Violet & Daisy (2011)

Noch haben sie einen gewissen Schockwert, mordende Mädchen, junge Frauen mit der Knarre in der Hand. Aber VIOLET & DAISY legt es gar nicht auf den Schockwert an. Es gibt einen furiosen Einstieg, ein choreographiertes Gemetzel, in dem die Kugeln nur so fliegen und das Blut spritzt, und danach wird es fast bedächtig, nachdenklich; dann löst sich der Film auch vom dröge Chronologischen und fängt an zu forschen, in den Gedanken und Träumen der beiden Titelheldinnen (wunderschön: Alexis Bledel und Saoirse Ronan). Die sind noch nicht so richtig erwachsen, das Dasein als Auftragskillerinnen scheint eher zufällig, sie sind fast erschreckend harmonisch und genügsam miteinander, aber gelegentlich stammen die Sätze, die sie sagen, aus den Ratgeberspalten ihrer Illustrierten: „Everything’s a test when you’re a career woman.“ Die machen einen Job eigentlich nur, weil sie ihrem Popstar-Idol nacheifern, zum Konzert wollen, ihre Kleider kaufen. Und dann geht alles schief – sie schlafen in der Wohnung der Zielperson auf dem Sofa ein, und als der nach Hause kommt (James Gandolfini in einer seiner letzten Rollen), deckt er sie warm zu und macht ihnen dann was zu essen.

[filminfo_box]

Im Grunde schickt der Mann, längst todgeweiht und zum Tod bereit, sie auf eine Reise zu sich selbst; da wird es dann gelegentlich surreal und blutig, eine andere Killerin, ganz oben in der Hierarchie der Unterwelt, wird zum Schutzengel, und am Ende des Tages gibt es viele Tote, Geschenke und das vage Gefühl von etwas mehr Reife. Das ist zu bedächtig und verworren, um richtig spannend zu sein; aber Geoffrey Fletcher (er hat vorher das Drehbuch zu PRECIOUS geschrieben) gelingt in seinem Erstling eine verträumte Atmosphäre mit rabiaten Brüchen, von der man sich gerne aufsaugen lässt. Und clever ist es zudem, anspielungsreich und schön anzusehen, nicht nur der beiden Protagonistinnen wegen.

(Zuerst erschienen im September 2013 in der deadline #41.)

Cold Blooded (2012)

Cold-Blooded-1-625x210

Eine ganz normale, langweilige Nacht in einem Copleben soll das werden; Constable Frances Jane (Zoie Palmer) soll – das Haus ist überfüllt – in einem ansonsten stillgelegten Teil eines Krankenhauses auf den Juwelendieb Cordero (Ryan Robbins) aufpassen, bis er in ein Gefängnis verlegt werden kann. Cordero wurde auf der Flucht verletzt und hat vorher angeblich seinen Komplizen erschossen hat; seiner Bewacherin gegenüber aber streitet er das ab und setzt seinen ganzen Charme ein, um wenigstens interessante Gespräche zu führen und im Idealfall das Weite suchen zu können. Jane geht auf seine Avancen nicht ein, aber die Lage ändert sich schlagartig, als mit Louis Holland (William MacDonald) plötzlich einer von Corderos Komplizen auftaucht, der nicht nur seinen toten Kumpel rächen will, sondern auch gerne wissen würde, wo denn eigentlich die geklauten Diamanten stecken. Jason Lapeyre, Regisseur und Drehbuchautor, ist mit diesem Film und I DECLARE WAR gleich mit seinen ersten beiden fiktionalen Langfilmen auf dem Fantasy Filmfest vertreten. Er macht aus diesem Set-Up ein stark reduziertes Kammerspiel mit wenig Personal und engen Räumen – man darf vermuten, dass hier auch Budgetgrenzen den Rahmen begrenzten, aber das tut dem kleinen Film sehr gut, der zu den ersten gehört, die unter dem neuen Filmlabel der OFDb erscheinen.

[filminfo_box]

Cold Blooded konzentriert sich auf seine Figuren und gibt jeder einzelnen einen Hauch von Leben (nur der Oberbösewicht wirkt schlicht unfreundlich) – den Rest erledigt eine immer wieder Haken schlagende Jagd, bei der Jäger, Gejagte und Allianzen gerne hin- und herwechseln, während reichlich Blut fließt. Das ist nicht immer alles großartig; gelegentlich wirken die Finten und Wendungen auch mal konstruiert, aber für all das wird man entlohnt, wenn man wieder einmal direkt und unverstellt (oder hinter Strömen von Blut) in Zoie Palmers Gesicht blicken kann, vor allem diese AUGEN! Die machen vieles wett, was ansonsten stören würde. Und Holland schließlich findet ein würdiges, hingezogenes Ende; wie, das soll nicht verraten werden.

(Zuerst erschienen im September 2013 in der deadline #41.)

(Foto: OFDb Filmworks/Ascot Elite)

Hansel & Gretel: Witch Hunters (2013)

hanselgretel2

Es gibt, wenn man ehrlich ist, nur wenige Möglichkeiten, das Märchen „Hänsel & Gretel“ wirklich einigermaßen authentisch zu verfilmen. Denn um ein weichgespültes Märchen, das sich problemlos in disneyfiziertes Wohlbefinden übertragen ließe, handelt es sich dabei eigentlich nicht. Dem Geist der Quelle getreu können eigentlich nur zwei Varianten sein: als düsterer Horrorfilm oder als einigermaßen entfesselter Splatterfilm – wahlweise den Schrecken betonend oder den Sieg über die Hexe.

Für die erstere Variante gibt es inzwischen einige Versuche, die zweite wird – in konsequenter Fortsetzung des in den ersten zehn Minuten stark reduziert und leicht abgewandelt erzählten Märchens – in Hansel & Gretel: Witch Hunters bis zur Kenntlichkeit entstellt. Denn der Film, inszeniert von Død snø-Regisseur Tommy Wirkola, ist ein B-Movie mit A-Budget, das keine Gefangenen nimmt und sich für guten Geschmack nur so lange interessiert, wie er cool aussieht.

Gemma Arterton und Jeremy Renner spielen das erwachsen gewordene Geschwisterpaar, das aus ihrem Zufallserfolg in Kindertagen eine Karriere gemacht haben, self-made Witch Hunters gewissermaßen, und so natürlich durch pittoreske „deutsche“ Lande ziehen – die Handlung verschlägt sie nach Augsburg, wo die Kinder gleich en gros verschwunden sind und weder Bürgermeister noch Polizeichef so recht wissen, wie man dem Hexenfluch begegnen soll.

Dann spritzen Flüche, Blut, Eingeweide und Maden („The curse of hunger for crawling things… I fucking hate that one.“) en gros und en detail – die Extended Version für’s Heimkino wirft noch einige Szenen obendrauf –, die Hexenjäger_innen schwingen allerlei Waffen, die (klarer Pluspunkt für den Film) ihre Herkunft aus dem Steampunk nicht verleugnen können – das ist alles historisch inakkurat, dramaturgisch eher vage aneinandergefügt, aber sehr unterhaltsam.

Die Hexerei als weibliche Angelegenheit wird hier ohne großes Federlesens und ohne große Kümmerei um Gender-Sensibilitäten einfach behauptet und durchgezogen, und wo mich das meistens nerven würde, scheint es hier recht: zum einen, weil dem ganzen Unterfangen soviel Camp und Albernheit innewohnt, dass man nichts ernst nehmen muss, und zum anderen, weil daraus eben kein Geschlechterkampf wird, allenfalls so herum: Sieht man von Hänsel ab, haben die Männer hier allesamt überhaupt keinen Schimmer, und nur die wenigsten meinen es wenigstens gut.

Es ist dann nur leider inkonsequent, dass Artertons Gretel nicht etwas mehr im Fokus ist – aber das hier ist eh kein Charakterdrama. Aber auch kein Exploitation: Es bleibt, das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt, den man aufbringen könnte, alles schön brav im Rahmen des heute akzeptablen Schmodders; dies ist kein Film, der Lanzen brechen oder Grenzen aufweichen will, sondern knallige Unterhaltung mit viel Blut und viel Drive.

Hit & Miss (TV, 2012) – mit Verlosung

szenenbild_H&M7_LD_237

Ab und an kommen alle Dinge, mit denen man sich beschäftigt, wie in einem Brennglas zusammen. Und so war ich denn auch (über mich) amüsiert und (über die Aussicht) begeistert, als ich von Hit & Miss hörte, einer britischen Serie, in deren Zentrum die präoperative transsexuelle Auftragskillerin Mia steht, die von Chloe Sevigny verkörpert wird.

Portraits von Auftragskillerinnen gehen schon mal gerne schief, wie das etwa bei, wenn auch in Maßen, bei Colombiana und Requiem pour une tueuse der Fall war (auf Violet and Daisy warte ich noch einigermaßen gespannt). Bei Hit & Miss ist Mias Profession aber zunächst eher Nebensache: Sie erhält einen Brief von einer Ex-Freundin, aus dem sie erfährt, dass sie einen elfjährigen Sohn habe; sie möge sich doch um ihn und seine Halbgeschwister kümmern. Die Freundin, todkrank, ist schon verstorben, als Mia dort eintrifft – und unversehens sieht sie sich mit den Folgen ihrer Vergangenheit ebenso konfrontiert wie mit einer Verantwortung, auf die sie eigentlich nicht vorbereitet ist.

Und natürlich erwarten sie bei Ryan und seinen Geschwistern bereits neue Konflikte: Es mangelt an Geld, der Besitzer des kleinen Hofes, auf dem sie leben, will sie loswerden – und überall schwebt stets eine Ahnung und Drohung von Gewalt im Raum. Mias Transsexualität, die die Serie bereits in den ersten Minuten mit einer Duschszene von Sevigny sehr offensiv in den Vordergrund rückt, wird glücklicherweise nicht nur als sensationalistische Volte verwendet, sondern eröffnet rasch Fragen nach Geschlecht, Identität und Rollenbildern, als die Kinder von Mias Identität und Vergangenheit erfahren.

In den für britische Serien üblichen knapp-flotten sechs Folgen passiert dann eine ganze Menge, was hier nicht alles verraten werden soll; aber lobpreisen muss man Sevigny für ihr zurückhaltendes, dichtes Spiel, und die Serie dafür, es sich nicht leicht zu machen und in Blut zu waten.

Und damit Ihr Euch auch ein Bild von der Serie machen könnt, kann ich hier – mit freundlicher Unterstützung von Ascot Elite – zwei DVD-Boxen und zwei Blu-Boxen von Hit & Miss verlosen. Alles, was Ihr tun müsst, ist: Einen freundlichen Kommentar hinterlassen, in dem ihr mir Eure liebsten Auftragskiller in Film oder Fernsehen nennt. Wenn es eine Frau ist, freue ich mich besonders. ;-) Und bitte schreibt dazu, ob Ihr Blu oder DVD bevorzugt!

Das Gewinnspiel endet am 15. Juni 2013 um 23.59 Uhr; der Rechtsweg ist ausgeschlossen, Barauszahlung is nicht usw.

Action Women Supercut

Da sind sie, (fast) alle meine Heldinnen, schlagend, schießend, tretend, butt-kickend, wie sie sein sollen. Ein Feuerwerk der starken Action-Frauen, kompiliert von Clara Darko (hier ihr Blog) und entdeckt und mir ans Herz gelegt (hach! Danke!) vom lieben Peter. Das kracht, und jeder einzelne der eingebauten Filme ist einen Blick wert. Oder zwei.

Hier geht es zum Action Women Supercut.

Guns, Girls and Gambling (2012) – mit Verlosung!

Schon der Filmtitel ist eine freche, sagen wir, Dehnung der Wahrheit (der deutsche Verleihtitel Guns and Girls, dem also nur das Glücksspiel fehlt, ist da nicht viel besser) – denn um Waffen, junge Frauen und Casinos geht es in Michael Winnicks Film nur insofern, als sie Bestandteil der Handlung sind und zum Teil (dem im deutschen Namen enthaltenen) auch extensiv in den Vordergrund gestellt werden, namentlich in Person einer geheimnisvollen Killerin (Helena Mattsson), die mit viel Ausschnitt und zwei Pistolen die Teilnehmer dieses herzallerliebsten Trash-Stelldicheins dezimiert.

[filminfo_box]

Der Film schützt ja auch gar nicht erst vor, mehr sein zu wollen als gepflegte Unterhaltung mit Peng: Ein ironischer Kommentar aus dem Off, übersteigerte Figuren, ein absurder MacGuffin und endlose Diskussionen der Figuren miteinander darüber, wie sie sich politisch korrekt anzusprechen hätten – das ist alles sehr amerikanisch, aber insgesamt doch immer noch lustig, wenn auch nicht jeder Scherz zünden mag. Ein augenscheinlich unschuldiger, aber etwas trotteliger Teilnehmer eines Elvis-Ähnlichkeitswettbewerbs mit dem so vagen wie bedeutungsschweren Namen John Smith (Christian Slater) gerät in eine dumme Sache hinein, denn direkt nach dem Wettbewerb wird dem Casinobesitzer eine wertvolle Holzmaske gestohlen. Weil der Diebstahl offenbar von den Elvis-Imitatoren ausging, wird auch John verwechselt; und im Handumdrehen sind alle möglichen Leute auf der Jagd nach ihm und der Maske. Neben der Auftragskillerin sind das auch noch die anderen Elvisse und mehrere gedungene Mörder, im Auftrag des Casino-Chefs oder seines Widersachers, so genau weiß man das nicht…

Das Konzept von Guns, Girls and Gambling besteht im Wesentlichen darin, einen Irrsinn auf den anderen zu häufen, bis ein großes Kuddelmuddel von Misthaufen entsteht, das dann am Schluß — aber das muss man ja noch nicht verraten. Der Schluß ist jedenfalls niedlich; und alles was vorher kommt, erträglich durch eine Ansammlung von sehr brauchbaren B-Schauspielern, neben Slater vor allem noch Jeff Fahey, Sam Trammell und Dane Cook. Und Gary Oldman – man weiß nicht genau, was ihn dazu gebracht hat, hier mitzuspielen… Spielschulden? Freundschaft? – jedenfalls hat Oldman einen kleinen Gastauftritt, den er fast wortlos, aber mit Verve absolviert. Da stiehlt er fast ohne Mühe den ganzen Film, aber das ist bei Oldmans Auftritten ja fast immer so.

Ascot Elite hat mir freundlicherweise zur Verlosung hier zwei Blu-rays und zwei DVDs von Guns and Girls überlassen – ihr habt die Chance auf einen Gewinn, wenn Ihr bis kommenden Samstag (9. Februar 2013) um 22:00 Uhr hier drunter in einem Kommentar hinterlasst, welcher der gar nicht so wenigen Filme mit waffenschwingenden Frauen Euch der liebste ist. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Foto: Ascot Elite

Kriegerin auf DVD zu gewinnen

Kriegerin

[filminfo_box]

David Wnendts Film Kriegerin ist nicht ohne Grund bergauf, bergab gelobt und mit Preisen überhäuft worden; denn auch wenn der Film über eine junge Frau, die Zweifel an ihren rechtsextremen Ansichten und Handlungen entwickelt, nicht unbedingt dazu geeignet ist, politisch wankelmütige Menschen zu bekehren – Alina Levshin spielt dann doch ihre Marisa mit einer Intensität und Komplexität, die man nur selten so konzentriert beobachten kann. Da leuchtet ein Stern, von dem man sich noch viel erhoffen darf.

Ich habe drei DVDs von Kriegerin zu verlosen – und um gewinnen zu können, müßt Ihr nur in den Kommentaren eine funktionierende E-Mail-Adresse hinterlassen und mir aufschreiben, auf welche deutsche Schauspielerin Ihr als Nachwuchshoffnung besonders achtet.

Teilnahmeschluß ist am Sonntag, 28. Oktober 2012, 23:59 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

(Mit Dank an Ascot Elite für die Bereitstellung der Preise! – Foto: Ascot Elite)

FFF 2012: Starship Troopers: Invasion (2012)

Alle meine Beiträge zum Fantasy Filmfest (FFF) 2012 finden sich unter dem Schlagwort FFF2012

Starship Troopers: Invasion

[filminfo_box]

Warum eigentlich immer Paris? Ach was, immerhin versuchen die Außerirdischen ausnahmsweise nicht als erstes, die USA zu erobern. Starship Troopers: Invasion ist vollständig am Computer animiert (wie etwa auch Resident Evil: Degeneration), und umgeht die größten Schwierigkeiten dieser Technik, indem es vor allem Figuren (der „mobile infantry“) in Ganzkörperrüstungen zeigt – so muss der Film nur in wenigen Szenen Gesichtszüge direkt aus dem Uncanny Valley zeigen muss – die dann wenig aufregender, detaillierter und menschlicher ausfallen als in den frühen Final-Fantasy-Streifen.

Starship Troopers: Invasion setzt auf reine, auch vage motivierte Action, militaristische Kamaraderie, viel Geballer und Geschrei der „Bugs“ (die zu animieren natürlich auch verhältnismäßig unaufwendig ist. Das ist ein Low-Budget-Peng-Peng-Abenteuer, bei dem in der ersten Dreiviertelstunde immer noch immer wieder nackte (CGI-3D-)Brüste zu sehen sind, wohl um die Hauptzielgruppe der männlich (Spät-)Pubertierenden an der Stange zu halten, bis das hirnlose Geballer so richtig los geht. Von Verhoevens Original Starship Troopers mit seiner bösen Medien- und Militarismuskritik ist in der endlosen Reihe an Sequels natürlich nichts mehr übrig. Alas.

The Dark Knight Rises (2012)

Natürlich musste der Backlash irgendwann kommen – nach den ersten, ach so enthusiastischen Besprechungen von Christopher Nolans so sehr erwartetem The Dark Knight Rises wurden schon die ersten kritischen Auseinandersetzungen von jenen Fanboys, die den Film noch gar nicht gesehen haben konnten, mit so unfreundlichen Invektiven und Reaktionen belegt, dass sich die amerikanische Plattform Rotten Tomatoes gezwungen sah, die Kommentarfunktion zu Kritiken des Films abzuschalten.

[filminfo_box]

Und trotzdem fragte am Abend nach der Berliner Pressevorführung ein Kollege zu Recht: „Was war da los in den USA?“ Denn was wir vorher zu sehen bekommen hatten, war – und das lag keineswegs nur an der stellenweise abgründig schlechten Synchronisation – keineswegs das Meisterwerk, als der The Dark Knight Rises in den USA gehandelt wurde und wird. Vielleicht fällt das vor allem so deutlich auf, weil Nolan zuvor mit The Dark Knight (meine Kritik) einen Film zustande gebracht hatte, der sich ins Gedächtnis einbrennt und Massen, Kritiker und Fans gleichermaßen begeisterte.

Nolan dürfte also alle künstlerischen und reichlich finanzielle Freiheiten gehabt haben für den Abschluss seiner Batman-Trilogie, und nach dem Vorgängerfilm durfte man sicher Großes erwarten; zumal die Trailer und Clips aus der Marketingmaschine Hoffnung machten. Herausgekommen ist nun aber ein Film, der große Botschaften transportieren will und dann an sich selber scheitert: An der Hybris des zu großen Zugriffs, am fehlenden Mut, diesen mit Bildern zu füllen.

Ich will von Handlung und Wendungen so wenig wie möglich verraten, was man nicht schon aus dem Werbematerial ersehen kann, allein dies also (mit leichten Spoilern): Bane (Tom Hardy, verlässlich massiv, aber grauenhaft synchronisiert) will die Stadt Gotham ins Grauen stürzen, indem er sie von der Außenwelt isoliert und zugleich einer unglaublichen Gefahr aussetzt, während Bruce Wayne/Batman (Christian Bale) für Monate außer Gefecht gesetzt ist. Wayne hatte sich vorher aus seinen beiden Leben – als Milliardär und Wohltäter ebenso wie als dunkler Ritter – völlig zurückgezogen, dies aber auf Drängen seines treuen Butlers Alfred (Michael Caine, always a joy) und von Lucius Fox (Morgan Freeman) aufgegeben.

Bis zu dem Moment, in dem Bane die Stadt in seine Gewalt bringt (großes Explosionskino ist das, die Szene im Footballstadion reines Gänsehauterweckungsritual, wunderbar), ist The Dark Knight Rises überzeugend, spannend und bedrohlich dunkel. Dann aber häuft Nolan erzählerische Nachlässigkeiten auf logische Brüche, um gleichzeitig irgendwie die Auferstehung seines Helden in den Griff zu bekommen – und nichts passt mehr zusammen, der Film fällt in sich zusammen wie ein Soufflé, weil auf einmal die Luft rausgeht. Denn Nolan findet keinen Weg, diese fünf Monate stringent einzubinden – vor allem aber zeigt er nicht, was in dieser Zeit in Gotham vor sich geht. Bane verspricht der Stadt anarchische Unordnung, aber Nolan deutet nicht einmal an, was in der Zeit geschieht, wie abgründig schrecklich sie sein könnte.

Die Monate scheinen schreckenslos und ohne nennenswerte Konsequenzen zu vergehen – monatelang in einer Höhle eingeschlossene Menschen entsteigen ihr schließlich in ordentlich gebügelten Klamotten. Nolan behauptet nur und zeigt nichts; „ein Sturm zieht auf“, flüstert Kyle Wayne zu, aber den Wind bekommt man kaum zu sehen. Das ist in etwa das Gegenteil dessen, was er in The Dark Knight so großartig hinbekommen hatte.

Das mag man als handwerkliche Schwächen sehen, aber es ist eben auch das Scheitern Nolans auf einer weiteren Ebene: Die Conditio humana, dieses ärgerliche, zwiespältige Ding Menschsein, in dem sich Gut und Böse so trefflich mischen, entschlüpft ihm. Er will von ihr erzählen, dem Potential des Menschen zu tief klaffenden Abgründen, aber gelungen ist ihm das nur mit Ledgers Joker: An Bane kann oder will er es nicht zeigen (obwohl er ihm doch auch noch Menschlichkeit geben will), und die Menschen von Gotham sollen sein Thema nicht sein: Dabei müßte es genau um sie gehen, um die Menschlichkeit in Zeiten des Terrors. Bruce Wayne will seiner Stadt helfen, aber warum, das verstehen wir nicht.

Irgendwo darin ist eine Geschichte verborgen, von Kapitalismus, Finanzmärkten und Gerechtigkeit vielleicht, von den oberen 1% und den anderen, sowie den unteren 1%, die wortwörtlich aus der Kanalisation kriechen, um die Macht an sich zu reißen… und vielleicht von der Verlogenheit der Oberen, die „investieren“ wollen, „um das Gleichgewicht herzustellen“, das sie womöglich vorher selbst erst ins Wanken gebracht hatten. Aber vielleicht verbirgt der Film seine Wahrheit auch zu gut, wenn er die Auseinandersetzungen zwischen Batman und Bane allein als düstere, physische Prügeleien inszeniert. Mit dem Joker war es immer ein battle of the wits, hier sind nur Muskeln gefragt.

Anne Hathaway macht eigentlich gute Figur als Selina Kyle (und eigentlich ein bißchen Catwoman – wann kriegt sie ihren eigenen Film, damit wir Halle Berry vergessen können?), kriegt aber nur wenige interessante Szenen und verschwindet für eine ganze Weile völlig unverständlicherweise aus dem Film. Stattdessen tauscht sie in seltsamen Dialogen mit Wayne/Batman unfreiwillig komische Sätze aus, die von lieben Kolleginnen sofort treffend phallisch interpretiert wurden.

Um nicht falsch verstanden zu werden: The Dark Knight Rises ist kein völlig schlechter Film, unterhaltsam ist er allemal (den stellenweise absurd schwachen Kampfszenen zum Trotz) und eben doch gespickt mit großen Momenten, Bildern sowieso. Aber er ist eben auch nicht das ganz große Kino, das ich womöglich selbst auch erwartet hatte – stattdessen sieht man hier einen ziemlich holperig rumpelnden Blockbuster, der viel zu viel Erzählung in immer noch zu viel Laufzeit unterbringen wollte und sich dann nicht mehr für die Details des Erzählens interessieren wollte: Und am Ende wird sogar noch ein Bösewicht demontiert.

Ich muss gestehen, dass ich mit Nolans Batman-Figur nie wirklich etwas anfangen konnte – er war für mich in allen drei Filmen (von denen der erste mir nach wie vor der schwächste scheint) immer eine Leerstelle, reine Reaktion auf die Welt um sich herum. Aber The Dark Knight leuchtet und strahlt in die Welt hinein vor allem, wenn nicht allein, durch die Kraft der Joker-Figur und durch den Mut und die Unbedingtheit im Spiel von Heath Ledger. Hier ist ein Bösewicht, der wirklich die Welt ins Chaos zu stürzen bereit ist, der unsere eigenen Lebens- und Morallügen offenzulegen bereit ist – und Nolan breitete das aus wie funkelnde Diamanten der Bösartigkeit auf einem samtenen Tuch. Da zeigte er Bereitschaft, ohne Rückhalt seinen Helden als fahl, blass, uninteressant erscheinen zu lassen. Sein dunkler Ritter hat sich davon nie erholt; aber The Dark Knight, Heath Ledgers Joker wird uns bleiben. Das ist ein Trost.

(Fotos: Warner Bros.)