The Perfect Host

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The Perfect Host ist jetzt als Dinner for One – Eine Mörderische Party bei I-On New Media erschienen. Ich habe den schön fiesen kleinen Psychothriller seinerzeit in Sitges gesehen und schrob darob:

Rotweintrinker, aufgepaßt! Die Dinnerparty, zu der Warwick Wilson (David Hyde Pierce aus Frasier) lädt, gerät etwas anders als ursprünglich geplant. Denn unerwartet platzt der Bankräuber John (Clayne Crawford) in die Vorbereitungen, der sich als Freund einer Freundin vorstellt – und als Warwick erkennt, um wen es sich handelt, ist es fast schon zu spät. Wäre nicht alles anders als man denkt. Denn dann legt The Perfect Host erst so richtig los und stürzt seine Protagonisten in eine ziemlich aberwitzige und potentiell mörderische Nacht.

http://www.youtube.com/watch?v=4S1dovoZ6bM

Gérardmer 2011: La Casa Muda (2010)

Manchmal kann ein Film ja aus den durchaus falschen – oder zumindest: nicht den wichtigsten – Gründen zu Ruhm kommen. Auf La Casa Muda trifft das insofern zu, als der Film vor allem dadurch ein wenig Bekanntheit erlangt hat, weil er sich als der erste Streifen vermarktete, der mit einer handelsüblichen Fotokamera in einer einzigen, durchgehenden Einstellung gefilmt worden sei. Nun ist es für einen kleinen Film aus einem international nicht eben viel in Erscheinung tretenden Land wie Uruguay im Grunde egal, mit welchen Methoden er sich ins Rampenlicht befördert oder befördern lassen kann – und ganz gelogen ist es ja auch nicht.

Gérardmer 2011 - SchriftzugNur ist eben der Umstand, daß in diesem Film kein Schnitt wirklich zu sehen ist (und die Macher, wenn überhaupt, nur eine sehr kleine Handvoll in schwarzblendigen Momenten hätten unterbringen können), zwar vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal, aber nicht der Grund, warum man sich La Casa Muda (international: The Silent House – und als Silent House auch einem dem Vernehmen nach wohl recht ansehnlichen us-amerikanischen Remake unterzogen) ansehen sollte.

Womit der Erstling von Regisseur Gustavo Hernández allerdings sehr wohl wuchern kann, ist der Effekt der formalen Selbstbeschränkung: eine unheimlich (und unheimliche) dichte Atmosphäre, die der Film schon nach kurzer Zeit aufbaut und dann bis zum Schluß aufrechterhält – sie saugt die Zuschauer_innen in den Film hinein und sorgt für akute Herzinfarktgefährdung, wenn dann plötzlich diese Hand, scheinbar aus dem Nichts…

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Aber ich greife voraus. Die junge Laura (Florencia Colucci) und ihr Vater (Gustavo Alonso) sollen ein altes Haus samt seines Gartens ein wenig auf Vordermann bringen, da der Besitzer (Abel Tripaldi), der ein alter Freund des Vaters ist, es demnächst verkaufen möchte. Nur ins Obergeschoß sollen sie nicht gehen, weil dort der Fußboden schon recht morsch und beschädigt sei – doch genau von dort oben hört Laura seltsame Geräusche.

Der Rest ist von der Grundidee her Standardware des Horrorfilms, samt allerdings durchaus klug eingefädeltem Twist zum Schluß hin; und alles ist derartig clever und dicht inszeniert, daß man sich dem Film kaum entziehen kann. Das Team geht mit den (selbst auferlegten) Beschränkungen so kreativ und effektiv um, daß man immer wieder überrascht ist, wie viel Effekt sich mit wie wenig Ausrüstung offenbar erreichen läßt; die geringe Zahl der Einstellungen beweist zudem, mit wieviel akribischer Planung das Projekt angegangen worden sein muß.

In eigener Sache:
Festivalberichterstattung ist für mich aufwendig und erst einmal mit einigen Kosten verbunden. Ich versuche dennoch, möglichst viel darüber in meinem Blog zu schreiben. Daher würde ich mich besonders freuen, wenn viele meine Einträge mit einem Klick auf die
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Foto: Sitges Film Festival

Secuestrados

Trailer zu dem großartigen Secuestrados, den ich schon aus Sitges kurz gepriesen hatte und von dem ich im Grunde nur viel zu überrascht war, um wirklich so ausführlich darüber zu schreiben, wie es nötig gewesen wäre. Auf Twitch wird richtigerweise darauf hingewiesen, daß der Trailer nur den Geist des Films wiedergibt, nicht aber sein Wesen: Weil nämlich wenige, sehr lange Takes seine eigentliche Struktur sind, kein Schnittgewitter wie das unten gezeigte. International wird er, wie gerne mal bei guten Filmen, nur langsam aufgenommen. Immerhin hat der Film inzwischen offenbar einen Verleih in den USA gefunden.

(via)

Stake Land (2010)

Dieser Text ist für die kommende Ausgabe der Splatting Image entstanden.

Postapokalypse now

Daß postapokalyptische Szenarien und das Roadmovie nicht nur im amerikanischen Film eine enge, manchmal fast schon symbiotisch wirkende Bindung eingegangen sind, liegt bei genauerem Nachdenken auf der Hand. Wo das Roadmovie ja in der äußeren die innere Bewegung sucht und verbirgt, so daß die Reise an sich, mit ihren Begegnungen und Auseinandersetzungen auf dem Weg Metapher und auslösender Impuls zugleich für die persönliche Entwicklung sein soll, da erzwingt parallel dazu das Motiv der postapokalyptischen Welt die Konzentration dieser Entwicklung auf eben das Wesentliche, die eigene Person: Wo sonst kaum Überlebende zu finden sind, muß man eben selber wachsen. Zugleich bietet die weitgehende Abwesenheit von Menschen zuweilen auch eine willkommene Gelegenheit, die gern verwendete episodische Struktur der Reise nicht nur zu begründen, sondern sogar noch besonders zu betonen. Die Leere des Raumes dazwischen bestimmt den Rhythmus des Wachstums und der Erzählung.

Die Beispiele für das apokalyptische Roadmovie sind Legion, von Mad Max (der freilich anderes im Sinn hat als das eben Beschriebene) reichen sie – mit ganz unterschiedlichen Erzählweisen – bis zu den jüngeren Versuchen wie The Road und The Book of Eli. Mit Stake Land geht Jim Mickle (nach Mulberry Street von 2006) nun in eine ähnliche Richtung – und auch wenn es nicht willkürlich erscheint, daß der Name des Films an Ruben Fleischers Zombieland (meine Kritik) erinnert, so ist doch die Erzählweise der beiden Filme grundsätzlich verschieden.

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Denn Stake Land, der auf dem Filmfestival in Toronto den Midnight Madness Audience Award einheimsen konnte, ist alles, nur nicht lustig, und die Reise der beiden Protagonisten kann deshalb natürlich auch nicht in einem „Amusement Park“ enden. Amerika und womöglich die ganze Welt sind, der Filmtitel läßt das erahnen, von Vampiren überrannt worden – wo sie herkommen, wie das ablief, all diese Fragen spielen keine Rolle. Stattdessen sind die Figuren ganz fundamental mit dem Überleben beschäftigt. Schon mit der ersten Szene bricht das auf die Leinwand ein, als „Mister“ (Nick Damici), dessen Namen wir nie erfahren, den jungen Martin (Connor Paolo) vor seinen eigenen Eltern rettet, die gerade erst gebissen wurden.

Von da an reisen die beiden gemeinsam durch das versehrte Land, und der Ältere lehrt seinen Ziehsohn alle Fertigkeiten, die er fürs Überleben braucht: Natürlich hilft er ihm vor allem, erwachsen zu werden. (Und: ein Mann. Deshalb muß der Film zu jenem Zeitpunkt enden, an dem er endet. Aber Stake Land macht daraus keine rückwärtsgewandte, gar reaktionäre Maskulinitätsphantasie, sondern erzählt womöglich eher einen Abgesang aufs Patriarchat. Aber davon später.)

Mister und Martin meiden die Städte, und ihr Amerika ist deshalb eines, in dem die Weite des Landes, seine endlos sich ausstreckende Natur eine enorme Rolle spielt. Lange bewegen sie sich mit dem Auto, aber in der zweiten Hälfte sind sie eine ganze lange Weile zusammen mit anderen Überlebenden zu Fuß quer durch bewaldete Berglandschaften unterwegs. Da wird der Mensch in der Tat auf eine Existenz zurückgeworfen, die grundlegend vormodern ist. Und so sehr ihm die technischen Relikte der industriellen Revolution – Autos, Waffen, elektrisches Licht – Hilfe und Rettung auch gegen die Vampire sein können, so sehr sind ihm zugleich geistige Überbleibsel dieser Zeit eine Gefahr.

Natürlich gibt es noch andere Überlebende im Amerika von Stake Land, die meisten sind nicht „on the road“ wie die Protagonisten, sondern haben sich in kleinen Ansiedlungen organisiert, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise organisiert sind. Das ist ein bißchen unübersichtlich – es gibt friedliche kleine Dörfer, wo abends zum Tanz aufgespielt wird, und militärisch durchorganisierte, ans faschistoide grenzende Camps. Wie mit einem Brennglas richtet Mickle die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf den scharfen Kontrast zwischen diesen beiden Extremen – und beschreibt damit zugleich einen politischen Konflikt, der das reale, heutige Amerika berührt und zerreißt. Denn die militaristisch agierende Miliz, mit der Mister und Martin unweigerlich in Konflikt treten werden, ist zugleich von extrem religiösen Haltungen geprägt, die im Angesicht der gottlosen, ultimativ diesseitigen Postapokalypse doppelt überholt wirken; sie waren schon in unserer außerfilmischen Gegenwart veraltet.

Mickles Vampiren haftet nichts Metaphysisches an – sie sind Monstren, gewiß, die nicht unserer Welt, soll heißen: unserer Realität entstammen. Zugleich sind sie aber so fundamental irdisch, schleimig, animalisch, daß ihre Existenz eher so wirkt, als habe sich ein Spalt in der Welt aufgetan, von dem wir vorher nichts wußten. Das ist weit entfernt von den aristokratischen Figuren des klassischen Vampirfilms, von den eleganten Frauen in schwarzem Leder, wie sie die Underworld-Filme etablierten, und nicht einmal nahe an den rücksichtslosen Monstren aus 30 Days of Night (meine Kritik; und zum Sequel). Diese Vampire sind in ihrem rücksichtslosen Blutdurst den energischen Zombies von Zack Snyder näher als ihresgleichen je zuvor, und sie sehen auch nicht unbedingt viel besser aus.

Die furchtbarsten Feinde des Lebens sind aber eben nicht die Untoten, sondern die religiösen Fanatiker, die den Untergang der Menschheit vervollständigen wollen, und denen dazu wortwörtlich jedes Mittel recht ist: Sie wollen die Apokalypse vollenden, und es fällt schwer, darin nicht die christlichen Eiferer gespiegelt zu sehen, die den Nahostkonflikt befeuern wollen, um die Wiederkehr ihres Heilands zu beschleunigen. (Daß ausgerechnet der amerikanische Norden – Kanada!, wo es schon jetzt angeblich immer besser sei als in den USA – für Mister und Martin das Ziel ihrer Reise und Sehnsuchtsort ist, ist eine feine ironische Note im Gegenwartsbezug des Films.)

Natürlich wird sich der Konflikt bis zum Ende des Films noch personalisieren und fokussieren – und „Mister“, darin eben doch Woody Harrelsons Tallahassee aus Zombieland entfernt verwandt, ist dann der schwarze Ritter in dieser Geschichte, der Mann mit der offenbar (aber zugleich nie explizierten) gewalttätigen Vergangenheit, der sich aufs Überleben so gut versteht wie aufs Töten. Und der deshalb Schuld auf sich nimmt, um Martin – dem jungen Mann, der es besser als er vermag, mit anderen, Männern wie Frauen, gleichberechtigt zusammenzuleben – eine Zukunft zu ermöglichen. Oben in Kanada, wo vielleicht die Vampire etwas weniger zahlreich sind.

Fotos: Sitges Film Festival

Rare Exports: Die Kurzfilme

Für nahezu alle Beteiligten und die meisten Unbeteiligten völlig überraschend kommt am 23. Dezember 2010, passend und trefflich rechtzeitig zum Fest, der, nunja, sehr eigene Weihnachtsfilm Rare Exports: A Christmas Tale sogar in deutsche Kinos. (Den Trailer gibt’s weiter unten.)

Der Film (Besprechung folgt noch hier bei filmstarts.de) spielt im Norden Finnlands, wo ein etwas zwielichtiger Geschäftsmann seine Firma nach dem Grab des Weihnachtsmannes graben läßt – und als er es dann gefunden hat, geschehen reichlich seltsame Dinge. Kinder verschwinden, Rentiere werden dutzendweise gerissen, und generell kann von fröhlicher Weihnacht nur bedingt die Rede sein.

Die Handlung von Rare Exports basiert auf zwei Kurzfilmen, die Autor und Regisseur Jalmari Helander zuvor veröffentlicht hatte: Rare Exports Inc. von 2003 und, zwei Jahre später, The Official Rare Exports Inc. Safety Instructions 2005. Beide Filme unterscheiden sich zwar in ihrer Erzählweise völlig von Helanders (übrigens erstem) Langfilm – die Shorts sind als Werbe- bzw. Instruktionsvideos der fiktionalen Firma „Rare Exports Inc.“ aufgemacht -, sie deuten aber schon viele Themen an, die in Rare Exports: A Christmas Tale auch enthalten sind, der im Grunde als eine Art inhaltliches Prequel zu den Filmen funktionieren könnte, wenn dann nicht einige Ungereimtheiten logischer Natur übrigblieben. Aber das ist ja Wurscht.

Jedenfalls sind diese beiden kurzen Filmchen nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch die beste Werbung für den reichlichen Schrägen Weihnachtsfilm, den es Ende des Jahres zu sehen geben wird. Darauf einen Glühwein!

We wish you a safe and merry christmas!

Rare Exports Inc.

(Direktlink)

The Official Rare Exports Inc. Safety Instructions 2005

(Direktlink)

Und hier ist der Trailer zum Langfilm:

Foto: Filmwebsite

Rubber (2010)

Das eigentlich bemerkenswerte an Quentin Dupieuxs Film Rubber, der seit Cannes in Europa und anderswo auf den Festivals herumgereicht wurde, ist nicht die zugegeben reichlich abgefahrene Handlungsprämisse vom mörderischen Pneu, der zwischendurch aus einem Swimmingpool gezogen werden muß – das ist zwar in sich schon originell und einigermaßen amüsant, nutzt sich aber im Laufe der nicht ganz neunzig Minuten schon ein wenig ab (und Dupieux war klug genug, den Film so knapp wie kurz zu lassen).

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Nein, das Bemerkenswerte ist, wie die – man kann nur sagen: – Illusion dieser Handlung hergestellt und aufrechterhalten wird, während zugleich die Mechanismen der Illusionserzeugung mit aller Macht ins Rampenlicht gezogen werden. Rubber ist, wenn man so will, verfremdetes Theater à la Brecht par excellence – eine Hauptfigur, mit der eine Identifikation praktisch unmöglich ist, kontinuierliche Unterbrechungen des Handlungsflusses durch Verweis auf die Fiktionalität des Geschehens usf.

Und trotzdem bastelt unser Bedürfnis nach stories aus den wirklich nur losest verbundenen Szenen so etwas Ähnliches wie ein konsistentes Gerüst, auch wenn vermutlich niemand nach Verlassen des Kinos wirklich sagen könnte, wie jetzt genau die Handlung abgelaufen sei, was man da eigentlich gerade gesehen habe. Aber Dupieux und sein Team verbinden hier clever alle Mittel, mit denen filmische Konsistenz vorgegaukelt wird. Die Musik suggeriert Emotionen (was vor allem beim Gummihauptdarsteller sehr notwendig ist) und Zusammenhänge, klassische Genresituationen werden ohne Erläuterungen eingeführt (der Stand-Off am Schluß etwa), bedürfen dieser aber offenbar auch nicht, und einfache Ausrufe einzelner Figuren („er ist wiedergeboren!“) werden, obgleich ohne Kontext und Begründbarkeit gemacht, einfach als diegetische Wahrheit weitergeschrieben.

Man läßt sich nämlich im Film (aber auch im Leben – aber das ist eine andere Geschichte) viele Dinge leicht unterjubeln, für die es keine wirkliche Begründung gibt, keine Fundierung in Charakteren oder Handlung. Drehbuchschreiber_innen wie Regisseur_innen wissen solches natürlich, und machen es sich häufig genug zunutze; aber selten wird es so vorgeführt und dann noch gleich ausdiskutiert wie in diesem Film. Gewidmet, erfahren wir in einer anfangs von einem Polizisten gehaltenen Ansprache, dem Konzept des „No reason“, dem grundlosen Auftauchen und Geschehen von Dingen im Film wie im Leben. Woraufhin er sein Glas Wasser ausschüttet und wieder in den Kofferraum seines Dienstwagens steigt. Warum? No reason.

Und dann bricht eben ein mörderischer Autoreifen über uns herein. Ich mochte den Film. Warum? No reason, really.

Fotos: Sitges Film Festival