Sitges 2010, Tag 2

Mein zweiter Tag in Sitges war insgesamt wenig erhebend; das mag auch an den Filmen gelegen haben, denn mit der Ausnahme des russischen Black Lightning bekam ich ausschließlich mindestens komplexe, vor allem auch schwer im Magen liegende Kost zu sehen. Es fehlte vielleicht ein leichtfüßiger Tagesabschluß wie am Abend zuvor Tucker & Dale vs. Evil; oder auch nur die Befriedigung, im Laufe des Tages und schon vor dem späten Abend bereits einen Text zustande gebracht zu haben.

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Schwierig machen das allerdings die Öffnungszeiten des Presseraums, in dem nicht nur mittags eine (jedoch kurze) Siesta vorgesehen ist, vor allem aber wird er um 20 Uhr geschlossen. Das ist insofern ungeschickt, als die letzten Filmvorführungen für die Presse ebenfalls um diese Zeit enden und dann also Zeit und Gelegenheit wäre, zumindest kurze Statements schon in die Welt hinauszuschicken – aber nichts da. Und solange ich in meinem kleinen Gästezimmer noch kein Internet habe, erfahrt Ihr eben erst mit einigen Stunden Verspätung, was mich so bewegt hat.

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Vincent Cassel - Sitges 2010Vincent Cassel ist, das darf ich nach direktem Augenschein jetzt einmal sagen, ein sehr gut aussehender Mann (ich würde gar sagen: besser als auf der Leinwand; vor allem lächelt er im realen Leben mehr als in den meisten seiner Filme, die ich bisher gesehen habe), charmant und sprachgewandt (auf Spanisch, Englisch und Französisch mindestens). Auf der Pressekonferenz zu Notre jour viendra erzählte er auf Nachfrage, das er gerade mit Kim Chapiron an einem neuen Projekt arbeite; auch seine Frau (Monica Bellucci) werde wohl dabeisein, und gedreht werde in Rio de Janeiro.

Der Film, so verriet Cassel weiter, habe zwar noch keinen Namen, aber es handle sich um eine Romantische Komödie. Wenn man Chapirons Filme kennt, wird man jedenfalls keine herkömmliche RomCom erwarten, sondern womöglich eher etwas, welches den üblichen Erwartungen an das Genre grundlegend entgegenläuft. Zumal, das muß stutzig machen, Regisseur Romain Gravas (der mit Chapiron und Cassel eine Art kreatives Dreieck bildet) dann am Abend bei der Vorstellung des Films (vorher bekam Cassel noch rasch den Ehrenpreis des Festivals verliehen) behauptete, er verstehe gar nicht so recht, was Notre jour viendra hier in Sitges mache, den schließlich sei auch das ja eigentlich nur eine Romantische Komödie. Naja.

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Veranstaltungshöhepunkt des Abends war dann natürlich der Marsch mehrerer hundert Zombies durch die Altstadt von Sitges. Da können nicht Worte, da müssen Bilder sprechen.

(Hier sind die Bilder auf flickr.)

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Aber so vergnüglich wollte der Tag nicht zu Ende gehen. Denn noch bevor der verstörende Red, White & Blue auf dem Sichtungsplan stand, fiel mir auf, daß mir nach der Projektion des Grava-Films offenbar mein Notizbuch abhanden gekommen war, mit sämtlichen Notizen der letzten 48 Stunden. Sehr ärgerlich, zumal bei mehreren Filmen pro Tag die Eindrücke doch manchmal schon rasch zu verschmieren beginnen. Trotz Ablaufen meiner Wegstrecke und Nachfragens im Meliã ist das Heftlein bisher nicht wieder aufgetaucht. Schade.

Und um das alles richtig schön zu machen, fing es dann auch noch zu regnen, zu blitzen und zu donnern an. Die Zombies tanzten dennoch bis tief in die Nacht bei einer Open-Air-Party am Strand.

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Zweimal habe ich hier erst geschlafen und komme mir schon so vor, als sei ich eine kleine Ewigkeit in Sitges. Ein klares Zeichen ist das dafür, daß ich mich in den Rhythmus des Festivals habe hineinziehen lassen; das ist grundsätzlich nicht einmal etwas Schlechtes, nur muß man jetzt damit beginnen, ganz bewußt an regelmäßige Nahrungsaufnahme zu denken und dieser auch genügend Zeit einzuräumen. Angesichts der hohen Zahl interessanter Filme – heute stehen fünf bis sechs auf meinem Programm – ist das gar nicht immer so einfach.

Fotos: ich