Killer’s Bodyguard 2 (2021)

Darius Kincaid und sein liebster meistverhasster Bodyguard Michael Bryce müssen es noch einmal miteinander aushalten. Oder anders gesagt: Samuel L. Jackson und Ryan Reynolds können noch einmal ihre Star Personas für größtmöglichen Reibungseffekt zusammenschmeißen: Der fluchende Dreckskerl auf der einen Seite, der immerzu schimpft und erst schießt, bevor jemand Fragen stellen könnte. Der eigentlich strahlende Saubermann auf der anderen, mit Taschenmesser und Sicherheitsgurten, ewig frustriert, weil er seine Bodyguard-Lizenz verloren hat. Und zwischen all dem springt Salma Hayek als Kincaids Ehefrau Sonia herum, nach Herzenslust in drei bis vier Sprachen fluchend.

Der Plot, der sie zusammenführt, basiert auf einer hanebüchenen Verzerrung Europäischer Politik, die dann aber auch sofort vergessen wird. Kurz zusammengefasst: Darius wird vom Mafioso Carlo entführt, der sich an ihm rächen will und der aber zugleich als Informant für einen so ambitionierten wie eigentlich unfähigen Interpol-Agenten arbeitet (Frank Grillo, der diesmal die Schlägereien anderen überlässt). Weil Carlo die Befreiung von Darius durch Sonia und Michael nicht überlebt, sollen die beiden beim Kauf geheimer Daten an seiner Stelle einspringen – ein geheimnisvoller Bösewicht will das gesamte Internet Europas durch gezielte Angriffe auf Datenknoten lahmlegen.

Warum das alles passiert und ob das funktioniert, spielt eigentlich schon nach wenigen Minuten keine Rolle mehr. Stattdessen betreibt Killer’s Bodyguard 2 die konsequente Übertreibung von Konzept und Umsetzung. Regisseur Patrick Hughes hat schon beim ersten Film und bei The Expendables 3 erproben können, wie man Actionsequenzen inszeniert, und hier tobt er sich aus.

Dabei muss klar sein: Höheres Charakterdrama ist das nicht. Jackson und Hayek ballern rum, was das Zeug halt, sind ordinär und rücksichtslos, ihre Figuren wollen außerdem fortwährend ihre Flitterwochen nachholen, und der Film schreckt da wirklich vor Ordinärem nie zurück, wenn es sich anbietet. Reynolds Michael verbringt Teile des Films bewusstlos oder tagträumend, vor allem aber kontinuierlich in Blutspritzer gehüllt. Zwischendrin haben Antonio Banderas, Morgan Freeman und Richard E. Grant längere oder kürzere Auftritte, Hayek schiebt wiederholt ihre Brüste prominent in die Kamera, und alle haben sichtbar Spaß an dem großen Unsinn, den sie finanziell sicher nicht unbedingt bräuchten.

Es wird gesprengt und gehauen, Helikopter jagen Autos („Das ist jetzt nicht mehr lustig,“ beschwert sich Hayek), Motorräder werden sehr plötzlich gestoppt, Bösewichte werden mit Stich-, Hieb- und Schusswaffen ins Jenseits befördert, zwischendrin fluchen die Kincaids sich die Seele aus dem Leib. Auf jede Schießerei folgt dann noch eine weitere, auf jede Biegung eine Haarnadelkurve, damit die Verluste beim Rausfliegen möglichst groß sind.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Nobody (2021)

Wie der Ruhestand aussehen kann für einen professionellen Killer, dieser Frage weichen die meisten Actionfilme gerne aus, indem sie ihre Protagonisten bei einem letzten Auftrag glorios untergehen oder von den eigenen Leuten verraten lassen. Hutch Mansell hingegen hat das gut hinbekommen, vielleicht zu gut: Als Buchhalter bearbeitet er im Metallbetrieb seines Schwiegervaters die Excel-Dateien, daheim warten eine Ehefrau und zwei Kinder, jeder Tag gleicht dem anderen. Aber als zwei Einbrecher nachts in seinem Haus auftauchen, zeigen sich kleine Risse: Das alte Ich will zum Vorschein. Dummerweise steht dann der Arschlochsohn eines russischen Mafioso im Weg und kriegt die aufgestaute Wut von Hutch (im übrigen zurecht) zu spüren.

Es ließen sich an dieser Stelle einige vage Ähnlichkeiten in der Handlung von Ilya Naishullers Nobody und John Wick beschreiben, aber sie reichen nicht viel weiter als vom russischen Mobster zum Profi-Killer i.R. Wo Keanu Reeves hochstylisch choreografiert durch eine fantastische Welt des Verbrechens tanzt, ist dieser Hutch eher ein bodenständiger Typ. Bob Odenkirk, der selbst mit produziert hat, der Saul Goodman aus Breaking Bad, ist eine eher anti-intuitive Besetzung für so eine Rolle. Und genau deshalb ist er so glaubwürdig der kleinbürgerliche Typ am Anfang des Films, dessen Teenager-Sohn ihn nicht ernst nehmen kann, nur seine kleine Tochter himmelt ihn noch an: Nobody startet als Drama einer Midlife-Crisis, bevor es deren Bekämpfung mit Schrotflinte und Sprengfalle inszeniert.

Dabei ist der Film vor allem gekonntes Actionkino: Die Kampfszenen sind elegant inszeniert und selbst dann noch weitgehend nachvollziehbar, wenn die Fetzen fliegen (Christopher Lloyd hat als Hutchs Vater einen denkwürdigen Auftritt), und der mittlerweile legendäre erste Kampf in einem Linienbus ist viszeral spürbar und unmittelbar: Jeder Schlag tut von der Leinwand, vom Bildschirm her weh, und Hutch muss erst einmal ganz schön einstecken.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

SAS: Red Notice (2021)

Ruby Rose hat sich mit ihrer androgynen, markanten Erscheinung aktuell eine ganz eigene Nische für ihre Star Persona entwickelt: Als Allzweckwaffe im Actionkino, mal als etwas kühle, vage mysteriöse, aber freundliche Figur in Neben- und Hauptrollen wie in The Meg und The Doorman, mal als ans soziopathisch grenzende Killerin wie John Wick: Chapter 2 oder nun SAS: Red Notice. Hier ist sie Grace Lewis, designierte Erbin und Nachfolgerin des Gründers der „Black Swans“, einer Söldnertruppe, die rund um die Welt schmutzige Aufgaben übernimmt, mit denen die Regierungen nichts zu tun haben wollen. Nachdem Aufnahmen eines ihrer Massaker an die Öffentlichkeit gelangen, wird gegen Graces Vater und die „Schwäne“ ein Haftbefehl erwirkt, ein SAS-Team, mittendrin Tom Buckingham (Sam Heughan aus Outlander), stürmt ihr Anwesen. Grace entkommt mit einem Team und nimmt anschließend einen Zug im Eurotunnel nach Frankreich in Geiselhaft – just den, in dem Tom mit seiner Verlobten auf dem Weg nach Paris ist. Die Geiselnahme geht also nicht so glatt wie erhofft, und dann mischen sich auch noch zahlreiche Figuren mit unklaren Motiven ein…

SAS: Red Notice ist von Magnus Martens, der bisher vor allem TV-Erfahrung hat, recht routiniert in Szene gesetzt, auch wenn eine Geiselnahme in einem Zug natürlich etwas antiklimaktisch verläuft, wenn dieser fast die ganze Zeit in einem Tunnel stillsteht. Leider verliert man auch im begrenzten Tunnel leider gelegentlich die Übersicht, wer nun gerade wo was macht. Interessanter wird der Film aber durch seine Figuren, die keinem einfachen Gut-Böse-Schema folgen wollen: Hier wird Grace als Soziopathie in Menschenform gegen Tom gesetzt, der seinerseits keinerlei moralische Hürden kennt, die ihn am Töten hindern… Für ein richtiges Drama ist der Konflikt dann leider doch nicht komplex und scharf genug, zumal die Auflösung charakterlich ganz und gar nicht überzeugend ist. Etwas mehr Fokus, etwas weniger als zwei Stunden Laufzeit hätten dem Film gut getan.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Everly – Die Waffen einer Frau (2014)

Reduktion. Konzentration. In einigen seiner besten Momente begrenzt sich das Kino selbst, setzt sich Grenzen wie auf einer Theaterbühne, enger vielleicht sogar. (Man denke nur an Rodrigo Cortés’ Buried – Lebendig begraben) Manchmal gerät das zu nachgerade an die aristotelische Dramentheorie gemahnende Einheit von Handlung, Raum und Zeit – und mit ein wenig schmutziger Fantasie, Theaterblut und beweglicher Kamera wird aus diesen Einheiten ein dynamisches Schlachtfest, eine dreckiges Kammerspiel der Gewalt, dem man nicht mehr ansieht, dass es eigentlich auf der räumlichen Stelle tritt.

Eine Einzimmerwohnung mit Bad, der Hausflur und die Ahnung benachbarter Appartements – mehr Raum braucht Everly nicht. Am Anfang stürzt eine misshandelte Frau in das Badezimmer, im Spülkasten der Toilette liegt eine Pistole… am Ende türmen sich die Leichen. Everly (Salma Hayek) wurde vom Yakuza Taiko (Hiroyuki Watanabe) als Gespielin gehalten – sie habe es, erklärt sie ihrer Mutter später, noch wesentlich besser gehabt als viele Mädchen, denen sie begegnet ist. Jetzt aber hatte sie sich einem Polizisten anvertraut, und Taiko hatte seinen Männern befohlen, sie zu vergewaltigen und umzubringen. Die rechnen allerdings nicht mit dem Überlebenswillen von Everly, und natürlich auch nicht mit der Pistole im Klo.

Seine Struktur entleiht Everly zum Teil dem Rape-Revenge-Subgenre, allerdings ist seine Heldin nicht eben typisch – denn eigentlich will sie sich gar nicht primär rächen, sondern nur raus, weg hier; aber bevor sie sich gesammelt hat, ist das Mietshaus umstellt, ein Entkommen vorerst unmöglich. So muss sie sich gegen Welle um Welle von Angreifern zur Wehr setzen; dem Tod springt sie gelegentlich nur mit wenigen Millimetern Abstand von der Schippe, und als einzigen Leidensgenossen hat sie einen reumütigen, tödlich verletzten Yakuza, der auf dem Sofa liegt und nicht mehr aufstehen kann.

Regisseur Joe Lynch hat bisher vor allem selbst kleinere Rollen vor allem in Horrorfilmen gespielt und ein paar kürzere Filme gedreht; sein einziger Langfilm vor Everly war Knights of Badassdom, dessen Produktionsgeschichte so chaotisch war, dass Lynch nichts mehr mit dem (ziemlich enttäuschenden) Endergebnis zu tun haben möchte. Über Everly weiß man von keinen solchen Streitereien, und in der Tat gibt es hier nichts, wofür sich Lynch schämen müsste.

Zugegeben, das Konzept und seine konsequente Weiterführung ermüden über die vollen anderthalb Stunden dann doch ein wenig. Auch wenn Lynch Grausamkeit auf Grausamkeit türmt, immer fiesere (und an einer Stelle geradezu surreal überzogene) Bösewichte auftreten lässt und seine Heldin prüft, bis der Boden rutschig wird vom vielen Blut: Irgendwann verliert das ein wenig an Reiz. Die Figuren allein sind jedenfalls nicht interessant genug, um dann noch für uneingeschränktes Vergnügen sorgen zu können.

Aber Lynch empfiehlt sich mit Everly doch für Größeres. Man sah das schon in Knights of Badassdom gelegentlich durchscheinen: Ein Gespür für die Inszenierung war da zu bemerken, darüber hinaus die Freude am milden, dann stark zunehmenden Wahnsinn. In Everly lässt er die Kamera auf der Stelle kreisen, während ringsum die Waffen sprechen – und zu jedem Zeitpunkt weiß man genau, wer gerade wo steht, was gerade geschieht, wessen Kugeln wen treffen.

Das ist eine Qualität, die vielen Actioninszenierungen fehlt – und Lynch schreckt auch nicht davor zurück, seine Protagonistin tief ins Tal der Tränen zu schicken. Dabei dehnt er zwar die Grenzen des wirklich Glaubhaften ein wenig (wer würde so viel Morden und Stechen wohl einigermaßen aufrecht durchstehen können?), aber natürlich beruht der ganze Film auf der Illusion, dass man es hier mit einer außergewöhnlich starken Frau zu tun habe; wer das nicht glauben will (und Salma Hayek gibt uns keinen Grund dazu), der hat bei Everly sowieso nichts verloren. Sie bricht zusammen und rappelt sich wieder auf. Sie macht weiter, denn irgendwo da draußen wartet Everlys kleine Tochter auf seine Mutter…

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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Bumblebee (2018)

Man kann den Transformers-Filmen allerhand vorwerfen, und das ist von Sexismus über bodenlose Langeweile durch zu viel CGI und tumbe Roboterprügeleien bis hin zu Rassismus auch alles schon geschehen. Große Emotionalität war bisher jedenfalls nicht ihr Problem. Ein Film wie Bumblebee kommt daher als große Überraschung daher: Ein Transformers-Streifen, der nicht nur glaubhafte Figuren mit einem echten Gefühlsspektrum vorstellt (den titelgebenden Transformer eingeschlossen), sondern dann auch noch seine weibliche Hauptfigur und ihren Schwarzen Sidekick mit Respekt portraitiert. Hailee Steinfeld stolpert in diesem von Travis Knight verantworteten Prequel zu den Michael-Bay-Streifen als Teenager Charlie eher zufällig über Bumblebee, der vor den Decepticons auf die Erde geflohen ist und sich zunächst in Gestalt eines gelben VW Käfers im Kalifornien der späten 1980er Jahre versteckt hat. Sie ist Halbwaise, er allein im weiten Universum – man freundet sich schnell an. Böse Roboter werden später auch noch verkloppt, und John Cena darf den obligatorischen Soldaten mit markigen Sprüchen und großem Unterkiefer mimen. Das ist amüsant, action- und abwechslungsreich, komplexes psychologisches Drama erwartet man aber vermutlich auch vom besten aller Transformers-Filme zurecht wirklich nicht.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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Geostorm (2017)

Ich habe überhaupt keine rechten Worte dafür, wie unfaßbar schlecht Geostorm ist, aber meine Güte, das muss ich mir von der Seele schreiben. Die Handlung ist so doof wie Doomsday: Der Klimawandel entlud sich in subkomplexen Phänomenen, nämlich spezifischen Freak-Wetter-Ausfällen, insbesondere Stürmen, die dann aber durch ein Netz von Satelliten, die nicht näher beschriebene Dinge tun, irgendwie eingehegt wurden. Verantwortlicher ist Jake Lawson, den Gerard Butler als subtilen Denker, nein, LOLSOB, den Butler als gerne auf die Nase hauenden Macher anlegt, kein Gedanke an intellektuelle Komplexität, weil ist ja nur Wetter. Weil er so undiplomatisch ist, wird er rausgeschmissen und wohnt alleine in einem Trailer, seine Tochter besucht ihn ab und zu, natürlich ist auch seine Ehe in die Brüche gegangen. Das gibt dann später ein paar Heuleszenen mit dem armen Kind.

Denn lo and behold, irgendein Bösewicht nutzt anscheinend das „Dutch Boy“ getaufte Satellitennetzwerk, um einzelne Katastrophen auszulösen, die einen „Geostorm“ aka weltweites Wetterchaos auslösen würden, und das internationale Team auf der sehr aufgepimpten ISS, wo aus irgendwelchen Gründen im gesamten Gebiet Schwerkraft zu herrschen scheint, obwohl sich nur minimale Teile drehen (und die zu langsam für Erdschwerkraft), hat keinen Schimmer, aber irgendwie infiltriert ist es doch. Jakes Bruder Max ist inzwischen zuständig, schickt seinen Bruder wieder auf die ISS, wo inzwischen die Deutsche Ute Fassbinder den Laden schmeisst (ich hoffe, Alexandra Maria Lara wurde richtig gut bezahlt für diesen schwarzen Ölfleck auf ihrer Karriere), während er seine Freundin und Secret-Service-Agentin Sarah dazu bringt, irgendwelche verbotenen Sachen zu tun…

Es ist noch schlimmer, als es sich anhört. Der Film hat Löcher in seiner Logik, durch die größere Raumschiffe durchfliegen könnten, Satelliten haben aus irgendwelchen Gründen Platz für mitfliegende Astronauten, das Space-Shuttle-Programm wurde wiederbelebt, im Weltraum hört man jedes Knarzen und an Bord der ISS scheinen überall Schusswaffen herumzuliegen. What on Earth bzw. What in Space

Butler spielt halt sein Ding, Lara wirkt fast durchgehend desorientiert, zwischendrin täuschen Andy Garcia und Ed Harris Schauspielerei vor, und Zazie Beetz kriegt hoffentlich bald wieder bessere Rollen. Und wer der Handlung folgen konnte (bizarrer Quatsch von Anfang bis Ende, generische Katastrophenszenarien, die nicht einmal Sinn ergeben), sieht den einen winzigen Twist schon mehrere Wetterfronten im Voraus kommen. Hundert Wirbelstürme über der Sahara könnten nicht soviel heiße Luft durch die Gegend pusten wie dieser Film.

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Red Sparrow (2018)

Dominika Egorova war bis zu einem Unfall auf der Bühne Primaballerina, dann rekrutiert sie ihr Onkel für die „Sparrows“, eine Einheit russischer Agentinnen und Agenten, deren Job es ist, die menschlichen – nicht zuletzt sexuellen – Schwächen anderer zu finden und auszunutzen. Das Training ist brutal, und Dominika (gespielt von Jennifer Lawrence) macht das alles andere als freiwillig. Sie wird auf einen amerikanischen Agenten angesetzt und soll von ihm den Namen eines Maulwurfs im russischen Geheimdienst herausfinden. Wie es sich für Spionage gehört, geht aber einiges schief, jede verrät jeden, und blutig wird es außerdem. Sehr blutig, stellenweise. Regisseur Francis Lawrence (mit der Hauptdarstellerin nicht verwandt) tunkt das Russland der Gegenwart in bedrückende Braun- und unterkühlte Blautöne, und führt in langen, viel zu langen Bewegungen durch die im Roman von Jason Matthews angelegten Verschwörungen. Das wirkt stellenweise übermäßig kompliziert und langatmig, hat aber vor allem weder die stilistische noch die intellektuelle Klarheit von einem Kammerspiel wie Dame König As Spion, und natürlich nicht die Energie von Atomic Blonde. Das kann auch der hochkarätige Cast – neben Lawrence sind Charlotte Rampling, Joel Edgerton und Jeremy Irons dabei – leider nicht retten.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

VANish (2015)

Man kennt das Setup: Ein paar Amateure planen eine Entführung, aber das Opfer ist so einige Nummern zu groß für sie – und das rächt sich früher oder später ganz gewaltig. Oder eben nicht. VANish steigt, nach einem kurzen Prolog, dessen Bedeutung erst später klar wird, genau damit ein: Zwei Männer entführen eine junge Frau, ein neugieriger Nachbar kommt dazu. Schüsse fallen. Als der dritte Freund hinzukommt und das Entführungsopfer ihre Gesichter sieht, ist schon eine ganze Menge schief gelaufen, und es wird anschließend nicht besser. Vor allem aber will ihr Entführungsopfer sich so gar nicht passiv und friedlich verhalten; nachdem sich der erste Staub gelegt hat, fragt sie ziemlich direkt, warum die Jungs nicht das doppelte verlangt hätten? Allerdings geht es natürlich gar nicht wirklich ums Geld…

Man sieht dem Film seine etwas hemdsärmelige Entstehung, sein nicht eben riesiges Budget schon an; aber Regisseur, Autor und Produzent (und auch noch Darsteller) Bryan Bockbrader macht in seinem Debütfilm mit dem, was er aufbieten kann, eine eigentlich recht ordentliche Figur – so richtig merkt man erst in den etwas splattrigen Gewaltszenen des Finales, dass da noch der letzte Schliff fehlt. Bis dahin aber geht die Handlung recht ordentlich voran, auch wenn der letzte, besondere Glanz fehlt; aber der Film ist solide genug, dass sich Bockbrader – der vorher nur zum Kurzfilm Maniac Cop das Drehbuch schrieb – zur Ergänzung seines weitgehend noch unbekannten Casts auch Gastauftritte zweier Genre-Veteranen sichern konnte. Danny Trejo ist kurz (und wortkarg wie immer) im Finale zu sehen, während Tony Todd einen schönen Auftritt als passiv-aggressiver Provinzpolizist hat.

Beschränkung ist in jeder Hinsicht die Stärke des Films: In hageren 80 Minuten legt die Entführergruppe nach und nach ihre Freundschaftsbande ab, und auch wenn der zentrale Twist nicht so richtig überraschend kommt: Es macht Freude, diesem kleinen Film zuzusehen, wie er sich erfolgreich an Genrekonventionen abarbeitet. Gebt dem Mann mehr Geld und ein ordentliches Team, dann wird das richtig, richtig spannend.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

6 Ways to Die – Rache ist niemals einfach (2015)

Sechs Wege gibt es, klärt Vinnie Jones und schon frühzeitig auf, einen Menschen umzubringen – man nimmt ihm nämlich nacheinander seine Freiheit, seine Liebe, seine Reputation, seine Besitztümer, sein Geld und erst zum Schluss auch sein Leben. Als namenloser Auftraggeber („John Doe“) schickt Jones sechs verschiedene Kriminelle einem Drogenboss auf den Hals, der sein Leben zerstört, seine Geliebte ermordet hat: Sonny „Sundown“ Garcia. Nur verfolgt der Film die Ereignisse in umgekehrter Reihenfolge: Zuerst wird Garcia erschossen, und dann heißt es immer wieder „eine Woche zuvor“, und es geht Schritt für Schritt seinem Geld an den Kragen, seiner Liebe…

Filme mit einer so invertierten Erzählstruktur gibt es ja mittlerweile einige, von Irreversible bis Memento, um die herausragendsten Beispiele zu nennen. Regisseur und Drehbuchautor Nadeem Soumah hält allerdings Sinn und Zweck dieser Stilübung bei 6 Ways to Die sehr lange verborgen – und letztlich geht es ihm nur um den entscheidenden Trick, um den Twist am Schluss, der so ein wenig dramatischer und eleganter wird.

Leider geht es mit dem Ende von „Sundown“ Garcia dann auch sehr schnell dem Spannungsbogen an den Kragen. Denn die Geschichte trägt sich nicht von selbst – der Mann ist tot, oder wird tot sein, warum sollte ich noch weiter zuschauen? Das ist in der Tat die Frage, und die Auflösung erklärt das zwar – sie führt aber doch eher zu verdrehten Augen als zu echter Überraschung. Hinzu kommt, dass die Figuren im Film vor allem in Platituden sprechen, was sie zu vergleichsweise stereotypen Erscheinungen macht, nicht wirklichen Wesen aus Fleisch und Blut. Jones ist natürlich cool und trocken, wie man es gewohnt ist, und sein Gegenspieler Garcia lebt in einer hinreichend glitzernden Welt des Reichtums – aber für den größten Drogendealer Nordamerikas dann auch wieder recht bescheiden. Da halten die Produktionsmittel des Films mit der Story nicht mit – so wie die Story nicht mit dem Anspruch der Inszenierung mithalten kann.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Big Game (2014)

Ob Air Force One oder das Weiße Haus: Die Rückzugsräume des amerikanischen Präsidenten sind unsicher geworden in den letzten Jahren, jedenfalls wenn man dem Actionkino glauben darf. In Wolfgang Petersens Air Force One ist es dann der Präsident selbst, der den Terroristen zeigt, wo im großen Flieger der Hammer hängt; sein Kollege Roland Emmerich legte dann in White House Down Hand an den Amtssitz in Washington, quasi zeitgleich mit Olympus Has Fallen. In beiden Filmen braucht der Präsident ein wenig Hilfe durch richtig starke Männer, und so ist es dann auch in Big Game – nur dass der starke Mann eben ein kleiner Junge ist, der zu seinem dreizehnten Geburtstag eine Nacht allein in den Wäldern Lapplands verbringen muss – ein traditioneller Initiationsritus der Männer dort.

Jalmari Helander hat vor fünf Jahren der Welt mit Rare Exports gezeigt, was für großartig seltsame Filme noch so aus Finnland kommen können. Der Streifen, lose auf zwei Kurzfilmen basierend, die Helander in den Jahren davor gedreht hatte, gibt der Legende vom Weihnachtsmann einen ganz neuen, wenig familientauglichen Dreh. Das war seltsam, sehr schräg und sorgte offenbar auch in den richtigen Kreisen für gehobene Augenbrauen.

Denn jetzt durfte der Mann einen richtig großen Film drehen, mit Samuel L. Jackson in der Hauptrolle als (natürlich gelegentlich derbe fluchender) amerikanischer Präsident, dessen Flugzeug über Finnland abgeschossen wird. Seine Rettungskapsel landet irgendwo in den Wäldern, und sowohl böse Buben als auch amerikanische Spezialeinheiten machen sich alsbald auf den Weg, ihn aufzusammeln. Gefunden wird er allerdings eben von Oskari (Onni Tommila), der dem fremden Mann seine Geschichte nicht so recht abnehmen will. Außerdem muss er ja noch mit seinem Bogen ein Tier erlegen, wie es die Tradition verlangt, und so lange können sie natürlich noch nicht zurück in die Zivilisation…

Tommila war, aufmerksame Beobachter werden Gesicht oder Namen sofort wiedererkennen, auch schon Helanders kindliche Hauptfigur in RARE EXPORTS, und das unterstreicht nur noch einmal mehr, wie sehr der Finne hier (er hat ja auch das Drehbuch geschrieben) das große Hollywood mit dem kleinen Finnland zusammenbringt, wie sehr er seiner Herkunft treu bleibt – und es trotzdem, dem Budget gemäß, richtig krachen lässt, mit Flugzeugabsturz, wilden Schießereien, absurden Verfolgungsjagden und – wenn sich der Präsident und Oskari in einer Tiefkühltruhe auf einen ziemlich gefährlichen Reiseabschnitt begeben – einer recht amüsierten Referenz an Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels.

Mit anderen Worten: Dieser Film nimmt sich zu keinem Zeitpunkt besonders ernst; aber in Albernheiten bricht er auch nicht aus. Das ist der wahrscheinlich gelassenste, entspannteste Actionfilm des Jahres. Mit Mehmet Kurtuluş und Ray Stevenson hat er zwei formidable Bösewichter, die ihr „Großwild“ (daher der Titel) durch die finnische Wildnis jagen – und mit Tommilas Oskari einen nicht weniger formidablen Helden (Jackson gibt hier eher den Sidekick).

Man sieht an der Besetzung auch: Big Game ist ein Männerfilm, es geht ja um Initiationsriten, um Vater-Sohn-Beziehungen und um Leute mit erheblich zu viel Testosteron und Machtwillen. Das nimmt Helander immer dann ernst, wenn es um Oskari geht (selten wurde eine kindliche Actionfigur mit so viel Zuneigung und Verständnis gezeichnet) – und sobald der Film sich den erwachsenen Männern zuwendet, macht er das nur noch (gelegentlich unsanfter) Ironie. Das ist die entscheidende Stärke des Films: Dass er als Coming-of-Age-Film sein Subjekt völlig ernst nehmen kann, während alles andere – und das schließt natürlich auch das Geballer, die Explosionen und das Männergehabe angeht – solche Ernsthaftigkeit nicht verdient.

Von Helander darf man jedenfalls in der Zukunft mit allem Recht noch interessante Filme erwarten – und es würde mich nicht wundern, wenn er für seinen jungen Schützling Onni Tommila noch die eine oder andere schöne Rolle findet.

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Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.