Und das Weibsbild, das hat Zähne …

Dieser Essay war am 18. Januar 2011 zuerst im Blog des International Comedy Film Festivals erschienen, das inzwischen offline ist. Anlass war das Screening des phänomenalen kleinen Meisterwerks Teeth. Der Text ist hier unverändert wiedergegeben.

Früher, da war die Welt noch in Ordnung. Da waren es Drei Männer im Schnee, die sich in komödiantische Verstrickungen begaben, und am Ende blieb nicht nur das soziale Gefüge zwischen Herr und Diener unangetastet, der junge Mann bekam auch noch die Tochter des Alten zur Frau. Und es gab natürlich Ein Pyjama für Zwei, in dem sich Rock Hudson und Doris Day zwar auf scheinbarer Augenhöhe begegnen – beide als Angestellte unterschiedlicher Werbeagenturen – aber dann schließlich doch sich die Frau dem Mann in den Arm wirft, und natürlich nicht umgekehrt.

Aber, ach, so sind die Zeiten nun nicht mehr. Heutzutage bleibt den Männern in den Komödien manchmal sogar nur die Rolle des sympathischen Losers, oft genug jedenfalls sehen sie sich mit aufmüpfigen Frauen konfrontiert, die ihnen die Position an der Spitze von Gesellschaft und Schöpfung streitig machen.

So ist das in Made in Dagenham (jetzt als We Want Sex in deutschen Kinos), in dem britische Arbeiterinnen sich dagegen wehren, das sie schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen; und so ist das auch, auf der anderen Seite der sozialen Verhältnisse, in Potiche (Das Schmuckstück) von François Ozon: Da muss die Frau eines Fabrikbesitzers eher notgedrungen als gerne die Zügel in der Regenschirmfabrik in die Hand nehmen – und dann will sie sie gar nicht mehr loslassen. (Ganz nebenbei ist Potiche ein Film, der zeigt, wie sehr und wie gut gelaunt die französischen Regisseure ihre Grandes Dames des Kinos zu inszenieren und zu feiern verstehen.)

Es ist vielleicht kein Zufall, dass diese Filme beide in der Vergangenheit spielen, in Welten zumal, die womöglich politisch und ideologisch noch etwas einfacher, durchsichtiger waren (oder jedenfalls im Film so wirken), mit klareren Grenzen und schärferen Regeln. Für soziale und politische Auseinandersetzungen der Gegenwart lassen sich meist nicht so entspannte Bilder und Wortgefechte finden, weshalb sie als zentrale Themen wohl noch am ehesten in schwarze Komödien Eingang finden – man denke nur an Four Lions – oder in humoristisch gedrehten Dokumentarfilme à la Michael Moore. In beiden Fällen aber nährt sich das Lachen aber wohl oft genug vor allem aus der Verzweiflung, wie schlimm die Verhältnisse wirklich sind.

Love is a battlefield

Das heißt nun aber keineswegs, dass die Frauen- und Männerbilder der Gegenwart kein Thema des Kinos wären – das Gegenteil ist selbstverständlich der Fall, nur wird eben in den allermeisten Fällen die Emanzipation selbst nicht thematisiert, wird, aufs Politische gesprochen, die Feminismusfrage nicht gestellt. Zugleich ist aber ein bestimmtes Genre wie womöglich kein zweites dafür geeignet, den Stand des Verhältnisses der Geschlechter zeit- und kulturgenau zu präsentieren: die Romantische Komödie.

Sie ist ja auch bestens dafür geeignet. In ihrer meistverbreiteten, heterosexuellen Variante steht ja gerade ein (Bald-, Nochnicht-, Nichtmehr-)Paar im Zentrum der Aufmerksamkeit, in dem zwar nicht durchschnittlich und typisch, aber eben doch: beispielhaft ein Mann und eine Frau aufeinander treffen. Mit ihnen treffen aber zugleich eben „die Verhältnisse“ aufeinander, Machtgefüge und Beziehungsmuster: Selbst wenn eine solche Komödie nicht dazu gedacht (und wahrscheinlich auch nicht geeignet) ist, die bestehenden Statūs Quo aufzubrechen, so sind sie doch dazu geeignet, sie zu repräsentieren, will sagen: aufzuzeigen.

Darin wird dann das eigentlich Exemplarische nämlich in der Tat schnell zu einer Form der Wirklichkeitsbeschreibung in allen Spielarten der Gegenwart: In den Actionkomödien Kiss & Kill sowie Knight & Day gab es zweimal schlanke, blonde Dummchen neben muskulösen Supermännern zu sehen; dagegen wirkt das widerwillige, seinen Teenagerjahren auch schon entwachsene Paar in The Ugly Truth geradezu emanzipiert, obwohl sie trotz oberflächlicher Verbesserungen nicht viel weiter sind als Hudson und Day es seinerzeit waren. Und dann wiederum gibt es ältere Herrschaften wie in It’s Complicated, bei denen die Unabhängigkeit der Frau von den Männern sich nicht aufs Materielle beschränkt.

Wenn man an eine Verbindung zwischen dem Kino und der Realität glaubt, wenn hier also auch ein wenig Weltbeschreibung geschieht, wird schon überdeutlich, dass die Welt nicht mehr in Ordnung ist wie früher, oder genauer: jedenfalls nicht mehr in einer Ordnung. Stattdessen stehen sich hier viele, auch widersprüchliche Lebensentwürfe gegenüber, fast wie im wirklichen Leben. Man kann das negativ postmoderne Beliebigkeit oder Orientierungslosigkeit schimpfen, oder sich über Vielfalt und Freiheit freuen. (Und natürlich gab es das früher auch schon. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Wenige Komödien haben solche Entwürfe in den letzten Jahren schöner und witziger aufeinanderprallen lassen als Will Glucks Easy A, in der die fabulöse Emma Stone als Olive zum Tratschzentrum ihrer High School wird, nachdem sie vorgespielt hatte, ein schwuler Freund habe Sex mit ihr gehabt. Konstrukt und Sympathien dieses Films stehen ganz in der Tradition der Highschoolfilme von John Hughes und haben wenig zutun mit Machwerken wie She’s All That, die die weibliche Hauptfigur ostentativ in den Mittelpunkt des Geschehens rücken, damit sich der Mann umso besser an sie heran entwickeln und bilden kann.

Easy A hingegen hat eine Protagonistin, die ihr Schicksal immer selbst in die Hand nimmt – und Jungs kommen darin zwar auch vor, aber davon lässt sie sich ihr Leben und ihr Denken nicht bestimmen. (Das coolste Elternpaar, das man im Kino seit langem zu sehen bekam, hat der Film außerdem.) Bei allem Gerede um Sex aber – denn darum geht es in den Gerüchten um Olive: mit wem sie wann, wie viel oder gar: für wie viel Sex hatte – weicht der Film der Sexualität seiner Protagonistin aber weiträumig aus. Ganz jungfräulich und damit höchst unbedrohlich ist die junge Dame – so kann sie auch der bösen Gerüchte ganz unschuldiges Opfer sein.

Vom Horror, eine Vagina zu haben

Es ist dann schließlich der Horrorfilm, der sich die vielleicht ehrlichsten Blicke ins gesellschaftliche Unbewusste erlaubt, der für Vorstellungen von weiblicher Sexualität, nicht zuletzt das Geheimnis von Schwangerschaft und Geburt, oft nur wenig angenehme Bilder findet – von Alien bis Splice, von Species bis Brain Dead geht es in komplexen Bild- und Gedankenwelten um Fortpflanzung und Mutterschaft von bedrohlich bis grotesk (und, die Älteren werden sich erinnern, schon in Psycho spielte das ja eine gewisse Rolle), während auf der anderen Seite eine Horrorkomödie wie Doghouse eine an den Haaren herbeigezogene Handlung verwendet, um das weibliche Geschlecht und seine Emanzipationsbestrebungen ordentlich in die Schranken zu weisen.

Teeth nun ist ein Film, der komische Elemente des Highschoolfilms nimmt und sie so mit groteskem Körperhorror vermischt, dass etwas ganz und gar Eigenes und Eigenartiges dabei herauskommt. (Er ist damit eigentlich sehr nahe am gefälligeren und zugleich zielloseren Jennifer’s Body von Karyn Kusama und Diablo Cody, dessen komödiantische Aspekte allerdings meist völlig unterschätzt werden.) Mitchell Lichtensteins Film erzählt von einer feministischen Selbstermächtigung, die ganz und gar direkt über die Sexualität der Protagonistin Dawn (Jess Weixler) vermittelt wird – aber anders als in vielen ähnlichen Geschichten wird die Frau hier nie wirklich zum Opfer.

Die Komik des Films liegt meines Erachtens gerade darin, dass er diese Erwartung durchbricht und seine Hauptfigur mit ganz eigenen Fähigkeiten ausstattet, die sie im Laufe des Films immer präziser und selbstbewusster einzusetzen versteht. Das Lachen richtet sich dann immer gegen jene, die noch glaubten, die alten Machtverhältnisse bestünden noch – während das Leben längst seinen eigenen, anderen Weg genommen hat.

Dawns erwachende Sexualität (ihr Vorname ist natürlich kein Zufall), mit der sie sich anfangs überhaupt nicht beschäftigen will, ist tatsächlich eine Gefahr – aber nicht die, vor der sie selbst sich immer gewarnt hat. Stattdessen stürzt sie den die Macht repräsentierenden (aber schon in der feministischen Theorie nie real besitzenden) Phallus ganz wortwörtlich, und mit ihm auch die Verhältnisse. Und wenn dann einer der vielen Männer im Film zu ihr sagt, wiederholend was so viele Vergewaltiger zu ihren Opfern schon sagten: „Your mouth is saying one thing, but your sweet pussy is saying something very different“ – dann bereitet er damit nur den Moment vor, in dem er merken muss, dass bei Dawn beide mit einer, sehr deutlich vernehmbaren Stimme sprechen.

War Cat – Angel of Vengeance (1987)

Tina Davenport zieht in die alte Berghütte ihres verstorbenen Vaters, um ein Buch über ihn zu schreiben. Außerhalb der kleinen Ortschaft hat sich allerdings eine Gruppe von Survival-Fanatikern niedergelassen, die sich mit Waffen und Vorräten versehen – nicht eben die psychisch stabilsten Gesellen. Einer von ihnen, Manny, versucht mehrfach, Tina zu belästigen. Als die Gruppe einen Konflikt mit einer Gruppe Motorradfahrer gewaltsam auflöst, fallen alle Hemmungen: Manny nimmt neben einer anderen Frau auch Tina gefangen. Dem Subgenre gemäß folgt auf Rape dann Revenge: In den Bergen rund um das Lager nimmt sich Tina, die alle für leichte Beute halten, bei einer Menschenjagd einen nach dem anderen die Männer vor. Regisseur Ted V. Mikels ist nicht unbedingt für Zurückhaltung bekannt, aber in diesem routiniert, wenn auch dramaturgisch eigenwillig abgedrehten Streifen werden die Vergewaltigungen glücklicherweise ausgeblendet. Dafür geht es bei der Gewalt so explizit zu, dass der Film bis 2012 auch in geschnittener Fassung noch indiziert wurde. Nun gibt es den Film aus dem Jahr 1987 als Uncut-Version in wenig aufregender Bild- und Tonqualität; die Referenzen auf z.B. „Rambo“ sind aber gleichwohl überdeutlich. Leider ist das der einzige Film, an dem Hauptdarstellerin Jannina Poynter mitgewirkt hat; ihre Dynamik würde man doch gerne noch öfter sehen.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Galaxina (1980)

An Bord des Polizeikreuzers Nr. 308 „Infinity“ ist die Arbeitsmotivation nicht eben besonders hoch. Hinter einem Felsbrocken versteckt lauert man auf vorbeizischende Raumschiffe wie Polizeiautos auf Raser in amerikanischen Highway-Komödien. Alles ist Parodie und atmet die stets leicht sexistische Humoristik seiner Zeit: Galaxina kommt, ein billigst produziertes Kleinod, direkt aus dem Jahr 1980 zu uns, nimmt alles aufs Korn, was das Sci-Fi-Kino der vorhergehenden Jahrzehnte so zu bieten hatte und einiges vorweg, das noch kommen sollte. Kapitän Cornelius Butt(!) spricht dauernd in sein Logbuch oder zwingt seine Offiziere zu elaborierten Abendessensimulationen (es gibt Nährpillen), die Form des Raumschiffs, die dem Vernehmen nach an eine Topinambur erinnern soll, evoziert de facto allerdings einen Penis. Es werden Wortspiele en gros gedroppt, die eklektische Musikauswahl bringt ein ironisches Highlight nach dem anderen, es tauchen Anspielungen auf Star Trek, Alien (in direktem Bezug auf eine bestimmte Essensszene), 2001 und viele andere Filme auf, von Barbarella zu schweigen: Die Titelfigur Galaxina ist eine Androidin, die von der rein männlichen Besatzung stets wolllüstig begafft wird – die erste Hauptrolle für Dorothy Stratten, die mehr wollte als Playboy-Model sein und mit 20 Jahren von ihrem Ehemann ermordet wurde.

Zwischendurch besucht die Crew ein in Sachen Lebensformen sehr diverses intergalaktisches Bordell, das Wild-West-Feeling ausstrahlt – man drehte in Kulissen, die für ein Western-Filmprojekt bereits bezahlt und aufgebaut waren. So gibt es als „Cantina“-Szene für die Star Wars-Enthusiast_innen das Interieur eines Western-Saloons, in dem es Menschenteile zu essen gibt und sich ein Setdesigner mit großer Freude an Wortspielen austoben durfte (inkl. „Tasty Tastebuds“ und „Knuckle Sandwich“). Wahrhaft mehrdimensionaler Quatsch höherer Ordnung.

Diese Kritik ist in kürzerer Form zuerst in der Deadline erschienen.

The Rookies (2019)

Ein geheimer Orden von Weltrettern rekrutiert Neulinge zum Weltretten – es gilt zu verhindern, dass ein Großteil der Menschen zu Pflanzen mutiert. The Rookies hält sich nicht lange mit Glaubwürdigkeitsfragen oder Zwischentönen auf: Es geht ums Ganze, es nimmt sich nicht besonders ernst, und zwischendurch werden Gliedmaße abgetrennt.

Milla Jovovich ist Bruce (ja, wirklich), Mitglied des „Phantomordens“, eine Spezialabteilung der Freimaurer (ja, wirklich), die einen wahnsinnig gewordenen Milliardär (David Lee McInnis) davon abhalten will, eine gefährliche Biowaffe auf die Menschheit loszulassen.

Auf eher absurden Wegen werden dafür der Freeclimber und Online-Star Zhao Feng (Talu Wang), die von der Gleichgültigkeit ihres Vorgesetzten extrem frustrierte Interpol-Polizistin Miao Yan (Sandrine Pinna) und ihr Freundeskreis rekrutiert (die Neulinge, die „Rookies“ des Titels). Erst in Hong Kong, später in Budapest versuchen sie den Bösewicht und seine Schergen mit halsbrecherischen Aktionen spektakulär zu stoppen. Es werden geheime Safes durch eher absurde Aktionen geöffnet, bei Verfolgungsjagden gehen nicht nur reihenweise Autos zu Bruch, und dann passieren Dinge, mit denen man wirklich nicht gerechnet hat.

Und damit meine ich noch nicht einmal die Weinbergschnecke, die herzzerreißend schreit (ja, wirklich), weil ihre Partnerin gerade weggerissen wurde. Nein, wir reden von Unglaublichkeiten auf Transformers-Niveau.

Das alles hat sehr starke xXx– und Fast and Furious-Vibes, aber nicht als straightes Actionkino mit Familienanschluss, sondern variiert als Groteske mit Splatteranschluss. Dies ist die Sorte Film, in der jemand garantiert den roten Knopf betätigt, wenn jemand anderes gerade gesagt hat: „Drück nicht auf den roten Knopf!“ In dem ein VW Beetle auf einmal zu einem Automonstrum wird, aber vorher noch niedlich mit den „Augen“ plinkert.

Regisseur Alan Yuen gibt in seinem Film wirklich alles. Zwischen wilden Kampfszenen gibt es Animationssequenzen und Computergrafiken. Das Hauptquartier des Bösewichtes ist ein Alptraum aus Stahl und blauem Licht, versteckt in einem Hügel über der ungarischen Hauptstadt. Dafür hat der Phantomorden sein geheimes Untergrund-Versteck quasi nebenan mitten auf einem Friedhof, auf dem dann in einer nächsten Szene als Exotismus-Zugabe zwei orthodoxe Juden spazierengehen. Jovovich verbringt die zweite Filmhälfte schweigend im Bett, macht am Schluss noch Werbung für chinesische Akupunktur und hat sich ihren Auftritt hoffentlich fürstlich entlohnen lassen.

The Rookies ist, wenn man es nicht ernst nimmt, ein großes, vor allem sehr absurdes Vergnügen mit einigen recht sehenswerten Actionsequenzen… nein, man sollte in einem Biowaffenlabor wirklich auf Nahkämpfe verzichten.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

SAS: Red Notice (2021)

Ruby Rose hat sich mit ihrer androgynen, markanten Erscheinung aktuell eine ganz eigene Nische für ihre Star Persona entwickelt: Als Allzweckwaffe im Actionkino, mal als etwas kühle, vage mysteriöse, aber freundliche Figur in Neben- und Hauptrollen wie in The Meg und The Doorman, mal als ans soziopathisch grenzende Killerin wie John Wick: Chapter 2 oder nun SAS: Red Notice. Hier ist sie Grace Lewis, designierte Erbin und Nachfolgerin des Gründers der „Black Swans“, einer Söldnertruppe, die rund um die Welt schmutzige Aufgaben übernimmt, mit denen die Regierungen nichts zu tun haben wollen. Nachdem Aufnahmen eines ihrer Massaker an die Öffentlichkeit gelangen, wird gegen Graces Vater und die „Schwäne“ ein Haftbefehl erwirkt, ein SAS-Team, mittendrin Tom Buckingham (Sam Heughan aus Outlander), stürmt ihr Anwesen. Grace entkommt mit einem Team und nimmt anschließend einen Zug im Eurotunnel nach Frankreich in Geiselhaft – just den, in dem Tom mit seiner Verlobten auf dem Weg nach Paris ist. Die Geiselnahme geht also nicht so glatt wie erhofft, und dann mischen sich auch noch zahlreiche Figuren mit unklaren Motiven ein…

SAS: Red Notice ist von Magnus Martens, der bisher vor allem TV-Erfahrung hat, recht routiniert in Szene gesetzt, auch wenn eine Geiselnahme in einem Zug natürlich etwas antiklimaktisch verläuft, wenn dieser fast die ganze Zeit in einem Tunnel stillsteht. Leider verliert man auch im begrenzten Tunnel leider gelegentlich die Übersicht, wer nun gerade wo was macht. Interessanter wird der Film aber durch seine Figuren, die keinem einfachen Gut-Böse-Schema folgen wollen: Hier wird Grace als Soziopathie in Menschenform gegen Tom gesetzt, der seinerseits keinerlei moralische Hürden kennt, die ihn am Töten hindern… Für ein richtiges Drama ist der Konflikt dann leider doch nicht komplex und scharf genug, zumal die Auflösung charakterlich ganz und gar nicht überzeugend ist. Etwas mehr Fokus, etwas weniger als zwei Stunden Laufzeit hätten dem Film gut getan.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Nikita – Staffel 1

Es gibt vielleicht nur eine begrenzte Zahl von Möglichkeiten, eine immer gleiche Geschichte zu erzählen. Und so durfte man mit einer gewissen Skepsis der neuen Serie namens Nikita entgegenschauen, in der Maggie Q die Titelheldin spielen sollte. Denn die Motive sind immer noch die gleichen wie einst in Luc Bessons gleichnamigem Film, aus dessen Motiven nicht nur ein Filmremake von John Badham (Codename: Nina) und eine Fernsehserie (Nikita) entstanden waren. Die Vorlagen beschreiben, wie Nikita nach einem Mord festgenommen und von einer fragwürdigen Organisation vor der Todesstrafe gerettet wird – unter der Bedingung, dass sie sich als Auftragskillerin verdingt. Die neue Serie des amerikanischen Senders The CW löst das Wiederholungsproblem dadurch, dass sie zu einem deutlich späteren Zeitpunkt beginnt: Die Titelheldin ist bereits erfolgreich aus der „Division“ genannten Organisation geflohen und bereitet von außen deren Zerstörung vor. Dabei bedient sie sich vor allem der jungen Neurekrutin Alexandra „Alex“ Udinov (Lyndsy Fonseca) und später ihres Ex-Lovers Michael (Shane West).

Man darf von der Neuvariation keine großen Wunder erwarten – Nikita bemüht sich gelegentlich, mit seinen vielen Verkleidungen und Variationen Serien wie Alias oder Dollhouse nachzustreben, ohne dass dieser Versuch je wirklich gelingt. Aber es gibt reichlich unterhaltsame und klug gedrehte Spielchen von Spionage und Gegenspionage, die dann durchaus auch jenseits der Actionsequenzen Spannung herstellen. Nebenbei geht es natürlich um Schuld und Sühne, und die Beziehungen der Hauptfiguren werden durch solche Verstrickungen nachhaltig durcheinander geworfen – was bis zur vierten und letzten Staffel der Serie, die ab November 2013 in den USA ausgestrahlt wird, für Bewegung sorgen soll. Genrefans werden an Nikita wenig Außergewöhnliches finden, zumal die Serie nicht weit über die üblichen Konventionen hinausgeht – aber ein solider Beitrag zum Phänomen der schlagkräftigen Agentinnen ist sie dann doch. Und von Lyndsy Fonseca möchte man anschließend eigentlich mehr sehen.

(Zuerst erschienen im September 2013 in der deadline #41.)
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Red Sniper – Die Todesschützin (2015)

In Russland ist bis heute der Zweite Weltkrieg, der „Große Vaterländische Krieg“, ein Identifikationspunkt, und diente schon in der Sowjetunion immer wieder der Selbstvergewisserung. Das reicht bis ins Kino hinein – und so wurde Red Sniper – Die Todesschützin ganz bewusst zum 70. Jahrestag des Sieges über Deutschland geplant – und hat doch einen ganz ungewöhnlichen Platz in seinem Genre.

Regisseur Sergey Mokritskiy erzählt – weitgehend am wahren Vorbild orientiert – die Geschichte der 1916 in der Ukraine geborenen Russin Ljudmila Pawlitschenko, die als „Lady Death“ in die Geschichte einging – bis heute ist sie die Scharfschützin mit den meisten bestätigten Tötungen. Die junge Frau wurde nicht zuletzt deshalb bekannt, weil die Sowjetunion sie 1942 auf PR-Tour durch Amerika schickte, wo sie sich unter anderem mit Eleanor Roosevelt, der Frau des damaligen US-Präsidenten anfreundete.

Diese Freundschaft dient auch als Aufhänger für die Geschichte, die in episodenhaften Rückblicken erzählt wird: aus Pawlitschenkos Studienjahren, ersten Gefechten, Verwundungen usw. Ein wenig schwingt immer die Liebe mit zu Offizieren und einem Arzt, es geht ein wenig um Sexismus und kaum ums Vaterland. Denn Mokritskiy macht den Krieg nicht zum Platz der Helden, sondern zu einer ziemlich ungemütlichen Angelegenheit, in der auch die Heldin schonmal fast den Verstand verliert und nach Ende der Kämpfe noch immer leidet: Ein Heldinnenepos mit Ecken und Kanten.

Und noch dazu eines mit einer spannenden Entstehungsgeschichte: Die ukrainisch-russische Koproduktion wurde noch mit der ukrainischen Regierung unter Janukowitsch vereinbart, und Mokritskiy, selbst Ukrainer, konnte bei den Dreharbeiten auf der Krim schon nicht mehr sicher sein, dass er sie dort auch würde vollenden können. Das klappte; aufgrund seiner Vorgeschichte wurde Red Sniper in Russland eher gemischt aufgenommen, zum Teil als „antirussische Propaganda“ beschimpft. Schade, denn er ist wirklich sehenswert.

Die Kritik ist zuerst 2016 in der Deadline erschienen.
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Heißer Verdacht – Staffeln 1-6

Die erste Folge beginnt mit einer falschen Fährte: der Detective, der da aus dem Auto steigt und die Ermittlungen übernimmt, wird nicht wirklich der Star der Serie sein, er stirbt in der ersten halben Stunde an einem Herzinfarkt. Jane Tennison sieht man zuerst auf der Damentoilette, und der Fokus verschiebt sich immer mehr auf sie – die erste weibliche DCI in der Mordkommission von Scotland Yard, und sie muss richtig betteln, um endlich einen Fall leiten zu dürfen.

Von den ersten Minuten an spielt also in Heißer Verdacht (Prime Suspect) die Position der Protagonistin als Frau am Arbeitsplatz eine zentrale Rolle (der Sexismus gegen sie ist nicht gerade ein Subplot), und das wird sich über alle sieben Staffeln der Serie, von denen jetzt immerhin die ersten sechs in einer schönen Box in Deutschland erschienen sind, fortsetzen – mit veränderten Vorzeichen. Die britische Serie ist keine klassische Krimiserie, bei der es nur um die Aufklärung eines Verbrechens geht. Heißer Verdacht ist stets auch ein Gesellschaftsporträt, in dem britische Großstädte nicht eben als angenehme Orte erscheinen, mehr noch aber ein genauer Blick auf das, was nebenher und hinter den Kulissen bei der Polizeiarbeit geschieht. Vor allem aber fokussiert die Serie ihren Blick in späteren Folgen immer mehr auf ihre Protagonistin, aus der Helen Mirren eine atemberaubend komplexe Person macht: widersprüchlich, arrogant, aufbrausend, eine rechte Nervensäge, aber eben auch lernfähig, professionell und fair: Eine Frau, die vor allem ihren Job gut machen will und sich gegen Männer und andere Hindernisse durchsetzen muss, um genau dies tun zu können.

Heißer Verdacht hat ein ungewöhnliches Format: die Staffeln in dieser Box wurden zwischen 1991 und 2003 ausgestrahlt (mit einer langen Pause nach der fünften) und bestanden meist aus zwei Folgen von jeweils etwa 100 Minuten Dauer – extrem verdichtetes, komplexes Kriminalkino ist das, wie es eben nur fürs Fernsehen geht, und eine der besten Krimiserien, die in Europa je produziert wurden.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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Everly – Die Waffen einer Frau (2014)

Reduktion. Konzentration. In einigen seiner besten Momente begrenzt sich das Kino selbst, setzt sich Grenzen wie auf einer Theaterbühne, enger vielleicht sogar. (Man denke nur an Rodrigo Cortés’ Buried – Lebendig begraben) Manchmal gerät das zu nachgerade an die aristotelische Dramentheorie gemahnende Einheit von Handlung, Raum und Zeit – und mit ein wenig schmutziger Fantasie, Theaterblut und beweglicher Kamera wird aus diesen Einheiten ein dynamisches Schlachtfest, eine dreckiges Kammerspiel der Gewalt, dem man nicht mehr ansieht, dass es eigentlich auf der räumlichen Stelle tritt.

Eine Einzimmerwohnung mit Bad, der Hausflur und die Ahnung benachbarter Appartements – mehr Raum braucht Everly nicht. Am Anfang stürzt eine misshandelte Frau in das Badezimmer, im Spülkasten der Toilette liegt eine Pistole… am Ende türmen sich die Leichen. Everly (Salma Hayek) wurde vom Yakuza Taiko (Hiroyuki Watanabe) als Gespielin gehalten – sie habe es, erklärt sie ihrer Mutter später, noch wesentlich besser gehabt als viele Mädchen, denen sie begegnet ist. Jetzt aber hatte sie sich einem Polizisten anvertraut, und Taiko hatte seinen Männern befohlen, sie zu vergewaltigen und umzubringen. Die rechnen allerdings nicht mit dem Überlebenswillen von Everly, und natürlich auch nicht mit der Pistole im Klo.

Seine Struktur entleiht Everly zum Teil dem Rape-Revenge-Subgenre, allerdings ist seine Heldin nicht eben typisch – denn eigentlich will sie sich gar nicht primär rächen, sondern nur raus, weg hier; aber bevor sie sich gesammelt hat, ist das Mietshaus umstellt, ein Entkommen vorerst unmöglich. So muss sie sich gegen Welle um Welle von Angreifern zur Wehr setzen; dem Tod springt sie gelegentlich nur mit wenigen Millimetern Abstand von der Schippe, und als einzigen Leidensgenossen hat sie einen reumütigen, tödlich verletzten Yakuza, der auf dem Sofa liegt und nicht mehr aufstehen kann.

Regisseur Joe Lynch hat bisher vor allem selbst kleinere Rollen vor allem in Horrorfilmen gespielt und ein paar kürzere Filme gedreht; sein einziger Langfilm vor Everly war Knights of Badassdom, dessen Produktionsgeschichte so chaotisch war, dass Lynch nichts mehr mit dem (ziemlich enttäuschenden) Endergebnis zu tun haben möchte. Über Everly weiß man von keinen solchen Streitereien, und in der Tat gibt es hier nichts, wofür sich Lynch schämen müsste.

Zugegeben, das Konzept und seine konsequente Weiterführung ermüden über die vollen anderthalb Stunden dann doch ein wenig. Auch wenn Lynch Grausamkeit auf Grausamkeit türmt, immer fiesere (und an einer Stelle geradezu surreal überzogene) Bösewichte auftreten lässt und seine Heldin prüft, bis der Boden rutschig wird vom vielen Blut: Irgendwann verliert das ein wenig an Reiz. Die Figuren allein sind jedenfalls nicht interessant genug, um dann noch für uneingeschränktes Vergnügen sorgen zu können.

Aber Lynch empfiehlt sich mit Everly doch für Größeres. Man sah das schon in Knights of Badassdom gelegentlich durchscheinen: Ein Gespür für die Inszenierung war da zu bemerken, darüber hinaus die Freude am milden, dann stark zunehmenden Wahnsinn. In Everly lässt er die Kamera auf der Stelle kreisen, während ringsum die Waffen sprechen – und zu jedem Zeitpunkt weiß man genau, wer gerade wo steht, was gerade geschieht, wessen Kugeln wen treffen.

Das ist eine Qualität, die vielen Actioninszenierungen fehlt – und Lynch schreckt auch nicht davor zurück, seine Protagonistin tief ins Tal der Tränen zu schicken. Dabei dehnt er zwar die Grenzen des wirklich Glaubhaften ein wenig (wer würde so viel Morden und Stechen wohl einigermaßen aufrecht durchstehen können?), aber natürlich beruht der ganze Film auf der Illusion, dass man es hier mit einer außergewöhnlich starken Frau zu tun habe; wer das nicht glauben will (und Salma Hayek gibt uns keinen Grund dazu), der hat bei Everly sowieso nichts verloren. Sie bricht zusammen und rappelt sich wieder auf. Sie macht weiter, denn irgendwo da draußen wartet Everlys kleine Tochter auf seine Mutter…

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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Unlocked (2017)

Gelegentlich überkommt mich die Ahnung, dass den Filmemachern der Welt nicht so recht einfallen will, was sie mit Noomi Rapace anfangen könnten. Dabei tut sie jedem Film gut, in dem sie zu sehen ist. Mit Verblendung wurde sie international erstmals wahrgenommen (und Rooney Mara, die ihre Rolle im amerikanischen Remake spielte, konnte ihr nicht das Wasser reichen), aber schon in den Ridley Scotts Alien-Prequels, die eigentlich ihr großer Durchbruch hätten sein müssen, war ihre Rolle seltsam unentschlossen geschrieben. What happened to Monday hatte tausenderlei kleine Probleme, aber Rapace war keins davon, obwohl sie in gleich sieben Rollen auftaucht. Und nun also Unlocked.

Michael Apted schickt Rapace hier als CIA-Agentin Alice Racine durchs London der terrorverängstigten Gegenwart. Racine ist eigentlich Spezialistin für Verhöre, hat sich aber nach einem verheerenden Anschlag in Paris, für den sie sich schuldig fühlt, aus dem aktiven Dienst zurückgezogen und betreut Undercover Informanten. Dann wird sie zu einer Befragung eines Terrorkuriers hinzugezogen – und stellt schnell fest: Hier stimmt was nicht. Bald ist sie die Gejagte, nur ihrem alten Chef (Michael Douglas) und der MI6-Agentin Emily Knowles (Toni Collette) vertraut sie noch…

Unlocked ist eigentlich ein recht solider Agententhriller mit den üblichen doppelten Böden und falschen Fährten. Rapace macht sich mit Waffe und in akrobatischen Kämpfen gut; sie und Collette möchte man eigentlich noch viel öfter mit großen Gewehren in der Hand Klarheiten schaffen sehen. Aber auch dieser Film krankt an seinen Nebenfiguren – vor allem Orlando Bloom als Dieb mit fragwürdiger Vergangenheit kann nicht recht überzeugen – und am Skript. Der zentrale Twist am Ende lässt sich mit wenig Ahnung schon sehr, sehr bald zuverlässig vorhersehen. Dabei könnte Rapace mit einer solchen Figur eine ganze Agentinnenreihe tragen; nach Salt und Haywire wäre doch jetzt endlich mal Zeit für ein Franchise à la Bourne. Bitte.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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