Piranha 3D (2010)

Ich habe gewisse Zweifel daran, ob Piranha 3D wirklich jener Streifen ist, der in der Filmgeschichte den bisher höchsten Kunstblutverbrauch beanspruchen kann – schließlich habe ich Mutant Girls Squad gesehen und einige verschwisterte Filme, deren minutenlange, ausufernde Blutfontänen nur mit Mühe zu toppen sein dürften.

Aber sei’s drum: Piranha ist unter diesen Filmen natürlich derjenige mit dem größeren Budget und den größeren Schauwerten. Damit ist nicht mal das 3D-Gimmick gemeint, auch wenn das hier einmal (fast möchte ich sagen: ausnahmsweise) gut funktioniert und nicht übermäßig für billige Effekte über die Netzhaut der Zuschauer_innen geschleift wird.

Die Schauwerte sind stattdessen natürlich jene, mit denen das Publikum von Plakaten und Anzeigen herab ins Kino gelockt wird: „Sea, Sex, and Blood“. Und auch wenn der Geschlechtsakt in Piranha nicht on screen vollzogen wird, so wirkt der Film doch ein wenig wie ein Testlauf, um mal auszuprobieren, wie gut sich wohl das Pornographische fürs dreidimensionale Kino eignet. Dazu werden alle Schlüsselreize aufgerufen und dann auch in Interviews schön verbreitet (nicht selten unter willfährigem Fragen der Journalisten): full frontal underwater nudity, und auch auf den abgebissenen Penis werden die Fanboys sicher voll Begeisterung warten.

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Das Team um Alexandre Aja weiß also, wie man die Massen anlockt, im Grunde funktioniert das ja wie bei den Piranhas selbst auch: Der erste Biß läßt Blut fleßen, und dann kommen die Massen angeschossen, zur heißen Schlacht am kalten Buffet.

Das soll nicht heißen, daß Piranha ein mißratener Film sei, keineswegs. Für den Maßstab seiner eigenen Nische – massentaugliches, glattgebürstetes Exploitationkino – ist der Film nahezu perfekt gelungen, und er schämt sich keine Sekunde dafür, das zu sein, was er ist. Es gibt nur halt außer den Fischen selbst in diesem Film nichts, daß Biß oder gar Widerhaken hätte, keine Kanten, an denen der Geist wirklich Anstoß nehmen könnte.

Das Szenario für den Film, der eigentlich ein Remake von Piranha (1978) von Joe Dante ist, ist in weiten Teilen direkt Jaws/Der weiße Hai entliehen, von dem sich seinerzeit Roger Corman et al. zu Piranha inspirieren ließen. Statt des Wochenendes zum amerikanischen Unabhängigkeitstag beginnt hier halt „Spring Break“, was natürlich auch erheblich mehr Gelegenheit zu nackter Haut gibt – das Zögern der Stadtoberen ob der finanziell wichtigen Tage für den Tourismus bleibt verwandt, wenn auch in Ajas Fassung fast bedeutungslos gegenüber der Weigerung der von Hormonen und Bier benebelten jungen Menschen, das Wasser zu verlassen.

Daß Richard Dreyfus am Anfang des Films in seinem Outfit aus Jaws in einem kleinen Boot sitzt und fischt, ist eine nette Reminiszenz – und auch „we need a bigger boat“ kommt später einmal vor. Ansonsten versteckt der Film ein paar Anspielungen auf die Alien-Filme, vertraut auf den klassischen Gruseleffekt von Unterwasseraufnahmen, läßt Ving Rhames mit einem Außenbordmotor auf Fischjagd gehen und denkt sich einige extrem eklige Splattereffekte aus.

Die zentrale Sequenz des Films, in der Hunderte von Menschen von den Piranhas angegriffen werden, ist übrigens nicht nur für ihre inventiven Widerlichkeiten bemerkenswert, sondern auch für den auffallend ernsthaften Tonfall, auf die Betonung des Schreckens gegenüber dem Grotesken. In einem Film, der sich vorher stets und durchgehend als augenzwinkerndes Spektakel präsentiert hatte, ist das in der Tat (und Christopher Campbell hatte darauf schon früh hingewiesen) ein irritierendes Moment (und vielleicht der einzige Bestandteil des Films, der ihn doch noch bemerkenswert machen könnte), das die Zuschauer gewissermaßen im freien Lachanfall mit einem Eimer Schweineblut begießt.

Und dann ist alles schneller vorbei, als man dachte; das clever abgekürzte Ende bewahrt den Film vor peinlichen Lösungsversuchen (einer wird halbherzig eingeführt; er scheint, wie viele Ideen des Drehbuchs, aus dem Piranha-Nachäffer Killer Fish (1979) mit Lee Majors zu stammen) und läßt die Schleusen für ein Sequel weit, weit offen.

(Entertainment Weekly hat übrigens einen dreiteiligen Artikel von Clark Collis veröffentlicht, der die Entstehungsgeschichte aller Piranha-Filme schön und sehr unterhaltsam ausbreitet. Am schönsten finde ich dabei die Details über das ursprüngliche Piranha-Drehbuch, in dem immer neue Gründe erfunden wurden, warum die Protagonist_innen wieder ins Wasser mußten: erst wurden sie von einem Bär gejagt, dann von einem Waldbrand getrieben…)

Fotos: Kinowelt

16ème Étrange: Vampires (2010)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

Den belgischen Film Vampires als Vampirkomödie zu beschreiben, ist zwar einerseits insofern zutreffend, als er sich einen komischen Zugang zum Sujet Vampir sucht, verfehlt den Film aber insofern, als er dies völlig anders betreibt als etwa (Namensverwandtschaften jetzt einmal ignorierend) Suck oder Vampires Suck.

Vampires ist stattdessen ein Mockumentary, ein konsequent als Dokumentarfilm verkleideter Blick auf die (natürlich fiktionale) Vampirgesellschaft in Belgien am Beispiel zweier in einem Haus zusammenlebenden Vampirfamilien.

Vincent Lannoo läßt seinen Film mit einigen Texttafeln beginnen, die von den schwierigen und sogar tödlichen Versuchen berichten, diesen Film zu drehen – meistens wurde die Crew zum Hauptgericht der zu Portraitierenden. Nun aber sei man beim dritten Mal und unter großen Sicherheitsvorkehrungen endlich erfolgreich gewesen – und widme den Film gerne den bei seiner Entstehung Verstorbenen.

Solcherlei schwarzer Humor findet sich später noch öfter; er zieht seine Kraft vor allem daraus, daß hier eine bürgerliche Normalität konstruiert und gezeigt wird, die allerdings mit den Wertvorstellungen und vor allem aber: Ernährungsgewohnheiten der Vampire kollidiert. Da ist dann die Käfighaltung von illegalen Einwanderern plötzlich nicht mehr unmoralisch, sondern Bestandteil der Nahrungskette; die Vampire sind wie Reinigungskräfte für die Population, erzählt der eine. Und um die dahinter kaum verborgene politische Ebene noch zu verstärken, schwadroniert eine andere Vampirin von Reinheit und Sittenverfall.

Dazwischen walzt Vampires noch eine Idee aus, die in Daybreakers (meine Kritik) nur ganz am Anfang durchschien: Was passiert eigentlich, wenn man mitten in der Pubertät zum Vampir wird, wenn man die dauernden Hormonschübe nicht mehr loswird? Hier trifft es die „Tochter“ der Familie, stets in Rosa, aber stets verzweifelnd. (Allein die Szene, in der sie sich scheckig über einen rosa Sarg freut, darf man sich nicht entgehen lassen.) Wie also, das ist ja das in Daybreakers nicht ganz zu Ende gedachte Problem, geht man in der potenziell ewigen Unsterblichkeit mit den Problemen und Sorgen des Alltags um?

Darauf sucht Vampires wenigstens einige Antworten. Mit einer Mischung aus „Talking Heads“ und immersiv dokumentarischem Stil ahmt der Film dabei ziemlich effektiv derzeit gängige Dokumentarstile nach – und gibt ihnen, gerade bei den ethisch fragwürdigen Momenten, einen schalen Beigeschmack. Und das ist natürlich die wahre Größe: Daß einem das Lachen gelegentlich im Halse stecken bleibt. Dort also, Sie wissen schon, wo die Vampire vermutlich beißen werden. (Wobei, der Hals, scheint es mir nach Sichtung dieses Films, ist wohl dem Familienoberhaupt vorbehalten.)

Foto: Fantasy Filmfest

16ème Étrange: Suck (2009)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

Wo wir schon bei Vampirkomödien sind: Suck dürfte in diesem Subgenre zu den etwas interessierter erwarteten Filmen gehört haben, bevor er jetzt auf dem Fantasy Filmfest auch in Deutschland und hier in Paris beim L’Étrange Festival zu sehen war.

Eine kleine kanadische Band, die seit vermutlich ewigen Zeiten herumtouren, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen, werden plötzlich erfolgreich, nachdem zuerst ihre Bassistin und dann auch die männlichen Mitglieder zu Vampiren werden. Allerdings sind nicht alle Beteiligten besonders glücklich mit dieser Entwicklung.

Die Handlung von Suck ist nicht besonders aufregend, zumal sie ohne große Höhepunkte und dramatische Zuspitzungen so dahinerzählt wird. Wenn man so will, ist das die Geschichte, die Jennifer’s Body im Hintergrund nicht (oder jedenfalls nicht so) erzählt (allerdings mit Vampirismus statt Dämonen, dafür auch hier mit einer Jennifer): Wie es der Band ergeht, die den Pakt mit dem Teufel schließt. Suck macht daraus eine schwärzliche Komödie, die man sich vor allem deshalb gerne ansehen mag, weil sie bei kurzer Filmzeit flott erzählt ist und durch reichliche Musikbeigaben sehr palatabel.

Die Musik kommt nicht nur von der Film-Band The Winners, sondern auch von zahlreichen Größen des Rockgeschäfts, die Autor/Regisseur/Hauptdarsteller Rob Stefaniuk irgendwie davon überzeugen konnte, hier mitzuspielen: Moby, Alice Cooper, Iggy Pop… und Malcolm McDowell spielt „Eddie Van Helsing“, einen einäugigen, versoffenen Vampirjäger, was ihm offenbar große Freude bereitet. Mit Lust spielt auch Dmitri Coats den Vampir Queeny, der den Stein ins Rollen bringt; er wirkt dabei stets wie Johnny Depps Mad Hatter aus Speed.

Ansonsten verbringt Stefaniuk viel Zeit damit, seine Hauptdarstellerin Jessica Paré als Vampirin ins rechte Licht (gerne überstrahlt) zu setzen und verführerisch auf die Leinwand zu bringen. In welcher Konsequenz er das betreibt, ist schon fast wieder amüsant für sich. Suck ist ein grundsympathischer Film, der über seine Schau- und Hörwerte ganze anderthalb Stunden lang trägt. Dann ist Schluß, und dann ist auch gut.

Foto: Fantasy Filmfest

Vampires Suck (2010)

Ein Geständnis: Nein, ich habe Vampires Suck nicht ganz gesehen. Das hat einen ganz einfachen Grund: Ich halte diesen schlaff herabhängenden, völlig bedeutungslosen Humor nicht aus, er knattert in meinem Kopf laut als verrinnende Lebenszeit.

Es ist ja nicht so, als ob das Filmprojekt, die meiner Meinung nach eher minder aufregenden Twilight-Filme aufs Korn zu nehmen, nicht ohne Meriten und Möglichkeiten wäre. Worauf Marcus schon hingewiesen hat (dessen Besprechung für blairwitch.de ich zu diesem Film gerne als Verweisstelle und Referenz anführe): Allein sich die verklemmte Sexualmoral der Franchise mal vorzuknöpfen, daraus ließe sich reichlich Stoff für einen Spoof, eine Parodie, oder auch nur: einen guten Film ziehen. Aber Vampires Suck, der für den deutschen Verleih den nicht wesentlich originelleren Titel Beilight – Biss zum Abendbrot bekommen hat, läßt praktisch alle Chancen für etwas tiefgründigeren Humor links liegen und greift stets zum offensichtlichsten, vorhersehbarsten und flachsten Klamauk.

Irgendwo dadrin stecken zwar ein paar absurde Gaga-Momente (wie wenn Edward im Wald die über dem Kaninchenbau grübelnde Alice [die aus dem Wunderland] erschießt) und Scherze, die mediale Konstrukte („You’re staring at each other in slow motion!“) und Rezeptionsphänomene („Team Edward“ und „Team Jacob“ greifen aktiv in den Kampf ein) tatsächlich reflektieren; aber das bleiben einzelne Momente, nie wird ein erhellender Gedanke daraus. Der Film fühlt sich so fahl, so lustlos dahingerotzt und auf Profit ausgerichtet an: Ich kann mich nur mit Grauen abwenden.

Foto: 20th Century Fox

16ème Étrange: Four Lions (2010)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

(Der Vollständigkeit halber: „Spoiler-Warnung“. Am besten einfach direkt den Film ansehen.)

Wenn man über Four Lions schreibt, ist man versucht, erst einmal politisch korrekt zu betonen, wie unfähig hier auch die nicht-muslimischen, britischen Terrorfahnder und Zivilisten dargestellt werden: Die Polizei stürmt irgendwann auf der Suche nach einer Terrorzelle ein Haus, nimmt aber dort nur eine Gruppe äußerst frommer und friedfertiger Muslime fest, die zwar ihre Frauen in winzige Räume sperren, aber jedenfalls keine Bomben bauen. Und zwei Scharfschützen streiten sich kurz darauf angeregt darüber, ob der von Ihnen frisch Erschossene nun ein Bären- oder ein Wookie-Kostüm trug; daß er auf jeden Fall der Falsche war, ist ihnen offenbar völlig wurscht.

Aber dieser Reflex, den Film in Schutz zu nehmen vor allzu einseitiger Interpretation ist eigentlich verfehlt. Denn man redet damit am Kern des Films vorbei, der im Wesentlichen auf dem Grundsatz beruht, daß jede_r das Recht habe, verarscht zu werden, und somit an jeder Form politischer Korrektheit erst einmal völlig desinteressiert ist. Das heißt nicht, daß Four Lions ein Experiment in planloser Grenz- und Geschmacksverletzung wäre (wie dies zum Beispiel Uwe Boll seinerzeit mit Postal [meine Kritik] angepeilt hatte).

Christopher Morris, der bisher vor allem fürs Fernsehen gearbeitet hat, legt mit seinem Film (das Drehbuch stammt von ihm, Jesse Armstrong und Sam Bain) erst einmal den Finger ziemlich präzise in die Wunden, die die im Westen verbreiteten Vorstellungen vom Islam darstellen – und das heißt für uns weiße Mittelschichteuropäer: unser Denken, der Islam sei weitgehend mit dem militanten Islamismus identisch. Da findet es ein Kollege von Omar (Riz Ahmed) zwar befremdlich, daß einer von Omars Freunden eine Krähe in die Luft gesprengt hat. Er läßt sich dann aber alsbald beruhigen mit dem Argument, das sei eine kulturelle Sache – auf der Hochzeit in Pakistan kürzlich habe man auch einen Vogel Strauß mit einer Bazooka beschossen.

Operation: Endgame (2010)

Operation: Endgame (mir zum ersten Mal bei Peter ins Bewußtsein gerufen) ist eigentlich ein Film, der Menschen wie mich mit einer gewissen Neigung zum schwarzen Humor und zum Actionkino zugleich, geradezu bettelnd auffordert, ihn lieb lieb lieb zu haben, und eine ganze Weile geht das auch wirklich gut mit uns beiden.

Ort der Handlung ist ein unterirdischer Bunker der amerikanischen Regierung, in der eine supergeheime Spionagetruppe ihre Büros hat. Gerade wird ein Neuling (Joe Anderson) eingeführt und bekommt den Codenamen ‚Fool‘ – alle Figuren heißen wie Karten des Tarots. ‚Chariot‘ (Rob Corddry) führt ihn herum und stellt ihm die Mitglieder der beiden Teams Alpha und Omega vor – unmittelbar miteinander konkurrierende Entitäten, die sich eigentlich gegenseitig kontrollieren sollen. Dann aber gibt es plötzlich Leichen, mit dem Programm „Operation: Endgame“ wird ein Countdown ausgelöst, und bevor ‚Fool‘ so richtig versteht, was passiert, sind die Angehörigen beider Teams kräftig damit beschäftigt, einander umzubringen, während die Zeit immer enger wird, bis alles Leben im Bunkerkomplex automatisch ausgelöscht wird.

Das ist gut gemacht, wie aus der sehr angespannten Büroatmosphäre, den kleinen Sticheleien und bösen Beschreibungen, alle schon getunkt in das Blut, das beim schmutzigen Geschäft der Filmnachrichtendienste ja gerne kübelweise vergossen wird, wie daraus also fast übergangsfrei ein Blutbad wird, ein dann doch ziemlich expliziter und schmerzhafter Abzählreim der Mordtaten.

Und auch daß es dazwischen immer wieder den Blick gibt auf zwei Beobachter, die durch Überwachungskameras das Ganze mit distanzierter Ironie und einer gewissen Fassungslosigkeit (aber ohne jedes Entsetzen) wahrnehmen und aus dem Hintergrund kommentieren. Als sie sich einmal über die Aufnahmeprüfung für die Alpha- und Omegagruppen unterhalten, da hat es im Bunker schon Tote en gros gegeben, kommen sie auf den letzten Test zu sprechen: Jede_r mußte einen kleinen Welpen ermorden. „All those people killed puppies?“ empört sich da das Gegenüber.

So schwarz ist der Film, und in seinem Blick auf die Geheimdienstwelt sehr ironisch gegenüber den Standardfiguren des Kinos, mit den absurden Decknamen und Lebensläufen, die hier ins Pathologische gewendet werden und, statt in der Welt draußen verortet zu sein, in einen engen Bürobunker gepfercht werden, samt Kopierzimmer und Konferenzraum.

Wie gesagt, eine Weile geht das gut. Aber dann bleibt Operation: Endgame im einmal eingeschlagenen Tritt, auf das sukzessive Morden und Verfolgen folgt nichts wesentlich Neues mehr, und letztlich fällt dem Film dann nichts mehr ein, was er mit seinem tollen B-Cast noch so anfangen könnte. Ellen Barkin zum Beispiel ist großartig böse, und mit Ving Rhames und Maggie Q ist sie nicht die einzige, die sich lustvoll im Zynismus der Handlung wälzt (die auch noch eine gewisse politische Pointe hat). Emilie de Ravin bietet uns eine sehr verschlagene Triebtäterin; Odette Yustman füllt die Rolle als eye candy aus und bemüht sich redlich, ein bißchen mehr daraus zu machen, während Zach Galifianakis hier die vermutlich seltsamste Rolle seit langer Zeit spielt.

Alle diese Figuren gehen früher oder später im Laufe des Films dahin, aber an ihnen (oder ihren Darsteller_innen) liegt es eben nicht, daß Operation: Endgame am Ende scheitert. Vielleicht fehlte den Macher_innen die Bereitschaft oder das Interesse, jenseits der überzogenen Gewalt und des schwarzen Humors in jenen Bereich der Groteske einzutreten, der den Film herausgehoben hätte aus seinen eigenen Prämisse und vielleicht auch seinen politischen Ambitionen neues Feuer gegeben hätte. Aber dafür genügt es nicht, möglichst einfallsreich viel Blut zu versprühen.

FFF 2010: Tony (2009)

Alle meine Beiträge zum Fantasy Filmfest (FFF) 2010 finden sich unter dem Schlagwort FFF2010

Tony von Gerard Johnson (sein erster Langfilm) hat mich zunächst etwas ratlos zurückgelassen. Der Film ist so zurückgenommen, so schweigsam auch über seinen Protagonisten, von dem man fast nichts erfährt; alles immer hart am Rande zu einem fast dokumentarischen, sozialen Realismus mit Handkamera gefilmt, Tony (Peter Ferdinando) fast immer im Blick in seinem Alltag, seinem ausgesprochen ereignislosen, man ist auch versucht zu sagen: armseligen Dasein.

Die Sprachlosigkeit und Leere des Films spiegelt damit den Protagonisten. Denn Tony, arbeitslos seit offenbar ewigen Zeiten, hat keine Freunde und erhebliche Schwierigkeiten, auch normale oder wenigstens einigermaßen eindeutige soziale Situationen und Transaktionen durchzustehen. Gespräche sind mit ihm kaum möglich, und selbst bei einer Prostituierten wird Tony herausgeworfen, ohne daß er auch nur etwas vorgeschlagen oder getan hätte, das aggressiv gewesen wäre – er war nur hilflos, weil er den geforderten Betrag nicht zahlen konnte und stattdessen so etwas wie (allerdings nur vermeintlich) normale Konversation betreiben wollte, Komplimente machen, derlei.

Stattdessen sitzt Tony viel zuhause und sieht sich Actionfilme an – noch von VHS-Band, nur ein weiteres Zeichen dafür, welche randständige gesellschaftliche Position er besetzt, in seiner kleinen Wohnung irgendwo in einer Londoner Sozialsiedlung. Ab und an zieht er los, versucht von Drogenabhängigen Stoff zu kaufen und bringt sie nach Hause oder schleppt einen Tänzer aus einer Schwulenbar ab. Seine Besucher tötet er dann.

Tony ist ein Serienmörderfilm, der aus den Taten selbst kein großes Gewese macht; die Morde geschehen eher beiläufig, auch ohne dramatische Musikuntermalung oder sonstige Betonung. Sie sind, so ließe sich das womöglich verstehen, Teil von Tonys Alltag, oder gar, so meine Interpretation: seine einzige Möglichkeit, wirklich mit seiner Umwelt in Interaktion zu treten und die gewünschte Reaktion zu erhalten; erst am Schluß, als er sich in die Enge gedrängt fühlt, tötet er auch, um sich (oder genauer: seine Lebensumstände) zu verteidigen – präziser aber nur: um einen möglichen Konflikt aufzulösen. Tony ist damit wie auch in seinem Setting ein Gegenentwurf zu American Psycho, dessen Serienmörder sozial völlig kompatibel und integriert scheint, dessen Morde aber hochgradig sexualisiert sind.

Bei Tony ist genau das nicht der Fall. Einmal sieht man den Protagonisten zwar neben einer anscheinend nackten Leiche im Bett aufwachen, er fragt den Toten, ob er einen Tee möchte; aber die sexualpathologischen Andeutungen, die der Film macht, werden nie ausgespielt oder hochgeschaukelt. Es sind immer nur Männer Tonys Opfer, aber weder daraus noch aus seinen Besuchen in der Schwulenbar läßt sich irgendetwas unmittelbar folgern; den Taten scheint jede sexuelle Komponente ebenso abzugehen wie der Beseitigung der Leichen (denn Tony weiß sehr wohl, daß sein Tun verboten ist).

Gerard Johnson hat hier einen Film gemacht, der sich den Topoi des Genres in vielerlei Hinsicht bedient, seine klassischen Schlüsselreize, Dramaturgien und Vermarktungshighlights zugleich aber links liegen läßt. Ohne große Spannung gleitet die Geschichte dahin, um sich am Schluß fast unbemerkt wieder in den Ausgangszustand zurückzuwenden; das ist ungewöhnlich genug, um eine genauere Analyse durch jemand Berufeneren interessant zu machen. Leider hat Stefan Höltgen, der sicherlich berufen wäre, den Film in seinen FFF-Berichten nicht besprochen. Vielleicht kommt da noch etwas? Ich würde es gerne lesen.

Foto: Fantasy Filmfest

Texte zu Filmstarts (2. September 2010)

Heute nur ganz kurz der Hinweis auf meine Besprechungen zu den Kinostarts der Woche: Für critic.de habe ich Get Him to the Greek (zu deutsch Männertrip) gesehen – eine insgesamt sehr unterhaltsame Komödie, die etwas mehr Tiefgang vortäuscht als sie wirklich bringt; die sehr vergnüglichen ersten Minuten des Films hatte ich hier schon einmal vorgestellt.

Auch unterhaltsam, wenngleich lange nicht so rücksichtslos überdreht und sicher wesentlich familientauglicher (was auch an der geringeren Menge konsumierter Drogen und der zuckersüßen Liebesgeschichte liegen mag) ist der Bruckheimer/Turteltaub/Cage-Streifen The Sorcerer’s Apprentice (in Deutschland aus unerfindlichen Gründen als Duell der Magier gestartet).

Foto: Universal

The Sorcerer’s Apprentice (2010)

Man durfte kaum erwarten, daß dieser Film sich auch nur ein Fünkchen mehr als die Harry Potter-Filme für „das Magische“ im Filmischen interessieren könnte, so sehr auch vorgeblich Magie sein Thema ist – The Sorcerer’s Apprentice ist ein von Jerry Bruckheimer produzierter Film, in dem wieder einmal Jon Turteltaub und Nicolas Cage kooperieren. Da erwartet man nach den National Treasure-Streifen (siehe etwa meine Kritik zu National Treasure: Book of Secrets) wenig mehr als ein bißchen mythisch aufgebauschtes Actionkino, und das bekommt man jetzt auch, vielleicht noch mit dem Zusatz: Wirklich für die ganze Familie.

Die Geschichte um den amerikanischen Physikstudenten Dave, der eigentlich der „Prime Merlinian“ ist, direkter Nachfolger Merlins und größter Magier seiner Zeit (wenn er diese Rolle denn akzeptieren könnte und zudem lernen, seine Kräfte richtig zu gebrauchen) ist insofern ein sehr amerikanischer Dreh auf Harry Potter, als er massentauglich knapp konstruiert ist (mögliche Fortsetzungen nicht ausgeschlossen), das College-Setting breitere Identifikation zuläßt als die britische Boarding School – und zugleich geht es hier eben um keine Schule, sondern nur und ausschließlich um das auserwählte Individuum. (Darin und auch sonst in vielem ist der Film Percy Jackson & the Olympians: The Lightning Thief sehr ähnlich, der das Schulsetting zwar einführt, aber sofort desinteressiert zugunsten einer individualistischen Quest-Geschichte links liegen läßt.)

In The Sorcerer’s Apprentice geht es auch nicht um persönliche Reifung und Entwicklung, der Film ist stattdessen vielleicht noch am ehesten nach den Regeln des Sportlerdramas konstruiert (auch ein sehr amerikanisches Genre), samt Trainings-Montage, Selbstzweifeln und finaler Überwindung derselben. Dabei stets behilflich: die neue Freundin, die auch schon Sehnsuchtsobjekt zu Grundschulzeiten war. Mitsamt den unerfreulich faden und minder schröcklichen Bösewichtern ergibt das äußerst unaufregende Familienunterhaltung, die einen mit Gags und Rumwirbeleien und Cages hier sehr passend überdrehtem Spiel unfallfrei über die Filmdauer trägt, und danach kann man sich getrost wieder anderen Dingen zuwenden.

Zwei Dinge sind mir wirklich positiv in Erinnerung geblieben: Zum einen, wie sich der Film – nie explizit auf das dritte Clarkesche Gesetz („Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“) verweisend – konsequent an der Integration von Naturwissenschaft und Magie abarbeitet, auch wenn das alles am Schluß keine große Rolle mehr spielt.

Und zum anderen, wie auch das dann zur nerdigsten Liebeserklärung beiträgt, die ich seit „I brought you flours“ im Kino gesehen habe (die allerdings leider das geschlechtlich klar konnotierte Gefüge zwischen Wissenschaft und Kunst nicht wackeln läßt. Aber man kann ja nicht alles haben).

Foto: Disney

FFF 2010: The Human Centipede (First Sequence) (2009)

Alle meine Beiträge zum Fantasy Filmfest (FFF) 2010 finden sich unter dem Schlagwort FFF2010

The Human Centipede (First Sequence) wirkt in seinen ersten zehn, zwanzig Minuten, wenn man den ganzen Film im Blick hat, wie eine Mogelpackung. Denn die Eröffnungssequenz samt der Anfangstitel ist offenbar bewußt im Stil billiger Reißer der siebziger, vielleicht noch achtziger Jahre gehalten, was insofern passt, als der Film selbst kostengünstig digital in HD gedreht wurde und sicherlich als exploitativer Reißer nicht völlig falsch eingestuft ist.

Gleichwohl schreit jede Einstellung der Anfangsminuten lautstark „Trash!“ und „Ironie!“, da ist- alles überzogen und übertrieben, die reglose Mine des natürlich deutschen Bösewichtes, die Geste mit der er sein Gewehr unter dem Trenchcoat verbirgt, seine Sonnenbrille; schließlich die amerikanischen Touristinnen Lindsay und Jenny, clueless in Europe, hysterisch und unerfahren, wie es nur das Klischee hergibt. Die beiden verfahren sich auf der nächtlichen Suche nach einer Disco irgendwo (den deutschen Kennzeichen nach zu urteilen) im Rheinland in einem Birkenwald, und natürlich haben sie dort eine Reifenpanne, aber keine Ahnung, wie man einen Reifen wechselt.

Bis dahin ist ihr Schicksal sehr Rocky Horror Picture Show, aber statt eines wahnsinnigen Frank’N’Furter erwartet sie im Bungalow im Wald der nicht weniger irrsinnige, aber überhaupt nicht komische Doktor Josef Heiter (Dieter Laser, der von Die verlorene Ehre der Katharina Blum bis hierher einen weiten Weg zurückgelegt hat, aber sicher seinen Spaß hatte).

Mit diesem im Namen steckenden offensichtlichen Verweis auf einen der deutschen Erzbösewichter, Josef Mengele, endet der irgendwie ans Ironische gemahnende Teil des Films, und The Human Centipede (First Sequence) begibt sich ins Gebiet des exploitativen Ekeltrashs. Regisseur und Autor Tom Six hat seinen Film mit einer, so ginge die freundliche Formulierung, traditionellen, geradezu klassischen Plotkonstruktion versehen – man könnte es auch „retro“ nennen, oder wahlweise urteilen: Alles irgendwie schon bekannt.

Die Touristinnen landen, gemeinsam mit einem nachträglich gekidnappten Japaner, in Heiters Keller und werden dort einem medizinischen Versuch der abstoßenderen Art unterzogen. Natürlich gibt es Ausbruchversuche, vor und nach der entscheidenden Operation, und natürlich schaut irgendwann die Polizei vorbei, auf der Suche nach verschiedenen vermissten Personen. Das alles ist mehr oder minder gut motiviert und entwickelt, aber selten zwingend. Immerhin verzichtet der Film auf eine irgendwoher herbeigeholte psychologische Erklärung für die geistige Deformation des Bösewichtes; auch ist er, was explizit ekelerregende Darstellungen angeht, eigentlich eher zurückhaltend. Das Widerliche passiert vor allem in unserem eigenen Kopf.

Josef Heiter bleibt dabei zwingend die interessanteste Figur des Films, ein Die Welt lesendes mad scientist-Monstrum, das sich nach getaner Arbeit im dunklen Anzug mit Einstecktuch dandyhaft aufs weiße Sofa bettet. Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert war von The Human Centipede (First Sequence) so irritiert, daß er ihm keine Wertung zu geben wußte. Meine Vermutung wäre, daß Tom Six diesen Film mit dem selben Motiv gemacht hat, das er seiner Hauptfigur geben würde: Weil man das versuchen kann und versuchen muß.

Nämlich – und da verrate ich jetzt das einzig relevante und wirklich eklige Handlungselement, den zentralen gross out des Films, der aber auch im Trailer schon zu sehen und insofern kein Geheimnis ist: Der frühere Spezialist für die chirurgische Trennung siamesischer Zwillinge geht jetzt den umgekehrten Weg und näht seine drei Opfer zusammen, Mund an Anus, zu einem durch den Verdauungstrakt verbundenen menschlichen Tausendfüßler. Warum? Vermutlich eben: Weil er es kann.

Laut IMDB ist Human Centipede II schon für 2011 in Planung. Der Untertitel lautet „Full sequence“ – das verheißt nichts Gutes.

Foto: Fantasy Filmfest