Und das Weibsbild, das hat Zähne …

Dieser Essay war am 18. Januar 2011 zuerst im Blog des International Comedy Film Festivals erschienen, das inzwischen offline ist. Anlass war das Screening des phänomenalen kleinen Meisterwerks Teeth. Der Text ist hier unverändert wiedergegeben.

Früher, da war die Welt noch in Ordnung. Da waren es Drei Männer im Schnee, die sich in komödiantische Verstrickungen begaben, und am Ende blieb nicht nur das soziale Gefüge zwischen Herr und Diener unangetastet, der junge Mann bekam auch noch die Tochter des Alten zur Frau. Und es gab natürlich Ein Pyjama für Zwei, in dem sich Rock Hudson und Doris Day zwar auf scheinbarer Augenhöhe begegnen – beide als Angestellte unterschiedlicher Werbeagenturen – aber dann schließlich doch sich die Frau dem Mann in den Arm wirft, und natürlich nicht umgekehrt.

Aber, ach, so sind die Zeiten nun nicht mehr. Heutzutage bleibt den Männern in den Komödien manchmal sogar nur die Rolle des sympathischen Losers, oft genug jedenfalls sehen sie sich mit aufmüpfigen Frauen konfrontiert, die ihnen die Position an der Spitze von Gesellschaft und Schöpfung streitig machen.

So ist das in Made in Dagenham (jetzt als We Want Sex in deutschen Kinos), in dem britische Arbeiterinnen sich dagegen wehren, das sie schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen; und so ist das auch, auf der anderen Seite der sozialen Verhältnisse, in Potiche (Das Schmuckstück) von François Ozon: Da muss die Frau eines Fabrikbesitzers eher notgedrungen als gerne die Zügel in der Regenschirmfabrik in die Hand nehmen – und dann will sie sie gar nicht mehr loslassen. (Ganz nebenbei ist Potiche ein Film, der zeigt, wie sehr und wie gut gelaunt die französischen Regisseure ihre Grandes Dames des Kinos zu inszenieren und zu feiern verstehen.)

Es ist vielleicht kein Zufall, dass diese Filme beide in der Vergangenheit spielen, in Welten zumal, die womöglich politisch und ideologisch noch etwas einfacher, durchsichtiger waren (oder jedenfalls im Film so wirken), mit klareren Grenzen und schärferen Regeln. Für soziale und politische Auseinandersetzungen der Gegenwart lassen sich meist nicht so entspannte Bilder und Wortgefechte finden, weshalb sie als zentrale Themen wohl noch am ehesten in schwarze Komödien Eingang finden – man denke nur an Four Lions – oder in humoristisch gedrehten Dokumentarfilme à la Michael Moore. In beiden Fällen aber nährt sich das Lachen aber wohl oft genug vor allem aus der Verzweiflung, wie schlimm die Verhältnisse wirklich sind.

Love is a battlefield

Das heißt nun aber keineswegs, dass die Frauen- und Männerbilder der Gegenwart kein Thema des Kinos wären – das Gegenteil ist selbstverständlich der Fall, nur wird eben in den allermeisten Fällen die Emanzipation selbst nicht thematisiert, wird, aufs Politische gesprochen, die Feminismusfrage nicht gestellt. Zugleich ist aber ein bestimmtes Genre wie womöglich kein zweites dafür geeignet, den Stand des Verhältnisses der Geschlechter zeit- und kulturgenau zu präsentieren: die Romantische Komödie.

Sie ist ja auch bestens dafür geeignet. In ihrer meistverbreiteten, heterosexuellen Variante steht ja gerade ein (Bald-, Nochnicht-, Nichtmehr-)Paar im Zentrum der Aufmerksamkeit, in dem zwar nicht durchschnittlich und typisch, aber eben doch: beispielhaft ein Mann und eine Frau aufeinander treffen. Mit ihnen treffen aber zugleich eben „die Verhältnisse“ aufeinander, Machtgefüge und Beziehungsmuster: Selbst wenn eine solche Komödie nicht dazu gedacht (und wahrscheinlich auch nicht geeignet) ist, die bestehenden Statūs Quo aufzubrechen, so sind sie doch dazu geeignet, sie zu repräsentieren, will sagen: aufzuzeigen.

Darin wird dann das eigentlich Exemplarische nämlich in der Tat schnell zu einer Form der Wirklichkeitsbeschreibung in allen Spielarten der Gegenwart: In den Actionkomödien Kiss & Kill sowie Knight & Day gab es zweimal schlanke, blonde Dummchen neben muskulösen Supermännern zu sehen; dagegen wirkt das widerwillige, seinen Teenagerjahren auch schon entwachsene Paar in The Ugly Truth geradezu emanzipiert, obwohl sie trotz oberflächlicher Verbesserungen nicht viel weiter sind als Hudson und Day es seinerzeit waren. Und dann wiederum gibt es ältere Herrschaften wie in It’s Complicated, bei denen die Unabhängigkeit der Frau von den Männern sich nicht aufs Materielle beschränkt.

Wenn man an eine Verbindung zwischen dem Kino und der Realität glaubt, wenn hier also auch ein wenig Weltbeschreibung geschieht, wird schon überdeutlich, dass die Welt nicht mehr in Ordnung ist wie früher, oder genauer: jedenfalls nicht mehr in einer Ordnung. Stattdessen stehen sich hier viele, auch widersprüchliche Lebensentwürfe gegenüber, fast wie im wirklichen Leben. Man kann das negativ postmoderne Beliebigkeit oder Orientierungslosigkeit schimpfen, oder sich über Vielfalt und Freiheit freuen. (Und natürlich gab es das früher auch schon. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Wenige Komödien haben solche Entwürfe in den letzten Jahren schöner und witziger aufeinanderprallen lassen als Will Glucks Easy A, in der die fabulöse Emma Stone als Olive zum Tratschzentrum ihrer High School wird, nachdem sie vorgespielt hatte, ein schwuler Freund habe Sex mit ihr gehabt. Konstrukt und Sympathien dieses Films stehen ganz in der Tradition der Highschoolfilme von John Hughes und haben wenig zutun mit Machwerken wie She’s All That, die die weibliche Hauptfigur ostentativ in den Mittelpunkt des Geschehens rücken, damit sich der Mann umso besser an sie heran entwickeln und bilden kann.

Easy A hingegen hat eine Protagonistin, die ihr Schicksal immer selbst in die Hand nimmt – und Jungs kommen darin zwar auch vor, aber davon lässt sie sich ihr Leben und ihr Denken nicht bestimmen. (Das coolste Elternpaar, das man im Kino seit langem zu sehen bekam, hat der Film außerdem.) Bei allem Gerede um Sex aber – denn darum geht es in den Gerüchten um Olive: mit wem sie wann, wie viel oder gar: für wie viel Sex hatte – weicht der Film der Sexualität seiner Protagonistin aber weiträumig aus. Ganz jungfräulich und damit höchst unbedrohlich ist die junge Dame – so kann sie auch der bösen Gerüchte ganz unschuldiges Opfer sein.

Vom Horror, eine Vagina zu haben

Es ist dann schließlich der Horrorfilm, der sich die vielleicht ehrlichsten Blicke ins gesellschaftliche Unbewusste erlaubt, der für Vorstellungen von weiblicher Sexualität, nicht zuletzt das Geheimnis von Schwangerschaft und Geburt, oft nur wenig angenehme Bilder findet – von Alien bis Splice, von Species bis Brain Dead geht es in komplexen Bild- und Gedankenwelten um Fortpflanzung und Mutterschaft von bedrohlich bis grotesk (und, die Älteren werden sich erinnern, schon in Psycho spielte das ja eine gewisse Rolle), während auf der anderen Seite eine Horrorkomödie wie Doghouse eine an den Haaren herbeigezogene Handlung verwendet, um das weibliche Geschlecht und seine Emanzipationsbestrebungen ordentlich in die Schranken zu weisen.

Teeth nun ist ein Film, der komische Elemente des Highschoolfilms nimmt und sie so mit groteskem Körperhorror vermischt, dass etwas ganz und gar Eigenes und Eigenartiges dabei herauskommt. (Er ist damit eigentlich sehr nahe am gefälligeren und zugleich zielloseren Jennifer’s Body von Karyn Kusama und Diablo Cody, dessen komödiantische Aspekte allerdings meist völlig unterschätzt werden.) Mitchell Lichtensteins Film erzählt von einer feministischen Selbstermächtigung, die ganz und gar direkt über die Sexualität der Protagonistin Dawn (Jess Weixler) vermittelt wird – aber anders als in vielen ähnlichen Geschichten wird die Frau hier nie wirklich zum Opfer.

Die Komik des Films liegt meines Erachtens gerade darin, dass er diese Erwartung durchbricht und seine Hauptfigur mit ganz eigenen Fähigkeiten ausstattet, die sie im Laufe des Films immer präziser und selbstbewusster einzusetzen versteht. Das Lachen richtet sich dann immer gegen jene, die noch glaubten, die alten Machtverhältnisse bestünden noch – während das Leben längst seinen eigenen, anderen Weg genommen hat.

Dawns erwachende Sexualität (ihr Vorname ist natürlich kein Zufall), mit der sie sich anfangs überhaupt nicht beschäftigen will, ist tatsächlich eine Gefahr – aber nicht die, vor der sie selbst sich immer gewarnt hat. Stattdessen stürzt sie den die Macht repräsentierenden (aber schon in der feministischen Theorie nie real besitzenden) Phallus ganz wortwörtlich, und mit ihm auch die Verhältnisse. Und wenn dann einer der vielen Männer im Film zu ihr sagt, wiederholend was so viele Vergewaltiger zu ihren Opfern schon sagten: „Your mouth is saying one thing, but your sweet pussy is saying something very different“ – dann bereitet er damit nur den Moment vor, in dem er merken muss, dass bei Dawn beide mit einer, sehr deutlich vernehmbaren Stimme sprechen.

Det røde kapel [The Red Chapel] (2009)

Nordkorea ist ein Land, von dem man nicht nur gemeinhin wenig weiß, sondern von dem man tatsächlich außerhalb des Landes erstaunlich wenig in Erfahrung bringen kann; und reingelassen wird mensch normalerweise gar nicht erst. (Die einzigen im Westen, die etwas mehr über das Land wissen dürften, arbeiten vermutlich für die CIA, und die reden nicht so gerne darüber. Aber ich schweife ab.) Hierzulande kann man sich immerhin noch mit ein paar lesenswerten Büchern behelfen, die auf größerer oder kleinerer Faktenbasis etwas zu Nordkorea und seinen Bewohner_innen zu sagen haben; Die Kinogänger von Chongjin von Barbara Demick etwa, oder Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land.

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Red Chapel könnte eine weitere Möglichkeit sein, sich dem Land zu nähern, aber man weiß am Ende gar nicht so richtig, ob man durch diesen Dokumentarfilm wirklich etwas über das Land gelernt hat, das da bereist wird; vielleicht hat man auch nur etwas über die (westlichen) Protagonisten gelernt und ihren Blick auf die Welt, oder aufeinander… ach, es bleibt so vieles unklar.

Regisseur Mads Brügger macht sich mit seinem kleinen Filmteam nach Nordkorea auf und begleitet die beiden Komiker Simon und Jacob – beide dänischer Nationalität, aber südkoreanischer Abstammung – die auf großer Bühne in Pjöngjang eine Comedyshow zur Aufführung wollen. Eigentlich freilich, so der Eindruck, den der Film weckt, sind Simon und Jacob nur ein Vorwand, um sich das Land ansehen und filmen zu können. Man sieht die beiden also bei Proben und im Gespräch mit dem nordkoreanischen Regisseur; sie werden herumgefahren und bekommen eine mustergültige Schule zu sehen und die zu verehrende Statue des Geliebten Führers Kim Jong-Il. Und natürlich überreichen sie einem Mitarbeiter des Kulturministeriums ein Geschenk für Kim Il-Sung: Eine schön glatt polierte Pizzaschaufel.

Schon vorher wurde überdeutlich, daß zumindest der Regisseur, der einen kontinuierlichen Kommentar aus dem Off einspricht, seine koreanischen Gegenüber nicht wirklich ernstzunehmen bereit ist, und das ist dann auch das Grundproblem des Films – die Menschen kommen hier nie wirklich als Menschen zum Vorschein, sondern immer als Repräsentant_innen des Systems. Womöglich gab es privatere Momente, die die Zensur nicht hat passieren lassen – alles Filmmaterial mußte die Crew abends zur Durchsicht abgeben –, aber wenn es etwas gab, so erfährt man davon auch nichts. Was die Vermutung nur stärkt, daß der Regisseur hier seine bereits zu Beginn des Films geäußerte klare Abneigung gegen das politische System im Lande vor allem bebildern wollte.

Dafür liefern ihm die nordkoreanischen Gastgeber freilich auch jede Menge Munition. Wie sehr hier alles brav beim Gedanken an den (verstorbenen) Geliebten Führer in Tränen verfällt. Wie leer und trostlos die Straßen sind, wie gleichgeschaltet die Schüler_innen. Und schließlich läßt der nordkoreanische Regisseur auch kaum etwas vom dänischen Originalgehalt des ziemlich grotesken „Stückes“ übrig, das Simon und Jacob vorführen möchten, und unterwirft die Präsentation nicht nur landeseigenen Traditionen, sondern natürlich auch den politischen Konstellationen.

Es ist bedauerlich, daß man so wenig erfährt, ob es ernsthafte Diskussionen gegeben hat, wie sich gewunden und gewehrt wurde; aus dem, was man zu sehen bekommt, muß man leider schlußfolgern, daß dergleichen nicht oder kaum geschehen ist. Statt aktive Träger einer Auseinandersetzung sind so die Nordkoreaner_innen reine Statisten für das komische Projekt des Regisseurs, mit dem er den „bösen Kern“ des Regimes entlarven möchte. Es will ihm nicht gelingen. (Sieh da! Ein Pudel!)

Stilistisch schwelgt der Film in den Möglichkeiten des Billigdokumentarischen: verrissene Aufnahmen, Hin- und Wegzoomen, alles wirkt ein wenig amateurhaft und trashig – das soll vermutlich wie eine Variation auf Borat wirken, verzichtet aber eben genau auf jenen Funken, der Sacha Baron Cohens Projekt so interessant gemacht hatte: Die fast schon selbstvergessene Bereitschaft, sich auf den Irrsinn einzulassen und ihn bis zum Ende mitzugehen.

Das mag den Filmemachern dann in Nordkorea doch vielleicht etwas zu heikel und gefährlich gewesen sein – das kann man durchaus verstehen. Es bleiben immer noch Szenen übrig, bei denen einem vor Staunen und Schrecken der Mund offen stehen bleibt, weil man eigentlich lachen müßte ob der Irrsinnigkeit, in der Nordkorea gefangen zu sein scheint.

Red Chapel läuft am 1. Juni in der Komischen Filmnacht im Berliner Filmtheater am Friedrichshain (Facebook-Event). Alle Infos hier.