Gérardmer 2010 – Die Dokumentarfilme

gerardmer_logoDie beiden Dokumentarfilme zum Horrorfilm, die in Gérardmer außerhalb des Wettbewerbs gezeigt werden, sind hier als Double Feature zu sehen, was einerseits gut ist, weil es eine direkte Gegenüberstellung ermöglicht und fördert, und andererseits für den amerikanischen Beitrag in diesem Doppel nicht so vorteilhaft ausfällt.

Nightmares in Red, White and Blue

Das ist nicht einmal der rein technischen Qualität in die Schuhe zu schieben, obwohl diese mir als erstes an Nightmares in Red, White and Blue negativ aufgefallen ist. Offensichtlich wurden vor allem viele der alten Filme digital und in denkbar schlechter Auflösung verarbeitet, so daß zum Teil vor lauter Schlieren kaum mehr erkennbar ist, was auf der Leinwand vor sich geht.

Der Film betreibt dann einen allzu schnellen Durchmarsch durch die Jahrzehnte, von den 1920er bis in die 2000er hinein und vertritt im Wesentlichen doch nur die Aussage: Der Horrorfilm ist stets ein Kind seiner Zeit, und außerdem traut er sich, Wahrheiten auszusprechen, die das Kino sonst nicht anfassen mag. Das ist so wahr wie inzwischen banal. Nightmares fügt dem nichts Neues hinzu, was nicht schon hunderte Male in Bezug auf die eine oder andere Epoche oder mit Verweis auf dieses und jenes Thema gesagt und geschrieben worden wäre.

Das Hauptproblem ist, daß diese Grundthese auch noch völlig uninteressant präsentiert wird. Die Namen von Filmen sirren vorüber, ebenso die blutigen Szenen, und dazwischen gibt es Talking Heads. Es sind zwar tolle Talking Heads, praktisch alle noch lebenden Größen unter den Horrorregisseuren, und sie haben auch was zu sagen, aber fesseln kann das nicht, dafür verweilt der Film zu wenig auf den Momentaufnahmen oder auf einzelnen Filmen. Wenn das doch einmal passiert, als z.B. George A. Romero voller Begeisterung von The Thing erzählt und auf bestimmte Details aufmerksam macht, dann spürt man umso schmerzlicher, wie wenig der Film das sonst betreibt. Und genau in diesem Moment verspielt der Film auch die Chance, die er sich selbst gibt, seine Grundbehauptung zu zeigen und zu belegen, anstatt sie nur zu behaupten.

Stattdessen werden alle Filmtitel und Traditionen angerissen, mehr um Vollständigkeit als um Bedeutung herzustellen, von Nosferatu (als Inspiration natürlich, da nicht genuin amerikanisch) bis hin zu Interview mit einem Vampir, von Hannibal Lecter bis Freddy Krueger, von Scream (in einer ultrakurzen Sequenz) bis hin zu It’s Alive (mit kein bißchen mehr Screentime). In einem solchen Druckkochtopf wird letztlich nicht von dem wirklich sichtbar, was der Film behauptet: gesellschaftliche Relevanz, innere Entwicklung, thematische Bedeutsamkeiten – das alles muß man entweder glauben oder anderswo nachlesen oder -sehen.

Mit größerer Sparsamkeit kommt man durchaus weiter, wie zum Beispiel zum Beispiel Going to Pieces gezeigt hat. Der spaziert zwar durch das Subgenre und die Zeit seit den 1970ern im Grunde nicht weniger rasch hindurch, gewinnt aber durch zeitliche wie thematische Konzentration an Konsistenz.

Viande d’origine française

Vielleicht ist es natürlich nur, daß ich mich im französischen Horrorkino noch nicht so gut auskenne; oder daß es den Bonus des leicht Randständigen hat, die Außenseiterzulage, die man zu wenig behandelten Themen gerne mal gibt.

Oberflächlich weicht Viande d’origine française in seiner Herangehensweise ans Thema von Nightmares nicht wirklich ab: Regisseure, Produzenten und eine Schauspielerin kommen zu Wort, stets mit mindestens zwei Kameras geführt, mitten im Satz wird, man weiß das nach einer Weile vorher schon, von der Nahaufnahme auf eine Halbtotale geschnitten – das ist ein bißchen verspielt, ein bißchen nervös, ein bißchen dynamisch. Dazwischen gibt es dann viele blutige Szenen aus den angesprochenen Filmen, und man darf den Eindruck bekommen, daß die Regisseure sich aus den achtzehn Horrorfilmen, die ihren Angaben nach seit 2000 in Frankreich entstanden sind (dessen Filmindustrie, ebenfalls nach den Zahlen aus Viande, einen jährlichen Ausstoß von 200 Streifen hat), die blutigsten Stellen herausgesucht haben.

Viande d’origine française hangelt sich vage an einer historischen Linie entlang, durchzieht diese aber mit einem weiteren roten Faden: die Bedeutung des französischen Horrorfilms im Inland und im Ausland. Der Strang hat zahlreiche Ausfaserungen nach rechts und links – gesellschaftliche Bedeutungen, filmwissenschaftliche Bewertung, Auteur-Theorie und all das, und wie es in Zusammenhang mit dem Genrefilm steht, sowie schließlich auch die „Ausbeutung“ junger europäischer Filmemacher durch die Großindustrie in Hollywood.

Und ganz einfach macht der Film es sich eben auch nicht. Da wird keine völlig stringente Geschichte erzählt, sondern durchaus in sich widersprüchliche Aussagen und Diskussionen einfach stehen gelassen. Natürlich ist es fürchterlich, wie schwer es in Frankreich ist, einen Horrorfilm finanzieren zu lassen; aber es ist eben doch viel angenehmer, als den einschränkenden Vorstellungen von Studiobossen und Marketingleuten ausgeliefert zu sein, selbst wenn man dafür ein großes Budget zur Verfügung hat. Wenn es nur nicht so wäre, daß man, wie die beiden Regisseure von La Horde klagen, froh sein kann, genug Geld für eine einigermaßen realistische Wirklichkeitsdarstellung zu bekommen. Was der Film mit zunächst Dreharbeiten von einem völligen Trashfilm kommentiert, bei dem eine Wassermelone als Kopfersatz zerschlagen wird, um dann als weiteren Kommentar Bilder zu zeigen, die Alexandro Aja beim entspannten Big-Budget-Dreh von Piranhas 3D zeigen.

So ganz ernst nehmen sich die ganzen Protagonist_innen des französischen Horrorkinos also jedenfalls wohl nicht, und Viande d’origine française macht sich diese Haltung zu eigen. Schließlich will das Publikum unterhalten und nicht bejammert werden.

Gérardmer 2010 – Tag 1

gerardmer_logoVielleicht war es einfach die Unruhe, die mich gestern umtrieb, und die inzwischen etwas nachgelassen hat; vielleicht ist es der Schnee, der letzte Nacht gefallen ist und nun wieder fällt, der die ganze Welt in und um Gérardmer in weißen Schleier hüllt, See und Luft und Stadt: Jedenfalls muß ich konstatieren, daß ich die Stadt gestern womöglich negativer beschrieben habe, als sie es verdient. Denn eines ist man hier: freundlich (sieht man vom Kellner in der Brasserie vorhin ab, aber da gehört das zum Berufsbild, denke ich). Und die Innenstadt ist in der Tat zwar vielleicht kein Kleinod, aber ein Sammelsurium lebendiger Straßen, offenbar am Tourismus ausgerichtet, aber nichtsdestoweniger nicht aufgesetzt-künstlich, sondern kleinstädtisch-nett.

An der furchtbaren Lage des Friedhofs ändert sich dadurch leider nichts.

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Von den bisher gesehenen Filmen, Dans ton sommeil und Possessed, später mehr. Bei kino-zeit.de ist inzwischen mein ausführlicher Vorabbericht zum Festival erschienen (allerdings in einer eigentlich schon veralteten Version, in der ich noch versehentlich von einem deutschen Kinostart für Halloween 2 faselte – doch, doch, das Internet läßt alle unsere Schwächen zum Vorschein kommen. Und ich leuchte sie noch aus. Halloween 2 erscheint Mitte März direkt auf DVD).

Und Fotos gibt es jetzt nach und nach in meinem Flickr-Account.

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John McTiernan kam, als die anderen Mitglieder der Jury schon auf der Bühne standen, eher angeschlurft als dynamisch geeilt; ging zum Pult und erklärte, ohne weitere Einleitung und Abfederung, sehr schnodderig das Festival für eröffnet. Das (nur mit schriftlicher Einladung eingelassene) Publikum war davon so überrascht, daß der Applaus nur sehr halbherzig ausfiel. Als dann heute morgen der erste Film des Wettbewerbs gezeigt wurde, offenbar für viele Zuschauer der inoffizielle Eröffnungsfilm, wurde der Festivaltrailer hingegen mit großer Begeisterung und ausdauernd bejubelt.

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L'Equipe du film 'Dans ton sommeil'

Anne Parillaud, eine hauchdünne Erscheinung in Schwarz, lobte vor der Vorführung des Eröffnungsfilms Dans ton sommeil dessen Direktheit, die rauen Wahrheiten, die ein Erstlingsfilm noch transportiere. Ob Arthur Dupont, neben Parillaud Hauptdarsteller des Films, gegen solchen Charme des Anfangs den Gestus der gelangweilten Routine setzen wollte, ist nicht überliefert. Jedenfalls war sein kurzes, eher belangloses Statement zum Film (es hat ihm viel Spaß gemacht), unter seinem Kaugummikauen fast nicht zu verstehen. Aber vielleicht liegt das auch an meinem Französisch.

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Lee Yong-Ju, réalisateur de 'Possessed/Bulshin Jiok'

Lee Yong-Ju (so die französische Umschrift des Namens) hatte zur Vorstellung seines Films Possessed eine Dolmetscherin mitgebracht. Daß sein Französisch womöglich noch schlechter ist als meines, ist für einen Südkoreaner (hier ist er noch einmal einzeln im Bild) ja sicher eine läßliche Sünde. Er hielt dann, offenbar mit dem Ziel, Verständnis für das Thema seines Films im Kontext südkoreanischer Verhältnisse zu wecken, nach einigen einleitenden Worten einen nicht ganz kurzen, pausenfreien Vortrag über Religion in Korea und im koreanischen Film.

Die Dolmetscherin, die sichtbar zögerte, als er endlich fertig war, bekam spontanen Szenenapplaus, und nach erfolgter Übersetzung ganz persönlichen Jubel vom Publikum.

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Weiter geht es für mich heute noch mit Cargo, La Horde sowie schließlich dem Dokumentarfilm-Double-Feature Viande d’origine française und Nightmares in Red, White and Blue.

Gérardmer 2010 – Ankunft

gerardmer_logoEin angenehmer Nebeneffekt des französischen Zentralismus ist bekanntermaßen, daß man von Paris aus sehr schnell in die anderen Landesteile gelangt. Wie ausgestreckte Spinnenbeine ziehen sich die TGV-Strecken nahezu ohne Knicke von der Hauptstadt aus durch die Provinz, wie hier gleich alles heißt, was nicht mehr zu Paris oder seinem Speckgürtel gehört.

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Wie anderswo auch wird es aber hierzulande durchaus mühsam, wenn man in die etwas abgelegeneren Orte gelangen möchte. Viele gibt es, die ohne eigenes Auto gar nicht zu erreichen sind, und so ist es womöglich ein Geschenk, daß man Gérardmer immerhin mehrmals täglich mit dem Bus aus verschiedenen umliegenden Städtchen erreichen kann. Die meisten Gäste des Filmfestivals, darf ich vermuten, reisen wohl nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln an.

P1030813Immer den Berg geht es hinauf, wenn auch nicht in große Höhen, bis man den kleinen Ort erreicht hat. So etwa zehntausend Einwohner hat das Städtchen, höchst malerisch an einem jetzt zugefrorenen See gelegen, an einer flachen Stelle inmitten eines Tals, umgeben also auf drei Seiten von weiter hoch reichenden Bergen, die alle eingeschneit und, wenn das Outfit vieler anderer Hotelgäste hier etwas auszusagen vermag, für Wintersport wohl auch nicht ungeeignet sind.

Schön ist also die Landschaft schon, und da ist es möglicherweise nur konsequent, daß man in Gérardmer, wie sagt man es höflich?, auf Äußerlichkeiten wie Architektur keinen besonderen Wert legen mag. Sieht man von der beschaulichen und sehr lebendig wirkenden Altstadt ab, ziehen hier Straßen in rechten Winkeln zueinander ein Gitter ins Tal, und drunten wie an den Hängen stehen neben eher traditionell wirkenden Häusern gar scheußliche Kästen. Und selbst der offenbar schon mindestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts genutzte Friedhof findet sich mittlerweile mitten in einem Gewerbegebiet, von Bauunternehmen und Kieslagern umgeben.

P1030814Aber das ist wirklich egal: Gérardmer ist allenfalls Schlaf- und Essensstadt für die Tourist_innen, die man sommers wie winters zum Wandern und Skifahren auf die Hänge ringsum schickt, und für zwischendurch und schlechtes Wetter gibt es ein großes Casino oder ins Kin o beim einen oder anderen Filmfestival.

Auf Fantastic’Arts nun scheint die ganze Stadt seelisch eingestellt zu sein. Bei der Hotelsuche reichte es, danach zu fragen, ob während des Festivals noch ein Zimmer frei sei (meistens nein), und im Stadtzentrum hängen nicht nur überall Plakate und Wegweiser zu den Spielorten, an jedem Laternenpfahl hängt auch noch ein Lautsprecher, aus dem der lokale Radiosender zu tönen scheint, der offenbar ebenfalls fleißig berichtet.

In weniger als zwei Stunden beginnt das Festival mit Dans ton sommeil.

Fantastic’Arts – Festival du Film fantastique à Gérardmer

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Kommenden Mittwoch fahre ich in die Vogesen – zum 17. Festival du Film fantastique oder Fantastic’Arts, das bis Sonntag in dem kleinen Ort Gérardmer stattfindet. (Schön ist’s da, auch wenn es dieser Tage wohl eher kalt sein wird und vielleicht etwas eingeschneit.) Das Festival dauert viereinhalb Tage, an denen regelmäßig über 30.000 Kinotickets verkauft werden; ich freue mich besonders darauf, endlich Moon von Duncan Jones sehen zu können, den neuen Romero sowie natürlich Splice.

Ich werde hier im Blog unmittelbar vom Festival berichten, auf längere Kritiken, die anderswo erscheinen, weise ich dann noch gesondert hin. Weitere Festivalimpressionen werden sich auf Französisch wohl bei den Kolleg_innen von Film de Culte, Films Horreur und Mad Movies finden lassen. Ist noch jemand aus Deutschland da?

Im Folgenden habe ich aufgelistet, welche Filme in Gérardmer auf dem Programm stehen – die fettgesetzten Titel stehen bereits fest auf meinem Sichtungsplan, Anregungen nehme ich gerne entgegen, auch wenn mein Zeitplan nicht mehr viel Spielraum hat, ich muß ja auch mal schlafen, essen und schreiben. ;-)