The Hangover Part II (2011)

The Hangover Part II ist vielleicht das, was man ein archetypisches Sequel nennen könnte, oder jedenfalls: die Bestätigung all der Vorurteile, die man über nachgereichte Zweitfilme so haben kann. Immerhin ist diesmal mit Todd Phillips noch der gleiche Regisseur mit an Bord wie vor zwei Jahren, ein Spezialist in Sachen Junggesellen- oder Großejungs-Filme also, der außerdem noch den gräßlichen Old School sowie Due Date gemacht hat. Dennoch: The Hangover Part II ist strukturell wie inhaltlich nahezu identisch mit The Hangover, auch wenn natürlich Figuren, Tiere, Entführungsopfer und -täter ausgetauscht und hin- und hergeschoben werden. Und statt „Viva Las Vegas“ ist es hier eben „One Night in Bangkok“.

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Diesmal soll Stu (Ed Helms) heiraten, der brave Zahnarzt, der sich im ersten Film im Drogeneinfluß mit einer Stripperin verheiratet hatte und dadurch letzten Endes aus seiner doch sehr beengenden Beziehung ausbrechen konnte – jetzt hat er sich mit Lauren (Jamie Chung) ein bezauberndes Wesen geangelt, von dem man nie so recht versteht, was sie an ihm findet, aber das spielt hier auch nicht wirklich eine Rolle. Frauen sind in der Hangover-Welt nachsichtige Randgestalten – durchweg positive Figuren, das sollte man vielleicht betonen, stets erwachsener oder mindestens vernünftiger als die Männer.

Das Erstaunliche an diesen beiden Filmen ist eigentlich, daß sie die Identitätskrisen der Männer praktisch ohne Bezug auf und Abgrenzung von Frauen bewerkstelligen. Es fehlt damit völlig jene tendenzielle Abwertung des anderen Geschlechts, die andere Jungsfilme so unangenehm macht. Natürlich geht es dennoch auch um (Hetero-)Sexualität und um das Überschreiten von Grenzen auch sexueller Natur; aber es sind immer die Männer, die dabei – wenn sie dann wieder klaren Kopfes sind – unentspannt auf eine irre Welt reagieren, auf die sie sich unter Drogeneinfluß entspannt eingelassen hatten.

Denn natürlich nimmt auch in The Hangover Part II ein diesmal sehr klein geplanter Junggesellenabend einen rapide anderen Verlauf, an dem sich Stu und seine Freunde plötzlich in einer Absteige in Bangkok wiederfinden – die Hochzeitsgesellschaft wartet so einige Kilometer entfernt an der thailändischen Küste -, mit einem Affen, dem abgeschnittenen Finger von Laurens Bruder Teddy (Mason Lee) und keiner Ahnung, was passiert ist – oder wo der Rest von Teddy steckt.

Die harmlosen Jungs aus der Vorstadt – der Zahnarzt, der verheiratete Grundschullehrer, der Irre – in der wilden weiten Welt. Nach und nach finden sie heraus, was sie in der vergangenen Nacht alles angerichtet haben; irgendwie geht immer alles gut, das ist natürlich die Vorbedingung, der Exzeß, aus dem sich der Humor des Filmes speist, ist hier nie fundamental bedrohlich, sondern eröffnet neue Möglichkeiten und Horizonte: Erst im Exzeß finden wir zu uns selbst.

Das ist, wenn man es recht bedenkt, nicht nur ein Topos des Jungmännerfilms der letzten Jahre – man denke nur zuletzt an Get Him to the Greek (meine Kritik) – erstaunlich nah an den hippiesken Selbstfindungsphantasien durch LSD und andere Rauschmittel – die 68er sind also im amerikanischen Mainstream angekommen: so brav sind sie aber dann doch (der verheiratete Grundschullehrer macht nämlich keine allzu schlimmen sachen), daß die wahren Exzesse vor der Hochzeit abgehakt werden müssen.

Fotos: Warner Bros.

Drive Angry 3D (2011)

Dieser Film über einen nicht totzukriegenden Mann, der an einem Satanisten den brutalen Mord an seiner Tochter rächen und den an seinem Enkelkind verhindern will, ist im Grunde eine ehrlichere Hommage ans Exploitationkino als der in dieser Hinsicht wesentlich bemühtere Hobo With a Shotgun, der primär Versatzstücke des Trashkinos aneinanderfügt, die vorher auf besonders großen Skandalwert hin übersteigert wurden. Das Problem dabei ist, daß Jason Eiseners Hobo sich nie zu einem wirklich überzeugenden Ganzen fügen will; es gibt keine hinreichend krasse Motivation für den Protagonisten, das zu tun, was er tut. Alle sind irgendwie outrageously brutal und rücksichtslos, aber all das findet als reine Show statt, für die es keinen Impetus zu geben scheint.

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Das ist in Drive Angry anders: Hier sind Figuren wie Darstellung nicht weniger brutal, aber die Motivation für alle beteiligten ist klar ausgebreitet. Das sind nicht weniger typische Trashmomente, einer halbgaren Pseudomythologie entliehen, in der die Weltordnung mit Himmel und Hölle wirklich rein funktionales Showelement ist; aber es wird hier so positioniert, daß damit die Figuren in einer Geschichte mit klaren Gut- und Böse-Pfeilern zu allem bereit und willens sind.

Dazu die Ausstattung – das Auto, die Sonnenbrille, Cages Frisur – und die platten, Gedanken aber immerhin simulierenden Namen (John Milton, natürlich, und „The Accountant“), das hemmungslose Rumgeballer und Blutvergießen, dessen Inszenierung ganz dem größtmöglichen Effekt für die 3D-Kinos unterworfen ist. Alle naselang fliegen Gegenstände, Kugeln oder Körperteile in Richtung der Kamera – ehrlicher kann man Big-Budget-Exploitationskino eigentlich nicht machen. (Regisseur Patrick Lussier hatte das bei My Bloody Valentinemeine Kritik – schon erfolgreich erprobt, dort allerdings mit einem Drehbuch und generell Filmkonzept, daß d’r Sau graust.)

Natürlich fehlt dem Film die selbstironische Auseinandersetzung mit seinen Vorbildern, die etwa Machete zu seinem amüsanten Abenteuer macht. Aber gerade im Vergleich mit dem permanent auf das Augenzwinkern schielenden Versuch wie Hobo With a Shotgun überzeugt die ehrliche Schrottigkeit der Erzählung, der ungeschminkte Wink mit den Splattereffekten. Nicolas Cage kann hier natürlich erneut zeigen, daß es derzeit kaum eine bessere Besetzung als ihn für großkotzig gedachten Trash gibt, und William Fichtner wie Amber Heard lassen sich so richtig gerne in ihre Rollen hineinfallen. Jemand sollte Heard jedenfalls mal eine Actionhauptrolle geben.

Repo Men (2010)

Ursprünglich erschienen in Deadline #21, Mai 2010

Im Grunde ist das eine schöne Utopie: Dass auf einmal jedes wichtige menschliche Organ ersetzt werden kann durch ein künstliches Implantat, ohne die Sorgen und Wartelisten für Spenderherzen, und womöglich noch mit schicken zusätzlichen Funktionen. Es wäre im Grunde ein Aufbruch in eine neue, bessere Welt, wäre da nicht, wie stets bei Operationen am offenen Gesundheitssystem, die alles entscheidende Frage: Wer soll das bezahlen?

In der Welt von Repo Men ist die Antwort darauf klar: der Kunde selbst, und wenn er seine Raten trotz mehrmaliger Erinnerung nicht zahlen kann oder will, dann treten die titelgebenden Reposession Men in Erscheinung: Für „The Union“, Hersteller der künstlichen Organe, nehmen sie dem Schuldner Herz, Niere, Kniegelenk oder Hornhaut wieder heraus. Meist betäubt mit Elektrotasern tanzen die Betroffenen, schon in der Horizontalen, den „Reposession Mambo“, wie Remy (Jude Law) das Zucken der Füße durch die Stromschläge nennt. Und natürlich überlebt kaum jemand einen Besuch der Repo Men.

Remy und Jake (Forest Whitaker) machen das schon lange zusammen, sie sind Kumpel seit der Schulzeit und als Kollegen die wohl effektivsten Repo Men der Firma. Dann geht aber ein Job schief, und Remy findet sich auf einmal selbst mit einem neuen Herz im Krankenhaus wieder. Weil er es aber nun nicht mehr fertig bringt, anderen Menschen ihre Organe zu entfernen, verliert er rasch an Kreditwürdigkeit gegenüber seinem Arbeitgeber und findet sich bald selbst auf der Wiederbeschaffungsliste wieder, da sind erst dreißig Minuten des Films um.

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Natürlich erwartet man von einem Streifen wie Repo Men, angesiedelt irgendwo zwischen Actionspektakel und Science Fiction, mit vagen Anklängen an das body horror-Genre, nicht eben elaborierte Charakterstudien, sondern flotte Schnitte, wilde Kämpfe und Blutspritzer. Und in der Tat hat der erste Langfilm von Regisseur Miguel Sapochnik in dieser Hinsicht einiges vorzuweisen, unzählige Male werden Körper geöffnet, spritzt Blut und röcheln ruppig betäubte Menschen ihrem sicheren Tod durch Organverlust entgegen. Oft aber wirkt es so, als sei die Motivation für manche Szenen allein gewesen, dass man noch einmal eine Blutfontäne zeigen konnte.

Motivation ist in diesem Film das Hauptproblem, denn insbesondere das entscheidend die Handlung vorantreibende Moment, die plötzlichen Gewissensbisse von Remy, mag man diesem vorher so abgebrüht agierenden Handlanger seiner Firma nicht so recht abnehmen. Dafür kommt der Bruch zu plötzlich, dafür scheint er auch selbst viel zu sehr Angst davor zu haben, selbst zur Zielperson zu werden. Plötzlich sind seine Opfer für ihn Personen mit Namen, Frau und Kindern – woher aber dieser Wandel kommt, bleibt unklar, und nicht weniger, was ihn und Jake zusammenhält (und dann natürlich gegeneinander treibt), oder was ihn vor seiner Herzoperation antrieb, außer vielleicht dem Geld (aber ganz luxuriös scheint die Bezahlung auch nicht zu sein).

Das alles ist umso irritierender, weil der Film darauf beharrt, dass die Arbeit der Repo Men für die meisten Menschen ihrer Gesellschaft offenbar moralisch verwerflich ist. Zwar gibt es anfangs ein Voice-Over, das von Wirtschaftskrise, einem Krieg und dem Zusammenbruch des amerikanischen Staatswesens berichtet; aber das sind nur Stereotypen des dystopischen Science Fiction, die nichts erklären und alles ermöglichen sollen. Und Repo Men interessiert sich nicht wirklich für die eigentlich zwingenden Fragen, mit was für einer Form von entfesseltem Hyperkapitalismus man es hier zu tun haben müsse, der den Körper selbst so freizügig dem Profit unterordnet.

Mit seinem grotesken, überzeichnenden Blick hat das im Grunde Darren Lynn Bousmans Repo! The Genetic Opera (meine Kritik) vor zwei Jahren wesentlich genauer angesehen. Dort gerieten dann unter einer ähnlichen Handlungsprämisse die künstlichen Organe nebst weiteren Körpermodifikationen zu Lifestyle-Objekten für die besitzenden Klassen. Das denkt logisch Piercings, Tattoos und kosmetische Chirurgie unter den Bedingungen neuer medizinischer Möglichkeiten weiter – und macht aus den möglichen neurotischen und/oder erotischen Effekten und Gelüsten ein Fest der abweichenden Lebens- und Liebesformen, in dem sich Fetischismus, Sadomasochismus und Körperkult zu einem bizarren Drogenfest verbinden.

Gleichwohl ist Repo! eher eine bizarr übersteigerte Steampunk-Fantasie mit einer gehörigen Portion Gothic Horror, den Musical-Anteil nicht zu vergessen. Repo Men richtet sich auch in seiner Ästhetik an den um Ernsthaftigkeit sehr bemühten Dystopien in der Tradition von Blade Runner aus und kopiert leider auch ohne große Originalität deren Ästhetik. Nächtliche Städte dominieren das Bild, Industriebrachen und Neonlicht, alles ist immerzu schwarzblau, grau und metallen. Repo Men ist zu blass, zu beliebig, um wirklich aufregend zu sein.

Nur eine Szene gibt es, kurz vor Schluss, da scheint auf, zu welchen abgründigen Größen sich das Thema des Films aufschwingen ließe. Man kann den Moment nicht ausführlich beschreiben, ohne viel von der Handlung preiszugeben, daher nur so viel: Es ist eine intime Szene zwischen Remy und seiner neuen Gefährtin Beth (Alice Braga), mit viel nackter Haut und hochgradig erotisch aufgeladen, zugleich blutig und in der Handlungslogik eng um die künstlichen Organe kreisend, die beide in ihrem Körper tragen.

Da bekommt man eine Ahnung, in welche Begriffe, in welch entgrenztes Körperbild, in welche Ästhetik sich solche tiefgreifenden Leibesmodifikationen auch fassen ließen – aber auch, welche libidinöse Besetzung ihre Arbeit womöglich für die Repo Men haben könnte. Kurz vor seinem Ende reißt der Film so noch einmal einen großen, großen Abgrund auf, bringt Lust und Liebe und Begehren ins Spiel – und führt so leider nur noch, aber mit aller Deutlichkeit, seine eigenen Mängel vor.

Trash Humpers (2009)

Ursprünglich erschienen in Deadline #26, März 2011

Es ist, so viel Warnung darf sein, nicht besonders sinnvoll, an Harmony Korines Trash Humpers mit einer normalen Seherwartung heranzutreten. Denn was Korine hier zu einem hochgradig eigenartigen Film verbunden hat, enthält nur noch Spuren von üblichen Erzählstrukturen oder Spannungsbögen und ist vor allem aber ein Generalangriff auf die ästhetischen Empfindsamkeiten des Mainstreampublikums. Korine, im amerikanischen Independentfilm gerne als „Enfant terrible“ gesehen, hat seinen neuen Film mit der Ästhetik einer mehrfach überspielten VHS-Kassette versehen, inklusive aller möglichen typischen Artefakte, die bei solchen Kameras bei Schnitt und Kopie typisch sind, ein wackeliges Heimvideo ist das – wer in den 1980ern schon mit Film herumgespielt hat, wird sich erinnern.

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Korine lässt zwei Männer und eine Frau, durch Gesichtsmasken und Körperhaltung wie Zerrbilder alter Menschen wirkend, durch ein meist nächtliches Nashville wandern, wo sie in verlassenen Häusern Fernseher und Wände mit Äxten traktieren, Glasflaschen in Tiefgaragen und Ziegelsteine auf der Straße zerschlagen. Sie randalieren, scheinbar sinnlos; einmal rollt einer langsam mit einem Rollstuhl in die Rabatten und fällt langsam kopfüber mitten ins Beet. Vor allem aber werden Äste masturbiert und Mülleimer besprungen: Da darf man den Titel ganz wörtlich nehmen. Das erinnert in seiner Destruktionskraft zuweilen an Jackass, aber ohne jede humoristische Erlösung. Die Szenen sind verbindungslos und scheinbar sinnfrei aneinandergereiht, später gibt es mit anderen Figuren auch Interaktion und Gespräche, voller ständig wiederholter Ausdrücke und sexueller Anspielungen: Da wird ein Mann mit Pfannkuchen gefüttert, und die Frau ruft in pornographischem Duktus: „Ich will dich schlucken sehen, bitch!“

Das liegt radikal irgendwo im Nebel zwischen Freakshow und White Trash, zwischen Metakritik des Mainstreamkinos und erhabenem Trash. 74 Minuten,auf die man sich einlassen wollen muss, weil man sonst sich selbst und Trash Humpers einer Chance beraubt.

Hua Mulan (2009)

Ursprünglich erschienen in Deadline #24, November 2010

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Spätestens seit dem Disney-Trickfilm dieses Namens kennt man auch im Westen die Grundzüge der Legende von Mulan, einer Chinesin zur Zeit der Nördlichen Wie-Dynastie, die sich, als Mann verkleidet, anstelle ihres kranken Vaters zur Armee meldet, um ihn vor den Strapazen des Krieges zu schützen und die dann unversehens zur Kriegsheldin wird. Die chinesische Fassung unter der Regie von Jingle Ma (Tokyo Raiders) erscheint ganz im Gewand eines Historienepos und erzählt die Geschichte in vielen, oft nur locker und durch Weißblenden verbundenen Episoden.

Das Problem des Geschlechtertausches spielt in Hua Mulan (deutsch: Mulan – Legende einer Kriegerin) hier nur eine Nebenrolle und wird kurz vor Schluss mit einem Handstreich für erledigt erklärt, dafür geht es um Selbstaufopferung mit nationalen Untertönen. Und damit klar wird, wer gut ist und wer böse, wird der Herrscher der Kriegsgegner besonders barbarisch und dekadent inszeniert: Er tötet seinen Vater, unterdrückt seine Schwester, ist faul und trinkt. Wei Zhao als Mulan und Jaycee Chan (Sohn von Jackie) geben den Hauptfiguren ein bisschen Leben und Komplexität, über den insgesamt etwas faden Wechsel zwischen Ruhe und Schlachtenszenen täuscht aber auch das kaum hinweg. Das Thema aber beschäftigt weiter: Dem Vernehmen nach ist Jan de Bont gerade mit einer weiteren Verfilmung mit Ziyi Zhang beschäftigt.

Catacombs (2007)

Natürlich gibt es tausend gute Gründe, warum man einen Horrorfilm in den Pariser Katakomben spielen lassen könnte, sollte, müßte: Die Enge des Raumes, die labyrinthischen Gänge, von denen in der Tat nicht alle öffentlich zugänglich sind, die zahllosen Gebeine, die zu Phantasien über Tote und Untote fast zwingend einladen. Aber man möchte dann eigentlich schon, daß so ein Film die (eingebildete) Mythologie des Ortes mit ein wenig Respekt behandelt und nicht nur als billigen Hintergrund für wirres Filmemachen.

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In dieser Hinsicht scheitert Catacombs nämlich ziemlich eindeutig. Die Protagonistin Victoria, eine milde psychotisch überverängstigte Shannyn Sossamon, wird schon in den allerersten Szenen mit mit viel zu vielen Sorgen, Problemen und Phobien belastet – die im übrigen nie größere psychologische Tiefe bekommen -, als daß man sich noch wirklich mit ihr beschäftigen wollte. Ihre Schwester Carolyn (gegeben von der von mir eigentlich geschätzten Pink) ist eine ultranervige Partygöre, die ihre Schwester nach Paris eingeladen hat, um sie ein wenig aus ihrem Schneckenhaus zu befreien, aber von der ersten Minute an von deren Ängsten schon wieder total genervt ist.

Nach einer kurzen Phase exzessiven Shoppings geht es dann zu einer Party in die Pariser Katakomben, wo Carolyns Freunde der armen Victoria eine Geschichte davon auftischen, daß angeblich der Sohn des Antichristen hier geboren und aufgezogen worden sei, der seitdem mordend und menschenfressend in den Höhlen hause; und prompt muß sich Victoria, als sie die Party verläßt, vor einem bedrohlichen Fremden in Sicherheit bringen…

Der Film zeigt anfangs also eine Handvoll Partyszenen, aber stroboskopartige Lichteffekte gibt es dann auch später noch, weil sich angeblich Taschenlampen so verhalten, wenn die Batterie nachläßt. Aha. Das Licht reicht jedenfalls immer gerade noch aus, daß man Sossamon sehr, sehr viel dabei zusehen kann, wie sie sehr, sehr ausführlich schreiend oder schwer atmend durch halbdunkle Gänge läuft; wenn die Hektik zunimmt, wackelt die Kamera, oder, wenn’s Adrenalin angeblich pumpt, werden die Schnitte schneller, die Bilder erratischer. Die dann gerne noch blitzartig kurz eingeblendeten Szenen dessen, was sich Victoria so nach den Erzählungen ihrer Schwester vorstellt, sind tricktechnisch wie dramaturgisch stümperhaft ein- und ausgeführt, vor allem aber: unfreiwillig komisch.

Wer nach dieser Beschreibung meint, das womöglich alles schon mal oder gar besser gesehen zu haben, täuscht sich nicht; der Film von Tomm Coker und David Elliot (auch Drehbuch) ist fade Standardware vom feinsten abgelutschten Genrelolli, und obendrein ein stilistisches und ästhetisches Ärgernis. Shannyn Sossamon, die sonst immerhin ein Grund wäre, den Film zu sehen, ist nicht nur im Dauerhalbschatten, sondern darf auch nur schreien und verängstigt gucken.

Vielleicht ist es deshalb kein großes Wunder, daß Coker seitdem filmisch nicht mehr in Erscheinung getreten ist, während Elliot immerhin anschließend mit Stuart Beattie und Paul Lovett das Drehbuch für G.I. Joe: The Rise of Cobra gestrickt hat. Vielleicht brauchten sie jemanden, der schon mal in Paris war und dann auch bei der geographischen Zuordnung keine Hilfe war.

Das Ende ist übrigens halboriginell und wirklich ganz hübsch. Die Qual der Filmsichtung allerdings ist es dann doch nicht wert.

Texte zu Filmstarts (5. Mai 2011)

In dieser Woche starten mindestens zwei sehenswerte Filme in den deutschen Kinos, die ich vorab gesehen habe. Das ist zum einen Wes Cravens neuester Streich, die dritte Fortsetzung seiner Scream-Filme. Scream 4, den ich für critic.de ausführlich besprochen habe, spielt mit den in den ersten drei Filmen bereits etablierten Regeln des Metaslashers, kombiniert das Ganze effektvoll mit Verweisen auf Neue Medien – und macht dann daraus doch einen ganz traditionell effektiven Slasher. Hübsch anzusehen, wenn auch nicht immer sehr furchterregend.

Im französischen Drama Pieds nus sur les limaces (deutsch, fast wörtlich: Barfuß auf Nacktschnecken; meine Kritik steht bei filmstarts.de) mit Diane Kruger und Ludivine Sagnier dreht es sich um subtilere Dinge. Zwei sehr unterschiedliche Schwestern müssen mit den Folgen umgehen, die der plötzliche Tod ihrer Mutter verursacht – und das heißt vor allem: miteinander.

Foto: Central Film

Thor (2011)

Irgendwie kann ich die Begeisterung für die neue Marvel-Verfilmung Thor nicht ganz teilen. Gewiß, der Film ist ordentlich gemacht und hinreichend flott inszeniert, daß keine Langeweile aufkommt. Die Erzählstruktur ist etwas eigenwillig – mit einer langen, sehr actionreichen Exposition – und die nordische Mythologie, die die Grundlage für diesen eigentümlichen Superhelden ist, wurde recht einfallsreich integriert. (Inwieweit das mit der Hintergrundgeschichte der Comics übereinstimmt, vermag ich allerdings nicht zu sagen; vielleicht können meine belesenen Leser_innen dazu Genaueres beitragen?)

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Zugleich aber ist Thor in allem zu viel: zu viel Krach und Getöse, zu viel CGI, das zudem übertrieben und künstlich wirkt – die Kostüme von Odin, Thor und ihren Gefährt_innen sehen aus wie das Plastik, aus dem sie vermutlich gemacht sind. Die Handlung ist, nordische Götterwelt hin, Kenneth Branaghs Shakespeare-Andeutungen her, dünn und brüchig wie nordisches Knäckebrot, aber das ist natürlich bei Samstagabendpopcornunterhaltung in Form einer Comicverfilmung kein wirklich valider Kritikpunkt. Daß sie bis in Details vorhersehbar bleibt, womöglich schon eher, weil es den unbeschwerten, auch hirntoten Genuß empfindlich stören kann; aber vielleicht übertreibe ich. Die geschätzte Jenny jedenfalls weiß durchaus einige starke Argumente für den Film aufzuzählen.

Was mich dann aber doch empfindlich nervt, ist die nur an der Oberfläche nicht altbackene Geschlechterordnung, die der Film vor sich herträgt. Gewiß, es geht hier um einen männlichen Helden, der (das verlangt gewissermaßen schon die Vorlage) natürlich im Mittelpunkt stehen muß. Und immerhin kehrt Branagh die immer noch üblichen Blickrichtungen dahingehend um, daß er Thor-Darsteller Chris Hemsworth ganz dezidiert und explizit zum Schauobjekt macht (siehe das Bild ganz oben), das von den Protagonistinnen (gegeben von Natalie Portman und Kate Jennings) bewertet wird. Und damit eben auch: Bewundert. Aber das ist im Actionkino nichts Neues, das läßt sich, mit weniger Selbstironie, schon bei den frühen Schwarzenegger- und Stallone-Filmen finden.

Geschenkt, außerdem natürlich, Thor ist ja der Held. Und sieht in der Tat gut aus. Aber daß die ihrerseits ziemlich gutaussehende Astrophysikerin (Portman) sich ohne das geringste Nachdenken in diesen etwas tumben und sehr arroganten Schönling verliebt, ist dann doch etwas, hm, eigenartig. Als ob sie solche Typen nicht schon zuhauf in Highschool und College erlebt hätte (und womöglich abwehren mußte), von sich selbst überzeugte Muskelberge mit charmantem Lächeln.

So darf eine Frau in Thor zwar ein bißchen klug sein, aber es darf keine allzu große Rolle spielen, schließlich wird sie dann doch rasch Randfigur und Hinschmachtende. Und die durchaus präsente Kämpferin Sif (Jaimie Alexander) aus Asgard ist auch dort, das wird extra betont, eine Ausnahmeerscheinung, deren Sichtbarkeit allenfalls ihre Besonderheit betont. Und natürlich leistet sie hier auch als Kämpferin nichts wirklich Außergewöhnliches. Die ungeschriebene Regel der Filme mit Superheld_innen lautet ja: Du sollst keine Superheld_in neben mir haben.

Das wird für The Avengers noch zu einem ernsthaften Problem werden, der so viele Singulärfiguren irgendwie zu einem Ensemble verschmelzen soll. Ob Regisseur Joss Whedon es wohl richten können wird?

Fotos: Paramount

Text zu Filmstart (28. April 2011): Mother and Child

Auch wenn es gut sein kann, daß ich heute abend noch Thor zu sehen bekomme (dessen kritische Rezeption bislang aber eher schlechte Vibes abstrahlt), es gibt einen Film, der morgen startet und den ich zur Sichtung sehr empfehlen kann: Mother and Child aka Mütter und Töchter. Verschorftere Gemüter mögen das Drama etwas zu schmalzig finden, aber mit gewöhnlich gutem Menschenverstand sieht man darin eher eine enorm dichte und nur selten zu viel Pathos verströmende Betrachtung über Elternschaft, Kindschaft und wie wir miteinander umgehen. Die ganz großen Themen also; meine Detailkritik steht bei filmstarts.de.

Foto: Universum

Texte zu Filmstarts (21. April 2011)

Zwei der in dieser Woche startenden Filme habe ich vorab sehen können, und diesmal muß man klar sagen: die Signalfarbe Rot steht für Stop! Warum man sich Red Riding Hood nicht ansehen sollte, habe ich hier ausführlicher aufgeschrieben.

Unbedingt einen Besuch wert hingegen ist Four Lions. Die schwarze britische Komödie über eine Gruppe Möchtegern-Selbstmordattentäter ist brüllend schmerzhaft komisch. Vergangene Woche habe ich auch ein bißchen über die angebliche Zensurdebatte geschrieben, die es im Januar um den Film (nicht) gab.

Foto: Fantasy Filmfest