Gérardmer 2011: The Troll Hunter (2010)

The Troll Hunter (Trolljegeren) beginnt, wie so viele Found-Footage-Filmchen der letzten Jahre, mit der Behauptung von Authentizität: Das Filmmaterial sei anonym eingegangen, und natürlich habe man es geprüft und für authentisch befunden, aber man möge doch bitte selbst entscheiden. Was dann folgt, erinnert schon sehr an Cloverfield (oder auch Diary of the Dead): Ein kleines Filmteam von Studenten einer norwegischen Provinzhochschule will einen kleinen Dokumentarfilm darüber machen, wer ohne Genehmigung in ihrer Gegend Bären tötet.

Gérardmer 2011 - SchriftzugSie stoßen alsbald auf den verschlossenen Jäger Hans (Otto Jespersen), der aber gar nicht hinter Bären her zu sein scheint – und werden von ihm, nachdem er sie vergeblich abzuweisen versucht hat, schließlich leicht entnervt auf die Jagd mitgenommen, weil er möchte, daß die Welt verstehe, unter welchen katastrophalen Arbeitsbedingungen er seinen Pflichten nachkomme. Und die Norweger_innen davor beschütze, von wild umherstreifenden Trollen aufgefressen zu werden.

The Troll Hunter bleibt konsequent in der Perspektive der studentischen Filmkamera – und geht damit deutlich weiter als die genannten Vorbilder –, will aber gar nicht unbedingt ein Monsterfilm im klassischen Sinne sein. Denn was den kleinen (vielleicht einen Hauch zu langen) Streifen im Wesentlichen auszeichnet ist der Wille, hier ein magisch angehauchtes, unheimliches Paralleluniversum zu schaffen, das sich nur an den Rändern von unserem unterscheidet, aber von Hans‘ Erzählungen und durch die Erfahrungen der Student_innen immer weiter ausgeformt und präzisiert wird. Regisseur André Øvredal hat sich in seinem Drehbuch viel Mühe gegeben, eine stimmige, konsequente neue Welt vorzubereiten. Dadurch sieht man dann die ganz gewöhnliche (unsrige) Welt auf einmal mit anderen Augen, Hochspannungsleitungen, ausgewilderte Tiere, das alles bekommt neue Bedeutung, neue Zwecke.

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Mich erinnert das ein wenig an das Verfahren, das Philip Pullman in der His Dark Materials-Trilogie verwendet hat, in dem sich die Verschiebungen zu unserer realen Welt nur ganz unterschwellig einschleichen. Hier kommen sie zwar vergleichsweise deutlich dahergetrampelt (in Form riesenhafter, hungriger Trolle), aber die Methode ist nicht weniger bezaubernd. Da vergißt man gerne, daß die Figuren ein wenig blaß bleiben, weil sie zum Beispiel nicht allzu viele Konflikte untereinander auszutragen haben – stattdessen rückt eben hier die seltsame neue Welt in den Vordergrund.

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Gérardmer 2011 – Tag 2

Gérardmer 2011 - SchriftzugDa gestern abend hier im Hotel das WLAN seine Kooperation verweigerte, gibt es jetzt hier die gestern getippten Impressionen vom zweiten Tag in Gérardmer nachgereicht. Kurze Kritiken, die es auch schon gibt, folgen später.

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Wovon ich zu sprechen noch vergessen hatte, sind meine mulmigen Gefühle beim Betrachten von Quarantine 2: Terminal. Der Vorgängerfilm (meine Kritik), das Remake von [REC], beschäftigte sich mit dem Schicksal einer Reihe von Menschen in einem Mietshaus in Los Angeles, die von einem seltsamen Virus betroffen sind, der die Menschen – scheinbar tot – zu aggressiven Monstren werden läßt; eine klaustrophobische Variante von 28 Days Later, wenn man so will, die vor allem dadurch so viszeral wirksam wurde (mehr noch in der spanischen Originalversion), weil das Ganze als Found-Footage-Film inszeniert war, aus den Augen eines Kamerateams, das zur falschen Zeit am falschen Ort – nämlich mit einer Feuerwehrcrew auf Nachtschicht – ist und so in den ganzen Schlamassel hineingerät, Isolation durch die Behörden und stetig sich dezimierende Bewohnerzahl inklusive.

Quarantine 2 verlegt das Ganze nun zunächst in ein Flugzeug aus dem Weg von L.A. fort und anschließend, nach einer Notlandung ob eines ausrastenden Passagiers an Bord (offenbar mit dem gleichen Virus infiziert) in das Terminal eines Flughafens, wo die Passagiere isoliert werden und, natürlich, sich diverse Todesfälle einstellen. Im Grunde also business as usual in der Thematik, aber diesen Film mit einer aufsteigenden Erkältung zu sehen – wenn die Nase immer irgendwie verstopft scheint, die Augen etwas aufgequollen und der Hals rauh – führt dem Film schon eine zusätzliche Bedrohungsebene hinzu, die er als Film eigentlich nicht trägt. Und wenn man dann noch hört, daß im nahegelegenen Epinal einige Menschen mit A/H1N1 ins Krankenhaus gekommen sind … wünscht man sich schnell eine Maske wie der Mann auf dem Festivalplakat sie trägt.

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Dario ArgentoDario Argento sitzt nicht nur an einem Film in 3D (zu dessen Titel und Inhalt er nichts sagen wollte außer daß er „grausam“ sein werde – obwohl die Spatzen von den Dächern pfeifen, daß es sich um eine Dracula-Fassung handeln soll), sondern auch, für eine amerikanische Produktionsfirma, an der Verfilmung eines Comics oder einer Graphic Novel (das Französische ist dabei mit „Bande Dessinnée“ nicht zwingend eindeutig). Mehr als seine Begeisterung wollte oder durfte er aber auch hier nicht verraten.

Das alles in nicht ganz akzentfreiem Französisch, das mir manchmal etwas Schwierigkeiten machte, den Ausführungen des „Maestro“, wie er aus dem Publikum tatsächlich angesprochen wurde, bis ins Detail zu folgen. Immerhin kam zu Wort, wie sehr ihn die Fotografien seiner Mutter (von Sophia Loren oder Claudia Cardinale etwa) in seinem Frauenbild geprägt hatten; wie die Zusammenarbeit mit George A. Romero, Sergio Leone und Bernardo Bertolucci sich gestaltete; und was er vom Zustand des phantastischen Films in seinem Heimatland Italien hält („gibt es derzeit nicht“) bzw. wie er seine eigene Rolle im Kontext des italienischen Kinos einschätzt („ich bin da recht allein“). Nach seinen Vorbildern und dem für ihn wichtigen Filmemachern wird er natürlich auch gefragt, was zu so sinnvollem wie selbstredendem Namedropping führt: Bergmann, Fellini, Orson Welles und die nouvelle vague, der Expressionismus, Dreyer, aber auch der italienische Neorealismus.

Und nach zehn Jahren, so Argentos Lebenserfahrung, ist sowieso immer alles anders geworden.

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Nachdem den Tag über die Sonne einigen Schnee hatte wegschmelzen lassen, scheint es am Abend wieder deutlich kühler geworden zu sein. Aber vielleicht liegt das auch nur daran, daß der Freitag mit Rare Exports (meine Kritik), Cold Prey 3 und The Troll Hunter ganz im Zeichen des nordischen Filmeschaffens lag – da wäre ein warmer Tagesabschluß doch deutlich fehl am Platze gewesen.

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Glenn Erland Tosterud (The Troll Hunter)The Troll Hunter ist kurz vor Gérardmer auch beim Sundance-Filmfestival mit großem Erfolg gezeigt worden, und Hauptdarsteller Glenn Erland Tosterud konnte darob mit einigermaßen großem Selbstbewußtsein vors Publikum treten. Er machte es kurz und auf Norwegisch, das er als „eine seltsame Sprache“ bezeichnete und wirkte erheblich sympathischer als im Film. Der übrigens eine formidable Studie in Weltumdeutung ist, und deutlich weniger ein irgendwie konventioneller Monsterfilm. Und auch wenn er sich in Stil und Machart natürlich an Cloverfield orientiert, hat er doch nichts von dessen Sensationalismus.

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Für morgen freue ich mich auf die Weltpremiere von The Hunters (für den ich allerdings mein Frühstück ausfallen werde lassen müssen), sowie auf I Saw The Devil. Außerdem gibt es vielleicht ein Wiedersehen mit La Casa Muda (diesmal auf großer Leinwand). Wenn ich nachts noch sehr fit bin, werde ich wohl die Giallo-Nacht heimsuchen, mit drei Filmen von Argento, Bava und Fulci.

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Gérardmer 2011 – Tag 1

Gérardmer 2011 - SchriftzugIm Umgang mit den Journalist_innen stottert das Festival in diesem Jahr noch ein wenig. Am Morgen machte zwar das Pressebüro pünktlich um zehn Uhr auf, aber da das Team die Morgenbesprechungen offenbar noch nicht abgeschlossen hatte, mußte die stetig wachsende hungrige Meute sich noch zehn, fünfzehn Minuten gedulden. Und dann gab es offenbar ein Durcheinander bei der Kennzeichnung der Eingänge für die unterschiedlichen Akkreditierungen, so daß ich zur ersten Vorstellung (Dream Home) zwar den nominell „richtigen“ Weg nahm, aber dann wortreich darüber aufgeklärt wurde, welcher Weg wirklich und eigentlich richtig sei. (Am Nachmittag waren die Schilder dann umgehängt, das machte es leichter.)

Offenbar haben die Sicherheitsleute aber auch klare Anweisungen. Denn als ich mit zwei anderen Besucher_innen gemeinsam durch die Kontrolle gehen wollte, die aber beide nur „gewöhnliche“ Tickets hatten, bestand ein junger Mann darauf, ich sollte mich in meine Schlange mit höherer Priorität einreihen. Ich dachte zuerst, er scherze; aber auch mein Hinweis darauf, daß es derzeit überhaupt keine Schlange gebe (die Argento-Retrospektivevorstellung zu Tenebre war nicht unbedingt überfüllt) und sich die beiden Gänge zehn Meter weiter wieder zu einem vereinten, konnten ihn nicht umstimmen.

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Leider war zur Vorstellung von Dream Home niemand von der Equipe des Films anwesend – zu gerne hätte ich doch vom Regisseur gehört, wie ernst oder unernst er diese Mischung aus Immobilienkrise und Over-the-Top-Splatter eigentlich meint; und wie man sich die Wohnungsrealität in Hong Kong eigentlich wirklich vorstellen muß. („Inspired by real events“, of course.)

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Das La Neptune ist der geographisch zum Festivalhauptkino naheliegendste Ort, wenn man mittags wirklich rasch eine kleine Mahlzeit braucht; der Kellner der Brasserie ist immer noch so unfreundlich-freundlich wie im vergangenen Jahr, und sie bieten den Festivaliers auch in diesem Jahr die gleichen zwei Mittagsmahlzeiten an, croque monsieur und eine Art Kartoffelauflauf, dessen genauen Namen ich nicht präzise notieren konnte.

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Gérardmer - Talal SelhamiRegisseur Talal Selhami freute sich bei der Vorstellung seines Films Mirages offenbar ganz besonders, seinen Film – der hier überhaupt erst, nach dem Festival in Marrakesch, zum zweiten Mal gezeigt wurde – vor Dario Argento vorführen zu können, und hatte schon aus lauter Nervosität und offenbar um niemanden zu vergessen, einen Spickzettel mitgebracht. Auch wenn der nicht ganz zehn Seiten Umfang hatte, wie er anfangs scherzte, dauerte es doch eine ganze Weile, bis er seine Ansprache hinter sich gebracht hatte. (Der Film seinerzeit neigt auch zur Langatmigkeit, aber das ist eine andere Geschichte.)

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Für längere Kritiken war durch das dichte Programm heute keine Zeit; morgen hoffe ich etwas mehr Luft zu haben. Da geht es los mit Somos lo que hay, dann folgt aber eine ausgedehnte Mittagspause nebst einer Pressekonferenz mit Argento, auf der er hoffentlich auch ein wenig von seinem Projekt Dracula 3D erzählen wird, das ab Februar gedreht werden soll. Anschließend geht es zu Cold Prey 3, einem Prequel zu den bisherigen zwei Filmen, sowie dem heiß erwarteten The Troll Hunter, in dem einige den Geheimtipp des Festivals vermuten. Eventuell schließt der Abend dann zu später Stunde mit Hybrid ab. Aktuelles Kurzes dazu gibt es stets von mir bei Twitter.

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Gérardmer 2011 – Tag 0 (Ankunft)

Gérardmer 2011 - SchriftzugIrgendwie ist in diesem Jahr von meiner Anreise und Ankunft in Gérardmer zum hiesigen Festival des fantastischen Films deutlich weniger zu sagen als im vergangenen, und auch ohne Bilder. Denn in der kleinen Vogesenstadt bin ich erst deutlich nach Einbruch der Dunkelheit angekommen.

Aus diversen, hier völlig uninteressanten Gründen, konnte ich heuer erst später von zuhause aufbrechen, habe die Fahrt mit Film, Festivalplanung, Lektüre und Dösen verbracht; der Bus, die letzte Etappe, fuhr von Épinal bis Gérardmer zügig und ohne Halt durch, das alles war einfach ganz und gar nicht aufregend, sogar hier im Ort dann ein bißchen gemütlich, weil ich schon vieles wiedererkannte.

Das Pressebüro – die organisierende Agentur hatte mich in den vergangenen Wochen und Tagen schon durch eher erratisch zuverlässiges Antworten auf E-Mails und Anfragen irritiert – war da natürlich schon nicht mehr besetzt, weil sich die ganze Equipe auf der Eröffnungsveranstaltung befand (die ich mir aus Termingründen sparen mußte, was aber filmisch kein großer Verlust ist: meine Kritik zum Eröffnungsfilm Devil steht ja schon eine Weile hier im Blog). Dann werde ich also morgen früh meine Akkreditierung/Badge abholen und mich in die Tiefen der Filmwelt begeben.

Ich freue mich aber schon sehr darauf, mich mit zwei deutschen Kolleg_innen zu treffen, die morgen ankommen werden, sowie eine Horde französischer Twitterati und Blogger_innen, die offenbar schon in die Stadt eingefallen sind (hier meine Twitter-Liste der Festivalbesucher_innen). Vielleicht kennen die auch einen Ort, wo man ordentlich essen kann; ich habe bislang hier noch nichts Brauchbares finden können, und noch einmal möchte ich keine 8,50 Euro für ein Nachtisch-Crêpe ausgeben, das Blaubeerschnaps mit ekligster Sprühsahne verbindet. Berk!, wie der Franzose mit Recht und Betonung sagt.

Und wer weiß, vielleicht ergibt sich ja das eine oder andere Interview in diesen wenigen Tagen, das dann vielleicht auch schon rasch hier im Blog zu finden sein wird…

Post Scriptum: Fast vergessen hatte ich aufzuschreiben, was morgen alles auf dem Programm steht: Dream Home, Quarantine 2: Terminal (das Sequel zum [REC]-Remake), Mirages sowie als Double feature am späten Abend die beiden Dokumentarfilme American Grindhouse und Machete Maidens Unleashed, die beide in Sitges schon gut beim Publikum ankamen. Aktuelles Kurzes dazu gibt es stets von mir bei Twitter.

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Teeth (2007)

Manchmal braucht es ja nur einen passenden Anlaß… das International Comedy Film Festival zeigt kommende Woche in der Berliner Komischen Filmnacht den ganz hervorragenden Film Teeth von Mitchell Lichtenstein (Sohn von Roy, dem Maler); ich wurde netterweise gebeten, einen kurzen Text zum Entwicklung des Frauenbildes in der Komödie beizusteuern, den ich gerne (an manchen Stellen, wie es mir zu eigen ist, vielleicht etwas weiter ausholend als unbedingt nötig) geschrieben habe – und das war natürlich genau der Vorwand, den ich brauchte, um mir den Film selbst auch endlich noch einmal anzusehen.

Teeth beginnt mit einer harmlos und bürgerlich-friedlich anmutenden grünen Stadtlandschaft, die Kamera schwenkt schließlich auf das Elternhaus der Protagonistin Dawn O’Keefe (Jess Weixler), hinter dem unmittelbar und deutlich sichtbar die Kühltürme eines Atomkraftwerkes den Himmel dominieren. Wer angesichts dieser Darstellungen freilich Simpson-haften Humor in dieser Komödie erwartet, wird sicher enttäuscht werden; und auch die offenbare Anspielung auf durch Strahlung induzierte Genomveränderungen wird der Film nie anders als durch das Bild dieser Kühltürme explizieren. Ähnliches gilt für die diversen psychologischen Prädispositionen, die Dawn und ihr unangenehmer Stiefbruder Brad (John Hensley) mit sich herumtragen, und deren mögliche Genese zwar gezeigt wird, ob man dem aber Bedeutung verleihen will, muß man schon selbst entscheiden.

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Überhaupt ist die Zuschreibung von Bedeutung eines der zentralen Themen des Films, das sich unter der zunächst eigenartig zurückhaltenden Oberfläche verbergen. Dawn engagiert sich für eine Gruppe, die an Schulen für Enthaltsamkeit wirbt – „True love waits“ und derlei Dinge -, ohne daß sie oder ihre Freunde wirklich etwas von Sexualität wüßten. In den Schulbüchern der prüden Gemeinde sind sogar die Darstellungen der weiblichen Sexualorgane mit einem großen, golden glänzenden Stern überklebt.

Was Sexualität aber bedeutet oder bedeuten könnte, das ändert sich im Laufe des Films ebenso oft wie die Bewertung von Dawns besonderen (dem Film seinen Titel gebenden) Eigenschaften – sowohl durch sie selbst wie auch möglicherweise durch die Zuschauer_innen. Denn der Film nimmt es sich ja schließlich auf sich, den alten Mythos der Vagina dentata in die moderne Gegenwart zu versetzen und ihr einen feministischen Dreh zu geben, der sich gewaschen hat.

Er erzählt dies mithilfe einer Geschichte von weiblicher Selbstermächtigung, in der die zunächst als überaus „rein“ inszenierte Dawn (blond, hellhäutig, enthaltsam) sich mit ihrer (nomen est omen) erwachenden Sexualität auseinandersetzen muß – vor allem aber damit, daß sie als Frau sexuell von Männern (und auch gewaltsam) unter Druck gesetzt wird. Die Gefahr, die von den Sexualorganen ausgeht, ist dadurch in diesem Film keineswegs sittlich-moralisch, sondern ganz konkret.

Während anfangs aber Dawn, ihre Lehrer und alle sonstwie Beteiligten nicht einmal die Namen der weiblichen Sexualorgane in den Mund zu nehmen bereit sind, spricht Dawn mit ihrer Flamme Tobey (Hale Appleman) fortwährend über das Verbot, sich sexuell zu betätigen – ein sehr im Sinne von Michel Foucault gedrehtes Verbot, das erst recht einen Diskurs hervorruft. Aber der Film wendet das schließlich in reine Taten, in den Sturz des Macht eben nur behauptenden, nie tragenden Phallus.

Es mag sein, daß Lichtenstein in Teeth zuweilen etwas zu eindeutige Bilder verwendet – eine zahnbewehrte Spinne gehört etwa dazu – aber der Film versteckt seine Subtilität eher in den Figuren und vor allem in seiner Protagonistin; und glatt geleckt ist das alles dennoch keineswegs.

Der Humor ist denn auch weniger schenkelklopfend – er lebt aber ebenso von den Momenten puren Splatters, von der grotesken Verletzung der Körpergrenzen (und dem reißenden, beißenden Geräusch, mit dem sie sich vollzieht), wie von der Umkehrung der Machtverhältnisse, die er mit Dawn vollzieht.


Als die Hauptdarstellerin Jess Weixler den Film 2007 auf der Berlinale vorstellte (damals hat Tillmann den Film auch gesehen), kam sie nach der Vorstellung in einem leuchtendroten Kleid auf die Bühne. Allein dafür hätte ich sie umarmen können, und deshalb ist es natürlich auch hervorragend, daß das Comedy Film Festival mit diesem Film den Women in Horror Recognition Month (Februar 2011) einleiten.

Für die Berliner Komische Filmnacht am 2. Februar mit Teeth gibt es hier bei uns auch einmal zwei Freikarten zu gewinnen. Das Gewinnspiel läuft für noch eine Woche bis zum 31. Januar 2011; das Teilnahmeformular findet sich hier.

Foto: International Comedy Film Festival; Logo: Women in Horror Recognition Month

Gérardmer 2011: The Objective (2008)

Gérardmer 2011 - SchriftzugSchon bevor das Festival in Gérardmer am kommenden Mittwochabend beginnt, werde ich einige der Filme besprechen, die dort zu sehen sein werden, aber mir entweder schon auf Festivals begegnet oder schon – wo auch immer – auf DVD erhältlich sind. Kritiken gibt es von mir zudem schon zu Rare Exports: A Christmas Tale, Devil, Proie, Prowl und Vanishing On 7th Street.

The Objective ist ein eigenartiger Film. Er beginnt wie einer dieser typischen Harte-Jungs-Militär-Streifen: Aus dem Off erzählt die Stimme eines CIA-Agenten, direkt nach dem 11. September 2001 habe man in Afghanistan an bestimmten Punkten seltsames Hitzeaufkommen gemessen – man habe zuerst befürchtet, die Taliban hätten eine Atomwaffe in die Finger bekommen, aber vermutete dann doch, es handle sich um etwas ganz, ganz anderes…

Bei solchen dunklen Andeutungen bleibt es dann erstmal, wenn der CIA-Mann Keynes (Jonas Ball) mit ein paar Männern von den Special Forces und einem ortskundigen Dorfbewohner in die Berge aufbricht. Angeblich will er sich der Unterstützung eines Geistlichen versichern, aber auch den Soldaten geht langsam auf, daß das ein vorgeschobener Auftrag ist.

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Worum es dann eigentlich genau geht, erfährt man bis zum Schluß kaum, und der Film changiert da einigermaßen unentschlossen bis gezielt verwirrend mit den Möglichkeiten des Horror- und des Science-Fiction-Films herum, ohne sich je ganz aufzulösen. Das ist zwar zunächst bezaubernd anzusehen, verliert aber nach einer Weile an Reiz, auch wenn zwischendrin immer ein paar kleine Seltsamkeiten passieren (Trinkwasser wird zu Sand, elektronische Geräte funktionieren nicht mehr und ein Hubschrauber scheint ganz nahe zu sein, bis sein Geräusch plötzlich abbricht – derlei).

Regisseur Daniel Myrick ist weniger für seinen vorherigen Film Solistice bekannt denn für seine Beteiligung an The Blair Witch Project, und man entdeckt hier noch den ans Dokumentarische erinnernden Eifer dieses Erstlings wieder – es fehlt gleichwohl an interessanten, vielschichtigen Figuren, die mehr miteinander verbinden (oder voneinander trennen) würde als das Standardgequatsche, das solche Commando-Filme üblicherweise aufbringen, auch wenn The Objective sicher dialoglastiger ist als die meisten Vertreter dieses Genres. Die Schwangerschaft der Partnerin reicht als Alleinstellungsmerkmal für eine Persönlichkeit eben doch nicht aus.

Richtig nervtötend wird der Film allerdings durch das permanente Voice Over des Protagonisten, das vermutlich halbgar tiefsinnig sein soll, aber letztlich neben seiner expositorischen Funktion nur Stereotypen aufwärmt. Da mögen die akustischen Täuschungen und seltsamen Sandfiguren, die im letzten Drittel auftauchen, noch so geheimnisvoll sein: Der Mann redet das alles in Grund und Langeweile.

Black Death (2010)

In meiner Besprechung zu Season of the Witch (demnächst bei filmstarts.de), dem neuen Dominic Sena-Nicolas Cage-Vehikel, habe ich bereits auf die Ähnlichkeiten zu Black Death hingewiesen. Aber während Senas Abenteuerfilm sich schon mit den ersten Szenen klar ins Fantasygenre positioniert, bleibt eine solche oder andere Zuordnung bei Black Death im Grunde bis kurz vor Schluß unsicher. Das ist vor allem ein metafilmischer Effekt: Es gibt einfach schon so viele Filme, die sich vor einem Mittelaltersetting mit Pest und Hexerei beschäftigen, weil das (wie eben auch in Season of the Witch) einen so malerischen Hintergrund für Fantasygeschichten abgibt.

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Black Death ist freilich grimmiger als der durchschnittliche Fantasyfilm, auch wenn er schließlich mangels Komplexität nicht wirklich zur Reflektion über Religion, Gut und Böse und dergleichen taugt. Eine Gruppe von Kriegern reist, mit einem Klosternovizen als ortskundigem Führer, in ein abgelegenes Dorf inmitten eines Sumpfes – als einziger Ort weit und breit scheint es von der Pestepidemie verschont geblieben zu sein, es gibt Gerüchte von Hexerei, schwarzer Magie; es sollen sogar Tote wieder zum Leben erweckt worden sein. Die Männer (mit Sean Bean an der Spitze) sind natürlich keine friedlichen Männer des Glaubens, sondern Handlanger des Todes, ein Folterer ist dabei, Mörder und Vergewaltiger – im Dorf angekommen, lassen sie sich aber doch zurückhaltend auf die Gastfreundschaft der Bewohner_innen ein.

Christopher Smith hatte zuletzt nach dem Splatterfilm Severance mit Triangle (meine Kurzkritik) einen äußerst sehenswerten Zeitreisen-Mindfuck hingelegt, der mich nach dem eher verunglückten Creep (meine Kritik) sehr für ihn eingenommen hatte. Mit Black Death liefert er eine formal konsequente (aber wenig aufregende) und durchaus ambitionierte Mittelaltergeschichte ab, die letztlich nur deshalb nicht ganz gelungen erscheint, weil sie die selbst gesteckten, oben angedeuteten Ambitionen unmöglich erfüllen kann.

Es fehlt einfach ein wenig Speck auf den Rippen der Geschichte – den Darsteller_innen, allen voran Sean Bean und Carice van Houten, ist das nicht unbedingt anzulasten. Ich persönlich hätte mich gefreut, wenn die am Schluß thematisierte Rolle der Frau als konkrete Versuchung (im Gegensatz zu einem immateriellen Gott; wir haben es getan, „because she was beautiful and real“) etwas mehr Platz und Konkretisierung bekommen hätte – denn auch im Rest der Geschichte ist dieser Geschlechteraspekt angelegt, aber eben an keiner Stelle ausreichend mit differenzierten Bildern, Gedanken und Entwicklungen versehen. Selbst Centurion (meine Kritik) mit seinem eigenartigen Frauenbild scheint dem mehr Raum zu geben.

Foto: Central Film

The Green Hornet (2011)

Natürlich hat Thomas recht, wenn er schreibt, daß Michel Gondry mit The Green Hornet einen erstklassigen, glatten Bruch in seinem Oeuvre vollzieht. Denn gegenüber dem ausgestellten Charme des (natürlich vollkommenen) Unvollkommenen in Be Kind, Rewind (meine Kritik) oder, mehr noch, La science des rêves ist die glattpolierte, in 3D gezeigte Oberflächenshow der Grünen Hornisse ein Mainstreamschock.

Nachvollziehbar wird das eigentlich nur dadurch, daß dieser Green Hornet in jeder Hinsicht ein Antisuperheld ist – zum einen, weil er sich der Öffentlichkeit nicht als Held und Identifikationsfigur präsentieren will, sondern als Bösewicht (um den anderen Bösen nicht erpreßbar zu erscheinen), und deshalb ohne Gewissensbisse reichlich Chaos und Zerstörung fabriziert (was Gondry wiederum, wie Thomas im zitierten Text trefflich charakterisiert, mit großer Lust an eben dieser Vernichtung materieller Werte inszeniert), zum anderen weil der Held Britt Reid aka Green Hornet (Seth Rogen) eigentlich überhaupt kein Held ist, sondern alles irgendwie Herausragende, in Taten wie in der notwendigen Maschinerie, seinem Sidekick Kato (Jay Chou) zu verdanken hat.

Das Problem daran ist, daß dieser Britt ein grundlegend unsympathischer Charakter ist, der zwar zum Ende hin wenigstens ein bißchen moralische Stärke zeigt, aber ansonsten dumm, faul, egozentrisch und unangenehm ist.

Daß er kein typischer Superheld ist, wird natürlich schon physiognomisch sichtbar – und Seth Rogen mit seiner Physiognomie wird sich wahrscheinlich schon allein deshalb auf diese Figur gestürzt haben, weil er keine Chancen hätte, jemals eine schlanke, muskulöse Kunstfigur zu verkörpern. Rogen hat auch gleich noch mit am Drehbuch geschrieben und als Ausführender Produzent seine Finger im Spiel gehabt – und so darf man ihm schon einiges an den Schwächen des Filmes anlasten.

Rogens Spiel ist dabei nicht einmal das Hauptproblem – sein Charme als großer Junge rettet die Figur Britt aus der schlimmsten Aversion noch heraus. Aber der Film hat, so sehr er auf Spaß, Action und Quatschgimmicks abzielt, einfach zu große Längen und zu wenig Spannung. Der Oberbösewicht, den Christoph Waltz mit einiger Hingabe an das Trashniveau des Drehbuchs gibt, ist wirklich nicht zum Fürchten (worüber sich der Mann auch, ganz metafilmische Figur, auch permanent Gedanken und sorgen macht), die Verfolgungsjagden und Kämpfe (bei denen stets allein Kato wirklich tätig wird) ziehen sich immer einen Schwung zu lange hin, und die zentrale Intrige ist schon nach den ersten Szenen des Films erahnbar.

Für mich verpuffte deshalb die originelle Grundprämisse des Films leider schon allzu schnell in der unterhaltsamen Langeweile, die sich ausbreitete, sobald der Filme seine wesentlichen Ideen in Position gebracht hatte. Für einen der meisterwarteten Superheldenfilme des Jahres ist das ein bißchen wenig.

Fotos: Sony