„What a good-natured romp!“ fällt mir zu diesem Film als erstes ein, und dass ich ihn quasi aus Versehen mit @spinatmaedchen zusammen gesehen habe, was natürlich alles andere als negativ zu bewerten ist.
Samara Weaving (aus Netflix‘ The Babysitter, auch sehr unterhaltsam) steht als Grace nicht nur unmittelbar davor, endlich einmal eine eigene Familie zu haben, es ist auch noch eine äußerst wohlhabende. Ihr Bräutigam Alex Le Domas entstammt einer Gesellschaftsspiel-Dynastie, was schon an und für sich bekloppt genug klingt, vor allem ist die ganze Familie aber herzlich unsympathisch, außer vielleicht noch Alex‘ Mutter Becky, die Andie MacDowell mit so großer Hingabe hinlegt, es ist eine Freude. Um Mitternacht, so will es die unhintergehbare Familientradition, wird ein Spiel gespielt – welches, das legt eine geheimnisvolle Box fest, aus der Grace eine Karte ziehen muss.
Als sie „Hide-and-seek“, also: Verstecken zieht, wird recht bald der wahre Charakter dieses Spiels offenbar: Die Braut muss sich verstecken – und wird, sobald gefunden, in einem blutigen Ritual dem Teufel geopfert. Grace, die noch ahnungslos dem ersten Angriff durch Zufall entgeht, ist von diesen Spielregeln nicht so begeistert, aber aus dem ehrwürdigen Familienstammsitz gibt es auch kein leichtes Entkommen.
Tyler Gillett und Matt Bettinelli-Olpin haben schon ein wenig Genreerfahrung unter anderem in V/H/S gesammelt, hier dürfen sie sich so richtig austoben – mit einem tollen Cast, einem fast noch besseren Setting und einem tollen Drehbuch von Guy Busick und Ryan Murphy. Sie steigern Tempo und Blutigkeit langsam, aber kontinuierlich und halten dies auch bis zum Schluss durch alle Wendungen und Windungen (es gibt viele) durch. Es geht stellenweise sehr splattrig zu, für Genrefans kostet der Film schwarze und weiße Humormöglichkeiten aus… und spielt fleißig mit den Erwartungen.
Zwei Brüder, als Kinder getrennt. Der eine, Norman, landet am Rande der Gesellschaft, prollig, direkt, gut aufgehoben in seiner ungebremsten Lust am Fussball, an seiner Frau, am Alkohol, ungefähr in dieser Reihenfolge. Der andere, Sebastian, wird gepäppelt und unterrichtet und ist nun der beste Spion und Killer im Auftrag ihrer Majestät – alles für Königin und Vaterland. Eher zufällig treffen die Gebrüder Grimsby als Erwachsene aufeinander, und weil Norman den Verlust von Sebastian nie verwunden hat, hängt er sich ihm an die Fersen und lässt nicht mehr los. Also bricht Chaos aus. Sasha Baron Cohen als Norman und Mark Strong als hochpräziser Hit-Man sind schon eine hübsche Kombination, und Louis Leterrier ist natürlich der richtige Mann, um dem Film ein paar knackige Actionszenen zu geben. Ob man aber das Gesamtkunstwerk goutieren mag, ist wohl absolute Geschmackssache. Denn Cohen und Strong reiten hier durch ein Feuerwerk fieser Kalauer und vor allem derbsten Gross-Out-Humors, bei dem keine Körperausscheidung unberührt und unbenannt bleibt, keine Körperöffnung unpenetriert. Es wird nonchalant getötet und mit Lust über Lüste gesprochen. Vor allem Norman hat da keinerlei Inhibitionen – dafür muss man sich begeistern, sonst wirkt es spätestens im letzten Drittel doch recht schal.
Wenn uns der Schwung an interessanten Horrorserien der letzten Jahre etwas gelehrt hat, dann das: Das Zombiegenre lässt sich eigentlich mit allen anderen zu interessanten Formen mixen, vom medienkritischen Drama (Dead Set) bis hin sogar zur komödiantischen Familiensoap (Santa Clarita Diet). iZombie nimmt das Komödiantische und mischt es mit dem Polizeidrama – wobei sich in der nun zweiten Staffel (und die dritte folgt sogleich, ab 4. April 2017 in den USA) vor allem zu Ende hin die Zeichen und Handlungsstränge schon arg verdüstern. Eine logische Entwicklung, sind doch die humoristischen Funken aus der Grundkonstellation schon weitgehend herausgeschlagen.
Livs Exfreund Major wird nun angeheuert, Zombies zu jagen – statt sie umzubringen, friert er zumindest diejenigen lieber ein, die aus ihrem Zustand kein bösartiges Kapital schlagen. Mit ihrem Kollegen Ravi sucht Liv derweil weiter nach einem Heilmittel und löst mit dem Polizisten Clive Kriminalfälle. Am Ende der Staffel steht dann plötzlich eine ziemliche Umwälzung bevor.
iZombie hat einen geradezu humanistischen Blick auf die Untoten. Zombies bleiben, solange ihr Hunger gestillt wird, bei klarem Verstand, neigen nur zu Stimmungsschwankungen – sie übernehmen Stimmungen und Verhaltensweisen aus dem zuletzt verzehrten Gehirn. Liv scheint aus jedem Gehirn etwas für ihr Leben zu lernen. Das muss nicht immer positiv sein: Einmal verspeist sie das Gehirn eines Misanthropen, den sein ganzes Viertel nicht leiden konnte – und schimpft dann fortwährend herum, bis hin zu rassistischen Sprüchen.
Dass ihre Persönlichkeit sich immer wieder verschiebt, funktioniert zuallererst natürlich als Reibungsfläche für komische Momente, eröffnet aber zugleich die Frage, was uns als Personen eigentlich ausmacht. Das Gehirn? Unsere dort eingeschriebenen Haltungen und Gewohnheiten? Die Serie fragt das nur implizit, ohne alle Schwere – und kann doch mehr als nur reine Unterhaltung sein.
Es gibt so Filme, bei denen weiß man gar nicht so recht, wo man anfangen soll. Vielleicht damit, dass dies der wohl drittschlechteste Film ist, den ich 2015 sehen musste? Aber das ist natürlich ein wenig unfair. Also: Einige YouTube-Stars (u.a. FreshTorge, Dagi Bee, Bibi und Melina) haben sich zusammengetan, um einen lustigen Kinofilm zu machen, Otto Waalkes hat sich mit seiner Produktionsfirma TransWaalFilm und in einer eigenen Rolle beteiligt. Herausgekommen ist eine Quasi-Zombie-Komödie aus einem deutschen Provinzgymnasium, der man sowohl den Wille zum Ausprobieren und stetes Bemühen (das ist durchaus positiv gemeint) als auch das Provinzielle in jedem Moment anmerkt. Der Bildungsanspruch des Gymnasiums freilich bleibt auf der Strecke. Die Pointen kommen in hoher Frequenz, als sei das ein neverending YouTube-Spot, von fünf auf über achtzig Minuten gedehnt, aber es sind eben stets die naheliegenden Scherze. Leider sind weder die Auflösung noch die filmischen Mittel wirklich überraschend, und Otto belebt seine untote Reporterfigur Harry Hirsch wieder neu: Alles also schon gesehen, vor allem besser, lustiger und in jeder Hinsicht interessanter. Die neue Generation Filmemacher aus dem Netz sieht jedenfalls anders aus.
Schon der Filmtitel ist eine freche, sagen wir, Dehnung der Wahrheit (der deutsche Verleihtitel Guns and Girls, dem also nur das Glücksspiel fehlt, ist da nicht viel besser) – denn um Waffen, junge Frauen und Casinos geht es in Michael Winnicks Film nur insofern, als sie Bestandteil der Handlung sind und zum Teil (dem im deutschen Namen enthaltenen) auch extensiv in den Vordergrund gestellt werden, namentlich in Person einer geheimnisvollen Killerin (Helena Mattsson), die mit viel Ausschnitt und zwei Pistolen die Teilnehmer dieses herzallerliebsten Trash-Stelldicheins dezimiert.
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Der Film schützt ja auch gar nicht erst vor, mehr sein zu wollen als gepflegte Unterhaltung mit Peng: Ein ironischer Kommentar aus dem Off, übersteigerte Figuren, ein absurder MacGuffin und endlose Diskussionen der Figuren miteinander darüber, wie sie sich politisch korrekt anzusprechen hätten – das ist alles sehr amerikanisch, aber insgesamt doch immer noch lustig, wenn auch nicht jeder Scherz zünden mag. Ein augenscheinlich unschuldiger, aber etwas trotteliger Teilnehmer eines Elvis-Ähnlichkeitswettbewerbs mit dem so vagen wie bedeutungsschweren Namen John Smith (Christian Slater) gerät in eine dumme Sache hinein, denn direkt nach dem Wettbewerb wird dem Casinobesitzer eine wertvolle Holzmaske gestohlen. Weil der Diebstahl offenbar von den Elvis-Imitatoren ausging, wird auch John verwechselt; und im Handumdrehen sind alle möglichen Leute auf der Jagd nach ihm und der Maske. Neben der Auftragskillerin sind das auch noch die anderen Elvisse und mehrere gedungene Mörder, im Auftrag des Casino-Chefs oder seines Widersachers, so genau weiß man das nicht…
Das Konzept von Guns, Girls and Gambling besteht im Wesentlichen darin, einen Irrsinn auf den anderen zu häufen, bis ein großes Kuddelmuddel von Misthaufen entsteht, das dann am Schluß — aber das muss man ja noch nicht verraten. Der Schluß ist jedenfalls niedlich; und alles was vorher kommt, erträglich durch eine Ansammlung von sehr brauchbaren B-Schauspielern, neben Slater vor allem noch Jeff Fahey, Sam Trammell und Dane Cook. Und Gary Oldman – man weiß nicht genau, was ihn dazu gebracht hat, hier mitzuspielen… Spielschulden? Freundschaft? – jedenfalls hat Oldman einen kleinen Gastauftritt, den er fast wortlos, aber mit Verve absolviert. Da stiehlt er fast ohne Mühe den ganzen Film, aber das ist bei Oldmans Auftritten ja fast immer so.
Ascot Elite hat mir freundlicherweise zur Verlosung hier zwei Blu-rays und zwei DVDs von Guns and Girls überlassen – ihr habt die Chance auf einen Gewinn, wenn Ihr bis kommenden Samstag (9. Februar 2013) um 22:00 Uhr hier drunter in einem Kommentar hinterlasst, welcher der gar nicht so wenigen Filme mit waffenschwingenden Frauen Euch der liebste ist. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Nordkorea ist ein Land, von dem man nicht nur gemeinhin wenig weiß, sondern von dem man tatsächlich außerhalb des Landes erstaunlich wenig in Erfahrung bringen kann; und reingelassen wird mensch normalerweise gar nicht erst. (Die einzigen im Westen, die etwas mehr über das Land wissen dürften, arbeiten vermutlich für die CIA, und die reden nicht so gerne darüber. Aber ich schweife ab.) Hierzulande kann man sich immerhin noch mit ein paar lesenswerten Büchern behelfen, die auf größerer oder kleinerer Faktenbasis etwas zu Nordkorea und seinen Bewohner_innen zu sagen haben; Die Kinogänger von Chongjin von Barbara Demick etwa, oder Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land.
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Red Chapel könnte eine weitere Möglichkeit sein, sich dem Land zu nähern, aber man weiß am Ende gar nicht so richtig, ob man durch diesen Dokumentarfilm wirklich etwas über das Land gelernt hat, das da bereist wird; vielleicht hat man auch nur etwas über die (westlichen) Protagonisten gelernt und ihren Blick auf die Welt, oder aufeinander… ach, es bleibt so vieles unklar.
Regisseur Mads Brügger macht sich mit seinem kleinen Filmteam nach Nordkorea auf und begleitet die beiden Komiker Simon und Jacob – beide dänischer Nationalität, aber südkoreanischer Abstammung – die auf großer Bühne in Pjöngjang eine Comedyshow zur Aufführung wollen. Eigentlich freilich, so der Eindruck, den der Film weckt, sind Simon und Jacob nur ein Vorwand, um sich das Land ansehen und filmen zu können. Man sieht die beiden also bei Proben und im Gespräch mit dem nordkoreanischen Regisseur; sie werden herumgefahren und bekommen eine mustergültige Schule zu sehen und die zu verehrende Statue des Geliebten Führers Kim Jong-Il. Und natürlich überreichen sie einem Mitarbeiter des Kulturministeriums ein Geschenk für Kim Il-Sung: Eine schön glatt polierte Pizzaschaufel.
Schon vorher wurde überdeutlich, daß zumindest der Regisseur, der einen kontinuierlichen Kommentar aus dem Off einspricht, seine koreanischen Gegenüber nicht wirklich ernstzunehmen bereit ist, und das ist dann auch das Grundproblem des Films – die Menschen kommen hier nie wirklich als Menschen zum Vorschein, sondern immer als Repräsentant_innen des Systems. Womöglich gab es privatere Momente, die die Zensur nicht hat passieren lassen – alles Filmmaterial mußte die Crew abends zur Durchsicht abgeben –, aber wenn es etwas gab, so erfährt man davon auch nichts. Was die Vermutung nur stärkt, daß der Regisseur hier seine bereits zu Beginn des Films geäußerte klare Abneigung gegen das politische System im Lande vor allem bebildern wollte.
Dafür liefern ihm die nordkoreanischen Gastgeber freilich auch jede Menge Munition. Wie sehr hier alles brav beim Gedanken an den (verstorbenen) Geliebten Führer in Tränen verfällt. Wie leer und trostlos die Straßen sind, wie gleichgeschaltet die Schüler_innen. Und schließlich läßt der nordkoreanische Regisseur auch kaum etwas vom dänischen Originalgehalt des ziemlich grotesken „Stückes“ übrig, das Simon und Jacob vorführen möchten, und unterwirft die Präsentation nicht nur landeseigenen Traditionen, sondern natürlich auch den politischen Konstellationen.
Es ist bedauerlich, daß man so wenig erfährt, ob es ernsthafte Diskussionen gegeben hat, wie sich gewunden und gewehrt wurde; aus dem, was man zu sehen bekommt, muß man leider schlußfolgern, daß dergleichen nicht oder kaum geschehen ist. Statt aktive Träger einer Auseinandersetzung sind so die Nordkoreaner_innen reine Statisten für das komische Projekt des Regisseurs, mit dem er den „bösen Kern“ des Regimes entlarven möchte. Es will ihm nicht gelingen. (Sieh da! Ein Pudel!)
Stilistisch schwelgt der Film in den Möglichkeiten des Billigdokumentarischen: verrissene Aufnahmen, Hin- und Wegzoomen, alles wirkt ein wenig amateurhaft und trashig – das soll vermutlich wie eine Variation auf Borat wirken, verzichtet aber eben genau auf jenen Funken, der Sacha Baron Cohens Projekt so interessant gemacht hatte: Die fast schon selbstvergessene Bereitschaft, sich auf den Irrsinn einzulassen und ihn bis zum Ende mitzugehen.
Das mag den Filmemachern dann in Nordkorea doch vielleicht etwas zu heikel und gefährlich gewesen sein – das kann man durchaus verstehen. Es bleiben immer noch Szenen übrig, bei denen einem vor Staunen und Schrecken der Mund offen stehen bleibt, weil man eigentlich lachen müßte ob der Irrsinnigkeit, in der Nordkorea gefangen zu sein scheint.
Red Chapel läuft am 1. Juni in der Komischen Filmnacht im Berliner Filmtheater am Friedrichshain (Facebook-Event). Alle Infos hier.
The Hangover Part II ist vielleicht das, was man ein archetypisches Sequel nennen könnte, oder jedenfalls: die Bestätigung all der Vorurteile, die man über nachgereichte Zweitfilme so haben kann. Immerhin ist diesmal mit Todd Phillips noch der gleiche Regisseur mit an Bord wie vor zwei Jahren, ein Spezialist in Sachen Junggesellen- oder Großejungs-Filme also, der außerdem noch den gräßlichen Old School sowie Due Date gemacht hat. Dennoch: The Hangover Part II ist strukturell wie inhaltlich nahezu identisch mit The Hangover, auch wenn natürlich Figuren, Tiere, Entführungsopfer und -täter ausgetauscht und hin- und hergeschoben werden. Und statt „Viva Las Vegas“ ist es hier eben „One Night in Bangkok“.
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Diesmal soll Stu (Ed Helms) heiraten, der brave Zahnarzt, der sich im ersten Film im Drogeneinfluß mit einer Stripperin verheiratet hatte und dadurch letzten Endes aus seiner doch sehr beengenden Beziehung ausbrechen konnte – jetzt hat er sich mit Lauren (Jamie Chung) ein bezauberndes Wesen geangelt, von dem man nie so recht versteht, was sie an ihm findet, aber das spielt hier auch nicht wirklich eine Rolle. Frauen sind in der Hangover-Welt nachsichtige Randgestalten – durchweg positive Figuren, das sollte man vielleicht betonen, stets erwachsener oder mindestens vernünftiger als die Männer.
Das Erstaunliche an diesen beiden Filmen ist eigentlich, daß sie die Identitätskrisen der Männer praktisch ohne Bezug auf und Abgrenzung von Frauen bewerkstelligen. Es fehlt damit völlig jene tendenzielle Abwertung des anderen Geschlechts, die andere Jungsfilme so unangenehm macht. Natürlich geht es dennoch auch um (Hetero-)Sexualität und um das Überschreiten von Grenzen auch sexueller Natur; aber es sind immer die Männer, die dabei – wenn sie dann wieder klaren Kopfes sind – unentspannt auf eine irre Welt reagieren, auf die sie sich unter Drogeneinfluß entspannt eingelassen hatten.
Denn natürlich nimmt auch in The Hangover Part II ein diesmal sehr klein geplanter Junggesellenabend einen rapide anderen Verlauf, an dem sich Stu und seine Freunde plötzlich in einer Absteige in Bangkok wiederfinden – die Hochzeitsgesellschaft wartet so einige Kilometer entfernt an der thailändischen Küste -, mit einem Affen, dem abgeschnittenen Finger von Laurens Bruder Teddy (Mason Lee) und keiner Ahnung, was passiert ist – oder wo der Rest von Teddy steckt.
Die harmlosen Jungs aus der Vorstadt – der Zahnarzt, der verheiratete Grundschullehrer, der Irre – in der wilden weiten Welt. Nach und nach finden sie heraus, was sie in der vergangenen Nacht alles angerichtet haben; irgendwie geht immer alles gut, das ist natürlich die Vorbedingung, der Exzeß, aus dem sich der Humor des Filmes speist, ist hier nie fundamental bedrohlich, sondern eröffnet neue Möglichkeiten und Horizonte: Erst im Exzeß finden wir zu uns selbst.
Das ist, wenn man es recht bedenkt, nicht nur ein Topos des Jungmännerfilms der letzten Jahre – man denke nur zuletzt an Get Him to the Greek (meine Kritik) – erstaunlich nah an den hippiesken Selbstfindungsphantasien durch LSD und andere Rauschmittel – die 68er sind also im amerikanischen Mainstream angekommen: so brav sind sie aber dann doch (der verheiratete Grundschullehrer macht nämlich keine allzu schlimmen sachen), daß die wahren Exzesse vor der Hochzeit abgehakt werden müssen.
In der kommenden Woche läuft in den deutschen Kinos endlich der britische Film Four Lions an, eine durchaus sehr großartige schwarze Komödie über eine Handvoll sehr bemühter, aber sehr ahnungsloser Möchtegernterroristen in Großbritannien – ich habe mich schon vor einiger Zeit ausführlich zu dem Film geäußert.
Zum Start hin wird sicher wieder darauf hingewiesen werden – das ist ja immer auch ein bißchen Sensation und damit ein Marketingargument -, daß aus der deutschen Politik der Ruf nach einem Verbot des Filmes erschallte. Zensur also!
Aber stimmt das so?
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Am 9. Januar veröffentlichte Spiegel Online als Vorabmeldung (und Werbung) für das am gleichen Abend ausgestrahlte Spiegel TV Magazin einen Text, der mit der Überschrift versehen war: CSU will Islamistensatire verbieten. Im Text selbst ist dann von der Gesamtpartei nicht mehr die Rede, sondern nur noch vom einzelnen CSU-MdB Stephan Mayer (Homepage), und auch ein Verbot muß man sich zumindest zusammenkonstruieren. Dort ist zu lesen:
Ganz anderer Meinung ist jedoch der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer. Gegenüber SPIEGEL TV Magazin fordert er, den Film wegen der aktuellen Terrorgefahr nicht zu zeigen: „Ich glaube, dass es sehr gefährlich sein könnte, diesen Film jetzt in deutschen Kinos zu zeigen. Es könnte Öl ins Feuer gegossen werden.“
Den Christsozialen ist der Film Four Lions ein zu heißes Eisen – schließlich zeigt der Film, dass auch Terroristen nur Menschen sind, und Allah behüte, dass wir uns in Zeiten der Angst und des Schreckens über solche Monster lustig machen oder noch schlimmer, sie menschlich darstellen. Darum möchte die CSU den Film verbieten lassen.
Von solchen Begründungen für die angebliche Verbotsforderung ist freilich nichts überliefert, aber das nennen wir mal literarische Freiheit. Und nein, es sind nicht nur Blogs und die üblichen Verdächtigen, die brav von Spiegel Online die Überschrift abschrieben; die Geschichte vom angeblichen Verbotswunsch findet sich auch in neueren Veröffentlichungen der angesehenen Qualitätspresse, innerhalb und außerhalb von Deutschland:
„Ein deutscher Politiker wollte die Terroristen-Satire verbieten – wegen Terrorgefahr.“ (Thurgauer Zeitung, 6. April 2011)
„Schon forderte der CSU-Abgeordnete Stephan Mayer ein Kino-Verbot für den Film, damit kein „Öl ins Feuer“ gegossen werde.“ (Tagesspiegel, 21. Januar 2011)
„Die CSU sagt: Schluss mit lustig. Sie befürchtet eine erhöhte Terrorgefahr und will den Kinostart verbieten.“ (on3, „das junge Programm des Bayerischen Rundfunks“, 19. Januar 2011)
Das Problem ist eben nur: Die CSU hat nie etwas in Bezug auf Four Lions gefordert, und auch Stephan Meyer Mayer hat weder von Zensur noch von Verbot gesprochen. Sieht man sich das fragliche Video aus der Sendung selbst an, so stellt man fest, daß der als „CDU-Bedenkenträger“ eingeführte MdB insgesamt Folgendes sagt:
Ich glaube, daß es sehr gefährlich sein könnte, diesen Film jetzt in deutschen Kinos zu zeigen, es könnte Öl ins Feuer gegossen werden, und wir haben nunmal ganz konkrete Hinweise, daß es potentielle Islamisten in Deutschland gibt, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern, die vielleicht gerade diesen Film als die letzte Provokation empfinden könnten, und aufgrund dessen auch einen Anschlag in Europa oder auch in Deutschland unternehmen könnten. Und deswegen sollte die Politik meines Erachtens schon den dringenden Appell an die Filmschaffenden, vor allem auch an potentielle Verleihunternehmen richten, diesen Film zumindest mal in diesem Jahr nicht in Deutschland zu zeigen.
Nun kann man mit allem Recht der Meinung sein, daß das ziemlicher Quatsch ist; auch daß das Bedrohungsszenario, das dahinter steht, vermutlich übertrieben ist, kann man denken, und daß es wohl nicht sinnvoll ist, sich in seinen Freiheiten selbst zu beschneiden, weil anderen diese nicht gefallen. Diese Debatten sind ja im Kontext der Mohammed-Karikaturen seinerzeit großflächig geführt worden, und weder Herr Mayer noch seine schlecht informierten Spötter_innen haben da noch Interessantes im Kontext von Four Lions hinzugefügt. Aber, und ich sage das als jemand, der sich wahrlich nicht als Freund und Förderer der CSU versteht: ein Verbotsaufruf sieht anders aus.
Spiegel Online hat also, um für das eigene Fernsehnebenprodukt ein bißchen die Werbetrommel zu rühren, Mayer die Worte so lange im Mund herumgedreht, bis sich daraus ein bißchen Sensation herstellen ließ; und die Medien, sie sind brav und freundlich hinterhergehechelt und verbreiten solche Geschichten bis heute weiter.
Mayer selbst hat sich Zeit gelassen, auf die Unterstellungen (denn in einem freiheitlichen Rechtskontext würde ich es als Unterstellung werten, wenn man mir Zensurwut vorwürfe) zu reagieren. Am 10. Januar hatte ich ihm eine Mail geschickt:
Sehr geehrter Herr Mayer,
ich bin deutscher Filmjournalist und bin über den Spiegel auf ihre Äußerungen zur britischen Satire „Four Lions“ aufmerksam geworden.
Sie werden bei Spiegel Online mit den Worten zitiert „Ich glaube, dass es sehr gefährlich sein könnte, diesen Film jetzt in deutschen Kinos zu zeigen. Es könnte Öl ins Feuer gegossen werden.“ Leider liegt mir aktuell keine Aufzeichnung des Spiegel TV Magazins vor, in dem Sie wohl ausführlicher zur Sprache kommen. Daher meine Bitten um Präzisierung:
– Wie genau haben Sie sich gegenüber Spiegel TV geäußert?
– Beruht Ihre Haltung zum Film auf einer eigenen Sichtung?
– Wie genau würden Sie die mögliche Verbindung zwischen der Aufführung des Films und seiner Wirkung auf Terroristen beschreiben?
Für eine rasche Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Mit herzlichen Grüßen
Rochus Wolff
Erst drei Wochen später, am 31. Januar 2011, kam von Mayer folgende Antwort:
Sehr geehrter Herr Wolff,
nach meiner Stellungnahme im Spiegel TV Magazin am Sonntag, den 09.01.2011 bezüglich der Satire „Four Lions“, die bisher nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde, erlaube ich mir unter Bezugnahme auf Ihre E-Mail vom 10. Januar 2011 auf die von Ihnen geäußerte Kritik einzugehen.
Vorab möchte ich deutlich machen, dass ich weder im Fernsehinterview, noch im Gespräch mit den Journalisten ein Verbot des Films gefordert oder in irgendeiner Hinsicht angeregt habe. Sämtliche Unterstellungen hinsichtlich einer Forderung nach Zensur oder Verbot entbehren somit jeder Grundlage und sind auch inhaltlich nicht mit der von mir geäußerten Position zu vereinbaren.
Selbstverständlich bin ich der Auffassung, dass zentrale demokratische Werte, wie die Pressefreiheit in keiner Weise eingeschränkt werden dürfen. So wie beispielsweise im Umgang mit Personen von hohem öffentlichen Interesse von seriösen Medien in aller Regel eine Abwägung zwischen öffentlichem Interesse und der Privatsphäre vorgenommen wird, habe ich den Appell an die Medien gerichtet in den Wochen erhöhter Terrorgefahr nicht unbedacht „Öl ins Feuer zu gießen“. Bei der Diskussion um die so genannten Mohammedkarikaturen habe ich selbstverständlich eindeutig Position für die freie Meinungsäußerung bezogen. Grundsätzlich hielte ich es auch für sehr bedenklich mit Blick auf mögliche Reaktionen in vorauseilendem Gehorsam unsere Lebensgewohnheiten zu verändern.
Unter Berücksichtigung der derzeitigen besonderen Bedrohungssituation, die sich unter anderem in den deutlich erhöhten Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen, Bahnhöfen und zentralen Liegenschaften oder Veranstaltungsorten, manifestiert, habe ich lediglich in Frage gestellt, ob es sinnvoll ist, die Befindlichkeiten in dieser besonderen Situation – ausdrücklich zeitlich begrenzt – durch eine derartige komödiantische Auseinandersetzung zu verstärken. Die Fehlinterpretation, mir ein Verbotsersuchen zu unterstellen, weise ich entschieden zurück. In der offenen Diskussion müssen derartige Überlegungen angestellt werden dürfen, um sich letztlich nicht der Gefahr des leichtfertigen Umgangs mit zum Teil erheblichen Gefährdungen auszusetzen.
Auch weiterhin werde ich mich mit diesem hochsensiblen Thema konstruktiv auseinandersetzen, auch wenn dabei die Gefahr besteht durch mediale Verkürzung teilweise erhebliche Missverständnisse mit zu verursachen. Für Rückfragen stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Stephan Mayer,
MdB
Natürlich beantwortet Mayer in dieser Mail keineswegs die Fragen, die ich ihm gestellt hatte; die Formulierung „die von Ihnen geäußerte Kritik“ auf meine doch recht neutral gehaltenen Fragen hin erklärt sich vermutlich daraus, daß Mayer genau dieses Schreiben wortgleich an verschiedene Blogger_innen und Journalist_innen verschickt hat (Beispiele hier und hier), von denen er vermutlich zum Teil deutlich kritischere Mails bekommen hatte.
Dennoch ist es zumindest irritierend, daß Mayer drei Wochen brauchte, um auf Anfragen zu antworten. Vielleicht ist er einfach im Umgang mit Medien nicht besonders gewandt, oder es gab Vieles und Wichtigeres zu tun; vielleicht aber fand er es auch ganz gut, ein bißchen als Hardliner und Terrorismusbekämpfer durch die Medien zu geistern, bevor er sich dann ganz entspannt daran setzen konnte, sich zu distanzieren und hehre Werte wie die Pressefreiheit ins Scheinwerferlicht zu halten.
So haben am Ende womöglich alle Beteiligten – Spiegel TV, Stephan Mayer und Capelight – die gewünschte Aufmerksamkeit bekommen, viel Wind rauschte durch den Blätterwald, und in China, Sie wissen schon, ist ein Sack Reis umgefallen.
Werden heutzutage eigentlich noch Gräber ausgeraubt? Die Wikipedia beschäftigt sich unter “Grabraub” vor allem mit dem antiken Ägypten, und da geht es vor allem um den Diebstahl wertvoller Grabbeigaben; dabei gab (und gibt?) es natürlich auch Diebstähle, deren Ziel der Kadavererwerb ist. (Man findet sie unter “Leichendieb”.) Das ist nicht nur ist ein Horrorfreunden aus allen medialen Erscheinungsformen des Frankenstein-Mythos bekanntes Motiv, es war ja auch tatsächlich zum Beispiel für Mediziner und präziser Anatomen lange Zeit nahezu unmöglich, an ausreichend menschliche Körper zu kommen, um ihre Studien des menschlichen Körpers fortsetzen zu können.
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In der Geschichte der Anatomie ist das tatsächlich eine bedeutsame Auseinandersetzung, die schon im 15., 16. Jahrhundert, im Übergang zur Neuzeit also, in den Konflikten zwischen Wissenschaft und Religion eine Rolle spielte. Das Problem der Anatomen ist der Aufhänger für John Landis’ neuen Film Burke and Hare, der auf einer realen Geschichte beruht: Ende der 1820er Jahre wurden in Edinburgh eine Reihe von Morden begangen, die den beiden Iren Brendan Burke and William Hare zugeschrieben werden – offenbar ging es dabei um die Beschaffung von (möglichst frischen) Leichnamen für den Anatomen Robert Knox. Landis macht aus dem durchaus ernsthaften Stoff eine schwarze Komödie, die sich schon im Vorspann ankündigt (“This is a true story. Except for the parts that are not.”).
Bei Landis stoßen die beiden sympathischen, aber etwas unbeholfenen Ganoven Burke (Simon Pegg) und Hare (Andy Serkis) eher zufällig auf ihre Geschäftsidee, als sie einen in der von Hare und seiner Frau an Altersschwäche verstorbenen Mieter unauffällig entsorgen wollen, um Ärger mit den Behörden zu vermeiden. In einem Tresengespräch erzählt ihm ein Grabräuber, was man mit Leichen neuerdings verdienen könne (ein anatomischer Wettbewerb zwischen den beiden medizinischen Unterrichtsstätten der Stadt heizt den Preis zusätzlich an), und so lassen sich die beiden auf einen Deal mit Knox (Tom Wilkinson) ein.
Ist der erste Tote noch eines natürlichen Todes gestorben, so wird beim zweiten schon ein wenig nachgeholfen, und so rutschen die beiden nur halb widerwillig in eine Mordserie hinein, die ihnen reichlich Geld bringt, aber auch bald die Aufmerksamkeit der lokalen Mafia erregt… Landis macht aus dieser Geschichte ein ziemlich unterhaltsames Kostüm- und Ausstattungsabenteuer, in den blau-braun ausgeleuchteten engen Straßen und Behausungen der schottischen Stadt, noch spürbar präindustriell. Das ist schwärzlich angemalt, aber insgesamt eher unblutig. Dafür kombiniert Landis Versatzstücke der Gaunerkomödien (eine unfähige Polizei, hier: Militia, romantische Verstrickungen und sympathische Helden) elegant und durchaus unterhaltsam neu, aber das ganz aufregende Kinoabenteuer wird es dann eben doch nicht, den hübschen Gastauftritten von Tim Curry als Knox’ Widersacher Monro und von Christopher Lee zum Trotz.
Gut unterhalten wird man dennoch, und der Humor ist nicht so schenkelklopfend krachledern, wie (nicht von Landis, aber vom Sujet) zu befürchten wäre, sondern erlaubt sich kleine historische Spielchen, wenn er Burke, Hare und ihren Spießgesellen nicht nur die Erfindung des Begriffs “Fotografie”, sondern auch noch des Konzepts von Bestattungsunternehmen unterjubelt – was sogar im Rahmen der historische Epoche ungefähr hinkommt. Burke und Hare sind in diesem Kontext Archetypen ihrer Zeit: Hare als (prä-)kapitalistischer Unternehmer, der in der Beziehungsdynamik mit seiner Frau die Maximierung von Profit als Grundprinzip seines Handelns entwickelt. Burke hingegen ist fast schon ein “Renaissance man”, der sein Einkommen nützt, um die schönen Künste zu fördern, d.h. vor allem die schöne Ginny Hawkins (Isla Fisher), eine Schauspielerin, die schon als Prostituierte und Tänzerin gearbeitet hat und die erste nur mit Frauen besetzte Hamlet-Aufführung auf die Bühne bringen möchte – und in seiner nicht exklusiven Gewinnorientierung für die kommende Zeit des 19. Jahrhunderts eigentlich schon obsolet.
Ich habe Paul Anfang der Woche in einer Avant-Première hier in Paris sehen, zu der ich dank films-horreur.com Zugang bekam. Dafür herzlichen Dank; die Paul-Besprechung der Site findet sich hier.
Paul ist seit 1947 unter uns, als er des nachts mitten in Wyoming auf einer einsamen Farm landete und dabei einen Unfall verursachte, der ihm zugleich seinen irdischen Namen einbrachte. Denn Paul kommt von einem anderen Stern (welcher genau, das ist gar nicht so wichtig) und hat seitdem irgendwo in den Räumen der Area 51 wohl ein ganz bequemes Leben geführt, der amerikanischen Regierung alle möglichen Tips und Steven Spielberg reichlich Inspiration gegeben – aber jetzt scheint es ihm doch an der Zeit zu sein, nach Hause zurückzukehren, und nach einem kurzen Telefonat macht sich der kleine Kerl aus dem Staub – und rast direkt in den nächsten Unfall hinein. Autofahren ist nicht so seins.
Stattdessen wird der Außerirdische von zwei Briten aufgegabelt, die gerade von der ComicCon und sich nun den lange gehegten Traum erfüllen, die bedeutendsten Plätze Amerikas abzufahren: The Black Mailbox, Area 51, … Obgleich beide bis zur Ohnmacht überrascht sind, ein echtes Alien vor sich zu haben, nehmen sie Paul mit an Bord ihres Wohnmobils und wollen ihm gerne helfen, an sein Ziel zu kommen. Ihnen auf den Fersen: Ein „Man in Black“ (mit zwei Gehilfen) sowie einige uramerikanische Gestalten.
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Paul von Greg Mottola (der zuletzt Superbad und Adventureland gemacht hat) ist von den ersten Momenten an ein Nerdfilm, und damit spielt er nicht verschämt herum, das stellt er schon offen in seinen beiden Protagonisten aus: Graeme Willy und Clive Gollings verkörpern ihre eigene Zielgruppe nahezu perfekt mit ihren unvollkommenen Körpern, den jeden Trend ignorierenden Frisuren und geeky T-Shirts. ComicCon, wo man sie zuerst sieht, ist natürlich das Mekka aller Film- und Aliennerds, und sie pilgern unter anderem dorthin, um ihr Idol, einen schmierigen Science-Fiction-Autoren (Jeffrey Tambor) zu treffen. (Gollings ist selbst Autor, und Willy illustriert seine Bücher. Bzw. das eine bisher schon veröffentlichte.)
Mit Simon Pegg und Nick Frost, die sich spätestens mit Shaun of the Dead einen festen Platz im Herzen der Filmnerds erobert haben, sind diese beiden Briten also perfekt besetzt; und natürlich haben sie, die auch im realen Leben beste Freunde sind, gemeinsam das Drehbuch geschrieben. Entsprechend werfen sie sich die Dialogbälle zu, später dann auch mit Paul (gesprochen von Seth Rogen) und Ruth (Kristen Wiig), die sie unterwegs aufgabeln und die Paul alsbald von ihrer religiösen Engstirnigkeit und ihrem Augenleiden erlöst.
So wird aus Paul als Road-Science-Fiction-Komödie dann zuallererst ein Buddymovie zu zweit/dritt/viert, in dem selbst die Romanze der bisher weitgehend ungeküssten Graeme und Ruth die Harmonie der Gruppe nicht wirklich stören kann; und zugleich ist es eine Alien-Geschichte in der Alien-Geschichte: Graeme und Clive sind nämlich in den USA spürbar fremd, die da wie eine Ansammlung der übelsten Vorurteile über Amerikaner_innen vorüberzieht: gewaltbereite Waffennarren, religiöse Fanatiker, homophobe Kleinstädter_innen.
Dabei ist der Film ja ein wohl austarierter britisch-amerikanischer Gemischtwarenladen mit vorwiegend amerikanischem Personal (was sicher der Vermarktung nicht schaden wird) – aber auch das amerikanische Zielpublikum wird sich wahrscheinlich in dieser Wahrnehmung als Fremde (im eigenen Land) wiederfinden.
Vor allem aber ist Paul ein extrem anspielungsreiches Stück Unterhaltung, in dem nicht-filmische Nerdismen ebenso eingebaut werden wie bergeweise Bezüge zu (vor allem) anderen Science-Fiction-Filmen, von den „Men in Black“, für die hier vor allem Spezialagent Zoil (Jason Bateman) steht, über, natürlich, E.T.: The Extra-Terrestrial und Close Encounters of the Third Kind bis hin zu einem schönen Aliens-Scherz samt Cameoauftritt von Sigourney Weaver. Dass die nicht-menschliche Hauptperson ein mindestens so großer Nerd ist wie seine britischen Gegenparts (und im filmischen Univserum verantwortliche Inspirationsquelle für zahlreiche der erfolgreicheren Science-Fiction-Geschichten des 20. Jahrhunderts) erleichtert nur die Einbindung dieser Scherze.
Und natürlich geht es hier nicht ganz jugendfrei zu: Die Größe von Pauls Geschlechtsorganen wird diskutiert („Spaceballs!“), Hunde und Agenten plattgemacht, und Paul ist ein großer Freund von nicht eben legalen bewußtseinserweiternden Substanzen. Aber dadurch macht es eigentlich alles nur noch viel mehr Spaß.
Addendum: Beim Guardian gibt es noch ein schönes Interview mit Sigourney Weaver und Jason Bateman zu sehen, samt vieler Ausschnitte aus dem Film.