Guns, Girls and Gambling (2012) – mit Verlosung!

Schon der Filmtitel ist eine freche, sagen wir, Dehnung der Wahrheit (der deutsche Verleihtitel Guns and Girls, dem also nur das Glücksspiel fehlt, ist da nicht viel besser) – denn um Waffen, junge Frauen und Casinos geht es in Michael Winnicks Film nur insofern, als sie Bestandteil der Handlung sind und zum Teil (dem im deutschen Namen enthaltenen) auch extensiv in den Vordergrund gestellt werden, namentlich in Person einer geheimnisvollen Killerin (Helena Mattsson), die mit viel Ausschnitt und zwei Pistolen die Teilnehmer dieses herzallerliebsten Trash-Stelldicheins dezimiert.

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Der Film schützt ja auch gar nicht erst vor, mehr sein zu wollen als gepflegte Unterhaltung mit Peng: Ein ironischer Kommentar aus dem Off, übersteigerte Figuren, ein absurder MacGuffin und endlose Diskussionen der Figuren miteinander darüber, wie sie sich politisch korrekt anzusprechen hätten – das ist alles sehr amerikanisch, aber insgesamt doch immer noch lustig, wenn auch nicht jeder Scherz zünden mag. Ein augenscheinlich unschuldiger, aber etwas trotteliger Teilnehmer eines Elvis-Ähnlichkeitswettbewerbs mit dem so vagen wie bedeutungsschweren Namen John Smith (Christian Slater) gerät in eine dumme Sache hinein, denn direkt nach dem Wettbewerb wird dem Casinobesitzer eine wertvolle Holzmaske gestohlen. Weil der Diebstahl offenbar von den Elvis-Imitatoren ausging, wird auch John verwechselt; und im Handumdrehen sind alle möglichen Leute auf der Jagd nach ihm und der Maske. Neben der Auftragskillerin sind das auch noch die anderen Elvisse und mehrere gedungene Mörder, im Auftrag des Casino-Chefs oder seines Widersachers, so genau weiß man das nicht…

Das Konzept von Guns, Girls and Gambling besteht im Wesentlichen darin, einen Irrsinn auf den anderen zu häufen, bis ein großes Kuddelmuddel von Misthaufen entsteht, das dann am Schluß — aber das muss man ja noch nicht verraten. Der Schluß ist jedenfalls niedlich; und alles was vorher kommt, erträglich durch eine Ansammlung von sehr brauchbaren B-Schauspielern, neben Slater vor allem noch Jeff Fahey, Sam Trammell und Dane Cook. Und Gary Oldman – man weiß nicht genau, was ihn dazu gebracht hat, hier mitzuspielen… Spielschulden? Freundschaft? – jedenfalls hat Oldman einen kleinen Gastauftritt, den er fast wortlos, aber mit Verve absolviert. Da stiehlt er fast ohne Mühe den ganzen Film, aber das ist bei Oldmans Auftritten ja fast immer so.

Ascot Elite hat mir freundlicherweise zur Verlosung hier zwei Blu-rays und zwei DVDs von Guns and Girls überlassen – ihr habt die Chance auf einen Gewinn, wenn Ihr bis kommenden Samstag (9. Februar 2013) um 22:00 Uhr hier drunter in einem Kommentar hinterlasst, welcher der gar nicht so wenigen Filme mit waffenschwingenden Frauen Euch der liebste ist. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Foto: Ascot Elite

Filmstarts dieser Woche (20. Dezember 2012)

Heute gibt es nur ganz kurz zwei kurze Meinungen zu unterschiedlich langen Filmen.

Erstmal Pitch Perfect: Das ist ein ziemlich schlicht gestrickter, streng noch Wohlfühlkriterien konstruierter Sing- und Tanzfilm um die Rivalität zweier A-Cappella-Gruppen, Jungs gegen die Mädchen, und allein schon deshalb ein bißchen kindisch. Beatrice hat sehr gute und treffende Gründe dafür beschrieben, warum der Film doof und antiemanzipatorisch ist, und ich muss halt eingestehen, dass ich ihn als guilty pleasure zum Jahreswechsel trotzdem ziemlich toll fand – weil die Szenen die richtige Menge Schmalz produzieren, und weil ich die Gesangsnummer am Schluss nicht mehr aus dem Kopf kriege.

Beasts of the Southern Wild war hier ja zuletzt wegen einer Verlosung auch Thema – ich fand ihn aber bei weitem nicht so schlimm wie die meisten meiner geschätzten Kritikerkollegen (Sebastian hat mir heute erst gestanden, dass er ihm auch ganz gut gefiel), sondern wiederhole mich gern:

Wilde und anrührende, phantastische Saga mit gelegentlich ins pathetische abdriftender Überhöhung des Überlebenskampfes einer kleinen Gemeinschaft am Golf von Mexiko. Dafür, dass Beasts ein Low-Budget-Projekt (auf 16mm gedreht) und ein Erstlingsfilm ist, der nur mit Laiendarstellern realisiert wurde, ein atemberaubendes Ergebnis, mit zum Teil wunderschönen Bildern und einer überragenden jungen Hauptdarstellerin.

Es läuft natürlich noch viel mehr, das ich noch nicht gesehen habe; End of Watch soll dem Vernehmen nach lohnen, und Tabu sowieso. Viel Spaß im Kino!

Beasts of the Southern WIld - Poster

Süßes Gift – Hilfe als Geschäft (2012)

Süßes Gift

Dass die Form, in der Entwicklungshilfe geleistet wird und geleistet wurde, inzwischen das eigentliche Problem sein könnte, das viele afrikanische Gesellschaften an einem wirtschaftlichen Aufstieg hindert, ist ja mittlerweile eigentlich keine besonders originelle These mehr. Peter Heller hat jetzt mit Süßes Gift – Hilfe als Geschäft zu diesem Thema einen so unvollkommenen wie interessanten Film gemacht, dem viele Kontextualisierungen fehlen und der dabei aber doch die beschriebene Position klar vertritt: dass jedenfalls die Entwicklungshilfe in ihrer jetzigen Form eher schadet als nützt und die Menschen nicht aus Unmündigkeit und Abhängigkeit befreit, sondern sie genau darin belässt.

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Man bekommt das hier sehr schön an wenigen, konkreten Beispielen aus Mali, Kenia und Tansania dargestellt, und die Argumente werden hauptsächlich von Personen vertreten, die – so dürfen wir vermuten – die lokalen Verhältnisse und Entwicklungen wesentlich besser kennen als die meisten Menschen im reichen Europa.

Hellers Kronzeugen bieten dabei weder einfache Lösungen noch widerspruchsfreie Analysen an, aber in der Tendenz sind sie sich eben doch einig, und das darf zu denken geben. Dass dabei in der Kürze der Zeit vieles verloren geht, mag angehen – da wird schonmal Afrika zu einem „Land“, die Afrikaner zu einem „Volk“, als gebe es da nicht ganz erhebliche kulturelle, wirtschaftliche und politische Unterschiede; und ein Problem scheint eine durchaus problematische Lösung zu finden, als ein afrikanischer Investor nach Viktoriabarsch fischen will – wer Darwin’s Nightmare gesehen hat, dem eröffnet schon die Nennung dieses Fisches eine große Breite an politischen und wirtschaftlichen Implikationen (die gleichwohl mit Entwicklungshilfe nichts zu tun und deshalb wohl in Süßes Gift nichts zu suchen haben).

Aber ich schweife ab, oder? Nunja – so klar Süßes Gift seine Argumentation darlegt, so viele Fragen bleiben offen; die afrikanischen Städte etwa kommen erst in den letzten vier Minuten in einer dynamischen Monatesequenz vor. Aber letztlich geht es ja auch nicht um Antworten, sondern um neue Fragen.

(Foto: W-Film)

James Bond 007 – Skyfall (2012)

Skyfall

Mr. Bond vom britischen Geheimdienst ist viel im Schatten unterwegs in seinem neuen Film. Sieht man von der Eröffnungssequenz ab, einer Verfolgungsjagd quer durch Istanbul und aus der Stadt heraus – bei hell leuchtender Sonne und stets mit einem Auge für die Sehenswürdigkeiten der Metropole –, so finden fast alle Verfolgungsjagden und Actionszenen im Schatten statt – unterirdisch, im Halbdunkel von schlecht beleuchteten Gemäuern, in U-Bahn-Röhren und farbigem Licht, und so fort. Woher Bond stamme, sagt seine Chefin M (Judi Dench) dann auch recht deutlich: „From the shadows.“

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Skyfall, unter der Regie von Sam Mendes, ist ein düsterer Bond-Film geworden, aber nicht griesgrämig, obwohl hier Bond permanent unter Beschuss ist: seine Männlichkeit, Heterosexualität, Kraft, Einsatztauglichkeit werden immer wieder in Frage gestellt, und ganz gewöhnlich beschossen und verprügelt wird er natürlich sowieso. Sogar, das war schon in den Trailern zu sehen, von den eigenen Leuten, und das ist natürlich ein Vorgeschmack darauf, was den Film ausmacht: MI6 kreist hier um sich selbst, um Gefahr für die eigenen Reihen aus den eigenen Reihen. Vielleicht.

Zur Düsternis gesellen sich Melancholie und Rückbesinnung: Es geht um Alt gegen Neu, um die alten Haudegen mit dem Finger am Abzug und die neuen Terroristen mit den Fingern auf der Tastatur – und so ist es naheliegend, dass sich Bond und der neue Q (David Ben Whishaw) erst einmal nicht so gut verstehen. Der rohe Trinker (zwischendurch sieht man Bond sogar, abwechselnd Bier und harte Alkoholika konsumierend, am Strand) gegen den arroganten Nerd, der seinen Kaffee (oder womöglich Tee) aus einer Scrabble-Tasse trinkt. Immerhin die Geschlechterordnung ist bei Bond noch oder wieder so, wie sie einst gehörte.

Auf eine gewisse Weise ist das ein regressiver Bond-Film; einer, der die unmittelbare Physis und Bedrängnis seiner Hauptfigur in den Actionszenen wieder mehr in den Hintergrund schiebt und im dritten Film mit Daniel Craig als Agenten wieder an die alten Bond-Traditionen anschließen möchte. Er macht das leichtfüßig, mit Verweisen und Reminiszenzen an die großen Bond-Filme: Hier ein Auto, da ein Knopf für den Schleudersitz und einem fast schon ans A-Team erinnernden Showdown. „Old dog, new tricks“, wie es ein Bond-Girl diesmal formuliert; ihren Namen erfahren wir erst in der letzten Szene, und auch sie verweist zurück auf die Klassiker, jedoch mit einem neuen Beiklang.

Zugleich schließt der Film genau mit dieser Szene den Erzählungsbogen ab, der mit dem ersten Craig-Bond begann: eine Neuerzählung der Ursprünge, aus denen die Figur Bond stammt. Was im Schatten lag, wird hervorgeholt, und am Ende weiß man sogar, wie die Eltern des geheimsten aller Agenten hießen. Und der neue Bond ist immer noch ein gutes Stück der alte: „I like you better / without your Beretta“ reimt er eine neugefundene gefährliche Liebschaft an. Unter der Dusche, versteht sich.

Zwischendrin spiegelt und bricht sich das verschwindende Licht in Glasscheiben, Spiegeln, Oberflächen und Täuschungen – über Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Licht und Schatten in Skyfall lassen sich ganze Magisterarbeiten verfassen – aber am echtesten glitzern die Tränen in James Bonds Augen, als das große Drama um Brüder, Mütter, Eltern, Heimat und Vaterland sein Ende findet.

Beziehungsweise seinen Neuanfang. Jeder braucht ein Hobby, sagt Bond, seins sei: „Resurrection“ – Auferstehung. Willkommen zurück, Mr. Bond.

(Foto: Sony Pictures)

FFF 2012: Starship Troopers: Invasion (2012)

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Starship Troopers: Invasion

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Warum eigentlich immer Paris? Ach was, immerhin versuchen die Außerirdischen ausnahmsweise nicht als erstes, die USA zu erobern. Starship Troopers: Invasion ist vollständig am Computer animiert (wie etwa auch Resident Evil: Degeneration), und umgeht die größten Schwierigkeiten dieser Technik, indem es vor allem Figuren (der „mobile infantry“) in Ganzkörperrüstungen zeigt – so muss der Film nur in wenigen Szenen Gesichtszüge direkt aus dem Uncanny Valley zeigen muss – die dann wenig aufregender, detaillierter und menschlicher ausfallen als in den frühen Final-Fantasy-Streifen.

Starship Troopers: Invasion setzt auf reine, auch vage motivierte Action, militaristische Kamaraderie, viel Geballer und Geschrei der „Bugs“ (die zu animieren natürlich auch verhältnismäßig unaufwendig ist. Das ist ein Low-Budget-Peng-Peng-Abenteuer, bei dem in der ersten Dreiviertelstunde immer noch immer wieder nackte (CGI-3D-)Brüste zu sehen sind, wohl um die Hauptzielgruppe der männlich (Spät-)Pubertierenden an der Stange zu halten, bis das hirnlose Geballer so richtig los geht. Von Verhoevens Original Starship Troopers mit seiner bösen Medien- und Militarismuskritik ist in der endlosen Reihe an Sequels natürlich nichts mehr übrig. Alas.

FFF 2012: Doomsday Book (2012)

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Doomsday Book

Drei Geschichten vom Ende der Welt sind das: Platt, metaphysisch, grotesk. Episoden voller Schwankungen zwischen Religion und Weltlichkeit, von Gammelfleisch bis Erleuchtung, und selbst Online-Shopping kann das Ende der Welt beschleunigen.

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In „Brave New World“ bleibt ein von seiner Familie als Außenseiter behandelter Militärforscher allein in Korea zurück, während die anderen eine Reise unternehmen – er kümmert sich vor allem um die Entsorgung des häuslichen Mülls und geht dann mit einer Bekanntschaft essen, in die er sich prompt verliebt. Leider ist das Essen, das sie zu sich nehmen – unter anderem recht frische Rindsleber – zwar lecker, aber verseucht. Und so sind sie nur die ersten unter vielen, die sich in hungrige Zombies verwandeln.

In „Creation of Heaven“ fragen sich die Mönche eines buddhistischen Klosters, ob einer ihrer Roboter Erleuchtung erlangt haben könnte, ob er Buddha sei; und in „Happy Birthday“ löst der verzweifelte Online-Einkauf eines kleinen Mädchens den Untergang der Zivilisation aus.

Die koreanischen Regisseuren Jee-woon Kim und Pil-Sung Yim haben sich (zum Teil recht lustige) Gedanken dazu gemacht, wie die menschliche Gesellschaft ihren eigenen Untergang vorbereitet und betreibt. Im Falle der dritten Episode ist das eine eher leichtfüßige Angelegenheit, ein humoriges Spiel mit den Weiten des Internets und den darin lauernden, ahem, Gefahren. Die ersten beiden Geschichten hingegen sind ernster (nicht ernst) und stellen die Apokalypse immer sowohl in einen technologisch-gesellschaftlichen als auch einen religiösen Kontext.

Die Episoden sind stilistisch und ästhetisch, ihren Themen und Tonlagen entsprechend, sehr unterschiedlich. „Creation of Heaven“ ist zweifellos die ruhigste der drei, eine fast schon meditative Betrachtung über Erleuchtung in der buddhistischen Philosophie und der spezifischen Konstitution des Geistes avancierter menschenähnlicher Roboter – und über die Frage, ob wir unser Leben womöglich lieber mit Robotern als anderen Menschen teilen wollen würden. „Brave New World“ hingegen ist ein nervöses Stück Erzählung über industriell produzierte Nahrung – und zugleich eine Liebesgeschichte voll biblischer Anspielungen.

Grundsätzlicher kann die Apokalypse kaum sein: die Weltenzerstörung folgt zum Schluß. Und auch wenn das alles den Geist der Zuschauer_innen nicht völlig durchpustet: interessantes Hirnfutter ist das allemal.

(Foto: Splendid)

Twixt (2011)

Twixt

Der Schriftsteller Hall Baltimore (Val Kilmer), vor allem durch seine Mystery-Romane über Hexen bekannt geworden aber erheblich auf dem absteigenden Ast, macht für eine Signierstunde Halt in einer winzigen Kleinstadt, hinter deren fader Außenseite sich aber so einige seltsame Dinge verbergen – etwa der Uhrenturm mitten in der Stadt, dessen sieben Zifferblätter stets unterschiedliche Zeiten anzeigen („Keeping track of time around here is pointless“, erklärt jemand Hall einmal, und das hat natürlich noch mehr als eine Bedeutung). Und dann ist da das seltsame Hotel, in dem Edgar Allan Poe einmal übernachtet haben soll und in dem ein schrecklicher Mord stattgefunden hat… der lokale Sheriff Bobby LaGrange (Bruce Dern), nebenberuflich Vogel- und Fledermaushäuser bauend, will Hall in alles einweihen, wenn sie nur zusammen ein Buch schreiben.

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Twixt ist ein seltsames Mönsterchen von Film, das ich im vergangenen Jahr in Sitges das erste Mal hatte sehen können – und kam ziemlich entsetzt aus der Vorstellung ob dessen, was Großmeister Francis Ford Coppola zusammengeschrottet hatte. Es mag sein, dass die Fassung, die ich nun zum deutschen DVD-Release ansehen konnte, ein wenig anders ist als der Film vom letzten Jahr – die unsinnigste 3D-Sequenz der letzten Jahre ist immer noch dabei. (Überhaupt: Im Jahr 2011 noch eine einzelne Sequenz, nur weil da ein bißchen räumliche Tiefe zu sehen ist, in 3D zu drehen, den Rest des Films aber nicht, wirkt schon idealerweise experimentell, ansonsten: albern.)

Es ist alles ein wenig und gewollt skurril hier: die Nebentätigkeit des Sheriffs, in dessen Büro die Leichenhalle gleich mit integriert ist, in einem großen Metallcontainer, der ein Drittel des Raumes einnimmt. Aktuell liegt dort gerade der Leichnam einer jungen Frau, die mit einem Holzpflock durchs Herz umgebracht wurde. Auf einem nächtlichen Spaziergang (oder ist es eher in einem Traum?) begegnet Hall der sehr blassen Virginia (Elle Fanning) und schließlich Herrn Poe selbst (Ben Chaplin) – woraufhin der Film dann noch einige Sprünge an Seltsamkeit zurücklegt.

Coppola macht hier einen wilden Mix aus Gedanken übers Schreiben (Hall setzt sich mit seinem großen Idol Poe zwischendurch auch an einen Tisch und beredet schriftstellerische Schwierigkeiten), kleinstädtischen Vorurteilen gegen Goths und ganz traditionell anmutenden Geister- und Vampirgeschichten. Das Ganze wird ästhetisch mit vielen genretypischen Bildideen umgesetzt (Nebel, Mondschein usf.); die Nächte (oder Träume) sind digital entfärbt, nur einzelne Gegenstände (Zitronen, Kerzen, Blut) leuchten dann ihre Farben noch hinaus.

Leider weiß man hier nie, wohin Coppola mit seinen Motiven eigentlich will – inhaltlich will sich das alles nicht so recht zusammenfügen, und ästhetisch wirkt der Film, mit all seinen Digitaleffekten, Splitscreens und der einzelnen 3D-Szene, eher wie die Fingerübung eines jungen Regisseurs als das Projekt eines alten Hasen. Dieses sieht man allenfalls Aufblitzen in einigen wunderschönen Bildern, immer wieder dazwischen: einmal das blasse Gesicht von Elle Fanning zwischen roten und blauen Farbbändern. Atemberaubend. Am Ende steigt sie als blutiger Engel gen Himmel auf.

(Foto: Studiocanal)

Filmstarts dieser Woche (2.-4. Oktober 2012)

Diese Woche starte(te)n so einige gute Filme, und es sind einige hübsche darunter, auch wenn ich es leider nicht geschafft habe, mich auch nur zu einem davon etwas länger zu äußern. (Und Madagascar 3, den ich nicht gesehen habe, wird, dem Vernehmen nach, diejenigen nicht enttäuschen, die die ersten beiden Filme auch mochten.)

Looper ist einer der schlausten und vor allem angenehmsten Science-Fiction-Filme der letzten Zeit. Wohltemperiert zwischen Action und Drama, mit jeder Menge Chemie zwischen Bruce Willis und seinem jüngeren Selbst in Form von Joseph Gordon-Levitt (mit neuer Nase) – eine Zeitreisegeschichte, die die logischen Schwierigkeiten solcher Geschichten einfach links liegen lässt, um sich eine ganz eigene Logik zu stricken. Sehr, sehr sehenswert.

Das genaue Gegenteil davon ist Abraham Lincoln: Vampire Hunter, ein Mashup gewissermaßen zwischen der Geschichte des realen Abraham Lincoln und einem fiktiven Vampirjäger – das Ganze in 3D mit wilden Actionsequenzen, wie man sie von Regisseur Timur Bekmambetov spätestens seit Wanted wohl erwartet. Aber letztlich ist das nur eine sinnlose, wirklich fundamental uninteressante Story, die durch die Zeiten hüpft, es an Motivation und Sinn fehlen lässt und keinen Moment lang wirklich Spannung oder wenigstens aufregendes 3D aufkommen lässt. Vermeidenswert.

Bleibt schließlich noch Cockneys vs Zombies, den ich im Rahmen des Fantasy Filmfests schon kurz besprochen hatte – ein durchaus sehenswerter Streifen für Freund_innen derben Zombiehumors, sehr britisch auch in den gesprochenen Akzenten. Nicht schlimm, nicht wunderbar, aber eh nur für ein spezielles Publikum gedacht.

(Foto: Concorde)

Hamilton – I nationens intresse (2012)

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Das schwedische Kriminalkino (und -fernsehen) macht ja schon immer durch eine gewisse Härte auf sich aufmerksam, die in nicht unerheblichem Kontrast zur gefühlten Freundlichkeit des Landes und seiner Bewohner_innen steht. Folgt man den Storylines von Wallander & Co., ist das Land eine Brutstätte von Gewalt und Massenmord.

Kathrine Windfelds Agentenspektakel Agent Hamilton – Im Interesse der Nation ist da keine Ausnahme. In einer Texttafel zu Beginn wird der Umstand, dass Schwedens Geheimagenten kein Recht hätten, Menschen zu töten, durch die Regelung eingeschränkt, dass dies nicht gelte, wenn sie in nationalem Interesse handelten – Carl Hamilton (Mikael Persbrandt) bekommt auf diese Weise quasi seinen Doppelnull-Status verliehen, und gleich in den ersten Szenen sieht man ihn denn auch reichlich zur Sache gehen.

Aber Hamilton ist keine ganz tumbe Agentenactiongeschichte – denn neben einer Story über Waffenschieber und Terroristen und Profiteuren im eigenen Land (natürlich sind weder die schwedische Industrie noch die Regierung von Bösewichtern frei) dreht es sich im Film vor allem um Agenten, die eigentlich keine Lust mehr haben, ihren Job noch weiter zu machen: zu viel Mord, zu viel Last…

Dieses Thema wird leider etwas holzhammerartig mit einem sehr unangenehmen privaten Unfall eingeführt, der Hamilton „passiert“, und auch später wird es nicht unbedingt eleganter: Der Selbsthass des Agenten ist ein kontinuierlicher Mollton im Film, aber so richtig harmonisch will er sich nicht einfügen, wirkt immer aufgepfropft auf die actionreiche Story.

Als fröhliche Standardunterhaltung für Gewaltdarstellungen nicht abgeneigte Actionfreunde passt das trotzdem; Agent Hamilton mag nicht James Bond sein, aber besser als die schlechteren 007-Filme ist er allemal.

Foto: Ascot Elite

FFF 2012: 96 Minutes (2011)

Alle meine Beiträge zum Fantasy Filmfest (FFF) 2012 finden sich unter dem Schlagwort FFF2012

96 Minutes - Szenenbild

Langsam gerinnen sie schon zu einem eigenen Genre, die Filme, die das Schicksal einer Handvoll (meist junger) Leute im Brennglas eines Tages (oder weniger Stunden, oder einer halben Woche) verfolgen – die Lebenslinien berühren sich, trennen sich womöglich wieder, aber natürlich verlassen alle diese Erfahrungen als veränderte Menschen. Es sind Sozialdramen meist, in denen die Protagonisten aus ihrer Existenz geschüttelt werden und die zugleich, so wohl meist die Hoffnung von Drehbuchautoren und Regisseuren, zugleich als pars pro toto den Zustand der Gesellschaft darstellen oder zumindest beleuchten.

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Aimée Lagos‘ Film 96 Minutes ist da keine Ausnahme, und der Film unterstreicht seinen Anspruch auf Realitätsnähe noch, indem er das beherrschende dokumentarische Darstellungsmittel der Gegenwart verwendet: die Handkamera, dicht an den Gesichtern der Handelnden dran – immer nur einen Ausschnitt des Ganzen zeigend, so dass das Bild, wie die Handlung, zum Puzzlespiel gerät, in dem die Oberfläche, die aktuelle Perspektive immer nur einen Teil der Welt darstellen kann.

96 Minutes - Szenenbild

Dem entspricht die Erzählweise genau: Ausgehend von einer hektischen nächtlichen Autofahrt – hinten zwei Frauen, davon eine mit Schusswunde am Kopf, vorne zwei junge Männer, einer hält die Pistole noch in der Hand – macht sich 96 Minutes daran, die Vorgeschichte dieser gefährlichen Konstellation auszubreiten, Person für Person, bevor dann schließlich die Stränge ineinandergreifen und der Film nach etwa einer Stunde den Konflikt einer ungewissen Auflösung entgegentreibt.

Die Konfrontation ist hier zunächst recht deutlich eine der Gesellschaftsklassen: die zwei Frauen sind Collegestudentinnen, einigermaßen wohlhabend und gebildet, die jungen Männer Schüler in einem der armen Viertel der Stadt – Kevin (Jonathan Michael Trautmann) ist Sohn einer Prostituierten und sucht nach Bestätigung bei den kriminellen Halbstarken seiner Nachbarschaft, Dre (Evan Ross) hat just seinen Highschool-Abschluß geschafft und hofft eigentlich, selbst auf College gehen zu können.

96 Minutes - Szenenbild

Es ist in dieser Figur, dass sich die Grundfrage des Films bündelt – er will zugleich seinem Viertel entkommen und doch die Verbindung zu seinen Freunden dort – die gleichen Kriminellen, an die sich Kevin richtet – halten. Seine Freundin warnt ihn noch, er könne nicht ewig auf dieser Mittellinie balancieren. „Irgendwann wirst du auf die eine oder andere Seite fallen.“ Allerdings reduziert Lagos ihren Film nicht auf diesen Balanceakt bzw. sein Scheitern; Dres Motive und Handlungen sind doch etwas komplexer, und sowohl Ross als auch Brittany Snow, die eine der beiden jungen Frauen spielt und sich mit dieser Rolle einigermaßen erfolgreich am Charakterfach erprobt, geben ihren Figuren genug Tiefe, um 96 Minutes aus der Masse herauszuheben.

(Fotos: Fantasy Filmfest)