Airborne

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Ich müßte allein schon deshalb über diesen Film ein wenig aufgeregt sein, weil Mark Hamill (Mark Hamill! Der echte Luke Skywalker!) darin offenbar eine größere Rolle spielt, aber ehrlich gesagt, Mark hin, Hamill her (immerhin: hier ein Interview mit ihm zu Airborne), der Trailer gibt zu wenig her, um sich so richtig vorab freuen zu können, und wirkt (bis hin zur Inception-Musik) recht beliebig und zusammengestöpselt. Aber seht selbst:

Und irgendwie kommt mir auch das Poster so bekannt vor. Woher nur? Ich komm nicht drauf… Ach doch:

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The Tree of Life (2011)

An eine gründlichen, wohlkonstruierten Kritik von Terrence Malicks fulminantem, irrem, schmalzigem, wahnsinnigem The Tree of Life will ich mich hier gar nicht erst versuchen, dazu fehlt mir auch die Zeit. (Zumal ich schon bei normalen Filmen immer mehr das Bedürfnis verspüre, vor einem Text die Filme zwei-, dreimal zu sehen; ich kann aber nicht eine ganze Woche mit Malick verbringen.) Wer das informiert lesen will, wende sich an Thorsten, Nino oder Joachim.

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Stattdessen ein paar unsortierte Gedankenfetzen, die womöglich eher interessant sind für Menschen, die den Film schon gesehen haben, und deren vielleicht kritischem Übergewicht ich doch noch entgegen halten möchte, daß ich im positiven Sinne überwältigt aus dem Kino kam; daß ich zwar streckenweise schon begann, unruhig im Kinosessel hin und her zu rutschen, daß das aber auch der späten Stunde zugeschrieben werden könne. Filmwahrnehmung ist niemals unabhängig von ihren Rahmenbedingungen, und an einem schon etwas sentimentalen Abend, direkt nach Fast Five, wirkt der Film sicher bedeutend anders als am frühen Morgen in Cannes.

The Tree of Life ist in seinem allumfassenden Weltentwurf schon prätentiös und nicht nur milde größenwahnsinnig; Malick beginnt seinen Film nicht nur mit einem Zitat aus dem Buch Hiob, seine Geschichte ist auch gleich eine Neuerzählung der Sinnsuche, der Suche nach Gott, die Kamera stets oder mindestens: immer wieder gen Himmel gerichtet. Malick hat die Strukturen der Natur und der von Menschen geschaffenen Welt (Architektur!) immer genauso im Blick, vielleicht sogar mehr, als die Menschen – der Bezug auf den Lebensbaum (Yggdrasil oder nach welchem Namen auch immer) verstärkt nur: Hier sucht jemand nach den ganz großen Fragen und Antworten, und er macht das mit Bildern, denen man Bescheidenheit nicht vorwerfen kann.

Das muß nicht schlecht sein; Kubricks 2001 ist ja auch nicht durch Kleinkrämerei so großartig. Was mich an The Tree of Life etwas gestört hat war, daß Malick eine Geschichte vom Leben erzählen möchte und mir diese dafür viel zu oft zu weit von den Menschen entfernt war. Weil der Film immer gleich das Große Ganze sucht, läßt er (nach dem Eindruck meiner einen Sichtung, sentimentaler Freitagabend etc.) sich zu wenig auf die einzelnen Menschen ein. So sind vor allem auch die Eltern von Jack, der Hauptfigur, einen Hauch zu sehr Verkörperung von Idealprinzipien – hier die liebende, selbstlose Mutter, dort der harte, fordernde, auch ungerechte Vater.

Malick macht es sich keineswegs ganz einfach mit diesen Figuren, und der Vater (den Brad Pitt mit einer Erwachsenheit und Härte spielt, die zeigt, welchen weiten Weg er selbst als Schauspieler schon zurückgelegt hat) zeigt anfangs Brüche und am Ende sogar Demut. Aber die Mutter in ihrer Duldsamkeit, unverbrüchlichen Liebe etc. (keineswegs Mutter Natur, eher Mutter Grazie) ist etwas zu dick aufgetragen, hat zu wenig Borsten, kaum raue Stellen – kurzum: sie vertritt das Göttliche, dessen Lied hier gesungen wird, aber nicht die Menschlichkeit einer Frau (/liebenden Mutter).

Nochmal: Ich sage nicht, daß das unbedingt schlecht ist, und gewollt, gewünscht ist es von Malick vermutlich allemal. Aber es irritiert mich, nicht zuletzt auch weil es natürlich eine (man kann sagen: auf die Zeit, zu der der Film spielt, realistisch bezogene – aber ja trotzdem nie in Reinform existiert habende) Wiederholung von Geschlechterstereotypen darstellt, an der sich dann doch eben wieder die Entwicklung eines Mannes entzündet und entflammt.

Sans laisser de traces (2010)

Étienne verdankt seinen Erfolg dem Umstand, daß er vor vielen Jahren einmal eine Formel geklaut hat, sie als eigene Erfindung ausgegeben und den eigentlichen Erfinder nicht bedacht hat. Davon lebt die Firma seines Schwiegervaters bis heute sehr gut, und er soll bald den Chefsessel einnehmen – die Wohnung, das Auto, die Tochter zur Frau hat er bereits. Aber das Gewissen quält ihn, und als er eines Tages einen alten Schulfreund wiedertrifft, seit 20 Jahren haben sie sich nicht gesehen, erzählt er ihm die ganze Geschichte. Ganz einfach, sagt der, geh halt hin zu ihm und erzähl ihm alles, wahrscheinlich erinnert er sich nicht einmal mehr.

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Natürlich gerät der nächtliche Besuch zur Katastrophe, der Freund Patrick (François-Xavier Demaison) erschlägt den alten Mann eher in Notwehr als geplant, aber dennoch muß Étienne (Benoît Magimel) jetzt eine Notlüge auf die andere türmen, denn natürlich will er immer noch nicht, daß sein Geheimnis an die Öffentlichkeit kommt. Patrick hat eine Vergangenheit als Kleinganove, das erleichtert vieles (Auto verschwinden lassen, etc.), aber zugleich verheddern sich die beiden in ihren Geschichten immer mehr, und dann taucht auch noch die Tochter (Léa Seydoux) des Opfers auf…

Sans laisser de traces (in Deutschland als Spurlos im Vertrieb) ist ein seltsamer Thriller, bei dem man über die wirklichen Motive selbst der Protagonisten lange im Unklaren bleibt, der sich auch ästhetisch konsequent einer distanzierten, geradezu kalten Haltung befleißigt, die es leider umso schwerer macht, mit dem Protagonisten mitzufiebern, sich auch nur Sorgen um ihn zu machen, das gefühlskalte Arsch.

Ganz so schlimm ist Étienne dann vielleicht sogar nicht, das wird sich zeigen; vorerst scheint er aber gewohnt zu sein, sich Menschen mit Geld vom Leibe zu halten bzw. sie zu befrieden. Magimel spielt das mit vorwiegend leerem Gesichtsausdruck, und bis kurz vor Schluß ändert sich daran auch nicht viel. Die besseren, interessanteren Figuren versteckt der Film in den Nebenrollen: Étiennes Frau (Julie Gayet), die an sich selbst und am Verhalten ihres Mannes fast zerbricht, und natürlich Patrick, dem man fast alles zutraut, nur nicht jene Charakterkonstitution, die er zuletzt offenbart (und zu deren Tarnung die Inszenierung ihr Gutteil beiträgt).

Foto: Sunfilm

Gérardmer 2011: The Troll Hunter (2010)

The Troll Hunter (Trolljegeren) beginnt, wie so viele Found-Footage-Filmchen der letzten Jahre, mit der Behauptung von Authentizität: Das Filmmaterial sei anonym eingegangen, und natürlich habe man es geprüft und für authentisch befunden, aber man möge doch bitte selbst entscheiden. Was dann folgt, erinnert schon sehr an Cloverfield (oder auch Diary of the Dead): Ein kleines Filmteam von Studenten einer norwegischen Provinzhochschule will einen kleinen Dokumentarfilm darüber machen, wer ohne Genehmigung in ihrer Gegend Bären tötet.

Gérardmer 2011 - SchriftzugSie stoßen alsbald auf den verschlossenen Jäger Hans (Otto Jespersen), der aber gar nicht hinter Bären her zu sein scheint – und werden von ihm, nachdem er sie vergeblich abzuweisen versucht hat, schließlich leicht entnervt auf die Jagd mitgenommen, weil er möchte, daß die Welt verstehe, unter welchen katastrophalen Arbeitsbedingungen er seinen Pflichten nachkomme. Und die Norweger_innen davor beschütze, von wild umherstreifenden Trollen aufgefressen zu werden.

The Troll Hunter bleibt konsequent in der Perspektive der studentischen Filmkamera – und geht damit deutlich weiter als die genannten Vorbilder –, will aber gar nicht unbedingt ein Monsterfilm im klassischen Sinne sein. Denn was den kleinen (vielleicht einen Hauch zu langen) Streifen im Wesentlichen auszeichnet ist der Wille, hier ein magisch angehauchtes, unheimliches Paralleluniversum zu schaffen, das sich nur an den Rändern von unserem unterscheidet, aber von Hans‘ Erzählungen und durch die Erfahrungen der Student_innen immer weiter ausgeformt und präzisiert wird. Regisseur André Øvredal hat sich in seinem Drehbuch viel Mühe gegeben, eine stimmige, konsequente neue Welt vorzubereiten. Dadurch sieht man dann die ganz gewöhnliche (unsrige) Welt auf einmal mit anderen Augen, Hochspannungsleitungen, ausgewilderte Tiere, das alles bekommt neue Bedeutung, neue Zwecke.

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Mich erinnert das ein wenig an das Verfahren, das Philip Pullman in der His Dark Materials-Trilogie verwendet hat, in dem sich die Verschiebungen zu unserer realen Welt nur ganz unterschwellig einschleichen. Hier kommen sie zwar vergleichsweise deutlich dahergetrampelt (in Form riesenhafter, hungriger Trolle), aber die Methode ist nicht weniger bezaubernd. Da vergißt man gerne, daß die Figuren ein wenig blaß bleiben, weil sie zum Beispiel nicht allzu viele Konflikte untereinander auszutragen haben – stattdessen rückt eben hier die seltsame neue Welt in den Vordergrund.

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Black Death (2010)

In meiner Besprechung zu Season of the Witch (demnächst bei filmstarts.de), dem neuen Dominic Sena-Nicolas Cage-Vehikel, habe ich bereits auf die Ähnlichkeiten zu Black Death hingewiesen. Aber während Senas Abenteuerfilm sich schon mit den ersten Szenen klar ins Fantasygenre positioniert, bleibt eine solche oder andere Zuordnung bei Black Death im Grunde bis kurz vor Schluß unsicher. Das ist vor allem ein metafilmischer Effekt: Es gibt einfach schon so viele Filme, die sich vor einem Mittelaltersetting mit Pest und Hexerei beschäftigen, weil das (wie eben auch in Season of the Witch) einen so malerischen Hintergrund für Fantasygeschichten abgibt.

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Black Death ist freilich grimmiger als der durchschnittliche Fantasyfilm, auch wenn er schließlich mangels Komplexität nicht wirklich zur Reflektion über Religion, Gut und Böse und dergleichen taugt. Eine Gruppe von Kriegern reist, mit einem Klosternovizen als ortskundigem Führer, in ein abgelegenes Dorf inmitten eines Sumpfes – als einziger Ort weit und breit scheint es von der Pestepidemie verschont geblieben zu sein, es gibt Gerüchte von Hexerei, schwarzer Magie; es sollen sogar Tote wieder zum Leben erweckt worden sein. Die Männer (mit Sean Bean an der Spitze) sind natürlich keine friedlichen Männer des Glaubens, sondern Handlanger des Todes, ein Folterer ist dabei, Mörder und Vergewaltiger – im Dorf angekommen, lassen sie sich aber doch zurückhaltend auf die Gastfreundschaft der Bewohner_innen ein.

Christopher Smith hatte zuletzt nach dem Splatterfilm Severance mit Triangle (meine Kurzkritik) einen äußerst sehenswerten Zeitreisen-Mindfuck hingelegt, der mich nach dem eher verunglückten Creep (meine Kritik) sehr für ihn eingenommen hatte. Mit Black Death liefert er eine formal konsequente (aber wenig aufregende) und durchaus ambitionierte Mittelaltergeschichte ab, die letztlich nur deshalb nicht ganz gelungen erscheint, weil sie die selbst gesteckten, oben angedeuteten Ambitionen unmöglich erfüllen kann.

Es fehlt einfach ein wenig Speck auf den Rippen der Geschichte – den Darsteller_innen, allen voran Sean Bean und Carice van Houten, ist das nicht unbedingt anzulasten. Ich persönlich hätte mich gefreut, wenn die am Schluß thematisierte Rolle der Frau als konkrete Versuchung (im Gegensatz zu einem immateriellen Gott; wir haben es getan, „because she was beautiful and real“) etwas mehr Platz und Konkretisierung bekommen hätte – denn auch im Rest der Geschichte ist dieser Geschlechteraspekt angelegt, aber eben an keiner Stelle ausreichend mit differenzierten Bildern, Gedanken und Entwicklungen versehen. Selbst Centurion (meine Kritik) mit seinem eigenartigen Frauenbild scheint dem mehr Raum zu geben.

Foto: Central Film

The Green Hornet (2011)

Natürlich hat Thomas recht, wenn er schreibt, daß Michel Gondry mit The Green Hornet einen erstklassigen, glatten Bruch in seinem Oeuvre vollzieht. Denn gegenüber dem ausgestellten Charme des (natürlich vollkommenen) Unvollkommenen in Be Kind, Rewind (meine Kritik) oder, mehr noch, La science des rêves ist die glattpolierte, in 3D gezeigte Oberflächenshow der Grünen Hornisse ein Mainstreamschock.

Nachvollziehbar wird das eigentlich nur dadurch, daß dieser Green Hornet in jeder Hinsicht ein Antisuperheld ist – zum einen, weil er sich der Öffentlichkeit nicht als Held und Identifikationsfigur präsentieren will, sondern als Bösewicht (um den anderen Bösen nicht erpreßbar zu erscheinen), und deshalb ohne Gewissensbisse reichlich Chaos und Zerstörung fabriziert (was Gondry wiederum, wie Thomas im zitierten Text trefflich charakterisiert, mit großer Lust an eben dieser Vernichtung materieller Werte inszeniert), zum anderen weil der Held Britt Reid aka Green Hornet (Seth Rogen) eigentlich überhaupt kein Held ist, sondern alles irgendwie Herausragende, in Taten wie in der notwendigen Maschinerie, seinem Sidekick Kato (Jay Chou) zu verdanken hat.

Das Problem daran ist, daß dieser Britt ein grundlegend unsympathischer Charakter ist, der zwar zum Ende hin wenigstens ein bißchen moralische Stärke zeigt, aber ansonsten dumm, faul, egozentrisch und unangenehm ist.

Daß er kein typischer Superheld ist, wird natürlich schon physiognomisch sichtbar – und Seth Rogen mit seiner Physiognomie wird sich wahrscheinlich schon allein deshalb auf diese Figur gestürzt haben, weil er keine Chancen hätte, jemals eine schlanke, muskulöse Kunstfigur zu verkörpern. Rogen hat auch gleich noch mit am Drehbuch geschrieben und als Ausführender Produzent seine Finger im Spiel gehabt – und so darf man ihm schon einiges an den Schwächen des Filmes anlasten.

Rogens Spiel ist dabei nicht einmal das Hauptproblem – sein Charme als großer Junge rettet die Figur Britt aus der schlimmsten Aversion noch heraus. Aber der Film hat, so sehr er auf Spaß, Action und Quatschgimmicks abzielt, einfach zu große Längen und zu wenig Spannung. Der Oberbösewicht, den Christoph Waltz mit einiger Hingabe an das Trashniveau des Drehbuchs gibt, ist wirklich nicht zum Fürchten (worüber sich der Mann auch, ganz metafilmische Figur, auch permanent Gedanken und sorgen macht), die Verfolgungsjagden und Kämpfe (bei denen stets allein Kato wirklich tätig wird) ziehen sich immer einen Schwung zu lange hin, und die zentrale Intrige ist schon nach den ersten Szenen des Films erahnbar.

Für mich verpuffte deshalb die originelle Grundprämisse des Films leider schon allzu schnell in der unterhaltsamen Langeweile, die sich ausbreitete, sobald der Filme seine wesentlichen Ideen in Position gebracht hatte. Für einen der meisterwarteten Superheldenfilme des Jahres ist das ein bißchen wenig.

Fotos: Sony

Devil (2010)

Ich habe mich mit Devil schon in der gebotenen Kürze für die nächste Ausgabe der Deadline beschäftigt und will hier nicht wiederholen, was ab kommender Woche auch im Druck zu lesen sein wird; aber jedenfalls sollte man den Film nicht, wie das gerne geschehen ist, umstandslos zu den anderen Filmen M. Night Shyamalans subsumieren, nur weil der Film auf einer seiner Ideen beruht und von ihm unter dem Banner der wohl als Trilogie geplanten „The Night Chronicles“ erscheint und produziert wurde.

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John Erick Dowdle, der vorher Quarantine gemacht hat (das [REC]-Remake; meine Kritik) und noch früher The Poughkeepsie Tapes, ist mindestens ein wirklich guter Handwerker. Devil mag an einigen Stellen etwas unruhig wirken, wenn die Schauplätze etwas schneller wechseln, als dies nötig und der klaustrophobischen Stimmung im Haupthandlungsort Aufzug zuträglich gewesen wäre – Spannung erzeugt Dowdle dennoch recht effektiv, und die Schwächen, die der Film durchaus hat, liegen eher im Drehbuch von Brian Nelson, das das Hauptgeschehen (im Aufzug) und die fortschreitende Aufklärung über das Geschehen (außerhalb) räumlich und personell voneinander trennt.

Ob anders ein besserer Film daraus geworden wäre, ist freilich Spekulation; so bleibt ein leidlich unterhaltsamer und leidlich gruseliger Film von immerhin sehr knappen und dichten achtzig Minuten, der seinen eher mauen Twist zum Schluß nicht nur im Titel, sondern auch in allen öffentlichen Synposen und in den ersten Minuten des Films ausstellt.

Foto: Universal

Noch ein, noch viele 2010

Soll ich das wirklich auch noch machen, noch eine Liste mit guten Filmen, mit denen man dann mal mehr, mal weniger übereinstimmen kann? Und das alles mit dem Bewußtsein, so viele Filme gerade des ausgehenden Jahres nicht mehr rechtzeitig gesehen zu haben, weil viel zu viel anderes gerade erledigt werden mußte? Mit dem Wissen, daß ich The Social Network noch ebenso wenig gesehen hatte wie Des Hommes et des Dieux, unverpaßbar offenbar beide?

Aber das ist ja wurscht, die Fragen waren bereits gekommen, die Listen sind publiziert: meine besten Zehn und schwächsten Drei des vergangenen Kinojahres sowie, der variatio halber, meine fünf liebsten Animationsfilme.

Aber schreit die Welt nicht nach Originellerem, nach einem filmischen Zusammenschnitt etwa, noch einem, oder noch einem filmischen Essay? Einer ist davon besser als das andere, aber ich kann da ebenso wenig mithalten wie viele andere, die stattdessen, nicht weniger berufen, die besten 10 Horrorfilme des Jahres besingen, die besten Filmszenen beschreiben oder schlichtweg: die am besten besprochenen Filme zusammenstellen.

So viele Möglichkeiten also, ein Jahr zu sehen, gesehen zu haben. Im Endeffekt zählt vor allem, daß man im Kino war, am Bildschirm, vor der Leinwand, mit eigenen Augen gesehen hat.

Meinem Kinojahr 2010 bin ich dankbar:

  • Für meine Love-on-first-sight mit dem Giallo, vor allem Argentos Profondo Rosso, aber auch Suspiria und Inferno, nicht zuletzt aber und in Extension des Gesagten, Amer.
  • Für das Vergessen, daß sich doch recht schnell über die Details solcher Machwerke wie Transformers: Revenge of the Fallen, Killers, Knight & Day, Fase 7 oder Skyline legt.
  • Für die Festivalbesuche in Gérardmer, vor allem aber Sitges, das nicht nur mit filmischen Perlen in größerer Stückzahl aufwarten konnte (Confessions, Red, White & Blue, Secuestrados, Super, Rare Exports: A Christmas Tale, Stake Land, La Casa Muda), sondern vor allem mit herzlichen, wunderbaren Menschen.
  • Für ein paar großartige Dokumentarfilme, vor allem Ulrike Ottingers Prater (von ihr selbst, Eyjafjallajökull sei Dank, vorgestellt) und Alle meine Väter von Jan Raiber.
  • Für ein paar großartigen Zeitreisen in die 1920er Jahre. (Danke, Marcel! Danke, Martin!)
  • Für meine Verwunderung darob, wie humorlos Menschen darauf reagieren, wenn man eine Komödie mit Kindern aus Gründen nicht leiden kann: daß ich also noch nicht völlig zynisch verhärtet bin.
  • Dafür, daß ich Shutter Island nicht so gut finden mußte wie alle anderen, und The Ghost Writer auch nicht.
  • Vor allem aber dafür, daß ich zumindest in diesem Jahr all dies meine Arbeit nennen durfte.

(Ominös fehlend ist in meiner oben verlinkten Bestenliste übrigens Kynodontas aka Dogtooth, und eigentlich auch Splice. Für die müßte irgendwo noch Platz sein.)

Super (2010)

Dieser Text ist ursprünglich in der Splatting Image Nr. 84 erschienen.

„Shut up, crime!“

Frank D’Arbo ist ein äußerst durchschnittlicher Mann, weder mit einem spektakulären Körper noch mit besonderen Geistesgaben gesegnet. Das Haar wirkt schon etwas schütter, der ganze Kerl ein wenig teigig – aber er ist, wie seinen Kollegen und Bekannten immer wieder auffällt, trotz oder wegen seines schlichten Gemüts ein grundguter Mensch.

Rainn Wilson ist nicht gerade der erste Schauspieler, an den man denkt, wenn die Rolle eines Superhelden zu besetzen ist, aber Super, in dem aus dem unauffälligen Frank der kostümierte „Crimson Bolt“ wird, will natürlich auch kein gewöhnlicher Superheldenfilm sein. Er fällt in vermutlich zeitgeistiger Synchronizität fast gleichzeitig mit Filmen wie Watchmen, Kick-Ass und Defendor auf die Leinwände der Welt. Offenbar ist es nun, da das Kino von Batman über Hulk bis Spiderman die klassischen Heroen der Popkultur in unzähligen Comicverfilmungen, Remakes, Reimaginings und Reboots verwurstet und implizit mehr und mehr dekonstruiert hat, sich der Anziehungskraft dieser Figuren einmal aus der Perspektive des Rezipienten zu stellen. Was wird aus Max Mustermann, wenn er sich ins Kostüm wirft? (Hier sind zwei Clips aus dem Film, die erste Antworten geben.)

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Die genannten Filme haben natürlich ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage. (Und die eigentlich radikalste, auf jeden Fall menschenfeindlichste Antwort fehlt in dieser Reihung, weil Bekmambetovs Wanted [meine Kritik] sich auf die in Millars Comicvorlage angelegte Superhelden-/Superbösewichte-Geschichte nicht einlassen wollte: Da wird der Held nämlich zum so gesetzlosen wie moralfreien Supermörder.) James Gunns Super ist von den drei Filmen Defendor wohl darin am nächsten, daß er bewußt auf eine Überhöhung seiner Protagonisten verzichtet und sich ebenfalls eher für die Entwicklung seiner Figuren interessiert als für den Karneval der Kostüme.

Franks „Crimson Bolt“ ist aber dennoch – anders als der von Woody Harrelson verkörperte „Defendor“ – ein Kind des Comics. Frank beschließt, zum Superhelden zu werden, um seine geliebte Sarah (Liv Tyler) zu retten, die sich von dem Drogendealer Jacques (Kevin Bacon) abhängig gemacht hat. Seine Recherche nach Superhelden, die auch ohne Superkräfte und teure technische Gadgets ihrer Arbeit nachgehen, führt ihn in den nächstbesten Comicladen. Dort lernt er Libby (Ellen Page) kennen, die bald hinter sein Geheimnis kommt und sich ihm als Sidekick „Bolty“ andient, um nicht zu sagen: aufdrängt.

Page spielt in Super brachial gegen das in ihren letzten Filmen oft dominante Image der schlauen, gern auch altklugen Göre an, indem sie es zuerst zu bestätigen scheint, und dann alles aus Libby herauskitzelt, was in ihr an psychotischem Verhalten angelegt sein könnte. Sie verkörpert damit aber bis an die Grenze des Erträglichen genau jenes Dilemma, vor das Frank bald auch gestellt sein wird: Daß nämlich der Superheld, die Superheldin sich zwar (vielleicht) für den Erhalt der ethischen und gesetzlichen Ordnung einsetzen mag, daß er sich aber zugleich immer über sie stellt – diese Flucht aus den Beschränkungen des „normalen“ Lebens ist Libbys eigentlicher Antrieb.

Damit stellt Gunn in seinem Film die beiden extremen Auslegungen des Superheldendaseins – der eine mit dem quasi-religiösen Auftrag, das Böse zu bekämpfen, die andere mit der selbstverschafften Erlaubnis, die mit geradezu kindlicher Begeisterung Auslauf begehrende Sex- und Gewaltsau rauszulassen – in seinen Figuren einander zur Seite (und zugleich ist er zu klug, um die Eigenschaften so scharf voneinander abzugrenzen, wie es zunächst scheinen mag).

Super zielt damit – den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit trägt der Film ja schon im Titel vor sich her – auf eine Dekonstruktion des traditionellen Superhelden an, allerdings eben nicht von innen, wie es die besseren unter den jüngeren Superheldenfilmen tun, sondern indem er, gewissermaßen von außen beginnend, die moralischen Grundlagen des Superhelden aus ihren Motivationen heraus befragt, überhaupt erst das Kostüm anzulegen.

Moralinsauer geht es dabei aber nie zu. Denn so wie es Gunn in seiner Webserie PG Porn bereits erprobt hat, so erweist er sich auch hier als begnadeter Virtuose von Ton und Geschwindigkeit. Mal läßt er seine Protagonisten minutenlang hinter einem Müllcontainer verharren, während sie darauf warten, daß irgendwo ein Verbrechen geschieht. Dann wieder verwendet Gunn Elemente des Comics – nicht nur Verweise darauf –, um die Handlung ins Cartoonhafte zu überzeichnen und fügt mit „The Holy Avenger“ eine völlig wahnwitzige Figur ein, die die Handlung überhaupt erst in Fahrt bringt. Vor allem aber nimmt er in Momenten, in denen man es nicht erwartet hätte, plötzlich das Tempo weg (oder legt richtig zu) und wechselt die Tonart völlig abrupt von Moll auf Dur oder zurück.

Daß er damit den Zuschauer unter Umständen aus einer gefälligen Betrachtungssituation reißt, dürfte Gunn als eine mögliche Folge im Blick gehabt haben. In seiner Erzählung sind schließlich Gut und Böse auch nicht so einfach verteilt, daß man ganz ohne eigenes Nachdenken davonkäme.

Wenn die Geschichte am Ende wieder auf Sarah und ihre Beziehung zu Frank zurückkehrt – eine ganze Weile lang ist ihre Rettung nur vager Hintergrund für die Aktivitäten von „Crimson Bolt“ und „Bolty“ – dann rettet sie sich auch zuletzt nicht in ein schlichtes Happy-End. Stattdessen findet sich für Frank ein realistischer, vorstellbarer Ort. Wie „Defendor“ alias Arthur Poppington wurde auch er von einem Freund emphatisch als „good person“ beschrieben – die Guten aber sind eben immer ein bißchen zu gut für diese Welt.

À bout portant (2010)

Wer Paris ein wenig kennt, dem öffnet vielleicht wie mir dieser Film die Augen dafür, wie zwingend sich die Topologie dieses Raumes für die Verfolgungsjagd im Film eignet. Wie sehr die engen Gassen es vorstellbar machen, daß selbst durchschnittliche Menschen sich vom Balkon einer Straßenseite ins Fenster gegenüber werfen, wie die Dichte und Enge der ganzen Stadt es unnötig machen, eine Jagd als großes Abenteuer zu inszenieren, sondern es schon mit Jäger_innen und Gejagten zu Fuß, die Kamera stets dicht dabei, zu unglaublich aufregenden Situationen kommen kann.

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À bout portant entwickelt so in den Verfolgungsjagden seine Spannung schon aus der mise-en-scène, aus der Kameraführung und schlichtweg: Aus der zwingenden Notwendigkeit der Räume. Vor allem aber verfügt der Film über eine clever organisierte, immer weiterdrehende Handlung, mithin: ein wunderbares Skript von Regisseur Fred Cavayé und Guillaume Lemans, die bereits bei Pour Elle zusammengearbeitet hatten (der jetzt als The Next Three Days (Trailer) von Paul Haggis mit Russell Crowe und Elizabeth Banks neu verfilmt worden ist).

Ein unbekannter Mann (Roschdy Zem) wird nachts ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er auf der Flucht vor bewaffneten Verfolgern von einem Auto angefahren wurde. Später beobachtet der Krankenpfleger Samuel (Gilles Lellouche) einen Mann, der versucht, den Patienten umzubringen – kurz darauf wird Samuels hochschwangere Frau Nadia (Elena Anaya aus Hierro; meine Kritik) entführt: Er soll den noch immer Bewußtlosen aus der Klinik lotsen und zu einem Treffpunkt bringen, sonst werde Nadia sterben.

Es gibt dann in À bout portant noch einige Verwicklungen und Wendungen, das markante Gesicht Zems darf den Wandel vom Bösewicht zum keinesfalls unproblematischen Sympathieträger spiegeln, den seine Figur durchläuft, und natürlich ist bei der Polizei, das merkt man schon sehr früh, nicht alles so rosig, wie es scheinen mag. Die dortigen Verwicklungen lassen Cavayé dann reichlich Gelegenheit, Claire Perot in der Rolle als aufrechte, aber wütende Polizistin schön und herb zugleich in Szene zu setzen, als habe er noch Größeres mit ihr vor.

Am Schluß gibt es, da kommt die filmische Topologie wieder hervor, eine Katz- und Mausspiel durch eine große Polizeistation, eine fast typisch wirkende Pariser Behörde in einem Altbau, der nie zu diesem Zweck gedacht war, viel zu eng für die vielen Menschen und in diesen Filmmomenten noch gezielt überfüllt; ein großer Raum mit Kacheln auf dem Fußboden ist das Großraumbüro, in dem einfach viele Tische herumstehen. So geerdet und chaotisch geht es vielleicht wirklich zu, und mittendrin spielen sich unbemerkt in kleinen Zimmern Dramen und Kämpfe ab.