Gérardmer 2011: La Casa Muda (2010)

Manchmal kann ein Film ja aus den durchaus falschen – oder zumindest: nicht den wichtigsten – Gründen zu Ruhm kommen. Auf La Casa Muda trifft das insofern zu, als der Film vor allem dadurch ein wenig Bekanntheit erlangt hat, weil er sich als der erste Streifen vermarktete, der mit einer handelsüblichen Fotokamera in einer einzigen, durchgehenden Einstellung gefilmt worden sei. Nun ist es für einen kleinen Film aus einem international nicht eben viel in Erscheinung tretenden Land wie Uruguay im Grunde egal, mit welchen Methoden er sich ins Rampenlicht befördert oder befördern lassen kann – und ganz gelogen ist es ja auch nicht.

Gérardmer 2011 - SchriftzugNur ist eben der Umstand, daß in diesem Film kein Schnitt wirklich zu sehen ist (und die Macher, wenn überhaupt, nur eine sehr kleine Handvoll in schwarzblendigen Momenten hätten unterbringen können), zwar vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal, aber nicht der Grund, warum man sich La Casa Muda (international: The Silent House – und als Silent House auch einem dem Vernehmen nach wohl recht ansehnlichen us-amerikanischen Remake unterzogen) ansehen sollte.

Womit der Erstling von Regisseur Gustavo Hernández allerdings sehr wohl wuchern kann, ist der Effekt der formalen Selbstbeschränkung: eine unheimlich (und unheimliche) dichte Atmosphäre, die der Film schon nach kurzer Zeit aufbaut und dann bis zum Schluß aufrechterhält – sie saugt die Zuschauer_innen in den Film hinein und sorgt für akute Herzinfarktgefährdung, wenn dann plötzlich diese Hand, scheinbar aus dem Nichts…

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Aber ich greife voraus. Die junge Laura (Florencia Colucci) und ihr Vater (Gustavo Alonso) sollen ein altes Haus samt seines Gartens ein wenig auf Vordermann bringen, da der Besitzer (Abel Tripaldi), der ein alter Freund des Vaters ist, es demnächst verkaufen möchte. Nur ins Obergeschoß sollen sie nicht gehen, weil dort der Fußboden schon recht morsch und beschädigt sei – doch genau von dort oben hört Laura seltsame Geräusche.

Der Rest ist von der Grundidee her Standardware des Horrorfilms, samt allerdings durchaus klug eingefädeltem Twist zum Schluß hin; und alles ist derartig clever und dicht inszeniert, daß man sich dem Film kaum entziehen kann. Das Team geht mit den (selbst auferlegten) Beschränkungen so kreativ und effektiv um, daß man immer wieder überrascht ist, wie viel Effekt sich mit wie wenig Ausrüstung offenbar erreichen läßt; die geringe Zahl der Einstellungen beweist zudem, mit wieviel akribischer Planung das Projekt angegangen worden sein muß.

In eigener Sache:
Festivalberichterstattung ist für mich aufwendig und erst einmal mit einigen Kosten verbunden. Ich versuche dennoch, möglichst viel darüber in meinem Blog zu schreiben. Daher würde ich mich besonders freuen, wenn viele meine Einträge mit einem Klick auf die
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Foto: Sitges Film Festival

Stake Land (2010)

Dieser Text ist für die kommende Ausgabe der Splatting Image entstanden.

Postapokalypse now

Daß postapokalyptische Szenarien und das Roadmovie nicht nur im amerikanischen Film eine enge, manchmal fast schon symbiotisch wirkende Bindung eingegangen sind, liegt bei genauerem Nachdenken auf der Hand. Wo das Roadmovie ja in der äußeren die innere Bewegung sucht und verbirgt, so daß die Reise an sich, mit ihren Begegnungen und Auseinandersetzungen auf dem Weg Metapher und auslösender Impuls zugleich für die persönliche Entwicklung sein soll, da erzwingt parallel dazu das Motiv der postapokalyptischen Welt die Konzentration dieser Entwicklung auf eben das Wesentliche, die eigene Person: Wo sonst kaum Überlebende zu finden sind, muß man eben selber wachsen. Zugleich bietet die weitgehende Abwesenheit von Menschen zuweilen auch eine willkommene Gelegenheit, die gern verwendete episodische Struktur der Reise nicht nur zu begründen, sondern sogar noch besonders zu betonen. Die Leere des Raumes dazwischen bestimmt den Rhythmus des Wachstums und der Erzählung.

Die Beispiele für das apokalyptische Roadmovie sind Legion, von Mad Max (der freilich anderes im Sinn hat als das eben Beschriebene) reichen sie – mit ganz unterschiedlichen Erzählweisen – bis zu den jüngeren Versuchen wie The Road und The Book of Eli. Mit Stake Land geht Jim Mickle (nach Mulberry Street von 2006) nun in eine ähnliche Richtung – und auch wenn es nicht willkürlich erscheint, daß der Name des Films an Ruben Fleischers Zombieland (meine Kritik) erinnert, so ist doch die Erzählweise der beiden Filme grundsätzlich verschieden.

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Denn Stake Land, der auf dem Filmfestival in Toronto den Midnight Madness Audience Award einheimsen konnte, ist alles, nur nicht lustig, und die Reise der beiden Protagonisten kann deshalb natürlich auch nicht in einem „Amusement Park“ enden. Amerika und womöglich die ganze Welt sind, der Filmtitel läßt das erahnen, von Vampiren überrannt worden – wo sie herkommen, wie das ablief, all diese Fragen spielen keine Rolle. Stattdessen sind die Figuren ganz fundamental mit dem Überleben beschäftigt. Schon mit der ersten Szene bricht das auf die Leinwand ein, als „Mister“ (Nick Damici), dessen Namen wir nie erfahren, den jungen Martin (Connor Paolo) vor seinen eigenen Eltern rettet, die gerade erst gebissen wurden.

Von da an reisen die beiden gemeinsam durch das versehrte Land, und der Ältere lehrt seinen Ziehsohn alle Fertigkeiten, die er fürs Überleben braucht: Natürlich hilft er ihm vor allem, erwachsen zu werden. (Und: ein Mann. Deshalb muß der Film zu jenem Zeitpunkt enden, an dem er endet. Aber Stake Land macht daraus keine rückwärtsgewandte, gar reaktionäre Maskulinitätsphantasie, sondern erzählt womöglich eher einen Abgesang aufs Patriarchat. Aber davon später.)

Mister und Martin meiden die Städte, und ihr Amerika ist deshalb eines, in dem die Weite des Landes, seine endlos sich ausstreckende Natur eine enorme Rolle spielt. Lange bewegen sie sich mit dem Auto, aber in der zweiten Hälfte sind sie eine ganze lange Weile zusammen mit anderen Überlebenden zu Fuß quer durch bewaldete Berglandschaften unterwegs. Da wird der Mensch in der Tat auf eine Existenz zurückgeworfen, die grundlegend vormodern ist. Und so sehr ihm die technischen Relikte der industriellen Revolution – Autos, Waffen, elektrisches Licht – Hilfe und Rettung auch gegen die Vampire sein können, so sehr sind ihm zugleich geistige Überbleibsel dieser Zeit eine Gefahr.

Natürlich gibt es noch andere Überlebende im Amerika von Stake Land, die meisten sind nicht „on the road“ wie die Protagonisten, sondern haben sich in kleinen Ansiedlungen organisiert, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise organisiert sind. Das ist ein bißchen unübersichtlich – es gibt friedliche kleine Dörfer, wo abends zum Tanz aufgespielt wird, und militärisch durchorganisierte, ans faschistoide grenzende Camps. Wie mit einem Brennglas richtet Mickle die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf den scharfen Kontrast zwischen diesen beiden Extremen – und beschreibt damit zugleich einen politischen Konflikt, der das reale, heutige Amerika berührt und zerreißt. Denn die militaristisch agierende Miliz, mit der Mister und Martin unweigerlich in Konflikt treten werden, ist zugleich von extrem religiösen Haltungen geprägt, die im Angesicht der gottlosen, ultimativ diesseitigen Postapokalypse doppelt überholt wirken; sie waren schon in unserer außerfilmischen Gegenwart veraltet.

Mickles Vampiren haftet nichts Metaphysisches an – sie sind Monstren, gewiß, die nicht unserer Welt, soll heißen: unserer Realität entstammen. Zugleich sind sie aber so fundamental irdisch, schleimig, animalisch, daß ihre Existenz eher so wirkt, als habe sich ein Spalt in der Welt aufgetan, von dem wir vorher nichts wußten. Das ist weit entfernt von den aristokratischen Figuren des klassischen Vampirfilms, von den eleganten Frauen in schwarzem Leder, wie sie die Underworld-Filme etablierten, und nicht einmal nahe an den rücksichtslosen Monstren aus 30 Days of Night (meine Kritik; und zum Sequel). Diese Vampire sind in ihrem rücksichtslosen Blutdurst den energischen Zombies von Zack Snyder näher als ihresgleichen je zuvor, und sie sehen auch nicht unbedingt viel besser aus.

Die furchtbarsten Feinde des Lebens sind aber eben nicht die Untoten, sondern die religiösen Fanatiker, die den Untergang der Menschheit vervollständigen wollen, und denen dazu wortwörtlich jedes Mittel recht ist: Sie wollen die Apokalypse vollenden, und es fällt schwer, darin nicht die christlichen Eiferer gespiegelt zu sehen, die den Nahostkonflikt befeuern wollen, um die Wiederkehr ihres Heilands zu beschleunigen. (Daß ausgerechnet der amerikanische Norden – Kanada!, wo es schon jetzt angeblich immer besser sei als in den USA – für Mister und Martin das Ziel ihrer Reise und Sehnsuchtsort ist, ist eine feine ironische Note im Gegenwartsbezug des Films.)

Natürlich wird sich der Konflikt bis zum Ende des Films noch personalisieren und fokussieren – und „Mister“, darin eben doch Woody Harrelsons Tallahassee aus Zombieland entfernt verwandt, ist dann der schwarze Ritter in dieser Geschichte, der Mann mit der offenbar (aber zugleich nie explizierten) gewalttätigen Vergangenheit, der sich aufs Überleben so gut versteht wie aufs Töten. Und der deshalb Schuld auf sich nimmt, um Martin – dem jungen Mann, der es besser als er vermag, mit anderen, Männern wie Frauen, gleichberechtigt zusammenzuleben – eine Zukunft zu ermöglichen. Oben in Kanada, wo vielleicht die Vampire etwas weniger zahlreich sind.

Fotos: Sitges Film Festival

Rare Exports: Die Kurzfilme

Für nahezu alle Beteiligten und die meisten Unbeteiligten völlig überraschend kommt am 23. Dezember 2010, passend und trefflich rechtzeitig zum Fest, der, nunja, sehr eigene Weihnachtsfilm Rare Exports: A Christmas Tale sogar in deutsche Kinos. (Den Trailer gibt’s weiter unten.)

Der Film (Besprechung folgt noch hier bei filmstarts.de) spielt im Norden Finnlands, wo ein etwas zwielichtiger Geschäftsmann seine Firma nach dem Grab des Weihnachtsmannes graben läßt – und als er es dann gefunden hat, geschehen reichlich seltsame Dinge. Kinder verschwinden, Rentiere werden dutzendweise gerissen, und generell kann von fröhlicher Weihnacht nur bedingt die Rede sein.

Die Handlung von Rare Exports basiert auf zwei Kurzfilmen, die Autor und Regisseur Jalmari Helander zuvor veröffentlicht hatte: Rare Exports Inc. von 2003 und, zwei Jahre später, The Official Rare Exports Inc. Safety Instructions 2005. Beide Filme unterscheiden sich zwar in ihrer Erzählweise völlig von Helanders (übrigens erstem) Langfilm – die Shorts sind als Werbe- bzw. Instruktionsvideos der fiktionalen Firma „Rare Exports Inc.“ aufgemacht -, sie deuten aber schon viele Themen an, die in Rare Exports: A Christmas Tale auch enthalten sind, der im Grunde als eine Art inhaltliches Prequel zu den Filmen funktionieren könnte, wenn dann nicht einige Ungereimtheiten logischer Natur übrigblieben. Aber das ist ja Wurscht.

Jedenfalls sind diese beiden kurzen Filmchen nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch die beste Werbung für den reichlichen Schrägen Weihnachtsfilm, den es Ende des Jahres zu sehen geben wird. Darauf einen Glühwein!

We wish you a safe and merry christmas!

Rare Exports Inc.

(Direktlink)

The Official Rare Exports Inc. Safety Instructions 2005

(Direktlink)

Und hier ist der Trailer zum Langfilm:

Foto: Filmwebsite

Rubber (2010)

Das eigentlich bemerkenswerte an Quentin Dupieuxs Film Rubber, der seit Cannes in Europa und anderswo auf den Festivals herumgereicht wurde, ist nicht die zugegeben reichlich abgefahrene Handlungsprämisse vom mörderischen Pneu, der zwischendurch aus einem Swimmingpool gezogen werden muß – das ist zwar in sich schon originell und einigermaßen amüsant, nutzt sich aber im Laufe der nicht ganz neunzig Minuten schon ein wenig ab (und Dupieux war klug genug, den Film so knapp wie kurz zu lassen).

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Nein, das Bemerkenswerte ist, wie die – man kann nur sagen: – Illusion dieser Handlung hergestellt und aufrechterhalten wird, während zugleich die Mechanismen der Illusionserzeugung mit aller Macht ins Rampenlicht gezogen werden. Rubber ist, wenn man so will, verfremdetes Theater à la Brecht par excellence – eine Hauptfigur, mit der eine Identifikation praktisch unmöglich ist, kontinuierliche Unterbrechungen des Handlungsflusses durch Verweis auf die Fiktionalität des Geschehens usf.

Und trotzdem bastelt unser Bedürfnis nach stories aus den wirklich nur losest verbundenen Szenen so etwas Ähnliches wie ein konsistentes Gerüst, auch wenn vermutlich niemand nach Verlassen des Kinos wirklich sagen könnte, wie jetzt genau die Handlung abgelaufen sei, was man da eigentlich gerade gesehen habe. Aber Dupieux und sein Team verbinden hier clever alle Mittel, mit denen filmische Konsistenz vorgegaukelt wird. Die Musik suggeriert Emotionen (was vor allem beim Gummihauptdarsteller sehr notwendig ist) und Zusammenhänge, klassische Genresituationen werden ohne Erläuterungen eingeführt (der Stand-Off am Schluß etwa), bedürfen dieser aber offenbar auch nicht, und einfache Ausrufe einzelner Figuren („er ist wiedergeboren!“) werden, obgleich ohne Kontext und Begründbarkeit gemacht, einfach als diegetische Wahrheit weitergeschrieben.

Man läßt sich nämlich im Film (aber auch im Leben – aber das ist eine andere Geschichte) viele Dinge leicht unterjubeln, für die es keine wirkliche Begründung gibt, keine Fundierung in Charakteren oder Handlung. Drehbuchschreiber_innen wie Regisseur_innen wissen solches natürlich, und machen es sich häufig genug zunutze; aber selten wird es so vorgeführt und dann noch gleich ausdiskutiert wie in diesem Film. Gewidmet, erfahren wir in einer anfangs von einem Polizisten gehaltenen Ansprache, dem Konzept des „No reason“, dem grundlosen Auftauchen und Geschehen von Dingen im Film wie im Leben. Woraufhin er sein Glas Wasser ausschüttet und wieder in den Kofferraum seines Dienstwagens steigt. Warum? No reason.

Und dann bricht eben ein mörderischer Autoreifen über uns herein. Ich mochte den Film. Warum? No reason, really.

Fotos: Sitges Film Festival

Text zu Filmstart (28. Oktober 2010): Wir sind die Nacht

Ich hatte Wir sind die Nacht ja schon vorvergangene Woche auf dem Filmfestival in Sitges gesehen – und mich erfreut (und ein bißchen überrascht) dazu geäußert, einen recht brauchbaren deutschen Vampirfilm gesehen zu haben. Etwas detaillierter habe ich meine Gedanken (und Bedenken) für critic.de aufgeschrieben.

Foto: Sitges Film Festival

Kurzfilm: United Monster Talent Agency

Dieser Kurzfilm von Greg Nicotero, der auch auf dem Festival in Sitges zu sehen war, zeigt uns, wo die klassischen (und einiger der postklassischen) Hollywoodmonstren wirklich herkommen. Wenn das eingebettete Video nicht funktioniert: Hier sollte man den Film sehen können.

Und ein paar Cameos gibt es auch…

Sitges 2010: die restlichen Filme

Zum Abschluß der Filmübersichten (einige ausführliche Kritiken folgen in den nächsten Tagen) noch eine Handvoll Filme, die ich am Festival auch gesehen habe, die hier aber aus unerfindlichen Gründen bisher unter den Tisch gefallen waren:

After.Life

Als sei sie in die Addams Family zurückgekehrt, so blaß und zombiehaft wirkt Christina Ricci hier, was ihre Schönheit vielleicht noch intensiver erscheinen läßt. Fast leuchtet sie von innen in After.Life, wären da nicht die dunklen Augenringe. Natürlich muß sie zugleich hinfällig aussehen, schließlich ist sie – darum geht es – tot, jedenfalls behauptet ihr Bestatter (ein gruseliger Liam Neeson) das, der ihren Körper langsam für die Beerdigung vorbereitet. Nur er könne mit den Toten sprechen, sagt er, und immer wehrten sie sich gegen das Unvermeidliche. So ganz glaubt die Tote ihm nicht, aber auch die Zuschauer_innen werden bis fast zum Schluß darüber im Unklaren gelassen, was hier eigentlich vor sich geht. Für einen richtig mitreißenden Thriller gerät das gleichwohl ein wenig dünn, für eine Meditation über Leben und Tod ist Agnieszka Wojtowicz-Vosloos erster Langfilm etwas zu unterkomplex. Dennoch ein sehenswerter Film für eine Gewitterherbstnacht.

Sharktopus

Dieses Direct-to-TV-Streifchen des amerikanischen SyFy-Kanals kann sich zwar mit dem Namen Roger Cormans als Produzenten schmücken, aber auch mit dem Titel für die schlechtesten Spezialeffekte des Festivals. Mit einigem Abstand. Außerdem mit dem Preis für das grauenhafteste Drehbuch, die dümmsten Dialoge und schmerzhaft talentfrei agierende Schauspieler. (Newsflash: Wie mir aus gut informiertem Munde zugetragen wurde, wurde bei der hiesigen Mitternachtsvorstellung von Sharktopus auch noch Birdemic gezeigt, der offenbar an dessen Stelle alle hier von mir verliehenen Preise verdient hätte.)

Wenn Sie jemals gegen einen riesenhaften, gentechnisch hergestellten Hai-Oktopus-Hybriden kämpfen müssen sollten, der minutenlang auch außerhalb des Wassers existieren kann und dort auf seinen Oktopus-Armen herumläuft, wäre es klug sicherzustellen, daß Ihr Granatwerfer nicht dauernd klemmt. Andererseits füllt man so Filmzeit, und die ist nicht nur für die Werbekunden wichtig, sondern kann ja z.B. auch dazu dienen, alle paar Minuten ein paar knapp bekleidete junge Damen durchs Bild laufen zu lassen. Schließlich sind wir am Strand in Mexiko.

Andererseits ist das natürlich alles – und dafür steht ja nun der Name Corman auch – beste Trash- und Exploitationtradition. Und wenn man mit ausreichend Bier oder ähnlichen Stimmungsaufhellern versorgt ist, kann Sharktopus sicher der Star jedes Filmabends werden.

Defendor

In Sitges kam Defendor, nur in einer einzigen Vorstellung gezeigt, ein bißchen wie der kleine, nicht so lustige Stiefbruder von James Gunns Super daher, und in der Tat ist der Erstling von Autor und Regisseur Peter Stebbings (der vorher vor allem als Darsteller gearbeitet hatte) ruhiger, ernsthafter als Super, zugleich aber moralisch wie ästhetisch weniger komplex. Woody Harrelsons Hauptfigur Arthur Poppington ist eine klar positiv akzentuierte Person, und sein Wunsch nach Gerechtigkeit wie die Wahl seiner Mittel – Superheldentum mit einfachen Mitteln – wird unter anderem auch dadurch geadelt, daß Arthur als geistig eher schlichtes Wesen gezeichnet wird. Sein Handeln sei dadurch eben nicht gefiltert durch die Strukturen von Recht und Gesetz, habe mit den Grauzonen von Rechtsprechung und Undercover-Ermittlungen wenig zu tun.

The Final

Die High School, noch so ein amerikanischer Filmtopos, ist die Hölle, bzw. dort natürlich die Anderen. In der geläufigsten Tradition der Schulfilme sind es am Ende die Underdogs, die Außenseiter und Geeks, die doch die Oberhand behalten – moralisch natürlich sowieso. The Final spielt einmal eine andere Phantasie einigermaßen konsequent durch: Die brutale, auslöschende Rache der Unterdrückten an ihren Peinigern, und zwar nicht ungeplant und in einer emotionalen Ausnahmesituation wie in, zum Beispiel, Carrie, sondern als kühl kalkulierte, wohlvorbereitete Abendveranstaltung. Alle coolen Leute werden zu einer Party eingeladen, und dort werden dann die Prom Queens und Jocks mit Zangen, Messern und ätzenden Substanzen traktiert. Die Schwäche von Joey Stewarts Film ist nun auch nicht, daß die Grundidee nicht bis zum Schluß tragen würde, sondern daß es zu viele Stränge gibt, die das Drehbuch zwar andeutet, der Film aber nie umsetzt. Denn natürlich gibt es Konflikte zwischen den mörderischen Außenseitern, aber die werden nie dazu genutzt, Spannung zu erzeugen; und die gefesselten Opfer sitzen die meiste Zeit nur passiv herum und sagen gar nichts. Das Problem daran ist nicht, daß der Film nicht alle Möglichkeit ausnutzen würde, sondern vielmehr, daß er an diesen Stellen unglaubwürdig wird, die Figuren zu Erfüllungsgehilfen seiner eigenen Racheidee macht, ohne ihnen ein komplexes Eigenleben zu schenken. So wird dann auch das sukzessive Quälen der Mitschüler zu einer in der Ikonographie offensichtlich an Saw und Hostel geschulten, aber leblosen Nummernrevue ohne emotionale Kraft.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 9: die Filme

Die Filme vom Samstag – das Festival ging da schon spürbar seinem Ende entgegen.

Mother’s Day

Geschlechterkampf-Remake I: Darren Lynn Bousman hat aus dem (in Deutschland verbotenen) Film von Charles Kaufman aus dem Jahr 1980 nur die wesentliche Idee übernommen – die von der Matriarchin, die ihre Söhne (und neu: auch eine Tochter) zu Kriminellen erzogen hat, aber gleichzeitig auf gute Manieren und Einhaltung von Regeln besteht. Ein Ehepaar in emotionalen Schwierigkeiten wird gemeinsam mit ihren Partygästen von dieser Höllenfamilie heimgesucht, und es folgt ein grausames Spiel von Verantwortung, ethischen Dilemmata und offener Grausamkeit. Frauen sind der Frauen Wölfinnen, könnte das heißen, und der Männer sowieso. Ein ziemlich gemeiner Film mit einer beeindruckend kalten Rebecca De Mornay als titelgebende Mutter; mehr dazu bald.

Catfish

Ein durchaus umstrittener Dokumentarfilm, der in Sundance mit großem Erfolg gezeigt worden war: Ein New Yorker Fotograf beginnt eine Facebook-Freundschaft mit einem jungen Mädchen, die seine Fotos nachmalt – und schließlich eine erotisch aufgeladene Onlinebeziehung mit deren großer Schwester. Seine Filmemacherfreunde beginnen, diese Beziehung zu dokumentieren – bis sich schließlich herausstellt, daß die Figuren, mit denen er Kontakt hatte, die Erfindung einer einzelnen Frau waren. Der Film macht daraus aber weniger eine Betrachtung über Identität, Glaubwürdigkeit und Naivität im digitalen Zeitalter als vielmehr ein Portrait dieser Frau – mit durchaus problematischen Folgen in der realen Welt.

I Spit On Your Grave

Geschlechterkampf-Remake II: Das Remake des gleichnamigen Skandalfilms von Meir Zarchi – es geht nach wie vor um eine Autorin, die eine Waldhütte gemietet hat, um einen Roman zu schreiben, und von Männern aus einer benachbarten Siedlung mißhandelt und vergewaltigt wird – ist in seiner Darstellung der Rache exploitativer, brutaler als das Original. Hier gibt sich das Vergewaltigungsopfer jedoch nie den Anschein sexueller Verfügbarkeit, um an die Täter heranzukommen; kühl geplant zahlt sie jedem auf spezifische Weise die Gewalt zurück, die ihr angetan wurde. Eine genauere Betrachtung folgt demnächst auf blairwitch.de.

Isolation

Ein bißchen habe ich jetzt bei diesem letzten Film des Festivals die Nase voll von Streifen, in denen für das letzte Viertel oder Drittel offenbart wird, daß die Handlungsprämisse des vorher gesehenen gar nicht stimmten – auch wenn Isolation beträchtliche Energie darauf verwendet, schon vorher durchscheinen zu lassen, daß in der Isolationsstation, in der sich Amy Moore eines Tages wiederfindet, etwas nicht stimmen kann. Leider ist das so erkennbar die einzig interessante Information, die der Film zu verteilen hat, daß man sich so recht gar nicht dafür interessieren kann. Insgesamt: fad.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 8: die Filme

Das Festival ist inzwischen vorbei, ich bin wieder daheim, müde und etwas überdreht – aber die Filme der letzten Festivaltage (in denen ich mich zu tief ins Zelluloidland begeben habe, um auch noch schreiben zu können) bedürfen noch der Zusammenfassung. Was jetzt sukzessive folgt, beginnend mit: Freitag.

Let Me In

Matt Reeves‘ Version des großartigen Låt den rätte komma in (meine Kritik) ist ein erfreulicherweise ziemlich gelungener Film, der die beklemmende Handlung und Stimmung des Originals recht paßgenau ins Amerika der 1980er Jahre überführt. Reeves hat sich im Wesentlichen auf Oskar (hier: Owen) konzentriert und strickt daraus eine schön dunkle Coming-of-Age-Geschichte. Daß Tomas Alfredsons Film dennoch der bessere ist, liegt vor allem daran, daß Reeves‘ Fassung – trotz einiger sehr kluger Ergänzungen und Abwandlungen – insgesamt weniger komplex ist als das Original und zum Teil unnötig vereindeutigt, wo etwas mehr Ambivalenz nicht geschadet hätte. Mehr bald bei blairwitch.de.

Primal

Dieser eigentlich recht ansehnliche australische Streifen leidet vor allem darunter, daß er sich nicht recht entscheiden kann, ob er Trash oder doch lieber ernsthaftes Monsterkino sein soll. Irgendwo im Outback sind ein paar Studenten auf dem Weg zu Aboriginee-Steinmalereien, die seit angeblich Hunderten von Jahren niemand mehr gesehen hat. (Woher sie dann von ihrer Existenz und genauen Lage wissen, bleibt rätselhaft.) Nach einem nächtlichen Bad im benachbarten Tümpel verwandelt sich eine der jungen Damen zu ihren Ungunsten zu „your sabre-tooth girlfriend“, wie eine Figur das freundlich nennt, und bekommt großen Hunger auf Menschenfleisch. Nach den üblichen Diskussionen darüber, ob man ehemalige Geliebte nur deshalb erschlagen dürfe, weil sie einen auffressen wollen, dezimiert sich die Gruppe rasch – zur Auflösung hin gleitet der Film aber in fiese Trashästhetiken samt schlechter Spezialeffekte ab, die er vorher gezielt vermieden hatte. Die Kombination ist eher unfreiwillig komisch, und zurück bleibt das Gefühl eines in dieser oder jener Richtung unvollendeten Werkes.

La Casa Muda

Ein – wie schon angekündigt – in der Tat äußerst clever erschreckender Film, dessen Alleinstellungsmerkmal natürlich der auch in der Werbung hervorgehobene Umstand ist, daß er in einer einzigen Einstellung und mit einer kleinen HD-Fotokamera gedreht wurde. Die junge Hauptdarstellerin Florencia Colucci ist also auch dafür, wie für ihre überzeugende Darbietung, zu preisen. Sieht man vom Technischen ab, bleibt immer noch ein durchaus gekonnter Gruselfilm über ein Haus, in dem ein Vater mit seiner Tochter auf ein wenig erfreuliches Gegenüber stoßen. Filmemacher Gustavo Hernández spielt seine Schreckenskarten gekonnt dann aus, wenn man sie eben gerade nicht erwartet, und setzt alle möglichen Tricks ein, um die Zuschauer_innen auf falsche Fährten zu setzen; der nur sehr subtil vorbereitete Plottwist am Schluß ist dann sogar eine ziemliche Überraschung.

(Der Trailer legt übrigens falsche Fährten.)

The Perfect Host

Rotweintrinker, aufgepaßt! Die Dinnerparty, zu der Warwick Wilson (David Hyde Pierce aus Frasier) lädt, gerät etwas anders als ursprünglich geplant. Denn unerwartet platzt der Bankräuber John (Clayne Crawford) in die Vorbereitungen, der sich als Freund einer Freundin vorstellt – und als Warwick erkennt, um wen es sich handelt, ist es fast schon zu spät. Wäre nicht alles anders als man denkt. Denn dann legt The Perfect Host erst so richtig los und stürzt seine Protagonisten in eine ziemlich aberwitzige und potentiell mörderische Nacht.

Atrocious

Allgemeines Stöhnen während dieses Films, vor allem aber danach. Ein technisch nicht einmal ganz schlecht gemachter Blair Witch/Cloverfield-Nachäffer (also: ein Film aus angeblicher „Found Footage“), der viel Applaus bekam, weil er vor Ort in Sitges und Umgebung gedreht wurde. Das Einzige, was wirklich im Gedächtnis bleibt, ist eine ewige, bald sturzlangweilige Sequenz, in der die Hauptfigur mit seiner Kamera nachts durch ein Buschlabyrinth irrt, ab und an schreit die Schwester. Natürlich gibt’s dann auch mal was zum Erschrecken, aber das will man alles schon gar nicht mehr sehen.

The Violent Kind

Dieser seltsame Genre-Mix ist vor allem dadurch anstrengend, daß man ihm keinen seiner Teile je so richtig abnehmen will. Zuerst sehen wir eine Handvoll junger Männer, die angeblich zu einer Bikergang gehören; irgendwann machen sie sich auf aufs Land zur Matriarchin der Gang. Dort wird gefeiert, bis auf einmal eine der Frauen blutüberströmt zur Tür hereinkommt. Kurz nachdem sie ihre Partygenossen angefallen und einen gebissen hat, tauchen ein paar Figuren aus, die direkt den 1950er Jahren entsprungen sein könnten und die über seltsame Kräfte verfügen. Was zuerst wie ein Körperfresser- oder auch Vampirfilm wirken könnte, kriegt irgendwann einen wieder anderen Dreh, aber dann läßt der Film ein wesentliches Handlungselement einfach liegen (im Wortsinn) und driftet ins Gebiet des völligen Gaga ab. Leider ist das aber nicht einmal lustig, ebensowenig wie die technisch bescheidenen Versuche, im grotesken Splatter zu wildern. The Butcher Brothers haben hier eine Mischung angerichtet, die zu keinem Zeitpunkt wirken will, und deren Schlußtwist und -gag einzig dazu führt, daß man sich an die Stirn fassen möchte und sich fragt, warum, zum Geier, man sich das jetzt bitteschön angetan hat. Vor allem am späten, späten Freitagabend. [Update: Eine ausführliche Kritik gibt es jetzt bei blairwitch.de.]

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 7: die Filme

Bevor ich mich kurz zu den Filmen vom Donnerstag äußere, hier ein kurzer Hinweis auf jetzt noch anderswo erschienene längere Kritiken zum Festival:

Wir sind die Nacht

Das eigentliche Wunder wird für viele Leute sein, daß es sich bei Wir sind die Nacht um einen Vampirfilm aus deutscher Großproduktion handelt, und daß er trotzdem nicht total saugt (pun intended, natürlich). Die Dialoge sind vor allem zu Beginn des Films noch sehr gestelzt und werden von den Protagonistinnen aufgesagt, als gehörten sie nicht ganz hierhin; das Gefühl wird man bei Nina Hoss leider den ganzen Film über nicht los. Zum Ende hin wird Wir sind die Nacht dann actionlastiger und zugleich ein Stück besser. So ganz aus einem Guß wirkt der Streifen dennoch nicht, der großes Vampirepos sein will und dann Polizeiarbeit à la Tatort bietet. Mehr demnächst auf critic.de.

Monsters

Ein zärtlicher, sensibler, über weite Strecken fast meditativer Monsterfilm. Im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko verbreiten sich aus dem All eingeschleppte Organismen, die Zone ist deshalb unter Quarantäne gestellt. Ein Fotograf soll die Tochter seines Chefs aber heil in die USA machen, und wegen einiger auch emotionaler Verwicklungen verpassen sie die Fähre und müssen stattdessen den Landweg nehmen. Dort kommt es natürlich auch zu Konfrontationen mit den „Monstren“, aber Regisseur und Drehbuchautor Gareth Edwards stellt hier ganz subtil und selten mal laut große Fragen nach unserem Blick auf das Fremde, unserem Baden in wohlstandssaturierter Ignoranz und damit natürlich auch (aber wirklich nur en passant) nach der US-amerikanischen Immigrationspolitik. Außerdem ist Monsters ein doppelter Liebesfilm, und sehr, sehr traurig.

Prowl

Die bluttrinkenden, Menschenfleisch zerreißenden Monstren dieses kleinen Films sehen den Vampiren aus 30 Days of Night sehr ähnlich, aber mit dem Vampirmythos hat das hier nur noch am Rande zu tun. Eine geheimnisvolle Frau sammelt diese herumstreunenden Monstren ein, und in der Filmhandlung tauchen sie auf, als sich eine Gruppe Teenager einem Trucker anvertraut, der die Monsterchen regelmäßig mit Blutkonserven versorgt. Damit setzt dann ein leider auch ästhetisch sehr unbefriedigendes Blutvergießen ein, und die Auflösung des Films ist die einzige halbwegs originelle Idee, die dem Drehbuch eingefallen ist. Ausführlicheres demnächst bei blairwitch.de.

Red Nights (Nuits rouges du bourreau de jade)

Es beginnt mit einem Lustmord in Latex, eine in grellen Farben inszenierte Angelegenheit, und dann wird es seltsamer: Mehrere Frauen und ein Mann sind auf der Jagd nach dem „Schädel des Jade-Scharfrichters“, einer Antiquität, die ein einzigartiges Gift enthält. Ruhige Sequenzen werden von explosionsartig ausbrechender Gewalt unterbrochen, und am Schluß wurden reichlich Lust erworben und viel Gewalt verteilt.

13 Assassins

Takashi Miikes zweiter Beitrag auf diesem Festival neben Zebraman 2: Attack on Zebra City ist ganz anders, nämlich ein veritabler Samuraifilm ganz klassischer Machart – ein Remake von Eiichi Kudos The Thirteen Assassins (1963). Im ersten Drittel des Films werden Bündnisse geschmiedet und Vorbereitungen getroffen, und dann wird irgendwann gekämpft, gekämpft, gekämpft. Dieser letzte Teil wird irgendwann etwas eintönig, obgleich er durchweg gekonnt in Szene gesetzt wurde; Miike kann Schwertkämpfe so gut und konzentriert inszenieren wie die durchgeknallten Bilder seines Zebraman.

Fotos: Sitges Film Festival