The Tourist (2010)

Ursprünglich erschienen in Deadline #27, Juni 2011

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Als Florian Henckel von Donnersmarcks Film Das Leben der Anderen 2007 mit dem Oscar als bester ausländischer Film prämiert wurde, stolzierte der Regisseur, die Älteren werden sich erinnern, mit Begeisterung vor Kameras umher und platzte schier vor übersteigertem Selbstbewusstsein. Der durch den Preis erworbene Ruhm dürfte der Grund gewesen sein, warum man ihm als ersten Hollywood-Film einen Thriller mit Angelina Jolie und Johnny Depp in den Hauptrollen anvertraute; zugleich dürfte die Produzenten beruhigt haben, dass Donnersmarck wohl nicht viel falsch machen könne beim Versuch, einen Streifen von Jérôme Salle neu zu inszenieren. Aber, ach und weh, Donnersmarcks Arroganz offenbart sich hier als leere Geste; sein Remake von Anthony Zimmer ist trotz oder ein bisschen auch wegen der zwei Superstars eine einzige Übung in Fremdschämen geworden.

Jolie darf meist nur hübsch und ahnungslos in der Gegend herumstehen, während Depp in diesem Film teigig und blass aussieht wie vielleicht noch nie in seiner Karriere; beide Schauspieler scheinen sich unendlich zu langweilen. Der Film beginnt in Paris und wechselt dann rasch nach Venedig, aber außer den abgegriffensten Postkartenbildern fällt Donnersmarck dazu visuell nichts ein, selbst Verfall ist bei ihm nur pittoresk. Die zahlreichen Verfolgungsjagden durch Kanäle und über Palastdächer sind langsam und gähnend langweilig, und selbst der böse Russe oder auch Engländer, der alle anderen Beteiligten gerne ermorden würde, wirkt kein bisschen furchteinflößend. Dass es eigentlich um ein Verwirrspiel geht, um geheime Identitäten und viel gestohlenes Geld, spielt sowieso sehr schnell nur noch eine oberflächliche Rolle – dafür ist das zu geradlinig abgefasst, so verwirrungslos, dass selbst Zuschauer, die Anthony Zimmer nicht kennen, bald allein aus Alternativlosigkeit den Twist am Schluss vorhersehen werden. Bestürzend auch, welche Leute selbst für kleinere Rollen engagiert wurden – Paul Bettany, Timothy Dalton, Steven Berkoff, Rufus Sewell – ohne dass Donnersmarck irgendetwas mit ihnen anzufangen gewusst hätte.

Die Zähmung der Lisbeth Salander

Ich mache mir etwas Sorgen um die Neuverfilmung von Män som hatar kvinnor (Verblendung), The Girl with the Dragon Tattoo. (Natürlich sehe ich vor allem die Notwendigkeit nicht, aus einem durchaus sehr guten Film so bald darauf einen zweiten zu machen – Regisseur Niels Arden Oplev kann durchaus ein bißchen beleidigt sein vielleicht. Immerhin muß man sich, da David Fincher Regie führt, keine allzu großen Sorgen machen, daß das Remake an und für sich ganz furchtbar werden könnte.)

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Meine Irritation hat schon vor einigen Monaten begonnen, und mit dem jetzt veröffentlichten Teaser-Poster erhärtet sich der Verdacht: Hier wird für die Werbekampagne die Figur der Lisbeth Salander (in Finchers Film von Rooney Mara verkörpert) in einer Weise dargestellt (und deshalb wird das Poster hier auch nicht reproduziert), die vor allem dazu geeignet ist, sie als sexuelles Wesen dar-, vor- und auszustellen.

Schon die im Januar veröffentlichte Fotostrecke mit Bildern von Rooney Mara (als Salander) in W zeigte diese Tendenz – das konnte man aber vielleicht noch, mit sehr viel gutem Willen, als ans publizierende Medium angepaßte Aufmerksamkeitsstrategie lesen. Mit der Veröffentlichung des offiziellen Posters aber wird mehr daraus: Wird daraus Bilderpolitik mit einer klaren Sprache und Geschlechterordnung.

Das Bild ist in dunklem Schwarzweiß gehalten; Salander (Mara) steht darauf, nackt bis zur tief auf den Hüften sitzenden Jeans, vor Blomkvist (Daniel Craig, bekleidet), der seinen linken Arm um ihren Oberkörper gelegt hat. Salanders Brüste liegen frei, ihre Brustwarzen werden durch Schrift bzw. durch ihren linken Arm abgedeckt, mit dessen Hand sie an Blomkvists Armbeuge faßt. Beide blicken in Richtung der Kamera.

Zwar wirkt Salander auf diesem Bild keineswegs wie ein braves, gefügiges Mädchen – gerade auch durch ihren direkten Blick nimmt sie keine unterwürfige Position ein -, zugleich ist sie aber deutlich Blomkvist untergeordnet. Dies wird zum einen durch ihre Körpergröße suggeriert (Noomi Rapace – Salander im Originalfilm – ist meiner Erinnerung nach nicht kleiner als ihr Gegenüber Michael Nyqvist – Blomkvist), zum anderen aber auch durch Blomkvists schützende Geste (die durch Salanders eigene Hand wiederum aufgewertet wird).

Zusammen mit ihrer Nacktheit entsteht so das Bild einer Lisbeth Salander, die Blomkvist jedenfalls nicht ebenbürtig ist; sieht man das Bild zudem im Kontext der erwähnten Fotostrecke aus W, so entsteht deutlich der Eindruck, daß ihre Figur hier als sexuell verfügbar dargestellt wird, verbunden allenfalls mit in die Alltagskultur eingesickerten Fetischisierungsmitteln à la Suicide Girls. Vor allem aber wird Salander in den Bildern aufs Sexuelle nahezu vollständig reduziert.

Das ist insbesondere deshalb so ärgerlich, weil sie in den Romanen – und weitgehend auch im Film von Niels Arden Oplev – zwar auch ein sexuelles Wesen ist (nicht zuletzt ist dies für ihre Beziehung zu Blomkvist von Bedeutung), aber eben nicht hauptsächlich. Alle Insignien und Gegenstände, die für Salander in Buch und Film sonst so wichtig sind – vor allem also ihr Computer – fehlen hier vollständig.

Stieg Larssons Bücher haben eine der vollständigsten, komplexesten Heldinnen im jüngeren Thriller in die Welt gesetzt; die Kampagne für The Girl with the Dragon Tattoo scheint nun schwer daran zu arbeiten, diese harte, widerspenstige Figur, diese schwarze Ritterin des Geschlechterkampfes, zu domestizieren und sexuell verfügbar zu machen.

(Hier nun noch der Trailer zu The Girl with the Dragon Tattoo, in dem Lisbeth Salander, dem Filmtitel zum Trotz, praktisch nicht auftaucht.)

Sans laisser de traces (2010)

Étienne verdankt seinen Erfolg dem Umstand, daß er vor vielen Jahren einmal eine Formel geklaut hat, sie als eigene Erfindung ausgegeben und den eigentlichen Erfinder nicht bedacht hat. Davon lebt die Firma seines Schwiegervaters bis heute sehr gut, und er soll bald den Chefsessel einnehmen – die Wohnung, das Auto, die Tochter zur Frau hat er bereits. Aber das Gewissen quält ihn, und als er eines Tages einen alten Schulfreund wiedertrifft, seit 20 Jahren haben sie sich nicht gesehen, erzählt er ihm die ganze Geschichte. Ganz einfach, sagt der, geh halt hin zu ihm und erzähl ihm alles, wahrscheinlich erinnert er sich nicht einmal mehr.

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Natürlich gerät der nächtliche Besuch zur Katastrophe, der Freund Patrick (François-Xavier Demaison) erschlägt den alten Mann eher in Notwehr als geplant, aber dennoch muß Étienne (Benoît Magimel) jetzt eine Notlüge auf die andere türmen, denn natürlich will er immer noch nicht, daß sein Geheimnis an die Öffentlichkeit kommt. Patrick hat eine Vergangenheit als Kleinganove, das erleichtert vieles (Auto verschwinden lassen, etc.), aber zugleich verheddern sich die beiden in ihren Geschichten immer mehr, und dann taucht auch noch die Tochter (Léa Seydoux) des Opfers auf…

Sans laisser de traces (in Deutschland als Spurlos im Vertrieb) ist ein seltsamer Thriller, bei dem man über die wirklichen Motive selbst der Protagonisten lange im Unklaren bleibt, der sich auch ästhetisch konsequent einer distanzierten, geradezu kalten Haltung befleißigt, die es leider umso schwerer macht, mit dem Protagonisten mitzufiebern, sich auch nur Sorgen um ihn zu machen, das gefühlskalte Arsch.

Ganz so schlimm ist Étienne dann vielleicht sogar nicht, das wird sich zeigen; vorerst scheint er aber gewohnt zu sein, sich Menschen mit Geld vom Leibe zu halten bzw. sie zu befrieden. Magimel spielt das mit vorwiegend leerem Gesichtsausdruck, und bis kurz vor Schluß ändert sich daran auch nicht viel. Die besseren, interessanteren Figuren versteckt der Film in den Nebenrollen: Étiennes Frau (Julie Gayet), die an sich selbst und am Verhalten ihres Mannes fast zerbricht, und natürlich Patrick, dem man fast alles zutraut, nur nicht jene Charakterkonstitution, die er zuletzt offenbart (und zu deren Tarnung die Inszenierung ihr Gutteil beiträgt).

Foto: Sunfilm

Trash am Mittwoch: The Steam Experiment (2009)

Val Kilmer hat in seiner Karriere schon in Filmen aller Qualitätsstufen mitgespielt, von dem phantastischen Heat über den sehr guten Kiss Kiss Bang Bang (meine Kritik) und den durchaus mit gemischten Reaktionen aufgenommene MacGruber bis hin zu… ja, The Steam Experiment. Zumindest in meiner persönlichen Kenntnis von Kilmers Arbeiten dürfte dieser Film den absoluten Tiefpunkt darstellen – nicht einmal primär was Kilmer selbst angeht, der hier so ein bißchen eintönig vor sich hin agiert, sondern vor allem, was den Rest des Films betrifft. The Steam Experiment aka Das Chaos-Experiment ist ein durch und durch furchtbarer Film.

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Am Anfang sieht man eine Reihe von scheinbar unverbundenen Szenen vorbeiziehen, in denen nicht gesprochen wird, sondern vor allem Kilmer mit unterschiedlichen Gesichtsausdrucken, aber stets gleichbleibend stillgelegter Mimik, in unterschiedliche Fernen blickt – zwar stellt der Film später immerhin die Verbindung zwischen den verschiedenen Situationen her, als Handlungselement wird dieses Schweigend-in-die-Ferne-blicken allerdings bis ins Letzte ausgereizt. Da der Erkenntnisgewinn, den man aus einem starr und schweigend blickenden Val Kilmer ziehen kann, eher gering ist, breitet sich nach einiger Zeit schon Langeweile aus, wenn Kilmer nur ins Bild kommt (zumal das, was er zu sagen hat, nicht wirklich aufregender ist als seine Art zu schweigen). Und das ist während etwa der Hälfte des Films.

Kilmer spielt hier „Jimmy“, einen etwas seltsam wirkenden Mann, der vorgibt, sechs Menschen in einem Dampfbad eingesperrt zu haben, wo sie bei 55°C langsam aber sicher innerhalb zweier Stunden zu Tode kommen würden (was, am Rande erwähnt, medizinisch nicht besonders zwingend ist), wenn sie sich nicht vorher gegeneinander umbrächten – all dies um zu zeigen, was die globale Erwärmung, deren Auswirkungen er innerhalb der nächsten Jahre erwarte, mit der Menschheit anstellen werde: Uns nämlich zu egoistischen, mörderischen Monstren machen.

Diese ziemlich eigenartige Prämisse wird dadurch nicht eben besser, daß der zuständige Polizist (Armand Assante), der sich nicht ganz sicher ist, ob er Jimmy für verrückt oder für gefährlich halten soll, keine wirklich nennenswerten Anstrengungen zu unternehmen scheint, die angeblichen Opfer ausfindig zu machen – Spannung erzeugt man anders.

Jedenfalls auch nicht mit den Szenen im Dampfbad, die Regisseur Philippe Martinez (sein bemerkenswertester Film sonst ist womöglich Wake of Death mit Jean-Claude Van Damme) grundsätzlich in extrem gelbstichig überstrahlten Bildern zeigt, die zudem auch noch unscharf und verzerrt zu sehen sind, als wolle er die Wahrnehmungsverschiebung des Dampfes auf eine andere Ebene übertragen. Da sitzen also die drei Männer und drei Frauen, die über einen Internet-Dating-Service (das böse Internet schon wieder) in diese Falle geraten sind. Man stellt sich einander kurz vor, alle sind ja Singles auf der Suche, die Männer wollen Sex, die Frauen nicht angegraben werden, man versteht sich also von Anfang an nicht … aber wie schnell es dann brutal zur Sache geht, wie sehr sich alle anschreien, prügeln und hassen, das überzeugt dann doch nicht. Natürlich läßt der Film bis kurz vor Schluß offen, ob sich die Ereignisse im Dampfbad nur in Jimmys Kopf abspielen, und auch der Schluß löst diese Frage nicht wirklich auf – aber es ist auch einfach egal.

Da ist, im Dampfbad wie im Verhörzimmer, keine zwingende Entwicklung, nur Behauptung: Ein bißchen ähnelt der Film darin den Einlassungen seiner Hauptfigur, und womöglich ist das ein Ziel des Films, daß das Chaos, das Durcheinander der Chaostheorie sich in der Struktur der Erzählung wiederfindet. Der Effekt ist freilich nur Langeweile, in etwa also so, als müßte man der ganzen chaotischen Wirkungskette vom Schmetterlingsflügelschlag bis zum Wirbelsturm in Echtzeit zusehen.

Und in diesem Film, wohlgemerkt, gibt es nicht mal eine Wirkungskette. Nur eine Aneinanderreihung schlecht inszenierter Kopfschmerzen. Samt Mord durch Nagelpistole.

Foto: Sunfilm

À bout portant (2010)

Wer Paris ein wenig kennt, dem öffnet vielleicht wie mir dieser Film die Augen dafür, wie zwingend sich die Topologie dieses Raumes für die Verfolgungsjagd im Film eignet. Wie sehr die engen Gassen es vorstellbar machen, daß selbst durchschnittliche Menschen sich vom Balkon einer Straßenseite ins Fenster gegenüber werfen, wie die Dichte und Enge der ganzen Stadt es unnötig machen, eine Jagd als großes Abenteuer zu inszenieren, sondern es schon mit Jäger_innen und Gejagten zu Fuß, die Kamera stets dicht dabei, zu unglaublich aufregenden Situationen kommen kann.

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À bout portant entwickelt so in den Verfolgungsjagden seine Spannung schon aus der mise-en-scène, aus der Kameraführung und schlichtweg: Aus der zwingenden Notwendigkeit der Räume. Vor allem aber verfügt der Film über eine clever organisierte, immer weiterdrehende Handlung, mithin: ein wunderbares Skript von Regisseur Fred Cavayé und Guillaume Lemans, die bereits bei Pour Elle zusammengearbeitet hatten (der jetzt als The Next Three Days (Trailer) von Paul Haggis mit Russell Crowe und Elizabeth Banks neu verfilmt worden ist).

Ein unbekannter Mann (Roschdy Zem) wird nachts ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er auf der Flucht vor bewaffneten Verfolgern von einem Auto angefahren wurde. Später beobachtet der Krankenpfleger Samuel (Gilles Lellouche) einen Mann, der versucht, den Patienten umzubringen – kurz darauf wird Samuels hochschwangere Frau Nadia (Elena Anaya aus Hierro; meine Kritik) entführt: Er soll den noch immer Bewußtlosen aus der Klinik lotsen und zu einem Treffpunkt bringen, sonst werde Nadia sterben.

Es gibt dann in À bout portant noch einige Verwicklungen und Wendungen, das markante Gesicht Zems darf den Wandel vom Bösewicht zum keinesfalls unproblematischen Sympathieträger spiegeln, den seine Figur durchläuft, und natürlich ist bei der Polizei, das merkt man schon sehr früh, nicht alles so rosig, wie es scheinen mag. Die dortigen Verwicklungen lassen Cavayé dann reichlich Gelegenheit, Claire Perot in der Rolle als aufrechte, aber wütende Polizistin schön und herb zugleich in Szene zu setzen, als habe er noch Größeres mit ihr vor.

Am Schluß gibt es, da kommt die filmische Topologie wieder hervor, eine Katz- und Mausspiel durch eine große Polizeistation, eine fast typisch wirkende Pariser Behörde in einem Altbau, der nie zu diesem Zweck gedacht war, viel zu eng für die vielen Menschen und in diesen Filmmomenten noch gezielt überfüllt; ein großer Raum mit Kacheln auf dem Fußboden ist das Großraumbüro, in dem einfach viele Tische herumstehen. So geerdet und chaotisch geht es vielleicht wirklich zu, und mittendrin spielen sich unbemerkt in kleinen Zimmern Dramen und Kämpfe ab.

Wounded (1997)

Wounded hatte in Deutschland schon viele Namen – er war als Wounded – Beute eines Psychopathen (Amazon-Link) oder Wounded – Eine Spur zu weit zu sehen, die IMDb verzeichnet darüber hinaus auch noch Die einzige Zeugin, Frei zum Abschuß und Zum Abschuss freigegeben als deutsche Alternativtitel. Jetzt hat Atlas Film Home Entertainment den Film als Wild Prey noch einmal veröffentlicht, in einer anscheinend ungekürzten Fassung.

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Immer wieder hat man allerdings den Eindruck, als seien die schlimmsten Blutigkeiten entfernt worden – es geht um einen Wilderer (Adrian Pasdar), der Braunbären und andere geschützte Fauna im Akkord umbringt und Menschen gegenüber nicht eben zimperlicher ist. Wildhüterin Julie (Mädchen Amick, im Bett wie auf der Wildererjagd stets vortrefflich geschminkt) ist bei einem vom FBI initiierten Einsatz gegen den Mann dabei und überlebt als einzige – eher zufällig, weil sie dank eines bisher nicht entdeckten Situs inversus das Herz auf der rechten Seite hat. (Das ist übrigens so ein Motiv, das gerne mal als deux ex medicina bemüht wird, aber m.W. allein schon deshalb Quatsch, weil ein Situs inversus den Symptomen nach zu urteilen früh entdeckt werden dürfte.)

Der Wilderer macht einen auf Vietnam-Psychopath, samt Stolperfallen, angespitzten Holzpfählen und Rambo-Messer, er macht auch vor seinen eigenen Auftraggebern nicht halt, wenn die ihm blöd kommen: Er ist also ein rechter Fiesling, und das versteht man auch schon bald. Man versteht freilich nie so recht, warum, aber das ging mir mit allen Figuren so: Charakterzeichnung ist die Stärke von Wounded nicht, noch ist eine solche in der Inszenierung oder der Dramaturgie zu finden. Es gibt eher absurde (und wie nur angerissen wirkende) Trainings- und Vorbereitungsmontagen, der Zeitverlauf verschiedener Handlungsebenen paßt hinten und vorne nicht zusammen, und der depressive Cop (Graham Greene), der Julie zur Seite steht, bleibt leider auch völlig unterentwickelt. Ach, der Film strotzt nur so vor verschenktem Potenzial.

Das gilt vor allem für das sehr kurze und ziemlich enttäuschende Finale, aus dem sich nicht nur leicht mehr Spannung hätte herauskitzeln lassen, sondern daß vor allem in Sachen Identität und Geschlecht noch viel Dehnungsspielraum gelassen hätte. Da gleicht sich nämlich Julie in Kleidung, Habitus, Bewaffnung und Gesichtsbemalung ihrem Antagonisten an, legt in der Wildhüterhütte Feuer und geht allein in den Wald, mit dem Ziel zu töten. Mädchen Amick hier ganz hinter ihrer Tarnung und ihren Waffen verschwinden zu lassen… ach, aber dem Film fehlt der Mut zu großen Schritten.

Foto: Atlas Film Home Entertainment

Takers (2010)

Was ist eigentlich mit der Kunst geschehen, eine Verfolgungsjagd ordentlich zu inszenieren? Da gab es ja einstmals so revolutionäre Momente wie in The French Connection im Auto quer durch die Stadt einer Hochbahn hinterher – und jeden Moment der Jagd durchlebt man mit, stets weiß man aber auch, was passiert. Nach dem letzten Wochenende muß ich annehmen, dieses spezifische Inszenierungsvermögen sei wohl nach Europa ausgewandert, denn da konnte ich sehen, daß in À bout portant Fred Cavayé zeigt, wie man das macht – und in Takers bekommt man stattdessen den Eindruck, daß John Luessenhop seine Kameraleute gezielt hin- und hergeschubst hat, weil er verwackelte Bilder für spannungsfördernd hält. Örks.

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Dabei fängt es alles recht hübsch an. Eine Gruppe von gutaussehenden, wohlgekleideten Männern beschäftigt sich in ihrer Freizeit damit, perfekt durchgeplante Überfälle zu begehen – man kann sie dabei beobachten, wie sie eine Bank mitten in einem Wolkenkratzer ausnehmen, ohne daß jemand zu Schaden kommt, samt der elegantest eingefädelten Flucht der letzten Filmjahre. Am Abend drauf treffen sie sich wieder, man vertraut einander, ist freundlich zueinander und generell macht das viele Geld da keinen Unterschied, denn man kennt sich offenbar noch aus der Kindheit im Rinnstein.

Wer jetzt erwartet, daß da unter der Oberfläche etwas lauern könnte, wird tief enttäuscht werden. Die Figuren bleiben so blaß und wohlerzogen, wie es nur irgend geht – die etwas wichtigeren Personen (Idris Elba, Paul Walker, Tip „T.I.“ Harris) bekommen ein kleines persönliches Problem oder Charakteristikum aus der Grabbelkiste des Genres angepappt (hier eine alkoholkranke Schwester, dort eine hübsche Frau – Zoe Saldana ist als eye candy und trophy wife überqualifiziert und unterbeschäftigt), die sich dann prompt auch ganz den üblichen Erwartungen gemäß verhalten. Dann gibt es noch einen Cop (Matt Damon) mit kaputter Ehe, der keine rechte Beziehung zu seiner Tochter hinkriegt, weil er sich von seiner Arbeit auffressen läßt.

All das führt nie irgendwohin, sondern bleibt funktionales Beiwerk, das die essentielle Leere der Figurenzeichnung verdecken soll; wie zum Ausgleich sind die wahren Antagonisten dann auch aufs Peinlichste reduziert: Trinkende, im Geiste grobschlächtige Russen mit großen Gewehren. Richtung Ende, nachdem ein (das immerhin thematisiert der Film auch explizit) direkt aus The Italian Job geklauter Heist gnadenlos schief geht, wird es dann hektisch und nervös; es gibt jede Menge Schießereien und jede Menge Tote, aber an Komplexität nimmt der Film nicht mehr zu, und seine Nebenthemen versanden in einem pseudoversöhnlichen Schluß.

Foto: Sony Pictures

Kurz verlinkt, 25. November 2010

Lesens- und Sehenswertes aus den vergangenen Tagen (19. November 2010 bis 25. November 2010):

Armored (2009)

„No one is going to get hurt. Promise.“

Das ist so ein Satz, mit dem zumindest im Film die Katastrophe ex negativo praktisch immer schon angekündigt wird. Wer auf diese Weise in eine kleine oder auch größere Straftat hinein überredet wird, darf davon ausgehen, bald mit den Füßen knietief durch Blut waten zu müssen – und entweder die erwünschte Unschuld zu verlieren, oder sie mit womöglich nicht weniger Brutalität verteidigen zu müssen.

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Insofern nimmt die Geschichte von Armored ihren gewissermaßen zwingenden Verlauf: Die Besatzungen zweier Geldtransporter verabreden sich, gemeinsam das Geld aus ihren Wagen verschwinden zu lassen und einen Überfall vorzutäuschen. Und daß Drahtzieher Mike (Matt Dillon) den Neuling Ty (Columbus Short) erst mühsam und in letzter Minute zur Teilnahme bringen kann, macht natürlich schon zu Beginn beispielhaft deutlich, daß die Motivation der Teilnehmer an diesem Raubzug womöglich recht unterschiedlich ist.

Mike und Ty sind eng verbunden: Tys Eltern waren Mikes Freunde und sind frisch verstorben; Ty, gerade aus der Armee entlassen, muß für sich und seinen kleinen Bruder sorgen, aber die Schulden wachsen ihm über den Kopf. Und gerade, als er sich entschieden hatte, Mike und seinen Kumpanen nicht zu helfen, steht natürlich die Frau von der Kinderfürsorge in seiner Küche und will Ty zu einer Pflegefamilie schicken.

Nimród Antal macht das hier wieder sehr dicht und sehr klassisch, wie er die Figuren aufstellt, Ty klar ins Zentrum der Erzählung rückt; alle anderen Beteiligten werden nur en passant charakterisiert, aber klar zueinander (und natürlich, später wird sich die Gruppe ja in Blut, Schweiß und Tränen auflösen: gegeneinander) positioniert.

So altmodisch-rustikal das eingefädelt und inszeniert ist, so kommen auch die Geldtransporter daher, fast sind sie schon aus der Zeit gefallen, so unwirklich wirkt das heutzutage: Noch ohne GPS, viel Metall und Stahl. Der Rost der alten Fabrik, die zum hauptsächlichen Schauplatz wird, spiegelt den Rost der Technik wieder. Altmodisches Suspense-Kino also, das sich am Anfang viel Zeit läßt und dann aber in wenigen Momenten vollständig kippt. Oder, wie Jochen Werner das für critic.de beschrieben hat:

Die Zeit, die Antal braucht, um vom scheinbar reibungslosen Ablauf zur vollständigen Eskalation zu gelangen und eine Frontlinie durch die Clique seiner Protagonisten zu ziehen, ist in Sekunden zu bemessen […].

Anschließend stapelt Antal Verzweiflung auf Verwicklung, während die Menschen aufeinander losgehen, in den Folgen ihrer eigenen Entscheidungen gefangen, und natürlich muß das auf eine zwingende Katastrophe hinauslaufen, in der niemand ohne Verletzungen bleibt. Dies ist kein Gentlemen’s Meeting wie bei Danny Ocean, hier geht es sehr proletarisch mit Schweiß und Fluchen zur Sache.

Der Titel Armored beschreibt auch nicht nur das Auto, sondern geht darüber hinaus: Denn der Film bildet Schichten von Ausweglosigkeit und persönlicher Seelenpanzerung ab, aber eben auch jene alte Fabrik, in der es keinen Funkempfang gibt, sondern Stahlwände ringsum, komplette Abgrenzung nach außen, gar die Unmöglichkeit jeder Kontaktaufnahme.

Vacancy (2007)

Nachdem ich Predators gesehen hatte (Kritik), schien es mir dringend an der Zeit, endlich mal Nimród Antals andere Filme nachzuholen, die schon länger in meiner Warteschleife kursierten. Begonnen habe ich mit Vacancy, der in Deutschland als Motel vermarktet wurde, womit man sicher im Namen an die Hostel-Filme anknüpfen wollte.

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Die Geschichte ist ja relativ schlicht: Ein Paar (Luke Wilson und Kate Beckinsale), dessen Ehe nach dem Tod des gemeinsamen Kindes gerade zerbricht, verfährt sich auf dem Heimweg von einem Familientreffen im amerikanischen Hinterland. Sie stranden in einem einsamen Motel, und in der Honeymoon-Suite stellen sie bald fest, daß sie offenbar zu unfreiwilligen Hauptdarstellern eines Snuff-Movie werden sollen: Überall im Zimmer sind Kameras versteckt, und schon machen sich der Rezeptionist und zwei Handlanger daran, sie in Angst und Schrecken zu versetzen.

Vacancy ist alles andere als ein blutiger Slasher, im Gegenteil, es passiert im Grunde lange Zeit nichts, die Bedrohung findet primär in den Köpfen der Opfer (und der Zuschauer_innen) statt – das ist näher an einem Psychothriller wie The Strangers (meine Kritik) dran als an Hostel, auf den er sich zu beziehen scheint.

Gleichwohl schreibt sich der Film – auf dem Umweg über den Mythos der „Snuff Movies“ – in die Diskussion um die im angeblichen „torture porn“ gezeigten Grausamkeiten ein; allerdings nutzt der Film, wie Maurice in seiner Kritik richtig feststellt, die medialen Ebenen, die er durch die vielen Kameras und Videobänder aufbaut, praktisch nicht dazu aus, um eine ernsthafte Reflektion des Mediums und seiner Produktions- und Rezeptionsbedingungen anzutreiben. Antal beschränkt sich hier darauf, im Augenblick des Todes die Gesichter der Sterbenden einzufangen; für eine ernsthafte Spiegelung des Snuff-Voyeurismus auf das (Horror-)Kinopublikum geht das nicht weit genug.

Was dem Regisseur – und da trifft sich Vacancy mit seiner Arbeit in Predators – allerdings hervorragend gelingt ist die sauerstoffreiche Beatmung von fast schon stereotypen Genreelementen, bis diese sich tatsächlich zu einem gekonnt verknappten (85 Minuten) und reduzierten Spannungsbogen fügen, der sich gewaschen hat. Antal ist old school: Spannung entsteht durch Musik, geweitete Augen und vor allem gekonnte Kadrierung, Ausschnitte, Bewegungen im Hintergrund. Gelegentlich hat das die Eleganz eines Holzhammers – wenn etwa Mann und Frau, anfangs im Auto, fast nie nebeneinander, sondern nur in Einzelaufnahmen zu sehen sind, mit viel dunklem Raum neben sich, dann muß man dem Paar gar nicht zuhören, wie sie sich angiften, die Entfremdung kriegt man auch visuell wie einen nassen Waschlappen ins Gesicht geworfen. Wirkungsvoll ist das allemal.

Was Antal da macht, ist eine Rückbesinnung auf traditionelle Qualitäten – aktualisiert und angepaßt an Sehgewohnheiten und -erfahrungen seines aktuellen Publikums. Er verweist im Film sehr deutlich darauf – nicht nur im sehr klassisch anmutenden Vorspann, und darin, daß das Motel insgesamt aus den 1970er, 1980er Jahren stammen könnte (was die dem Backwoods-Slasher ähnelnde geographische Ausgangslage unterstreicht); er tut es vor allem durch die Ästhetik der Videofilme, die das Ehepaar in ihrem Zimmer finden: Technologisch und mit ihren verwaschenen Farben sind sie Relikte einer vergehenden Zeit, aber auch die Menschen, die in den Snuffstreifen zu sehen sind, wirken in Frisuren und vor allem mit ihrer Kleidung, als seien sie aus der Zeit gefallen.