30 Days of Night: Dark Days (2010)

Zugegeben, wer sich davon nicht abschrecken läßt, daß es sich bei einem Film um die Direct-to-Video-Fortsetzung eines mäßig gepriesenen Genrestreifens handelt, der rechnet womöglich mit Enttäuschungen, und hängt seine Erwartungen nicht allzu hoch oben aus dem Fenster, zum Trocknen oder was man eigentlich mit Erwartungen macht, die man überhaupt hat.

Egal: Obwohl 30 Days of Night: Dark Days in der Handlungschronologie direkt nach dem Vorläufer 30 Days of Night (meine Kritik) ansetzt, sehen wir hier natürlich nur eine Person wieder, die auch im ersten Film vorkommt. Stella hat als Einzige das Gemetzel in Barrow überlebt, und will nun durch Vorträge Menschen davon überzeugen, daß es Vampire wirklich gibt.

[amazon_iframe asin=“B0040WE88Y“]

In Los Angeles trifft sie auf andere Überlebende von Vampirangriffen, die sich zusammengeschlossen haben, um gegen die Blutsauger zu kämpfen und insbesondere deren „Königin“ Lilith (Mia Kirshner) auszuschalten. Mit einiger Mühe können sie Stella davon überzeugen, sich ihnen anzuschließen und gegen die Vampire in den Kampf zu ziehen.

Angeblich waren es Termingründe, die Melissa George davon abhielten, auch in diesem Film wieder die Stella zu geben – vielleicht war sie aber auch einfach klug genug, dem Projekt unter Regisseur Ben Ketai, der hier seinen ersten Langfilm vorlegt, keine besonders große Zukunft vorherzusagen. Kiele Sanchez, die an ihre Stelle getreten ist, macht ihre Sache recht gut, aber auch sie kann gegen die Schwächen in Drehbuch und Inszenierung nicht viel ausrichten.

Die Probleme des Films beginnen schon damit, daß zu viele seiner Plotelemente aus anderen, besseren Genrebeiträgen abgekupfert sind, vor allem Blade: Trinity (meine Kritik) meint man, mit seiner zusammengewürfelten Vampirjäger_innentruppe, der bösen Vampirkönigin (dort: die richtig großartige Parker Posey) und den schwarzblauen Dekors, immer wieder vor sich zu sehen. Nur daß die stilbildenden Blade-Filme nicht nur erheblich schicker aussahen (und ihre Protagonist_innen sowieso), sondern sich auch ihres Camp-Charakters stets bewußt waren.

30 Days of Night: Dark Days stellt da, mit seinen miserabel ausgerüsteten und vorbereiteten Kämpfer_innen, die durch völlig unlogische Handlungsentwicklungen hindurch sich nicht einmal die Zeit nehmen, ihre blutverkrustete Kleidung zu wechseln, schon eher seine eigene Trashigkeit aufs Podest – nur leider weder ironisch noch absichtlich. Wenn die Action losgehen sollte, fängt die Langeweile erst so richtig an; und letztlich ist die in ihrer Inszenierung ans Pornographische grenzende Sexszene, milde charakterlich begründet, nur ein weiterer Beweis dafür, mit wieviel Ratlosigkeit dieser Film entstanden sein muß.

Foto: Sony Pictures Home Entertainment

R.E.D. (2010)

Menschen haben ja unterschiedliche Methoden, mit dem Ruhestand umzugehen – die einen stürzen sich ganz in ihre Hobbies oder fixen Ideen, andere vereinsamen in leeren Wohnungen, weil sie ohne ihre Arbeit und die Kolleg_innen keinen Sinn im Leben finden können. Und dann wieder gibt es die praktisch-pragmatischen, die ihren Alltag mit den Tagesabläufen des bürgerlichen Wohlstands strukturieren – Silber polieren, Blumen schneiden, Kekse backen – und fürs seelische Gleichgewicht arbeiten sie ab und an mal als Freelancer doch noch ein bißchen. „I take the odd job on the side“ gesteht Victoria (Helen Mirren) so auch ihrem Ex-Kollegen Frank (Bruce Willis).

Frank hat ein recht spezielles Problem: Sein Arbeitgeber hat sich seiner erinnert und aus diesem Anlaß gleich eine ganze Todesschwadron auf ihn losgelassen. Denn Frank war früher bei der CIA und hatte einige der brisantesten Geheimaufträge und Ermordungen für den amerikanischen Geheimdienst erledigt; warum aber er seinerseits jetzt sterben soll, wüßte er doch zu gern.

R.E.D. (die Abkürzung steht laut Film ein bißchen bescheuert für „Retired. Extremely Dangerous“) ist an der Oberfläche erst einmal eine ziemlich bleihaltige Geheimdienstklamotte, in der sich ein kleiner Trupp von Ex-Superagent_innen gegen aktive CIA-Kader zur Wehr setzen muß. Darunter versteckt der Film eine clevere kleine Komödie zum Generationenkonflikt (natürlich nicht nur) für die Generation, die mit den James Bond-Filmen groß geworden ist und jetzt meist vergeblich nach Identifikationsfiguren im Agentenfilm sucht.

Die ruheständlerischen Alten, die es mit der Eleganz und Arroganz der größeren Erfahrung natürlich locker aus Hüfte und Handgelenk mit den frechen, jugendlichen Emporkömmlingen aufnehmen, haben jedenfalls alle die Gestalt bekannter Größen des Hollywoodkinos, und ihre Figuren erschließen sich nur vollständig, wenn man ihre vorherigen Rollen im Blick behält. So wird Hellen Mirrens Victoria, ehemalige Agentin des britischen Geheimdienstes, erst dann richtig rund, wenn man Mirrens Arbeit als Auftragskillerin in Shadowboxer oder ihre herausragende Polizistin aus Prime Suspect kennt – und natürlich die Titelrolle in The Queen. Dann wird die gelassene, freundliche und sehr britische Auskunft über ihre berufliche Tätigkeit, die sie Franks junger Freundin Sarah (Mary-Louise Parker) gibt, noch viel herzzerreißend komischer: „I kill people, dear.“

Im Generationenkonflikt kann das aber auch heißen: „Old man, my ass!“, wie es John Malkovich als Marvin Boggs formuliert, ein mit zuviel LSD in die Paranoia getriebener Einzelgänger; aber ist es noch Paranoia, wenn sie wirklich hinter dir her sind? Malkovich wirkt ja derzeit manchmal fast abonniert auf die Rolle der leicht bis schwer Wahnsinnigen (man denke an Burn After Reading oder gar Jonah Hexmeine Kritik), aber hier paßt das hervorragend ins Rentner_innenteam (komplettiert übrigens von Morgan Freeman).

Die Inszenierung von Robert Schwentke ist dann allerdings alles andere als rentenrüstig, sondern ziemlich flott. Wenn die CIA-Agenten angerannt kommen, folgt man ihren Waffen zuweilen wie in Ego-Shooter-Computerspielen, und die Bilder von Überwachungskameras und -satelliten setzen sich wie Comicpanels nebeneinander. Das mag auf die Sehgewohnheiten des jungen Publikums abzielen (die damit natürlich, schließlich sind es die Antagonisten, die wir dabei sehen, ironisch kommentiert werden) und nimmt zugleich darauf Bezug, daß die Geschichte aus dem Comic stammt, aus einer Graphic Novel von Warren Ellis und Cully Hamner.

Die zahlreichen Szenen- und Ortswechsel quer durch Amerika – eine inhaltlich meist leere Geste des Agentenfilms – kippt Schwentke ins Komische, indem er sie durch Bilder animierter Urlaubspostkarten einleitet, und wenn es zu Feuergefechten kommt, dann wird geklotzt und nicht gekleckert – so daß man sich nach 45 Minuten, wenn die fast zwei Stunden Laufzeit des Films noch lange nicht vorbei sind, tatsächlich zu fragen beginnt, was denn jetzt noch alles folgen soll. Und da haben die Protagonist_innen das Komplott, dessen Opfer sie sind, noch gar nicht so richtig verstanden.

Und auch wenn die Verschwörung, um die es hier geht, am Ende ein wenig schlaff in sich zusammensackt – R.E.D. ist ein erfrischender, beschwingter und sehr actionlastiger Beitrag zum Generationenkonflikt. (Und der kalte Krieg, der wird hier sympathischerweise ganz still und leise, aber sehr elegant und romantisch als schon zu seinen Lebzeiten unbrauchbar verabschiedet. Die größere Gefahr liegt eben doch tief im Landesinneren.)

Foto: Concorde Film

Text zu Filmstart (28. Oktober 2010): Wir sind die Nacht

Ich hatte Wir sind die Nacht ja schon vorvergangene Woche auf dem Filmfestival in Sitges gesehen – und mich erfreut (und ein bißchen überrascht) dazu geäußert, einen recht brauchbaren deutschen Vampirfilm gesehen zu haben. Etwas detaillierter habe ich meine Gedanken (und Bedenken) für critic.de aufgeschrieben.

Foto: Sitges Film Festival

The Dark Lurking (2010)

Es gibt Momente, da kommt der Job des Filmkritikers einer gesellschaftlich-hygienischen Aufgabe gleich: Wenn wir uns Dinge ansehen, damit die Leser_innen es nicht tun müssen. Wobei es natürlich nicht stimmt, daß irgendjemand The Dark Lurking sich überhaupt je ansehen müßte, nicht einmal ich. Aber manchmal habe ich so masochistische Momente, oder den Drang danach, doch wenigstens einen Blick zu werfen auf das schon vorab von anderen beschimpfte Artefakt.

Und wenn man dann den Blick nicht lösen kann, hat das eben was vom Blick auf den gerade stattfindenden Autounfall. Ganz am Anfang von The Dark Lurking steht irgendwo zu lesen, bei dem Handlungsort handle es sich um eine Station für „Metaphysical Research“, aber wer hier einen Film von irgendwie metaphysischen Qualitäten erwartet, der liegt extrem schief gewickelt. Das steht da halt so, wie auf dem Cover auch als deutscher Verleihtitel Alien vs Zombies steht, obwohl das mit der Handlung nichts zu tun hat – allenfalls sehen die in schlechte Latex-Verkleidungen gesteckten Monsterstatisten entfernt Zombies und in wenigen Fällen Gigers Alien ähnlich – und hier auch nur Menschen gegen alles andere kämpfen.

[amazon_iframe asin=“B003ISQQNG“]

Irgendwann im letzten Drittel wird man dann darüber aufgeklärt, daß es sich tatsächlich um irgendwie übersinnlich behaftete Phänomene handle, mit denen man hier lautstark schießend aufräume – tatsächlich sind, wieder einmal, die Nazis mit ihrem Interesse an Übersinnlichem mit Schuld. Wer hätte das gedacht?

Allerdings werden die meisten Menschen kaum bis zu diesem Moment der Offenbarung gelangen, denn sogar mir ging dieser Film schon nach zwanzig Minuten derart auf die Nerven, daß ich ihn über weite Strecken nur noch im schnellen Vorlauf mit Untertiteln ertragen konnte. Die Dialoge – wenn man das so nennen darf, der erste Austausch von mehr als Satzfetzen zwischen zwei Personen findet nach ca. vierzig Minuten statt; in Sharktopus sind die Texte bedeutungstragender – sind emotionslos aufgesagt und gehen über die stereotypsten Aussagen nicht hinaus.

Ansonsten gibt es jede Menge Dunkelheit und Rauch, sowie vor allem feuchte, mit dünnem, grünen Licht kaum gefüllte Gänge, durch die die Figuren mit zahlreichen Waffen und Anschlußfehlern hindurchwanken; daß man sich in den Räumen der angeblich unterirdischen Forschungsstation (Resident Evil, anyone? – am Anfang wacht ja auch noch eine sonst nackte Frau unter einem Laken auf! Wie originell!) nie zu orientieren vermag, ist nur eine der offensichtlichsten Inszenierungsschwächen des Films.

In den letzten zwei, drei Minuten des Films geschieht dann etwas völlig Unerwartetes: The Dark Lurking gelingt ein Bild von emotionaler Düsternis und Grauen. Ernsthaft jetzt. Aber wer will sich dafür schon durch anderthalb Stunden filmisches Grauen winden? Eben.

Foto: WVG Medien

Sitges 2010: die restlichen Filme

Zum Abschluß der Filmübersichten (einige ausführliche Kritiken folgen in den nächsten Tagen) noch eine Handvoll Filme, die ich am Festival auch gesehen habe, die hier aber aus unerfindlichen Gründen bisher unter den Tisch gefallen waren:

After.Life

Als sei sie in die Addams Family zurückgekehrt, so blaß und zombiehaft wirkt Christina Ricci hier, was ihre Schönheit vielleicht noch intensiver erscheinen läßt. Fast leuchtet sie von innen in After.Life, wären da nicht die dunklen Augenringe. Natürlich muß sie zugleich hinfällig aussehen, schließlich ist sie – darum geht es – tot, jedenfalls behauptet ihr Bestatter (ein gruseliger Liam Neeson) das, der ihren Körper langsam für die Beerdigung vorbereitet. Nur er könne mit den Toten sprechen, sagt er, und immer wehrten sie sich gegen das Unvermeidliche. So ganz glaubt die Tote ihm nicht, aber auch die Zuschauer_innen werden bis fast zum Schluß darüber im Unklaren gelassen, was hier eigentlich vor sich geht. Für einen richtig mitreißenden Thriller gerät das gleichwohl ein wenig dünn, für eine Meditation über Leben und Tod ist Agnieszka Wojtowicz-Vosloos erster Langfilm etwas zu unterkomplex. Dennoch ein sehenswerter Film für eine Gewitterherbstnacht.

Sharktopus

Dieses Direct-to-TV-Streifchen des amerikanischen SyFy-Kanals kann sich zwar mit dem Namen Roger Cormans als Produzenten schmücken, aber auch mit dem Titel für die schlechtesten Spezialeffekte des Festivals. Mit einigem Abstand. Außerdem mit dem Preis für das grauenhafteste Drehbuch, die dümmsten Dialoge und schmerzhaft talentfrei agierende Schauspieler. (Newsflash: Wie mir aus gut informiertem Munde zugetragen wurde, wurde bei der hiesigen Mitternachtsvorstellung von Sharktopus auch noch Birdemic gezeigt, der offenbar an dessen Stelle alle hier von mir verliehenen Preise verdient hätte.)

Wenn Sie jemals gegen einen riesenhaften, gentechnisch hergestellten Hai-Oktopus-Hybriden kämpfen müssen sollten, der minutenlang auch außerhalb des Wassers existieren kann und dort auf seinen Oktopus-Armen herumläuft, wäre es klug sicherzustellen, daß Ihr Granatwerfer nicht dauernd klemmt. Andererseits füllt man so Filmzeit, und die ist nicht nur für die Werbekunden wichtig, sondern kann ja z.B. auch dazu dienen, alle paar Minuten ein paar knapp bekleidete junge Damen durchs Bild laufen zu lassen. Schließlich sind wir am Strand in Mexiko.

Andererseits ist das natürlich alles – und dafür steht ja nun der Name Corman auch – beste Trash- und Exploitationtradition. Und wenn man mit ausreichend Bier oder ähnlichen Stimmungsaufhellern versorgt ist, kann Sharktopus sicher der Star jedes Filmabends werden.

Defendor

In Sitges kam Defendor, nur in einer einzigen Vorstellung gezeigt, ein bißchen wie der kleine, nicht so lustige Stiefbruder von James Gunns Super daher, und in der Tat ist der Erstling von Autor und Regisseur Peter Stebbings (der vorher vor allem als Darsteller gearbeitet hatte) ruhiger, ernsthafter als Super, zugleich aber moralisch wie ästhetisch weniger komplex. Woody Harrelsons Hauptfigur Arthur Poppington ist eine klar positiv akzentuierte Person, und sein Wunsch nach Gerechtigkeit wie die Wahl seiner Mittel – Superheldentum mit einfachen Mitteln – wird unter anderem auch dadurch geadelt, daß Arthur als geistig eher schlichtes Wesen gezeichnet wird. Sein Handeln sei dadurch eben nicht gefiltert durch die Strukturen von Recht und Gesetz, habe mit den Grauzonen von Rechtsprechung und Undercover-Ermittlungen wenig zu tun.

The Final

Die High School, noch so ein amerikanischer Filmtopos, ist die Hölle, bzw. dort natürlich die Anderen. In der geläufigsten Tradition der Schulfilme sind es am Ende die Underdogs, die Außenseiter und Geeks, die doch die Oberhand behalten – moralisch natürlich sowieso. The Final spielt einmal eine andere Phantasie einigermaßen konsequent durch: Die brutale, auslöschende Rache der Unterdrückten an ihren Peinigern, und zwar nicht ungeplant und in einer emotionalen Ausnahmesituation wie in, zum Beispiel, Carrie, sondern als kühl kalkulierte, wohlvorbereitete Abendveranstaltung. Alle coolen Leute werden zu einer Party eingeladen, und dort werden dann die Prom Queens und Jocks mit Zangen, Messern und ätzenden Substanzen traktiert. Die Schwäche von Joey Stewarts Film ist nun auch nicht, daß die Grundidee nicht bis zum Schluß tragen würde, sondern daß es zu viele Stränge gibt, die das Drehbuch zwar andeutet, der Film aber nie umsetzt. Denn natürlich gibt es Konflikte zwischen den mörderischen Außenseitern, aber die werden nie dazu genutzt, Spannung zu erzeugen; und die gefesselten Opfer sitzen die meiste Zeit nur passiv herum und sagen gar nichts. Das Problem daran ist nicht, daß der Film nicht alle Möglichkeit ausnutzen würde, sondern vielmehr, daß er an diesen Stellen unglaubwürdig wird, die Figuren zu Erfüllungsgehilfen seiner eigenen Racheidee macht, ohne ihnen ein komplexes Eigenleben zu schenken. So wird dann auch das sukzessive Quälen der Mitschüler zu einer in der Ikonographie offensichtlich an Saw und Hostel geschulten, aber leblosen Nummernrevue ohne emotionale Kraft.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 9: die Filme

Die Filme vom Samstag – das Festival ging da schon spürbar seinem Ende entgegen.

Mother’s Day

Geschlechterkampf-Remake I: Darren Lynn Bousman hat aus dem (in Deutschland verbotenen) Film von Charles Kaufman aus dem Jahr 1980 nur die wesentliche Idee übernommen – die von der Matriarchin, die ihre Söhne (und neu: auch eine Tochter) zu Kriminellen erzogen hat, aber gleichzeitig auf gute Manieren und Einhaltung von Regeln besteht. Ein Ehepaar in emotionalen Schwierigkeiten wird gemeinsam mit ihren Partygästen von dieser Höllenfamilie heimgesucht, und es folgt ein grausames Spiel von Verantwortung, ethischen Dilemmata und offener Grausamkeit. Frauen sind der Frauen Wölfinnen, könnte das heißen, und der Männer sowieso. Ein ziemlich gemeiner Film mit einer beeindruckend kalten Rebecca De Mornay als titelgebende Mutter; mehr dazu bald.

Catfish

Ein durchaus umstrittener Dokumentarfilm, der in Sundance mit großem Erfolg gezeigt worden war: Ein New Yorker Fotograf beginnt eine Facebook-Freundschaft mit einem jungen Mädchen, die seine Fotos nachmalt – und schließlich eine erotisch aufgeladene Onlinebeziehung mit deren großer Schwester. Seine Filmemacherfreunde beginnen, diese Beziehung zu dokumentieren – bis sich schließlich herausstellt, daß die Figuren, mit denen er Kontakt hatte, die Erfindung einer einzelnen Frau waren. Der Film macht daraus aber weniger eine Betrachtung über Identität, Glaubwürdigkeit und Naivität im digitalen Zeitalter als vielmehr ein Portrait dieser Frau – mit durchaus problematischen Folgen in der realen Welt.

I Spit On Your Grave

Geschlechterkampf-Remake II: Das Remake des gleichnamigen Skandalfilms von Meir Zarchi – es geht nach wie vor um eine Autorin, die eine Waldhütte gemietet hat, um einen Roman zu schreiben, und von Männern aus einer benachbarten Siedlung mißhandelt und vergewaltigt wird – ist in seiner Darstellung der Rache exploitativer, brutaler als das Original. Hier gibt sich das Vergewaltigungsopfer jedoch nie den Anschein sexueller Verfügbarkeit, um an die Täter heranzukommen; kühl geplant zahlt sie jedem auf spezifische Weise die Gewalt zurück, die ihr angetan wurde. Eine genauere Betrachtung folgt demnächst auf blairwitch.de.

Isolation

Ein bißchen habe ich jetzt bei diesem letzten Film des Festivals die Nase voll von Streifen, in denen für das letzte Viertel oder Drittel offenbart wird, daß die Handlungsprämisse des vorher gesehenen gar nicht stimmten – auch wenn Isolation beträchtliche Energie darauf verwendet, schon vorher durchscheinen zu lassen, daß in der Isolationsstation, in der sich Amy Moore eines Tages wiederfindet, etwas nicht stimmen kann. Leider ist das so erkennbar die einzig interessante Information, die der Film zu verteilen hat, daß man sich so recht gar nicht dafür interessieren kann. Insgesamt: fad.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 8: die Filme

Das Festival ist inzwischen vorbei, ich bin wieder daheim, müde und etwas überdreht – aber die Filme der letzten Festivaltage (in denen ich mich zu tief ins Zelluloidland begeben habe, um auch noch schreiben zu können) bedürfen noch der Zusammenfassung. Was jetzt sukzessive folgt, beginnend mit: Freitag.

Let Me In

Matt Reeves‘ Version des großartigen Låt den rätte komma in (meine Kritik) ist ein erfreulicherweise ziemlich gelungener Film, der die beklemmende Handlung und Stimmung des Originals recht paßgenau ins Amerika der 1980er Jahre überführt. Reeves hat sich im Wesentlichen auf Oskar (hier: Owen) konzentriert und strickt daraus eine schön dunkle Coming-of-Age-Geschichte. Daß Tomas Alfredsons Film dennoch der bessere ist, liegt vor allem daran, daß Reeves‘ Fassung – trotz einiger sehr kluger Ergänzungen und Abwandlungen – insgesamt weniger komplex ist als das Original und zum Teil unnötig vereindeutigt, wo etwas mehr Ambivalenz nicht geschadet hätte. Mehr bald bei blairwitch.de.

Primal

Dieser eigentlich recht ansehnliche australische Streifen leidet vor allem darunter, daß er sich nicht recht entscheiden kann, ob er Trash oder doch lieber ernsthaftes Monsterkino sein soll. Irgendwo im Outback sind ein paar Studenten auf dem Weg zu Aboriginee-Steinmalereien, die seit angeblich Hunderten von Jahren niemand mehr gesehen hat. (Woher sie dann von ihrer Existenz und genauen Lage wissen, bleibt rätselhaft.) Nach einem nächtlichen Bad im benachbarten Tümpel verwandelt sich eine der jungen Damen zu ihren Ungunsten zu „your sabre-tooth girlfriend“, wie eine Figur das freundlich nennt, und bekommt großen Hunger auf Menschenfleisch. Nach den üblichen Diskussionen darüber, ob man ehemalige Geliebte nur deshalb erschlagen dürfe, weil sie einen auffressen wollen, dezimiert sich die Gruppe rasch – zur Auflösung hin gleitet der Film aber in fiese Trashästhetiken samt schlechter Spezialeffekte ab, die er vorher gezielt vermieden hatte. Die Kombination ist eher unfreiwillig komisch, und zurück bleibt das Gefühl eines in dieser oder jener Richtung unvollendeten Werkes.

La Casa Muda

Ein – wie schon angekündigt – in der Tat äußerst clever erschreckender Film, dessen Alleinstellungsmerkmal natürlich der auch in der Werbung hervorgehobene Umstand ist, daß er in einer einzigen Einstellung und mit einer kleinen HD-Fotokamera gedreht wurde. Die junge Hauptdarstellerin Florencia Colucci ist also auch dafür, wie für ihre überzeugende Darbietung, zu preisen. Sieht man vom Technischen ab, bleibt immer noch ein durchaus gekonnter Gruselfilm über ein Haus, in dem ein Vater mit seiner Tochter auf ein wenig erfreuliches Gegenüber stoßen. Filmemacher Gustavo Hernández spielt seine Schreckenskarten gekonnt dann aus, wenn man sie eben gerade nicht erwartet, und setzt alle möglichen Tricks ein, um die Zuschauer_innen auf falsche Fährten zu setzen; der nur sehr subtil vorbereitete Plottwist am Schluß ist dann sogar eine ziemliche Überraschung.

(Der Trailer legt übrigens falsche Fährten.)

The Perfect Host

Rotweintrinker, aufgepaßt! Die Dinnerparty, zu der Warwick Wilson (David Hyde Pierce aus Frasier) lädt, gerät etwas anders als ursprünglich geplant. Denn unerwartet platzt der Bankräuber John (Clayne Crawford) in die Vorbereitungen, der sich als Freund einer Freundin vorstellt – und als Warwick erkennt, um wen es sich handelt, ist es fast schon zu spät. Wäre nicht alles anders als man denkt. Denn dann legt The Perfect Host erst so richtig los und stürzt seine Protagonisten in eine ziemlich aberwitzige und potentiell mörderische Nacht.

Atrocious

Allgemeines Stöhnen während dieses Films, vor allem aber danach. Ein technisch nicht einmal ganz schlecht gemachter Blair Witch/Cloverfield-Nachäffer (also: ein Film aus angeblicher „Found Footage“), der viel Applaus bekam, weil er vor Ort in Sitges und Umgebung gedreht wurde. Das Einzige, was wirklich im Gedächtnis bleibt, ist eine ewige, bald sturzlangweilige Sequenz, in der die Hauptfigur mit seiner Kamera nachts durch ein Buschlabyrinth irrt, ab und an schreit die Schwester. Natürlich gibt’s dann auch mal was zum Erschrecken, aber das will man alles schon gar nicht mehr sehen.

The Violent Kind

Dieser seltsame Genre-Mix ist vor allem dadurch anstrengend, daß man ihm keinen seiner Teile je so richtig abnehmen will. Zuerst sehen wir eine Handvoll junger Männer, die angeblich zu einer Bikergang gehören; irgendwann machen sie sich auf aufs Land zur Matriarchin der Gang. Dort wird gefeiert, bis auf einmal eine der Frauen blutüberströmt zur Tür hereinkommt. Kurz nachdem sie ihre Partygenossen angefallen und einen gebissen hat, tauchen ein paar Figuren aus, die direkt den 1950er Jahren entsprungen sein könnten und die über seltsame Kräfte verfügen. Was zuerst wie ein Körperfresser- oder auch Vampirfilm wirken könnte, kriegt irgendwann einen wieder anderen Dreh, aber dann läßt der Film ein wesentliches Handlungselement einfach liegen (im Wortsinn) und driftet ins Gebiet des völligen Gaga ab. Leider ist das aber nicht einmal lustig, ebensowenig wie die technisch bescheidenen Versuche, im grotesken Splatter zu wildern. The Butcher Brothers haben hier eine Mischung angerichtet, die zu keinem Zeitpunkt wirken will, und deren Schlußtwist und -gag einzig dazu führt, daß man sich an die Stirn fassen möchte und sich fragt, warum, zum Geier, man sich das jetzt bitteschön angetan hat. Vor allem am späten, späten Freitagabend. [Update: Eine ausführliche Kritik gibt es jetzt bei blairwitch.de.]

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 7: die Filme

Bevor ich mich kurz zu den Filmen vom Donnerstag äußere, hier ein kurzer Hinweis auf jetzt noch anderswo erschienene längere Kritiken zum Festival:

Wir sind die Nacht

Das eigentliche Wunder wird für viele Leute sein, daß es sich bei Wir sind die Nacht um einen Vampirfilm aus deutscher Großproduktion handelt, und daß er trotzdem nicht total saugt (pun intended, natürlich). Die Dialoge sind vor allem zu Beginn des Films noch sehr gestelzt und werden von den Protagonistinnen aufgesagt, als gehörten sie nicht ganz hierhin; das Gefühl wird man bei Nina Hoss leider den ganzen Film über nicht los. Zum Ende hin wird Wir sind die Nacht dann actionlastiger und zugleich ein Stück besser. So ganz aus einem Guß wirkt der Streifen dennoch nicht, der großes Vampirepos sein will und dann Polizeiarbeit à la Tatort bietet. Mehr demnächst auf critic.de.

Monsters

Ein zärtlicher, sensibler, über weite Strecken fast meditativer Monsterfilm. Im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko verbreiten sich aus dem All eingeschleppte Organismen, die Zone ist deshalb unter Quarantäne gestellt. Ein Fotograf soll die Tochter seines Chefs aber heil in die USA machen, und wegen einiger auch emotionaler Verwicklungen verpassen sie die Fähre und müssen stattdessen den Landweg nehmen. Dort kommt es natürlich auch zu Konfrontationen mit den „Monstren“, aber Regisseur und Drehbuchautor Gareth Edwards stellt hier ganz subtil und selten mal laut große Fragen nach unserem Blick auf das Fremde, unserem Baden in wohlstandssaturierter Ignoranz und damit natürlich auch (aber wirklich nur en passant) nach der US-amerikanischen Immigrationspolitik. Außerdem ist Monsters ein doppelter Liebesfilm, und sehr, sehr traurig.

Prowl

Die bluttrinkenden, Menschenfleisch zerreißenden Monstren dieses kleinen Films sehen den Vampiren aus 30 Days of Night sehr ähnlich, aber mit dem Vampirmythos hat das hier nur noch am Rande zu tun. Eine geheimnisvolle Frau sammelt diese herumstreunenden Monstren ein, und in der Filmhandlung tauchen sie auf, als sich eine Gruppe Teenager einem Trucker anvertraut, der die Monsterchen regelmäßig mit Blutkonserven versorgt. Damit setzt dann ein leider auch ästhetisch sehr unbefriedigendes Blutvergießen ein, und die Auflösung des Films ist die einzige halbwegs originelle Idee, die dem Drehbuch eingefallen ist. Ausführlicheres demnächst bei blairwitch.de.

Red Nights (Nuits rouges du bourreau de jade)

Es beginnt mit einem Lustmord in Latex, eine in grellen Farben inszenierte Angelegenheit, und dann wird es seltsamer: Mehrere Frauen und ein Mann sind auf der Jagd nach dem „Schädel des Jade-Scharfrichters“, einer Antiquität, die ein einzigartiges Gift enthält. Ruhige Sequenzen werden von explosionsartig ausbrechender Gewalt unterbrochen, und am Schluß wurden reichlich Lust erworben und viel Gewalt verteilt.

13 Assassins

Takashi Miikes zweiter Beitrag auf diesem Festival neben Zebraman 2: Attack on Zebra City ist ganz anders, nämlich ein veritabler Samuraifilm ganz klassischer Machart – ein Remake von Eiichi Kudos The Thirteen Assassins (1963). Im ersten Drittel des Films werden Bündnisse geschmiedet und Vorbereitungen getroffen, und dann wird irgendwann gekämpft, gekämpft, gekämpft. Dieser letzte Teil wird irgendwann etwas eintönig, obgleich er durchweg gekonnt in Szene gesetzt wurde; Miike kann Schwertkämpfe so gut und konzentriert inszenieren wie die durchgeknallten Bilder seines Zebraman.

Fotos: Sitges Film Festival

Podcast #002: Sitges 2010

Wir sind zur Zeit auf dem Sitges Film Festival – Festival Internacional de Cinema Fantàstic de Catalunya – mit Benjamin Richter, Head of Programming Asia des International Comedy Film Festival, habe ich mich gestern im Café des Cinema Retiro über die sehenswerteren der vielen Filme unterhalten, die wir beide in den letzten Tagen gesehen hatten.

[display_podcast]


Das Comedy Film Festival wird im September 2011 stattfinden; derzeit läuft schon die monatliche Filmreihe (bislang nur in Berlin, das soll sich aber ändern), in der als nächstes am 3. November Symbol zu sehen sein wird.

Quellen und Links:

Sitges 2010, Tag 6: die Filme

Die Filme vom Mittwoch:

Twelve

Eine fast moralinsaure Geschichte über rich kids von der Upper East Side, die ihre angeblich tiefgehenden Probleme nicht beim Psychoanalytiker lösen wie ihre Eltern, sondern beim Drogendealer. Startet heute in Deutschland im Kino. Meine kurze Besprechung gibt es bei critic.de.

Snabba Cash aka Easy Money

Ein Wirtschaftsstudent aus einfachen Verhältnissen, der gerne zur High Society gehören will. Ein spanischer Ausbrecher, der endlich den großen Kokaindeal organisiert. Und ein serbischer Ganove, der plötzlich seine achtjährige Tochter im Haus hat. Ein bemerkenswertes Drama, das der Versuchung wiedersteht, zu einer Kopie der gängigen Gangstergeschichten zu werden, und am Schluß alle Beteiligten auf diese oder jene Weise zerstört zurückläßt. Leider einen Hauch zu lang.

The Wild Hunt

Eigentlich sind Leute, die Live Action Role Playing betreiben, ja ebenso wie Goths und Horrorfilmfans (um nur zwei äußerlich auf die meisten Menschen mindestens genauso bizarr wirkende Minderheiten zu benennen), ja äußerst ausgeglichene und friedliche Naturen. Insofern tut ihnen The Wild Hunt vielleicht etwas unrecht, der im Wesentlichen beschreibt, wie auf einem LARP-Wochenende aus dem Spiel sehr schmerzhafter Ernst wird. Regisseur Alexandre Franchi gelingt es in seinem ersten Feature, die Spannung stets leise vor sich hin köcheln zu lassen, nie weiß man genau, wann sich hier die Emotionen und Triebe Bahn brechen werden.

La posesión de Emma Evans

Dieser spanische Film (auf Englisch gedreht und in den Suburbs von London angesiedelt) ist einer der wirksamsten, gruseligsten Exorzismus-Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Dank einer brillanten Hauptdarstellerin (Sophie Vavasseur in der Titelrolle) bleibt das Schicksal der Protagonistin alles andere als egal. Und weil Manuel Carballo in seinem zweiten Langfilm nicht immer das macht, was man üblicherweise erwarten müßte, bleibt die Spannung gleichmäßig hoch, bis hin zum nochmal richtig schmerzhaften Schlußtwist.

Fotos: Sitges Film Festival