Monster Busters (1987)

Es gibt ja mittlerweile viele, vor allem viele gescheiterte Versuche, die klassischen Universal-Monster gemeinsam auf eine Leinwand zu bringen; unter all diesen aber leuchtet Fred Dekkers phänomenaler Monster Busters (im Original The Monster Squad) strahlend hervor. Dekker selbst hat den Film einmal als „Die kleinen Strolche treffen Frankenstein“ beschrieben: Ein paar monsterbegeisterte Jungs (wir schreiben die 1980er) stellen fest, dass Dracula in ihrer amerikanischen Kleinstadt angekommen ist – und nicht nur er, Frankensteins Monster, ein Werwolf, die Mumie und der „Schrecken vom Amazonas“ sind auch dabei. Bei Vollmond haben sie die Chance, das Gleichgewicht auf der Erde zugunsten des Bösen zu verschieben. Das wollen die Kinder aber natürlich verhindern…

Am Drehbuch für den Film war neben Dekker selbst auch Shane Black beteiligt, und man merkt das am respektvoll-respektlosen Umgang mit dem Erbe der Figuren: Es gibt eine berührende Szene mit Frankensteins Monster und einem kleinen Mädchen an einem See, aber eben auch den Moment, als der Werwolf einen Tritt in die Gonaden bekommt – oder Dracula mit einem Stück Knoblauchpizza ins Gesicht abgewehrt wird. Für das Design der Monster war die Legende Stan Winston verantwortlich; auch deshalb passt die aktuell erhältliche Retro-Edition in VHS-Verpackung perfekt zu diesem Diamanten aus dem Jahr 1987.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Wir Eltern (2018)

„Seid mal ruhig, ich versuche zu gamen.“ Es ist nicht einfach, mit heranwachsenden, ach was: herangewachsenen Kindern, wenn die es sich immer noch gemütlich im elterlichen Heim machen, aber eigentlich längst hätten eigene Wege gehen sollen. Und das großzügige Geldgeschenk vom Großvater, nach eigenem Gusto für Ausbildung oder Geldanlage oder Verschwendung zu nutzen, hilft, wenn man ehrlich ist, den Eltern auch nicht gerade.

Ein teilweise improvisierter Film aus der Schweiz, in dem eine Familie sich (größtenteils) selbst bzw. eben nicht sich selbst spielt – meine ausführliche Kritik gibt es drüben bei Kino-Zeit.

After Midnight (2019)

Irgendwann in der Mitte des Films laufen da zwei bärtige Amerikaner, beide in Jeans, Hemd aus der Hose, Baseballcap auf dem Kopf, durch von Dornengestrüpp gesäumtes hohes Gras: Der eine trägt eine Schrotflinte, der andere eine Axt. Beide suchen sie ein geheimnisvolles Monster, das sich jedoch nur nachts zeigt – und deshalb weiß man auch eigentlich nicht sicher, ob sich Hank das Viech nicht nur einbildet, das seine Haustür zerkratzt und immer verschwindet, sobald er es sehen könnte.

Durch eben dieses Gras sieht man in der ersten Szene des Films Abby auf die Kamera zugehen. Sie und Hank sind gerade frisch verliebt und irgendwie kann er sie tatsächlich überzeugen, mit ihm hier auf das Gras-und-Gestrüpp-Grundstück zu ziehen, in das langsam vor sich hin verfallende Haus seiner Familie. Da gibt es noch kein Monster; es taucht erst auf, als Abby, Jahre später, ohne nähere Erklärung für einige Wochen verschwindet, nur eine dürre Notiz und Liebeserklärung lässt sie am Küchenschrank zurück.

Liebesgeschichte und creature feature: After Midnight versucht, Drama und Horrorfilm miteinander zu verschränken, und natürlich kennen die Genres in der beschriebenen Gemengelage eine offensichtliche Erklärung: Das Monster ist ausschließlich in Hanks Kopf, steht für nicht ausgetragene Konflikte… falls es nicht doch Abby ist, die als Monstrum ihren Weg zurück nach Hause sucht?

Meine ausführliche Besprechung von After Midnight ist bei kino-zeit.de erschienen.

The Rite – Das Ritual (2011)

Am Anfang stehen Bilder von Verfall: Bilder von menschenleeren Straßen in einer amerikanischen Provinzstadt, sie könnten Gemälden von Edward Hopper entstammen oder den amerikanischen Filmen von Wim Wenders, wären sie nicht so leergepustet von Farbigkeit; dann quietschen auf einem Spielplatz ohne Kinder die Schaukeln und Karusselle rostend im Wind. Aber das ist eine der Oberflächentäuschungen, die Regisseur Mikael Håfström in seinem aufregenden The Rite – Das Ritual unterbringt – im Grunde eine Ablenkung vom eigentlichen, wie später auch der wesentlich malerischere Verfall in Rom, wo er seine Hauptfigur bei einem alten Exorzisten in die Lehre schickt.

Michael Kovak (Colin O’Donoghue) will eigentlich nur von zuhause fort, als er sich ins Priesterseminar begibt. In seiner Familie werde man entweder Priester oder Bestatter, verrät er seinem Freund, und nur so könne er seinen Vater (Rutger Hauer) dazu bringen, ihn auch fortzulassen. Er nimmt seinen Abschied in den ersten Szenen des Films, die nächste Einblendung versetzt die Handlung schon nach „Vier Jahre später“ – The Rite verschwendet keine Zeit, sondern nimmt sie sich dann anschließend, um während des Großteils der zwei Stunden Filmdauer auszubreiten, wie der Seminarist aus Fluchtgedanken sich in Rom bewähren muss.

Trotz seiner Glaubenszweifel habe Michael vielleicht das Zeug zum Exorzisten, sagt ihm sein Vertrauter, Pater Matthew (Toby Jones), und schickt den jungen Mann mit etwas finanziellem Druck für zwei Monate in den Vatikan. Dort wird er schließlich zu Priester Lucas Trevant (Anthony Hopkins) geschickt, einen erfahrenen und praktizierenden Exorzisten, dem er zunächst beim Exorzismus der hochschwangeren Rosaria (Marta Gastini) assistieren soll.

The Rite zeigt schon da, dass er das Genre des Exorzismusfilms zwar nicht unironisch im Blick haben („Was hast Du erwartet!?“, fragt Lucas nach der ersten, sehr harmlosen Sitzung, mit Bezug auf Friedkins Der Exorzist. „Sich drehende Köpfe? Erbsensuppe?“), aber eigentlich vor allem: völlig ernst nehmen will. Schon der Vorspann kündigt das mit einem Zitat von Johannes Paul II. an, und der Versicherung: „Nach einer wahren Geschichte“ Als Vorlage diente das Buch The Rite: The Making of a Modern Day Exorcist des amerikanischen Journalisten Matt Baglio; dem Bericht über einen jungen amerikanischen Priester im Exorzismuskurs dürfte aber so einiges hinzugefügt worden sein, um aus dem Stoff einen kleinen, letztendlich eher leisen Horrorfilm zu machen.

Dem Genre ist ja in den letzten Jahren mit einigen Versuchen arg zugesetzt worden, die herausragenden waren dabei im vergangenen Jahr das Fake-Documentary The Last Exorcism (Der Letzte Exorzismus) sowie der spanische Film La posesión de Emma Evans, die beide mit unterschiedlichem Erfolg der Thematik einen neuen Twist geben wollten. The Rite beschränkt sich auf das Kerngeschäft, und das darf man durchaus wörtlich verstehen. Das führt allerdings dazu, dass sich der Film manchmal in den Konventionen der Tradition verheddert.

Denn natürlich gibt es hier auch auf einmal umgedrehte Kreuze zu sehen, zeigen die Besessenen äußere Zeichen und Körperverdrehungen. Aber nicht nur ist das alles weniger erschreckend als bei Friedkin und seinen Epigonen, es spielt auch schlichtweg kaum eine Rolle, bleibt Oberflächenphänomen. Die Kruzifixe sind Dekor, die sich windenden Körper mehr Gymnastik als Dämonenpräsenz, denn der Film interessiert sich überhaupt nicht für die Symbolpolitik, für tatsächliche Rituale (wie sie der Titel verspricht) und feste Formen.

Das führt dann schon einmal zu seltsam inhaltsleeren Gesten: Einmal liegt Rosaria auf ihrem Bett neben einem Fenster, durch das man die Kuppel des Petersdoms sehen kann. Michael will den Vorhang schließen, aber Lucas stoppt ihn: Der Dämon solle ruhig sehen, wer hier das Sagen habe. Ausgespielt wird dieses Machtverhältnis aber nicht, jedenfalls nicht hier und nicht so.

Stattdessen zeigt sich die wahre Stärke von The Rite – Das Ritual darin, dass die Bewegungen in den Protagonisten viel wichtiger sind als die Nägel, die ausgekotzt werden; dass es tatsächlich um Glauben, Gott, Satan, Gut und Böse, platt gesagt: ums Seelenheil geht. Mit Hopkins, O’Donoghue und Alice Braga (Predators) als Journalistin hat Håfström dabei eine Riege zusammengestellt, die den inneren Konflikten und Glaubenszweifeln überzeugend Gestalt verleiht. Hopkins kann sich dabei immer noch darauf verlassen, dass ihn die Aura des Bösen aus Hannibal-Lecter-Zeiten nicht ganz verlassen hat, und er weiß diese Ambivalenz hier zum Vorteil des Films zu nutzen.

Besonders brennt sich aber der kurze Auftritt von Hauer ins Gedächtnis ein, der in diesem Jahr vor allem im Genrefilm (und insbesondere mit dem sehnsüchtig erwarteten Hobo with a Shotgun) wohl ein bemerkenswertes Comeback haben wird. Sein Istvan Kovak ist schweigsam und sparsam in seinen Bewegungen, und wird dadurch gruselig und bedrohlich, ohne eines von beidem zu sein, eine Figur, die für den Film fast ausschließlich aus dem Blick seines Sohnes heraus existiert.

Da zeigen sich auch die Stärken von Regisseur Håfström, der eben in seiner Inszenierung handwerklich mehr als sicher ist – dass er erschrecken kann, hat er vor einigen Jahren in 1408 ja schon gezeigt. Er fasst seinen neuen Film, so redundant manche Teile der Inszenierung auch sein mögen, dann doch in ein so präzises Korsett, dass The Rite – Das Ritual ein immer dichter werdendes Glaubensbekenntnis aufbaut, dem sich der Zuschauer kaum entziehen kann, auch wenn es nicht sein eigenes sein mag.

Der Artikel erschien zuerst im März 2011 auf horrorblog.org (inzwischen offline).
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Nikita – Staffel 1

Es gibt vielleicht nur eine begrenzte Zahl von Möglichkeiten, eine immer gleiche Geschichte zu erzählen. Und so durfte man mit einer gewissen Skepsis der neuen Serie namens Nikita entgegenschauen, in der Maggie Q die Titelheldin spielen sollte. Denn die Motive sind immer noch die gleichen wie einst in Luc Bessons gleichnamigem Film, aus dessen Motiven nicht nur ein Filmremake von John Badham (Codename: Nina) und eine Fernsehserie (Nikita) entstanden waren. Die Vorlagen beschreiben, wie Nikita nach einem Mord festgenommen und von einer fragwürdigen Organisation vor der Todesstrafe gerettet wird – unter der Bedingung, dass sie sich als Auftragskillerin verdingt. Die neue Serie des amerikanischen Senders The CW löst das Wiederholungsproblem dadurch, dass sie zu einem deutlich späteren Zeitpunkt beginnt: Die Titelheldin ist bereits erfolgreich aus der „Division“ genannten Organisation geflohen und bereitet von außen deren Zerstörung vor. Dabei bedient sie sich vor allem der jungen Neurekrutin Alexandra „Alex“ Udinov (Lyndsy Fonseca) und später ihres Ex-Lovers Michael (Shane West).

Man darf von der Neuvariation keine großen Wunder erwarten – Nikita bemüht sich gelegentlich, mit seinen vielen Verkleidungen und Variationen Serien wie Alias oder Dollhouse nachzustreben, ohne dass dieser Versuch je wirklich gelingt. Aber es gibt reichlich unterhaltsame und klug gedrehte Spielchen von Spionage und Gegenspionage, die dann durchaus auch jenseits der Actionsequenzen Spannung herstellen. Nebenbei geht es natürlich um Schuld und Sühne, und die Beziehungen der Hauptfiguren werden durch solche Verstrickungen nachhaltig durcheinander geworfen – was bis zur vierten und letzten Staffel der Serie, die ab November 2013 in den USA ausgestrahlt wird, für Bewegung sorgen soll. Genrefans werden an Nikita wenig Außergewöhnliches finden, zumal die Serie nicht weit über die üblichen Konventionen hinausgeht – aber ein solider Beitrag zum Phänomen der schlagkräftigen Agentinnen ist sie dann doch. Und von Lyndsy Fonseca möchte man anschließend eigentlich mehr sehen.

(Zuerst erschienen im September 2013 in der deadline #41.)
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Red Sniper – Die Todesschützin (2015)

In Russland ist bis heute der Zweite Weltkrieg, der „Große Vaterländische Krieg“, ein Identifikationspunkt, und diente schon in der Sowjetunion immer wieder der Selbstvergewisserung. Das reicht bis ins Kino hinein – und so wurde Red Sniper – Die Todesschützin ganz bewusst zum 70. Jahrestag des Sieges über Deutschland geplant – und hat doch einen ganz ungewöhnlichen Platz in seinem Genre.

Regisseur Sergey Mokritskiy erzählt – weitgehend am wahren Vorbild orientiert – die Geschichte der 1916 in der Ukraine geborenen Russin Ljudmila Pawlitschenko, die als „Lady Death“ in die Geschichte einging – bis heute ist sie die Scharfschützin mit den meisten bestätigten Tötungen. Die junge Frau wurde nicht zuletzt deshalb bekannt, weil die Sowjetunion sie 1942 auf PR-Tour durch Amerika schickte, wo sie sich unter anderem mit Eleanor Roosevelt, der Frau des damaligen US-Präsidenten anfreundete.

Diese Freundschaft dient auch als Aufhänger für die Geschichte, die in episodenhaften Rückblicken erzählt wird: aus Pawlitschenkos Studienjahren, ersten Gefechten, Verwundungen usw. Ein wenig schwingt immer die Liebe mit zu Offizieren und einem Arzt, es geht ein wenig um Sexismus und kaum ums Vaterland. Denn Mokritskiy macht den Krieg nicht zum Platz der Helden, sondern zu einer ziemlich ungemütlichen Angelegenheit, in der auch die Heldin schonmal fast den Verstand verliert und nach Ende der Kämpfe noch immer leidet: Ein Heldinnenepos mit Ecken und Kanten.

Und noch dazu eines mit einer spannenden Entstehungsgeschichte: Die ukrainisch-russische Koproduktion wurde noch mit der ukrainischen Regierung unter Janukowitsch vereinbart, und Mokritskiy, selbst Ukrainer, konnte bei den Dreharbeiten auf der Krim schon nicht mehr sicher sein, dass er sie dort auch würde vollenden können. Das klappte; aufgrund seiner Vorgeschichte wurde Red Sniper in Russland eher gemischt aufgenommen, zum Teil als „antirussische Propaganda“ beschimpft. Schade, denn er ist wirklich sehenswert.

Die Kritik ist zuerst 2016 in der Deadline erschienen.
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Sleep Dealer (2008)

„Ich arbeite jetzt als Hilfskellner in New York. – Es sieht aus wie New York. Vielleicht auch Los Angeles.“ Das ist einer der ersten, noch etwas subtileren Hinweise darauf, dass die Welt in Sleep Dealer nicht ganz so ist, wie die unsere: vielleicht weiß man nur vage, wo man eigentlich arbeitet. Memo (Luis Fernando Peña) wächst in Santa Ana del Rio auf, einem Kaff im mexikanischen Hinterland, wo nichts mehr wächst, seit die Wasservorräte privatisiert und teuer sind. Durch Memos Elektronikbasteleien und ein Missverständnis wird sein Elternhaus vom Militär als potentielles Versteck von Terroristen zerstört und Memos Vater getötet. Memo geht nach Tijuana und verdingt sich als virtueller Arbeiter: an Elektroden angeschlossen, steuert er einen Schweißroboter auf einer Baustelle in San Diego.

Sleep Dealer von Alex Rivera bringt einen ganzen Schwung spannender Themen zusammen: Die USA entledigen sich ihrer mexikanischen Einwanderer dadurch, dass sie sie von jenseits der Grenze arbeiten lassen, die Privatisierung von Wasser, die dauernde Furcht vor Terrorismus. Aus der totalen, auch geographischen, Entfremdung der Arbeitswelt zieht der Film dann aber leider nur begrenzt Kapital und steuert stattdessen auf eine recht gewöhnliche Geschichte von Liebe und Sozialkritik zu. Die Spezialeffekte sind gelegentlich sichtlich und schmerzhaft preiswert, dafür findet der Film aber ganz andere starke Bilder: Die vertrockneten Landschaften Mexikos stellt er gegen die wohlhabenden Vereinigten Staaten; die Augen der an blauleuchtenden Fäden hängenden Marionetten/Leiharbeiter wirken durch die Kontaktlinsen, die sie tragen, als seien sie blind.

Da ist es nur bedauerlich, dass der Film diese Bilder so wenig wie seine soziale Botschaft mit mehr Tiefe zu füllen weiß und sich zudem auch noch mit einer abrupt wirkenden Dramaturgie und gelegentlich holzschnittartigen Dialogen abkämpfen muss. So windet man sich die letzte halbe Stunde des Films und wünscht sich eigentlich mehr, bekommt es aber nicht.

Die Kritik ist zuerst 2011 in der Deadline erschienen.
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4, 3, 2, 1 (2010)

Dies ist ein seltsamer Film, dicht dran und distanziert zugleich, ein Ensembledrama, das gleichzeitig ein wenig Actionfilm sein will, schnell und grob geschnitten in manchen Momenten, die an Tony Scotts Streifen erinnern. Und wenn er zerhackt wirkt, dann letztlich nicht einmal wegen der Schnittgewitter, sondern weil sich die vier Geschichten – vier Frauen, drei Tage, zwei Städte, „eine Chance“, aus dieser Reihung ergibt sich der Filmtitel – zuweilen zu viel Zeit lassen, wieder zueinander zu finden. Ein ganzes Viertel des Films ist mit dem Rest anscheinend nur durch die Notwendigkeit verbunden, eine der Figuren aus der Stadt zu kriegen, damit ihre Wohnung leerstehen kann.

Die Stadt ist London (die andere New York), und die Freundinnen Shannon (Ophelia Lovibond), Joanne (Emma Roberts), Cassandra (Tamsin Engerton) und Kerrys (Shanika Warren-Markland) haben ein aufregendes Wochenende vor sich, nicht zuletzt deshalb, weil Shannon eher versehentlich in den Besitz eines Beutels mit Edelsteinen gerät, hinter dem gleich mehrere unterschiedliche Gruppen her sind.

Regisseur und Autor Noel Clarke (auch in einer wichtigen Nebenrolle) lässt die Geschichte sich nach und nach entwickeln, in dem er das Wochenende viermal hintereinander, jeweils aus der Perspektive einer der vier jungen Frauen noch einmal neu erzählt; das Drehbuch vermeidet dabei gekonnt große Dopplungen, für die richtig großen Überraschungen reicht es allerdings leider auch nicht. Das interessierte Publikum wird dafür aber mit hetereosexuellen und lesbischen Bettszenen bedient, es gibt ein paar Prügeleien und für jede der Freundinnen ein bisschen Familiendrama.

Das entscheidende, verbindende Element aller vier Geschichten allerdings, die Freundschaft zwischen den vier Hauptpersonen, kommt im Film überhaupt nur am Rande vor – und so gelingt das von Clarke wohl beabsichtigte schwarzhumorige Gesellschaftsportrait im Geiste Guy Ritchies leider nur als halbwegs kurzweilige Unterhaltung.

Die Kritik ist zuerst 2011 in der Deadline erschienen.
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Heißer Verdacht – Staffeln 1-6

Die erste Folge beginnt mit einer falschen Fährte: der Detective, der da aus dem Auto steigt und die Ermittlungen übernimmt, wird nicht wirklich der Star der Serie sein, er stirbt in der ersten halben Stunde an einem Herzinfarkt. Jane Tennison sieht man zuerst auf der Damentoilette, und der Fokus verschiebt sich immer mehr auf sie – die erste weibliche DCI in der Mordkommission von Scotland Yard, und sie muss richtig betteln, um endlich einen Fall leiten zu dürfen.

Von den ersten Minuten an spielt also in Heißer Verdacht (Prime Suspect) die Position der Protagonistin als Frau am Arbeitsplatz eine zentrale Rolle (der Sexismus gegen sie ist nicht gerade ein Subplot), und das wird sich über alle sieben Staffeln der Serie, von denen jetzt immerhin die ersten sechs in einer schönen Box in Deutschland erschienen sind, fortsetzen – mit veränderten Vorzeichen. Die britische Serie ist keine klassische Krimiserie, bei der es nur um die Aufklärung eines Verbrechens geht. Heißer Verdacht ist stets auch ein Gesellschaftsporträt, in dem britische Großstädte nicht eben als angenehme Orte erscheinen, mehr noch aber ein genauer Blick auf das, was nebenher und hinter den Kulissen bei der Polizeiarbeit geschieht. Vor allem aber fokussiert die Serie ihren Blick in späteren Folgen immer mehr auf ihre Protagonistin, aus der Helen Mirren eine atemberaubend komplexe Person macht: widersprüchlich, arrogant, aufbrausend, eine rechte Nervensäge, aber eben auch lernfähig, professionell und fair: Eine Frau, die vor allem ihren Job gut machen will und sich gegen Männer und andere Hindernisse durchsetzen muss, um genau dies tun zu können.

Heißer Verdacht hat ein ungewöhnliches Format: die Staffeln in dieser Box wurden zwischen 1991 und 2003 ausgestrahlt (mit einer langen Pause nach der fünften) und bestanden meist aus zwei Folgen von jeweils etwa 100 Minuten Dauer – extrem verdichtetes, komplexes Kriminalkino ist das, wie es eben nur fürs Fernsehen geht, und eine der besten Krimiserien, die in Europa je produziert wurden.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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KindKind (2015)

Der Irrsinn setzt schon gleich zu Anfang an, und dann wird es nur dichter. Bei einem Dorf an der französischen Nordküste, in einer alten Bunkeranlage, ist eine tote Kuh aufgefunden worden, und in ihren Gedärmen finden sich menschliche Leichenteile. Commandant Van der Weyden (Bernard Pruvost) und sein Gehilfe Carpentier (Philippe Jore) nehmen die Ermittlungen auf, aber das Gespann wirkt nicht eben so, wie man sich mit einschlägiger Krimibildung erfolgreiche Polizisten vorstellt.

Dabei sind die beiden – Carpentier zitiert Zola und hat sonst wenig Ahnung, Van der Weyden zuckt unablässig mit seiner Gesichtsmuskulatur – vielleicht noch die am wenigsten seltsamen Figuren der Miniserie KindKind, die Bruno Dumont (Twenty-nine Palms, Camille Claudel 1915) für arte produziert hat. Die Verdächtigen sind schweigsam, zwischendurch steigt ein vielleicht zwölfjähriger Schwarzer aus lauter Verzweiflung in einen kleinen Turm, ruft „Gott ist groß“ und ballert in der Gegend rum.

Zwischendrin die Titelfigur Kindkind, ein Frechdachs vor dem Herrn, der in völlig unschuldigem Geiste rotzfreche Streiche verübt, mit Knallfröschen um sich wirft und Priester während einer Totenmesse zum Lachen bringt. Eine gewisse Ähnlichkeit der Serie zu Twin Peaks mag es geben, aber KindKind ist eigentlich ein Solitär ganz eigen französischer Machart: Zugleich fest in der Welt verankert und zugleich als Grotske aus ihr herausragend wie die Rippen aus einem geteilten Rind.

Zwischendrin die weite, kühle Schönheit der Küste, die Trostlosigkeit der Höfe mit ihren Zweckbauten und Misthaufen, die Sehnsucht nach der Welt da draußen, die dann ganz schnöde ihr tierisches Ende findet. Die Hölle ist überall und hier: Dumonts KindKind ist zwar nicht unbedingt blutig, aber gnadenlos, genau geschrieben und letztlich völlig gaga. Aus europäischen Fernsehanstalten bekommt man derlei viel zu selten zu sehen, dabei wäre eine Art True Detective aus Südspanien doch auch mal spannend.

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