Drei Männer im Schnee (1955)

Drei DVDs des Films gibt es bis kommenden Samstag noch hier zu gewinnen.

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Wenn es keine Millionäre gäbe, müßten sie erfunden werden. die Menschheit braucht sie. als Steuerzahler, als Wirtschaftskapitäne … und als Lustspielfiguren. Mit diesen Worten beginnt Drei Männer im Schnee, eine Verfilmung der gleichnamigen Erzählung von Erich Kästner (Amazon-Link) aus dem Jahr 1955, und der Geist eines großväterlich-wohltätigen Kapitalismus (und ironischen Verhältnisses zum eigenen filmischen Tun), der aus ihnen spricht, zieht sich denn auch durch den ganzen Film.

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Ein Multimillionär, der sich wenig für die Details der Geschäftsführung seines Unternehmens interessiert, hat inkognito an einem Preisausschreiben seines eigenen Unternehmens teilgenommen und einige Tage in einem Luxushotel in den Bergen gewonnen. Dieser Eduard Schlüter (Paul Dahlke) ist ein ganz bodenständig gebliebener Mann, dem es ein wenig auf die Nerven geht, daß sich alle so sehr um sein Wohlergehen bemühen, und er möchte gerne mal schauen, wie ihn die Menschen behandeln, wenn er als armer Tropf daherkommt. Vor Ort trifft er, als Eduard Schulze, den anderen Gewinner, den jungen Dr. Fritz Hagedorn (Claus Biederstaedt) – der ist ein grundsympathischer Mensch natürlich, leider arbeitslos und erst vor kurzem mit seiner Bewerbung bei den Schlüter-Werken gescheitert. Da Schlüters Tochter das Hotel über die Ankunft ihres Vaters informiert hat, hält man dort versehentlich Hagedorn für den Millionär und behandelt ihn mit übertriebener Aufmerksamkeit, während Schlüter/Schulze selbst in einer unbeheizten Dachkammer untergebracht wird, da man den ärmlich gekleideten Mann schnell wieder vergraulen will.

So entspinnt sich eine sehr amüsante, völlig harmlose Verwechslungskomödie, in der Hagedorn ob seiner angeblichen Millionen von einer milde bedrohlichen Frau beharrlich angegraben wird, während Schlüter/Schulze das Geschehen mit großem Amüsement verfolgt – seinen Diener Johann Kesselhut (Günther Lüders), der als Begleitung mitgekommen ist, aber einen wohlhabenden Adeligen zu spielen hat, schickt er auf die Piste, er solle Skilaufen lernen; und dann ergötzt er sich an dessen Mühen.

Seine Filme sind Milieustudien, bisweilen auch Karikaturen deutschen (Spiess-)Bürgertums, von augenzwinkernder Ironie, gemütvoll und mit einem unerschöpflichen Arsenal an skurrilen Charakteren.

Das hat Michael Wenk in der NZZ in einem schönen Portrait über den Regisseur Kurt Hoffmann geschrieben, und es trifft auch hier zu: Natürlich ist der Humor vielleicht nicht der flotteste und frischeste, aber er ist wohlwollend leichtfüßig, was auch heißt: ohne große Gedankenschwere.

Zugleich ist Drei Männer im Schnee nicht nur ein Dokument der anscheinend zumindest für manche besseren, alten Zeit, sondern aus heutiger Sicht auch eine Zeitstudie über Dekor, Manierismen und Haltungen der Nachkriegszeit, in dem sich die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, nicht zuletzt auch und gerade die Geschlechterordnung widerspiegeln. Vielleicht ist es (für mich) an der Zeit, die Filme Hoffmanns, die, aus dem Fernseher heraus, Filme meiner Kindheit waren (Das fliegende Klassenzimmer, Ich denke oft an Piroschka, Das Wirtshaus im Spessart wie auch Das Spukschloß im Spessart) nochmal genauer daraufhin zu sichten: Wie sehr sie – und das mag auch auf Hoffmanns wohl problematischsten Film Quax, der Bruchpilot zutreffen -, immer wohlwollend, und genau darin womöglich entlarvend, als fiktionale Linsen auf ihre jeweilige Zeit taugen. (Aber das trifft vielleicht auf alle Filme zu. Oder nicht?)

(Drei Männer im Schnee ist jetzt von MFA+ neu veröffentlicht worden, worauf manche ja schon seit einiger Zeit warteten.)

How the Grinch Stole Christmas (2000)

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Als ersten eigenen Beitrag für den Weihnachtsfilm-Blogathon habe ich mir einen Film ausgesucht, von dem ich mir möglicherweise irgendwann sogar heimlich geschworen hatte, ihn mir nie ansehen zu wollen, nienienie: How the Grinch Stole Christmas von Ron Howard, mit Jim Carrey in der Titelrolle (als Grinch natürlich, nicht als Weihnachtsfest).

Der Grinch ist eine Figur, die hierzulande wohl so wenig bekannt ist wie auch die meisten anderen Schöpfungen von Dr. Seuss/Theodore Seuss Geisel (daß ich z.B. The Cat in the Hat ein bißchen kenne, ist eher Zufall und familiäre Gegebenheiten). Er wohnt in der Nähe von Whoville, wo mit Hingabe Weihnachten gefeiert wird – weil er das aber den Bewohner_innen der Stadt nicht gönnt, spielt er ihnen erst Streiche, um schließlich, als Weihnachtsmann verkleidet, ihnen Weihnachten gleich ganz zu nehmen, indem er alle Geschenke und Weihnachtsbäume mitgehen läßt.

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Grinch beginnt eigentlich noch recht vielversprechend als ziemlich explizite Kritik an einem rein konsumistisch verstandenen Weihnachtsfest: Da kaufen die „Whos“ alle ein wie verrückt, und die entscheidenden Bilder sind: Kassen, Geld, Geschenke. Neben einer Geschichte von Ungerechtigkeit und Außenseitertum (in deren Zentrum natürlich der Grinch selbst steht) ist das aber leider auch alles, was dem Film einfällt: Komplexer wird es nie. Denn am Ende ist die Botschaft, schlicht und schlicht: Bei Weihnachten geht es nicht nur um die Geschenke, sondern um das Miteinander; und in diesem Miteinander soll niemand ausgeschlossen sein, denn jede_r ist wertvoll und wichtig. Schmalziger geht Weihnachten nicht.

Der Weg dahin ist freilich ein bis an den Rand vollgestopfter. Die bösen Streiche und Methoden des Grinch sind durchaus lustig; die Whos bekommen böse Post zum Fest, die Geschenke werden mit einem großen Staubsauger aufgesaugt, die Weihnachtssocken über dem Kamin von rasend schnell fressenden Motten zerkaut. Aber Subtilität kennt der Film nicht, nur Offensichtlichkeiten, und diese türmt er noch aufeinander, bis es aus den Rändern herauszuquellen scheint. Die Bilder sind hier stets zu bunt, zu fröhlich, zu voll, zu laut, zu bumm, und gerade Linien gibt es kaum.

Gleichwohl muß man natürlich eingestehen, daß zumindest die Schlichtheit der Geschichte schon der Vorlage entstammt; dabei handelt es sich aber um ein eher knappes Kinderbuch, dessen filmische Umsetzung im Grunde mit dem 26-minütigen Fernseh-Animationsfilm letztgültig erledigt zu sein schien, den Chuck Jones 1966 verantwortete. (Unten anzusehen.)

Und in der Tat ist die (holzhammerartige) Kapitalismuskritik natürlich eine Neuerung des Howard/Carrey-Unternehmens (das in meiner Wahrnehmung für beide ein Tiefpunkt ihrer respektiven Karrieren war), und sie hat lichte Momente. Etwa wenn der Grinch nicht nur die Geschenke anprangert, sondern die Wegschmeißkultur gleich mit (er wohnt neben der Müllkippe): „That’s what it all is about: gifts, gifts, gifts. They all come to me in my garbage.“ Später wird der Hund, der die Rolle des Rentiers am Schlitten spielen muß, sich weigern, eine rotleuchtende Nase anzuschnallen, und da wird der Grinch fast politisch: „You reject your own nose because it represents the glitter of commercialism!“

Durchaus interessante Ansätze liegen auch in der seltsamen sexuellen Anziehung, die offenbar zwischen dem Grinch und der Dorfschönheit besteht (Furries, anyone?) und den sonstigen, sehr vorsichtigen anzüglichen Andeutungen des Films. Babies kommen hier in beschirmten Körbchen vom Himmel gesegelt, und ein glücklicher, frischer Vater ruft im Moment des Fundes nach seiner Frau: „Honey, our baby is here!“, und nach einer irritierten Pause: „He looks just like your boss.“

Aber Grinch beläßt es trotz seiner 104 Minuten Laufzeit bei solchen Andeutungen von Tiefe, und bis zum (fast) allgemeinen Glück im Finale passiert dann auch nichts mehr – außer eben viel Gebläse, Trara und Geschrei.

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Und hier als Bonustrack Chuck Jones‘ How the Grinch Stole Christmas! von 1966, weniger aufgeregt und näher am Originaltext:

St. Trinian’s

Cartoonbrew hat auf eine wundervolle Animationsstudie hingewiesen, die Uli Meyer (Homepage, Blog) erstellt hat: Er hat sich die wunderbaren St Trinian’s-Cartoons von Ronald Searle angesehen (beispielhaft gibt es Bilder zum Beispiel hier, hier, hier und hier) und sich bemüht, einen Animationsstil zu entwerfen, der dem Stil von Searles Zeichnungen möglichst nahe kommt. Das ist ihm auch meiner Meinung nach hervorragend gelungen:

In seinem Blog schreibt Meyer noch genaueres zu der Arbeit, an der auch noch Matt Jones, Sandro Cleuzo und Boris Hiestand beteiligt waren, und zu Searles (positiver) Reaktion darauf.

Es gibt ja bereits mehrere Verfilmungen der St Trinian’s-Cartoons, die man übrigens in einer großzügigen gebundenen Ausgabe (Amazon-Partnerlink: St. Trinian’s: The Entire Appalling Business) oder in wohlfeiler Taschenbuchform (Amazon-Partnerlink: St Trinian’s: The Cartoons) erwerben kann. Neben einer 1954 mit The Belles of St. Trinian’s begonnenen britischen Reihe, die bis 1966 vier Filme hervorbrachte (1980 kam mit The Wildcats of St. Trinian’s, wieder unter der Regie von Frank Launder noch ein Nesthäkchen hinzu; die DVD-Box The St. Trinian’s Collection enthält die vier Filme aus den 1950er und 1960er Jahren: Amazon-Partnerlink) gab es in den letzten Jahren seit 2007 zwei weitere Versuche, Searles Zeichnungen in Realfilm zu übersetzen.

Ich fand seinerzeit St Trinian’s sehr unterhaltsam (meine Kritik), auch wenn er mit Searles Arbeiten außer ganz grundlegenden Handlungselementen nur noch wenig gemein hat – ein großer Spaß mit eingängiger Musik und Gender Trouble ist der Film doch. Eine Fortsetzung gibt es mit St Trinian’s 2: The Legend of Fritton’s Gold inzwischen auch; dazu hier demnächst hoffentlich mehr.

The Infidel (2010)

Diese Sache mit der Identität ist ja eine schwierige Angelegenheit; nicht zuletzt weil manche Nationalitäten und Religionen da Erworbenes mit quasi Angeborenem vermischen (Deutsche_r ist demnach zuerst, wer ein deutsches Elternteil hat; alle anderen sind „nur“ eingebürgert). Und was, wenn man auf einmal feststellt, daß man nicht der ist, der man dachte zu sein?

So geht es Mahmud Nasir (Omid Djalili), einem trotz regelmäßiger Besuche in der Moschee eher weltlich orientierten Familienvater, der nach dem Tod seiner Eltern plötzlich erfährt, daß er adoptiert wurde – und ursprünglich Solly Shimshillewitz hieß. Mit anderen Worten: Er hat jüdische Eltern, und das macht ihn nach jüdischem Verständnis wohl auch zu einem Juden. (Als Mahmud davon erfährt, regt er sich auf der Adoptionsbehörde derart auf, daß er vom Wachdienst zum Ausgang geleitet wird. „You find out you’re Jewish“, empört er sich da, „and some bloke in a uniform is leading you away?“)

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The Infidel beläßt es nicht bei diesem einen Schicksalsschlag für Mahmud: Kurz vorher hat er erfahren, daß die Braut seines Sohnes einen neuen Stiefvater bekommen wird, weil ihre Mutter wieder zu heiraten beabsichtigt. Dummerweise ist dieser Mann ein für seine extremen Ansichten berüchtigter konservativer muslimischer Prediger – Mahmud wird also von seinem Sohn inständig gebeten, sich möglichst fromm und muslimisch zu geben, während er eigentlich gerade damit beschäftigt ist, von seiner Zufallsbekanntschaft Lenny Goldberg (Richard Schiff) mehr über das Jüdischsein zu erfahren. Und seine Frau Saamiya (Archie Panjabi) fragt sich derweil ob seiner Geheimniskrämerei, ob er vielleicht homosexuell sei oder eine Geliebte habe…

Josh Appignanesis Film bietet durch diese Verwicklungen Momente zum Fremdschämen in großer Zahl, und das ist natürlich Absicht, will er doch herausarbeiten, wie einschränkend reduzierte Formen von Identität sein können – und zugleich: wie wenig wir doch voneinander wissen, wie billig und kleinlich unsere Vorurteile voneinander sind. Das dürfte vor allem im Interesse von Omid Djalili sein, für den dieser Film natürlich ein Aufmerksamkeitsvehikel ist. Djalili ist in Großbritannien als Stand-Up-Comedian bekannt, seine Show hat es zwischendurch sogar einmal ins Nachtprogramm des WDR geschafft, glücklicherweise ohne Synchronisation, sondern mit hilfreichen Untertiteln. (Hier und hier sind zum Beispiel zwei Teile einer Ausgabe seiner Show zu sehen; andere Folgen lassen sich ebd. leicht finden.)

Ihm geht es immer wieder um „westliche“ Vorurteile gegen den Islam und den Mittleren Osten, und sein Mahmud ist hier natürlich ein weiser Narr, einer, der sich zwar vielleicht über die Dummheit einzelner, auch über die Mühen und Hürden des Alltags bezaubernd aufregen kann, der aber Vorurteile gegen Gruppen allenfalls äußert, um seinem Ärger Luft zu machen. Mit den neuen Informationen über seine Herkunft konfrontiert, will er aber den Dingen auf den Grund gehen: Will seinem (noch lebenden) Vater gegenübertreten und dazu (ein wenig wenigstens) das Judentum kennenlernen – und gerät vor allem deshalb in unmögliche Situationen, weil sein Umfeld solche Neugier und solche Identitätsverschiebungen nicht kennt und noch weniger goutiert.

16ème Étrange: Vampires (2010)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

Den belgischen Film Vampires als Vampirkomödie zu beschreiben, ist zwar einerseits insofern zutreffend, als er sich einen komischen Zugang zum Sujet Vampir sucht, verfehlt den Film aber insofern, als er dies völlig anders betreibt als etwa (Namensverwandtschaften jetzt einmal ignorierend) Suck oder Vampires Suck.

Vampires ist stattdessen ein Mockumentary, ein konsequent als Dokumentarfilm verkleideter Blick auf die (natürlich fiktionale) Vampirgesellschaft in Belgien am Beispiel zweier in einem Haus zusammenlebenden Vampirfamilien.

Vincent Lannoo läßt seinen Film mit einigen Texttafeln beginnen, die von den schwierigen und sogar tödlichen Versuchen berichten, diesen Film zu drehen – meistens wurde die Crew zum Hauptgericht der zu Portraitierenden. Nun aber sei man beim dritten Mal und unter großen Sicherheitsvorkehrungen endlich erfolgreich gewesen – und widme den Film gerne den bei seiner Entstehung Verstorbenen.

Solcherlei schwarzer Humor findet sich später noch öfter; er zieht seine Kraft vor allem daraus, daß hier eine bürgerliche Normalität konstruiert und gezeigt wird, die allerdings mit den Wertvorstellungen und vor allem aber: Ernährungsgewohnheiten der Vampire kollidiert. Da ist dann die Käfighaltung von illegalen Einwanderern plötzlich nicht mehr unmoralisch, sondern Bestandteil der Nahrungskette; die Vampire sind wie Reinigungskräfte für die Population, erzählt der eine. Und um die dahinter kaum verborgene politische Ebene noch zu verstärken, schwadroniert eine andere Vampirin von Reinheit und Sittenverfall.

Dazwischen walzt Vampires noch eine Idee aus, die in Daybreakers (meine Kritik) nur ganz am Anfang durchschien: Was passiert eigentlich, wenn man mitten in der Pubertät zum Vampir wird, wenn man die dauernden Hormonschübe nicht mehr loswird? Hier trifft es die „Tochter“ der Familie, stets in Rosa, aber stets verzweifelnd. (Allein die Szene, in der sie sich scheckig über einen rosa Sarg freut, darf man sich nicht entgehen lassen.) Wie also, das ist ja das in Daybreakers nicht ganz zu Ende gedachte Problem, geht man in der potenziell ewigen Unsterblichkeit mit den Problemen und Sorgen des Alltags um?

Darauf sucht Vampires wenigstens einige Antworten. Mit einer Mischung aus „Talking Heads“ und immersiv dokumentarischem Stil ahmt der Film dabei ziemlich effektiv derzeit gängige Dokumentarstile nach – und gibt ihnen, gerade bei den ethisch fragwürdigen Momenten, einen schalen Beigeschmack. Und das ist natürlich die wahre Größe: Daß einem das Lachen gelegentlich im Halse stecken bleibt. Dort also, Sie wissen schon, wo die Vampire vermutlich beißen werden. (Wobei, der Hals, scheint es mir nach Sichtung dieses Films, ist wohl dem Familienoberhaupt vorbehalten.)

Foto: Fantasy Filmfest

16ème Étrange: Suck (2009)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

Wo wir schon bei Vampirkomödien sind: Suck dürfte in diesem Subgenre zu den etwas interessierter erwarteten Filmen gehört haben, bevor er jetzt auf dem Fantasy Filmfest auch in Deutschland und hier in Paris beim L’Étrange Festival zu sehen war.

Eine kleine kanadische Band, die seit vermutlich ewigen Zeiten herumtouren, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen, werden plötzlich erfolgreich, nachdem zuerst ihre Bassistin und dann auch die männlichen Mitglieder zu Vampiren werden. Allerdings sind nicht alle Beteiligten besonders glücklich mit dieser Entwicklung.

Die Handlung von Suck ist nicht besonders aufregend, zumal sie ohne große Höhepunkte und dramatische Zuspitzungen so dahinerzählt wird. Wenn man so will, ist das die Geschichte, die Jennifer’s Body im Hintergrund nicht (oder jedenfalls nicht so) erzählt (allerdings mit Vampirismus statt Dämonen, dafür auch hier mit einer Jennifer): Wie es der Band ergeht, die den Pakt mit dem Teufel schließt. Suck macht daraus eine schwärzliche Komödie, die man sich vor allem deshalb gerne ansehen mag, weil sie bei kurzer Filmzeit flott erzählt ist und durch reichliche Musikbeigaben sehr palatabel.

Die Musik kommt nicht nur von der Film-Band The Winners, sondern auch von zahlreichen Größen des Rockgeschäfts, die Autor/Regisseur/Hauptdarsteller Rob Stefaniuk irgendwie davon überzeugen konnte, hier mitzuspielen: Moby, Alice Cooper, Iggy Pop… und Malcolm McDowell spielt „Eddie Van Helsing“, einen einäugigen, versoffenen Vampirjäger, was ihm offenbar große Freude bereitet. Mit Lust spielt auch Dmitri Coats den Vampir Queeny, der den Stein ins Rollen bringt; er wirkt dabei stets wie Johnny Depps Mad Hatter aus Speed.

Ansonsten verbringt Stefaniuk viel Zeit damit, seine Hauptdarstellerin Jessica Paré als Vampirin ins rechte Licht (gerne überstrahlt) zu setzen und verführerisch auf die Leinwand zu bringen. In welcher Konsequenz er das betreibt, ist schon fast wieder amüsant für sich. Suck ist ein grundsympathischer Film, der über seine Schau- und Hörwerte ganze anderthalb Stunden lang trägt. Dann ist Schluß, und dann ist auch gut.

Foto: Fantasy Filmfest

Vampires Suck (2010)

Ein Geständnis: Nein, ich habe Vampires Suck nicht ganz gesehen. Das hat einen ganz einfachen Grund: Ich halte diesen schlaff herabhängenden, völlig bedeutungslosen Humor nicht aus, er knattert in meinem Kopf laut als verrinnende Lebenszeit.

Es ist ja nicht so, als ob das Filmprojekt, die meiner Meinung nach eher minder aufregenden Twilight-Filme aufs Korn zu nehmen, nicht ohne Meriten und Möglichkeiten wäre. Worauf Marcus schon hingewiesen hat (dessen Besprechung für blairwitch.de ich zu diesem Film gerne als Verweisstelle und Referenz anführe): Allein sich die verklemmte Sexualmoral der Franchise mal vorzuknöpfen, daraus ließe sich reichlich Stoff für einen Spoof, eine Parodie, oder auch nur: einen guten Film ziehen. Aber Vampires Suck, der für den deutschen Verleih den nicht wesentlich originelleren Titel Beilight – Biss zum Abendbrot bekommen hat, läßt praktisch alle Chancen für etwas tiefgründigeren Humor links liegen und greift stets zum offensichtlichsten, vorhersehbarsten und flachsten Klamauk.

Irgendwo dadrin stecken zwar ein paar absurde Gaga-Momente (wie wenn Edward im Wald die über dem Kaninchenbau grübelnde Alice [die aus dem Wunderland] erschießt) und Scherze, die mediale Konstrukte („You’re staring at each other in slow motion!“) und Rezeptionsphänomene („Team Edward“ und „Team Jacob“ greifen aktiv in den Kampf ein) tatsächlich reflektieren; aber das bleiben einzelne Momente, nie wird ein erhellender Gedanke daraus. Der Film fühlt sich so fahl, so lustlos dahingerotzt und auf Profit ausgerichtet an: Ich kann mich nur mit Grauen abwenden.

Foto: 20th Century Fox

16ème Étrange: Four Lions (2010)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

(Der Vollständigkeit halber: „Spoiler-Warnung“. Am besten einfach direkt den Film ansehen.)

Wenn man über Four Lions schreibt, ist man versucht, erst einmal politisch korrekt zu betonen, wie unfähig hier auch die nicht-muslimischen, britischen Terrorfahnder und Zivilisten dargestellt werden: Die Polizei stürmt irgendwann auf der Suche nach einer Terrorzelle ein Haus, nimmt aber dort nur eine Gruppe äußerst frommer und friedfertiger Muslime fest, die zwar ihre Frauen in winzige Räume sperren, aber jedenfalls keine Bomben bauen. Und zwei Scharfschützen streiten sich kurz darauf angeregt darüber, ob der von Ihnen frisch Erschossene nun ein Bären- oder ein Wookie-Kostüm trug; daß er auf jeden Fall der Falsche war, ist ihnen offenbar völlig wurscht.

Aber dieser Reflex, den Film in Schutz zu nehmen vor allzu einseitiger Interpretation ist eigentlich verfehlt. Denn man redet damit am Kern des Films vorbei, der im Wesentlichen auf dem Grundsatz beruht, daß jede_r das Recht habe, verarscht zu werden, und somit an jeder Form politischer Korrektheit erst einmal völlig desinteressiert ist. Das heißt nicht, daß Four Lions ein Experiment in planloser Grenz- und Geschmacksverletzung wäre (wie dies zum Beispiel Uwe Boll seinerzeit mit Postal [meine Kritik] angepeilt hatte).

Christopher Morris, der bisher vor allem fürs Fernsehen gearbeitet hat, legt mit seinem Film (das Drehbuch stammt von ihm, Jesse Armstrong und Sam Bain) erst einmal den Finger ziemlich präzise in die Wunden, die die im Westen verbreiteten Vorstellungen vom Islam darstellen – und das heißt für uns weiße Mittelschichteuropäer: unser Denken, der Islam sei weitgehend mit dem militanten Islamismus identisch. Da findet es ein Kollege von Omar (Riz Ahmed) zwar befremdlich, daß einer von Omars Freunden eine Krähe in die Luft gesprengt hat. Er läßt sich dann aber alsbald beruhigen mit dem Argument, das sei eine kulturelle Sache – auf der Hochzeit in Pakistan kürzlich habe man auch einen Vogel Strauß mit einer Bazooka beschossen.

Operation: Endgame (2010)

Operation: Endgame (mir zum ersten Mal bei Peter ins Bewußtsein gerufen) ist eigentlich ein Film, der Menschen wie mich mit einer gewissen Neigung zum schwarzen Humor und zum Actionkino zugleich, geradezu bettelnd auffordert, ihn lieb lieb lieb zu haben, und eine ganze Weile geht das auch wirklich gut mit uns beiden.

Ort der Handlung ist ein unterirdischer Bunker der amerikanischen Regierung, in der eine supergeheime Spionagetruppe ihre Büros hat. Gerade wird ein Neuling (Joe Anderson) eingeführt und bekommt den Codenamen ‚Fool‘ – alle Figuren heißen wie Karten des Tarots. ‚Chariot‘ (Rob Corddry) führt ihn herum und stellt ihm die Mitglieder der beiden Teams Alpha und Omega vor – unmittelbar miteinander konkurrierende Entitäten, die sich eigentlich gegenseitig kontrollieren sollen. Dann aber gibt es plötzlich Leichen, mit dem Programm „Operation: Endgame“ wird ein Countdown ausgelöst, und bevor ‚Fool‘ so richtig versteht, was passiert, sind die Angehörigen beider Teams kräftig damit beschäftigt, einander umzubringen, während die Zeit immer enger wird, bis alles Leben im Bunkerkomplex automatisch ausgelöscht wird.

Das ist gut gemacht, wie aus der sehr angespannten Büroatmosphäre, den kleinen Sticheleien und bösen Beschreibungen, alle schon getunkt in das Blut, das beim schmutzigen Geschäft der Filmnachrichtendienste ja gerne kübelweise vergossen wird, wie daraus also fast übergangsfrei ein Blutbad wird, ein dann doch ziemlich expliziter und schmerzhafter Abzählreim der Mordtaten.

Und auch daß es dazwischen immer wieder den Blick gibt auf zwei Beobachter, die durch Überwachungskameras das Ganze mit distanzierter Ironie und einer gewissen Fassungslosigkeit (aber ohne jedes Entsetzen) wahrnehmen und aus dem Hintergrund kommentieren. Als sie sich einmal über die Aufnahmeprüfung für die Alpha- und Omegagruppen unterhalten, da hat es im Bunker schon Tote en gros gegeben, kommen sie auf den letzten Test zu sprechen: Jede_r mußte einen kleinen Welpen ermorden. „All those people killed puppies?“ empört sich da das Gegenüber.

So schwarz ist der Film, und in seinem Blick auf die Geheimdienstwelt sehr ironisch gegenüber den Standardfiguren des Kinos, mit den absurden Decknamen und Lebensläufen, die hier ins Pathologische gewendet werden und, statt in der Welt draußen verortet zu sein, in einen engen Bürobunker gepfercht werden, samt Kopierzimmer und Konferenzraum.

Wie gesagt, eine Weile geht das gut. Aber dann bleibt Operation: Endgame im einmal eingeschlagenen Tritt, auf das sukzessive Morden und Verfolgen folgt nichts wesentlich Neues mehr, und letztlich fällt dem Film dann nichts mehr ein, was er mit seinem tollen B-Cast noch so anfangen könnte. Ellen Barkin zum Beispiel ist großartig böse, und mit Ving Rhames und Maggie Q ist sie nicht die einzige, die sich lustvoll im Zynismus der Handlung wälzt (die auch noch eine gewisse politische Pointe hat). Emilie de Ravin bietet uns eine sehr verschlagene Triebtäterin; Odette Yustman füllt die Rolle als eye candy aus und bemüht sich redlich, ein bißchen mehr daraus zu machen, während Zach Galifianakis hier die vermutlich seltsamste Rolle seit langer Zeit spielt.

Alle diese Figuren gehen früher oder später im Laufe des Films dahin, aber an ihnen (oder ihren Darsteller_innen) liegt es eben nicht, daß Operation: Endgame am Ende scheitert. Vielleicht fehlte den Macher_innen die Bereitschaft oder das Interesse, jenseits der überzogenen Gewalt und des schwarzen Humors in jenen Bereich der Groteske einzutreten, der den Film herausgehoben hätte aus seinen eigenen Prämisse und vielleicht auch seinen politischen Ambitionen neues Feuer gegeben hätte. Aber dafür genügt es nicht, möglichst einfallsreich viel Blut zu versprühen.

Date Night (2010)

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Mein Vater beschwert sich beim Fernsehen gerne darüber, daß romantische Komödien meist da enden, wo es wirklich interessant und womöglich auch schwierig wird: Mit dem Moment der glücklichen Vereinigung. Früher trat dann die Eheschließung ein, heute vielleicht die vermeintlich stabile Beziehung – die eigentliche Arbeit fängt also erst an.

Date Night ist da eine erfrischend erwachsene Alternative. Man findet inzwischen ja aus Hollywood mit Filmen wie etwa It’s Complicated (meine Kritik) auch schon romantische Komödien mit älteren Paaren, aber viele andere sind, auch wenn sie sich vorgeblich mit nicht mehr ganz jugendlichen Protagonist_innen befassen, doch insgesamt eher aufgesetzt und am jugendlichen Ideal des Verliebtseins orientiert.

Shawn Levys Komödie (meiner Meinung nach die erste wirklich brauchbare, bei der er Regie geführt hat) schickt das Ehepaar Foster, Claire und Phil (Tina Fey und Steve Carell), auf eine Odyssee durch New York, die sich zwar als Actionkomödie tarnt (und als solche eher so-la-la funktioniert) – die Fosters werden mit einem anderen Paar verwechselt, welches anscheinend einen Mafiaboss zu erpressen versuchte -, de facto die beiden aber durch eine tour de force von Beziehungsmodellen schickt.

Ganz am Anfang sind sie bei einem befreundeten Ehepaar zu Besuch, die sich trennen wollen, weil ihr Leben miteinander nicht aufregend genug sei – erst das ist ihr Antrieb für eine „aufregende“ Nacht in New York, die dann etwas aufregender wird als geplant. Hier erwarten sie dann zum Beispiel ein muskulöser Sicherheitsexperte (Mark Wahlberg) mit seiner nicht minder attraktiven israelischen Freundin oder das streitsüchtige, aber leidenschaftliche Erpresserpärchen (Mila Kunis und James Franco), und die Fosters müssen sich nicht nur damit auseinandersetzen, wie sie die Nacht überleben, sondern auch, wie sie ihr gemeinsames Leben vor der Folie all dieser Beziehungsentwürfe eigentlich verstehen wollen.

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So bizarr und unglaubwürdig (und eher generisch) die Handlung dabei auch wird, die Figuren verhalten sich stets glaubwürdig und konsequent: Die Fosters sind keine Superheld_innen und kein Paar, daß sich wegen der äußeren Gefahr wieder Hals über Kopf ineinander verlieben würde; das haben sie auch nicht nötig, auch wenn sie schon seit Jahren verheiratet sind und abends, nachdem die zwei Kinder dann doch endlich mal schlafen, totmüde und aller Libido ledig ins Bett fallen.

Eine Szene vom Anfang des Films illustriert das sehr fein: Da kommt Phil nach Hause, und übersieht erst einmal seine Frau völlig, die gerade auf der Treppe steht, im schicken Kleid herausgeputzt – da entgleisen Claire für einen Moment die Gesichtszüge. Phil hat jedoch im Reingehen zuerst nur seine Kinder gesehen und wirft sich zu ihnen auf den Boden. Aber als er sich dann zu seiner Frau umwendet, entfährt ihm ein „Wow“. Er hat Claire vorher schlichtweg übersehen, aber dann sieht er nicht durch sie hindurch, sondern nimmt sie immer noch wahr (und als schön, aufregend, attraktiv wahr).

Das ist es, was ich unter einer „erwachsenen“ romantischen Komödie verstehe: Eine, die auch weiß, daß unter der Routine, dem jahrelangen Miteinander und Sich-Reiben aneinander nicht nur emotionale Leblosigkeit liegen kann. Oft ist es Liebe.

(Etwas schade ist übrigens, daß Fox für die Pressebilder mit Tina Fey nur Photos ausgewählt hat, auf denen sie immer den gleichen, etwas dümmlichen Gesichtsausdruck zeigt. Die Frau kann mehr.)

Fotos: 20th Century Fox

(Ähnlich, ausführlicher, aber weniger positiv im finalen Fazit ist übrigens die Besprechung von feministing.com.)