlung mühsam herbeierfindet.

Während aber Wesley Snipes‘ sehr amerikanischer Vampir permanent mit seiner eigenen Gefährlichkeit hadert, leidet Saya unter stärker nach innen gerichteten Zweifeln (darf man sagen: an „weiblicheren“ Zweifeln?) nach ihrer eigenen Verfaßtheit, ihrer inneren Konstitution, die sich aus ihrer Doppelnatur ergibt. Habe ich eine Seele? ist Sayas Frage auf der Suche nach sich selbst; für einen wie Blade stellt sich diese Frage nicht. Und so erledigt er den Kampf mit seiner Mutter auch letztlich ohne großes Federlesen; bei Saya ist dieser Konflikt existenzieller, auch wenn ihr Film sich zu echter Komplexität letztlich nicht aufraffen mag.

Foto: Fantasy Filmfest