Red Riding Hood (2011)

Kommt es mir nur so vor, als ob sich in letzter Zeit besonders viele Filme auf das Rotkäppchen-Märchen beziehen? Die britische Red Riding-Trilogie ist natürlich noch die offensichtlichste, in Trick’r Treat spielt die Geschichte eine Rolle, in Hoodwinked! natürlich sowieso, von Hard Candy zu schweigen. Und auch Hanna versteckt (nicht nur) dieses Märchen unter seiner Actionoberfläche.

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Wollte man böse sein, so bräuchte man nur zu behaupten, Regisseurin Catherine Hardwicke (Twilight) habe sich allein deshalb für dieses Projekt interessiert, weil es (wie in Twilight) eine pseudo-starke, schmachtende weibliche Hauptfigur gibt und im Hintergrund (wie in Twilight) ein Werwolf lauert. Natürlich ist der Film dennoch ganz anders als die Vampir-Schmonzette (sorry, ich bin schon beim zweiten Buch immer eingeschlafen und konnte Hardwickes Verfilmung kaum ertragen), aber eine wirklich aufregende neue Sicht auf den Märchenstoff bietet das Drehbuch von David Johnson auch nicht.

Der Film beginnt mit einem ausführlichen Flug über eine anscheinend am Computer erzeugte Märchenwelt – und genau dieser ästhetische Zugriff, das Märchenhaft-Artifizielle, bleibt dann auch die entscheidende Perspektive des Films. Sobald das Böse hier sein behaartes Haupt regt (auch wenn man’s noch nicht sieht), beginnt es zu schneien, und hört dann für den Rest des Filmes nicht mehr auf. Die Holzhütten in diesem angeblich ärmlichen Dorf sind solides Blockhäusermaterial, das alles pittoresk, aber eigentlich unpraktisch an- und nebeneinandergetürmt. Natürlich gibt es zwei Männer, die um die Hand der schönen Valerie (Amanda Seyfried) werben, und natürlich könnte jeder von ihnen auch der Werwolf sein, der den Ort heimsucht. Sie mögen sich nicht besonders, und zwar auf die plattest mögliche Weise. („If you are the wolf, I will chop your head off.“ – „And I will do the same to you.“ Werdet mal erwachsen, Jungs.)

Mit Gary Oldmans Father Solomon bricht dann ein bißchen dringend benötigter Wahnsinn in diese Geschichte ein, und gerne sähe man ihn seine Dracula-Zähne ausfahren, selbst auf das Risikio, damit wieder näher an Twilight zu rutschen; einfach nur, damit Oldman mehr zu sehen ist. Aber, alas, seine Rolle beschränkt sich hier auf den milde historisch begründbaren Wahnsinn (und zugleich eine Zwischenfigur zwischen Dracula und van Helsing), das wird recht bald geklärt und sich dann seiner vorhersehbar entledigt; wie man im übrigen auch recht blind sein muß, um die sonstigen Andeutungen über die Identität des Monstrums zu übersehen. (Man kann sich aber dennoch ein wenig täuschen.)

Es gibt haufenweise Seltsamkeiten in diesem Film; eine sehr steampunky daherkommende Apparatur, groß und aufwändig, die nach einer kurzen Szene niemand mehr braucht; ein rotes Cape, das zwar viel rumgezeigt, herumgetragen und ausgebreitet wird, aber doch seine ja nicht nur vagen Bedeutungsebenen psychosexueller und anatomischer Art bloß auf keinen Fall ausstellen soll. Was dabei herauskommt, ist ein ziemlich lieblos dahinkleckernder Film, der aus dem Märchen kaum mehr macht als ein Werwolf-Whodunnit mit schmalzigem Ende und seltsamer Geschlechterpolitik und -ikonografie, in der das Männliche (Schwarz, Mut, Ehre, Kraft, Lust) und das Weibliche (Rot/Weiß, Weisheit, Verständnis, Sehnsucht) einander Kontrastfolie sind. Altbackener geht’s ja nun kaum.

Immerhin sieht das alles von Anfang bis Ende gut aus, und nicht allein wegen Amanda Seyfried.

Foto: Warner Bros.

Hoodwinked! (2005)

Das Grundkonzept von Hoodwinked! hat einen gewissen Charme: mit Rotkäppchen ein bekanntes Märchen zu nehmen und dann eine Kriminalgeschichte darum herum zu stricken, die völlig die Grenzen der althergebrachten Geschichte verläßt und stattdessen vor Spielereien mit anderen Märchen und popkulturellen Referenzen nur so strotzt. (Jasper Fforde macht ähnliches, womöglich noch besser in der Literatur zum Beispiel in Big Over Easy und The 4th Bear auf ziemlich beeindruckende Weise.)

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Daß das Ganze dann in eine Kriminalgeschichte eingebettet wird (der postmodernen Erzählform par excellence) gibt dem Pastichespiel eine schöne Struktur, in der zunächst alles zusammengreift, bis dann allerdings der ganze Film rasch in ein Actionabenteuer zerfällt. Zugleich konzentriert sich die Handlung zunehmend auf eine eher schlichte Gut-Böse-Konstellation, während viele der vorher recht schön eingeführten Figuren stark in den Hintergrund treten.

Hoodwinked bleibt dann immer noch ziemlich harmlos-unterhaltsam (und wahrscheinlich brauchbar für Kinder so ab ca. 6 Jahren aufwärts), aber ohne das Verwirrspiel à la The Usual Suspects, das am Anfang eingeführt wird, gerät das letzte Drittel des Films zur eher flachen, vorhersehbaren Standardware. Die jüngst angekündigte Fortsetzung sieht nicht unbedingt vielversprechender aus.

Texte zu Filmstarts (7., 14. April 2011)

Morgen startet mit Greg Mottolas Paul eine durchaus vergnügliche Science-Fiction-Komödie mit Simon Pegg und Nick Frost; vor allem Kristen Wiig liefert eine hochgradig komische Performance ab. Der ganz große Wurf, die ganz clevere Alienfilm-Parodie (wie es Shaun of the Dead für den Zombiefilm war) ist Paul zwar nicht geworden; aber wer die Hauptdarsteller mag oder dem Genre verfallen ist, wird mit allerlei cleveren In-Jokes versorgt und viel Verständnis für die Besonderheiten von Nerds. Meine ausführliche Besprechung hier im Blog.

Schon seit vergangener Woche trampeln ein paar ganz irdisch-fantastische Wesen durchs deutsche Kino: Trolle. Der norwegische Film Trollhunter ist sehr eigen, aber m.E. für Freund_innen des fantastischen Films unbedingt sehenswert. Etwas mehr dazu hier.

Foto: Universal

The Mechanic (2011)

Kann es sein, daß sich in letzter Zeit wieder einmal die Filme über Auftragskiller häufen, nur ohne daß man sich die Mühe gibt, ihnen auch nur einen Hauch von psychologischer Tiefe zu schenken? The Mechanic ist ein Remake des gleichnamigen Films aus den 1970ern, der seinerseits auch nichts besonderes ist, aber mit Charles Bronsons traurigem Hundegesicht wenigstens eine überzeugende Visage für die generelle Aura von Trauer und  Einsamkeit vorweisen konnte, die den Protagonisten dieses Filmes umwehen sollte. Das war nicht unbedingt total überzeugend gespielt und geriet insgesamt zu einem dramaturgisch unebenen Film, aber nunja, dafür schleudert Bronson immer mal wieder seine Haartolle hin und her.

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Das kann Jason Statham natürlich mit seiner Standardfrisur – minimal mehr Haar als abrasiert – nicht leisten, wie er auch die grundlegende Traurigkeit der Figur mehr als stirnrunzelnde Schweigsamkeit anlegt – also im Grunde so, wie er im Kino fast immer zu sehen ist, wenn er nicht auch mal lächelt. Der kleine König des B-Actionfilms hat nun mal eben nur ein begrenztes mimisches Repertoire.

The Mechanic folgt, nach einer wesentlich aufregender gemachten Einstiegsszene, in der ersten halben Stunde getreulich den Fußspuren des Originals, verschiebt dann aber seine Gewichte ein ganzes Stück: Der junge Mann (Ben Foster), den der titelgebende Auftragskiller (Statham) zu seinem Lehrling macht, bekommt hier deutlich mehr Gewicht und sogar so etwas ähnliches wie einen interessanten Charakter, ein Alkoholproblem und einen ganz eigenen Mordauftrag. (Ist eigentlich der Mann, den er da töten soll, ein bösartiger Kommentar auf die star persona von Steven Seagal?)

Natürlich findet in The Mechanic keine wirkliche Kommunikation oder Entwicklung zwischen den beiden Protagonisten statt; dem Film ist aber zum Beispiel auch die Grundidee ziemlich wurscht, daß der beste Auftragsmord jener sei, bei dem es sei, als sei der Täter nie da gewesen. Stattdessen wird alsbald alles mögliche unter herzlichem Bleiverbrauch in die Luft gejagt, wie man das schon aus allzu vielen Jason-Statham-Filmen kennt.

Regisseur Simon West ist an seinem Film zu desinteressiert, um aus all den Möglichkeiten des Films irgendetwas Neues zu machen. Allzu brav folgt er den Spuren des Originals, der Rest wird kräftig aufgewumst, aber mehr als durchschnittliches Ballerkino kommt dabei nicht heraus, schlecht computeranimierte Blutspritzer inklusive.

Foto: Kinowelt

Pina (2011)

Als Dokumentarfilm über die Tänzerin und Choreographin Pina Bausch eignet sich, das muß man als Warnung vor falschen Erwartungen vielleicht voranschicken, Wim Wenders neuer Film Pina überhaupt nicht. Da dem Film, der eigentlich mit Bausch zusammen gedreht werden sollte (und schon seit längerer Zeit in Planung war) nach ihrem plötzlichen Tod im Juni 2009 die Protagonistin abhanden gekommen war, hat Wenders stattdessen einen Film für Pina Bausch gemacht – weniger eine Dokumentation als eine Hommage, ein Film voll jener Bilder, für die man Pina Bausch – eine der herausragenden Gestalten des modernen Tanzes im 20. Jahrhundert – in Erinnerung behalten sollte.

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Bausch selbst taucht dabei zuweilen in Aufnahmen aus älteren Filmen auf, Bilder die im dreidimensional gedrehten neuen Filmmaterial fast schon museal wirken; körnige, verblasste, oft schwarzweiße Bilder, die aus der Klarheit und Schärfe von Wenders digitalen Bildern herausfallen und Pina Bausch eine historische Patina verleihen, die sie eigentlich noch nicht verdient hat: Die Frau ist ja noch nicht einmal zwei Jahre tot und hat bis zuletzt noch als Choreographin gearbeitet.

Man erfährt auch nicht viel darüber, was Bausch so besonders gemacht hat – es gibt keine Gespräche mit Weggefährten, keine einordnenden Bilder oder Kommentare. Auch die Art und Weise, wie sie mit den Tänzerinnen und Tänzern gearbeitet hat, bleibt weitgehend im Dunkeln. Zwar reminiszieren sie hier in schön gestalteten Szenen (sitzen schweigend vor der Kamera, während aus dem Off ihre Stimme eine Handvoll erinnernde Sätze verlauten läßt), aber das, was man daraus über Bausch erfährt, geht über oberflächliche Sentenzen kaum hinaus. „Ich muß Angst vor Dir haben!“ – mit solchen Glückskekskurzen Anstupsern allein soll ein derart bemerkenswertes choreographisches Oeuvre entstanden sein?

Aber der Film soll das ja gar nicht so genau erklären. All das ist weniger systematische Dokumentation als persönliche Reminiszenz: Deshalb dürfen die Tänzer_innen des Tanztheaters zurückblicken und für die Kamera persönliche Statements tanzen; deshalb gibt es vor allem großartige Aufnahmen aus mehreren Stücken von Bausch zu sehen. Und hier spielt der Film sein größtes Pfund aus: Ganz und gar in 3D gehalten, wirken diese Szenen unglaublich lebendig und nah – die dritte Dimension wird in der Tiefe des Bühnenraumes, in den ausgreifenden Bewegungen so wichtig für die Kunstwerke, die Bausch mit ihren Tänzer_innen geschaffen hat, daß man sich eigentlich Tanzfilm nicht mehr anders vorstellen kann.

Daß Wenders dann historische Aufnahmen, die Bausch als Tänzerin in ihren eigenen Produktionen zeigt, mit seinen neuen verbindet, ist dann wieder völlig stimmig und bindet die ansonsten oft unsichtbare, nur durch ihr Werk vertretene Protagonistin des Films wieder in die Tiefe des Raumes ein. Pina ist zwar nicht (woran ich freundlicherweise erinnert wurde) der bislang erste 3D-Film, in dem die Technik nicht nur Gadget, sondern ästhetisch bedeutsames Element ist (das stimmt auf jeden Fall auch für Coraline, womöglich auch für Resident Evil: Afterlife und wohl auch für Cave of Forgotten Dreams, den ich aber noch nicht kenne), aber doch ein herausragendes Beispiel dafür, was man, all meinen Unkereien zum Trotz, mit dieser Technik Hervorragendes anstellen kann.

Foto: Neue Road Movies/NFP

The Adjustment Bureau (2011)

Allzu viele Worte möchte ich über The Adjustment Bureau gar nicht verlieren; der Film ist vor allen Dingen ein recht glücklich hingeworferner, sehr leichter Genremix, der Liebeskomödie und Actionverschwörungsfilm kombiniert, und wenn es daran etwas zu beklagen gibt, dann vor allem, daß Verfilmungen von Philip K. Dick-Geschichten doch viel zu oft am Ende in ein Jump-and-Run-Szenario münden, weil sie die Komplexität der Universen nicht anders in Bilder zu fassen verstehen.

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So ist das auch hier; gleichwohl hat mir das Spiel mit den sich sonstwohin öffnenden Türen sehr gut gefallen, auch wenn die (wortwörtliche) Drehung, die zum Showdown führte, halt schon ein ganzes Stück vorher überdeutlich durch die Gegend getragen wurde. Und in der Tat muß man, wie Nino es treffend ausformuliert hat, dem Film zugute halten, daß er sein eigenes Verschwörungsspielchen letztlich ad absurdum führt – und damit eben doch das Komödiantische mehr nach vorne schob, was vielleicht der Hauptgrund ist, warum der Film sich so gut als allzu gedankenfreie Abendunterhaltung eignet.

Schade dann nur zweierlei: Daß erstens mit der eigentlich nicht üblen Besetzung von Matt Damon (zwischen ihm und Emily Blunt, der ich eh sehr gerne zusehe, fliegen in der Tat ein paar Funken) und der ganzen Rennerei zwischendurch der Film ein bißchen wirkt wie Bourne vs. Gottes Geheimdienst, ein Vergleich, der weder den Bourne-Filmen noch The Adjustment Bureau wirklich gut tut.

Und daß ich zweitens die Geschlechterpolitik hinter dem Film nicht verstehe. Denn es erscheint doch ein bißchen seltsam, daß die beiden, angeblich füreinander bestimmt, nie zueinander kommen, nur weil er ihre Telefonnummer verliert. Ist sie als Aspirantin auf den Thron der nächsten Göttin des modernen Tanzes zu verschämt, um ihrerseits die Telefonnummer einer so öffentlichen Person herauszufinden, wie er es ist? Das ist doch gaga; als käme, mit anderen Worten, im göttlichen Plan nur die Möglichkeit vor, daß der Anstoß zu einer Liebesbeziehung nur davon kommen kann, daß er sich aktiv um sie bemüht. Das mag zu Dicks Zeiten noch verbreitet gewesen sein, in die New Yorker Gegenwart paßt es nicht mehr.

Foto: Universal

Sans laisser de traces (2010)

Étienne verdankt seinen Erfolg dem Umstand, daß er vor vielen Jahren einmal eine Formel geklaut hat, sie als eigene Erfindung ausgegeben und den eigentlichen Erfinder nicht bedacht hat. Davon lebt die Firma seines Schwiegervaters bis heute sehr gut, und er soll bald den Chefsessel einnehmen – die Wohnung, das Auto, die Tochter zur Frau hat er bereits. Aber das Gewissen quält ihn, und als er eines Tages einen alten Schulfreund wiedertrifft, seit 20 Jahren haben sie sich nicht gesehen, erzählt er ihm die ganze Geschichte. Ganz einfach, sagt der, geh halt hin zu ihm und erzähl ihm alles, wahrscheinlich erinnert er sich nicht einmal mehr.

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Natürlich gerät der nächtliche Besuch zur Katastrophe, der Freund Patrick (François-Xavier Demaison) erschlägt den alten Mann eher in Notwehr als geplant, aber dennoch muß Étienne (Benoît Magimel) jetzt eine Notlüge auf die andere türmen, denn natürlich will er immer noch nicht, daß sein Geheimnis an die Öffentlichkeit kommt. Patrick hat eine Vergangenheit als Kleinganove, das erleichtert vieles (Auto verschwinden lassen, etc.), aber zugleich verheddern sich die beiden in ihren Geschichten immer mehr, und dann taucht auch noch die Tochter (Léa Seydoux) des Opfers auf…

Sans laisser de traces (in Deutschland als Spurlos im Vertrieb) ist ein seltsamer Thriller, bei dem man über die wirklichen Motive selbst der Protagonisten lange im Unklaren bleibt, der sich auch ästhetisch konsequent einer distanzierten, geradezu kalten Haltung befleißigt, die es leider umso schwerer macht, mit dem Protagonisten mitzufiebern, sich auch nur Sorgen um ihn zu machen, das gefühlskalte Arsch.

Ganz so schlimm ist Étienne dann vielleicht sogar nicht, das wird sich zeigen; vorerst scheint er aber gewohnt zu sein, sich Menschen mit Geld vom Leibe zu halten bzw. sie zu befrieden. Magimel spielt das mit vorwiegend leerem Gesichtsausdruck, und bis kurz vor Schluß ändert sich daran auch nicht viel. Die besseren, interessanteren Figuren versteckt der Film in den Nebenrollen: Étiennes Frau (Julie Gayet), die an sich selbst und am Verhalten ihres Mannes fast zerbricht, und natürlich Patrick, dem man fast alles zutraut, nur nicht jene Charakterkonstitution, die er zuletzt offenbart (und zu deren Tarnung die Inszenierung ihr Gutteil beiträgt).

Foto: Sunfilm

Texte zu Filmstarts (17. und 24. März 2011)

Heute startet mit Potiche aka Das Schmuckstück eine sehr komische und wunderbare Komödie aus französischen Landen, in der François Ozon uns mal so richtig zeigt, wie man seine Grandes Dames des Kinos wirklich feiern kann (in diesem Fall: Catherine Deneuve). Details dazu bei critic.de.

Ebenfalls ab heute in den Kinos: Der neue Film mit Nicolas Cage, ein Streifen den wohl niemand wirklich ernst nimmt bzw. ernsthaft anzusehen gewillt sein sollte. Meine Auseinandersetzung mit Season of the Witch/Der letzte Tempelritter kann man bei filmstarts.de nachlesen.

Schon seit vergangener Woche kann man The Rite ansehen, den ich fürs horrorblog.org besprochen habe, und anscheinend war ich der einzige unter den deutschen Kolleginnen und Kollegen, der den Film einigermaßen ansehbar fand. Das kann passieren.

Foto: Concorde

Trash am Mittwoch: The Taint (2010)

Auf eine ganz unsubtil perverse Art hätte dieser Text auch für den Weltfrauentag gepaßt (glücklicherweise kein Mittwoch) bzw. eben nicht gepaßt, denn The Taint, ein trashiger Very-low-budget-Streifen mit mehr Blut als Verstand, geriert sich als gedankenfrei-irrer Feminismussplatter, aber das ist in etwa so, als wolle man Aliens vs. Zombies als kapitalismuskritische Fabel lesen wollen: Versuchen kann man’s ja mal, aber Spaß macht der Film auch so nicht.

Die Handlung, wenn man das so nennen will, beginnt, als Phil O’Ginny (Drew Bolduc) irgendwo im Wald… ich hab schon vergessen, schläft er oder knutscht er mit seiner Freundin? Und war das wirklich der Anfang? Um die Wahrheit zu sagen, The Taint ist eine derart haltlose Ansammlung von Bruchstücken, daß es schon kurz nach Ende des Films schwerfällt, sich an ihren genauen Zusammenhang oder ihre Bedeutung zu erinnern. Nur dies ist hängengeblieben: Eine geheimnisvolle Seuche, wohl übers Trinkwasser vermittelt, scheint nur Männer (aber offenbar alle außer Phil) anzugreifen, die dann sogleich mit blutbeschmierten und angeschwollen aus ihren Hosen hängenden Penissen durch die Gegend ziehen und Frauen ermorden, bzw. ihnen mit Steinen den Schädel einschlagen oder sonstige Dinge antun, die im Splatterkino den Einsatz von viel Latex und Kunstblut erfordern.

Womit wir schon bei einem Vorzug von The Taint sind: Hier ist viel noch handgemacht, die meisten Effekte sind „old school“, aber das macht ja noch keinen guten Film. Irgendwann stößt Phil dann auf Misandra (Colleen Walsh), die ihn aus seinem Stupor und aus dem Wald rausholt und ein wenig zur Klärung der Situation beiträgt. Das geschieht vor allem über langatmige Flashbacks, die mehr als zwei Drittel des Films ausmachen. Sinn ergibt sich daraus übrigens immer nur bedingt, was auch daran liegen mag, daß die Schauspieler_innen nicht nur abgrundtief schlecht sind, sondern auch nur rudimentäre Dialogzeilen zu sagen bekommen (gegrunzt und geschrien wird hingegen viel), was den Eindruck hinterläßt, daß die Filmemacher nicht nur ziemlich faule Menschen sind, sondern ihnen auch wurscht ist, ob die Handlung in irgendeiner Form verständlich wird.

Zwischendrin tut der Film so, als sei ihm das alles Ernst. Als seien die Namen (Phil O’Ginny – Philogenie und Misandra – Misandrie – gettit?) albern gesetzte, aber sonst ernstzunehmende politische Positionen, als werde hier der Misogynie der Welt mit der Erkrankung „The Taint“ nur ein besonders überspitztes Bild gegeben, als gehe es dem Projekt tatsächlich darum, die in Worten und Taten ubiquitäre Frauenfeindlichkeit anzuprangern. Und dann sieht man den dümmlichen Gesichtsausdruck von Phil, seine in der Handlung festgeschriebene Ahnungslosigkeit; und man sieht, daß Misandra schon früher gerne Eichhörnchen erschossen oder mit der Peitsche enthauptet hat (WTF?); und schließlich wird man gewahr, daß die gleiche alberne blonde Perücke, die Phil die ganze Zeit trägt, offenbar auch anderen Komparsen auf den Kopf geschnallt wurde. Und alle Ernsthaftigkeit wird zum offensichtlich schlechten Scherz.

Natürlich sind sich die Filmemacher Drew Bolduc und Dan Nelson wohl einigermaßen bewußt darüber, daß sie ein großes Stück Schrott fabriziert haben, schreiben Sie doch auf der Website zum Film:

THE TAINT is an intellectual experience. It is an violent and misogynistic film about violence, misogyny, and entertainment. It features sadistic violence, gratuitous sexual content, and scenes of spellbinding dramatic interest. It also contains more cock explosions than any other movie ever.

Davon ist mindestens die Hälfte gelogen, oder zumindest grandios übertrieben – der Rest vielleicht sogar Geschmackssache. Aber selbst große Trashfans werden sich nur mit Mühe durch die 75 Minuten Martyrium quälen wollen, die dieser Film für Zuschauer_innen wie Protagonist_innen bereithält.

Der Trailer des Films ist von Anfang bis Ende NSFW und nur dazu geeignet, einen Eindruck von den Schauwerten des Films zu vermitteln, nicht von seiner Schaurigkeit.

The Hole (2009)

Es ist ja schon eine Weile her, daß Joe Dante als Hoffnung des familienfreundlichen Schreckenskino hat gelten dürfen; man muß im Grunde bis zu den Gremlins-Filmen (1984, 1990) und zu Small Soldiers (1998) zurückgehen, um überhaupt Filme benennen zu können, mit denen er als Regisseur überzeugen konnte; danach kamen auch praktisch nur noch kleinere Arbeiten fürs Fernsehen. Mit The Hole möchte er nun offenbar in genau dieses Segment wieder hineinstoßen, daß er sich seinerzeit eröffnet hatte, und man kann dazu zweierlei sagen: Dies gelingt ihm, der Film aber, der will ihm nicht gelingen.

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Die alleinerziehende Mutter Susan (Teri Polo) zieht mit ihren zwei Söhnen (ein großer Teenager und sein kleiner Bruder) in eine neue Stadt, ein wenig auf der Flucht vor irgendwas (der recht banale Hintergrund wird später aufgeklärt) und in der Hoffnung auf ein wenig Stabilität. Der große Dane (Chris Massoglia) mag sich nicht gewöhnen, vor allem nicht an die Kleinstadtsuburbia, nachdem sie gerade aus Brooklyn weggezogen sind, sein Bruder Lucas (Nathan Gamble) ist da weniger abgeneigt, oder vielleicht: nicht so fatalistisch. Oder einfach noch jünger. Nebenan wohnt dann glücklicherweise die hübsche Julie (Haley Bennett), die Dane aus seinem Grummeln herausreißt. Dann finden die beiden Jungs im Keller ihres gemieteten Hauses unter einer verschlossenen Falltür ein tiefes Loch, das anscheinend keinen Boden hat, und alsbald geschehen seltsame Dinge…

Das Hauptproblem von Mark L. Smiths Skript (eigentlich erstaunlich, der Mann hat auch Vacancy geschrieben) und Dantes Ausführung ist, daß das alles viel zu bekannt ist: Die Kleinfamilie, die Dynamik zwischen den beiden Brüdern, die hübsche Nachbarin. Sogar die auftretenden Erscheinungen lassen sich allzu schnell entschlüsseln, wenn man ein wenig aufpaßt. Ja, man weiß sogar schon in den ersten Szenen, daß das reinliche Suburbia, in dem die Familie ankommt, natürlich bald dunkle Seiten bekommt – das ist schließlich in unzähligen Horrorfilmen so gewesen, das ist auch hier nicht anders.

In Gremlins hat Dante dieses Kleinstadtidyll allerdings noch von subversiven Kräften zerlegen lassen, hier bekommt weder die Nachbarschaft noch die Stadt an sich Gesicht oder Bedeutung; die vier Protagonist_innen sind die einzigen Figuren, denen auch nur ein wenig Leben eingehaucht wird, und schon die Mutter Susan bleibt erschreckend blass.

Gleichwohl ist es nicht das Hauptproblem des Films, daß man mit seinen Figuren nicht mitfiebern würde (obgleich man das nicht tut), oder daß er eigentlich sein Publikum allenfalls im frühen Teenageralter finden wird – für Kinder ist er zu gruselig, für horroraffine Erwachsene wohl zu fad. Sein Hauptproblem ist, daß er flach beginnt und ohne jeden Kratzer auf dem Bauch bis zu Ende kriecht; daß das Coming-of-Age der Hauptfigur Dane hier auf die plattest denkbaren Bilder reduziert wird (sein Begehren für Julie zum Beispiel spielt darin überhaupt keine Rolle) und sich alle Konflikte ohne auch nur die Andeutung einer Narbe lösen lassen.

Wäre er noch ein ganzes Stück schlechter, müßte man also schreiben: Der einzig bodenlose Abgrund dieses Films ist The Hole selbst. Aber damit täte man Joe Dante dann eben doch unrecht.

Fotos: Ascot Elite