Sitges 2010, Tag 5: die Filme

Gestern war ich anderweitig etwas aktiver und produktiver als sonst, dafür habe ich es nur in drei Filme geschafft:

Zebraman 2: Attack on Zebra City

Wieviel Miikes Fortsetzung seines Zebraman von 2004 mit dem Original zu tun hat, kann ich nicht beurteilen; Zebraman 2 ist jedenfalls eine wüst den westlichen Erwartungen zuwiderlaufende Superheldengeschichte, bei der es bis kurz vor Schluß dauert, bis es richtig zur Sache geht. Dann wird es allerdings so schön bescheuert und sinnfrei, daß auch das eigentlich schon wieder Spaß macht. Mir ganz persönlich war der Film dann aber nicht entschlossen trashig genug, um wirklich unterhaltsam zu sein, dafür war dann doch zu wenig originelles Material in den 106 Minuten verstreut.

Rare Exports: A Christmas Tale

Diese finnische Weihnachtsgeschichte hingegen verliert nicht viel Zeit, um zur Sache zu kommen, auch wenn zuerst nur der kleine Pietari (Onni Tommila), der mit seinem Vater Rauno (Jorma Tommila) irgendwo im einsamen finnischen Norden lebt, wirklich versteht, was vor sich geht: Irgendjemand gräbt mit seiner Firma gerade das Grab des echten Weihnachtsmanns aus. Der hat natürlich nichts mit der freundlichen Phantasie in Coca-Cola-Farben zu tun, sondern ist eher eine dämonische Figur mit ungesund wirkenden Hornfortsätzen an der Stirn. Oder doch nicht? Jedenfalls liegt am Weihnachtsmorgen ein alter Mann in Raunos Bärenfalle. Ohne große Umwege schreitet Rare Exports dann schließlich zur Klärung der Frage, wie der Weihnachtsmann eigentlich an so vielen Plätzen gleichzeitig sein kann. Das ist straff, sehr schwarz und lange nicht so frustrierend finnisch, wie man das stereotyperweise aus dem Programmkino zu kennen meint.

Stake Land

Nicht nur dem Namen nach hat der Film, der dieses Jahr in Toronto den Midnight Madness Audience Award einheimsen konnte, gewisse Ähnlichkeiten mit Zombieland – es geht, auch das sieht man dem Titel schon an, um Vampire. Amerika ist von ihnen überrannt, nur hie und da gibt es noch kleine Siedlungen Überlebender, die sich auf unterschiedliche Art und Weise – mal friedlich, mal faschistoid – organisiert haben. Durch dieses Land, auf dem Weg nach Norden, reisen „Mister“ und der junge Martin. Jim Mickles Film ist keine Komödie, nicht einmal eine schwarze, sondern ein großartiges, finsteres Drama über menschliches Überleben im Angesicht der Apokalypse.

Fotos: Sitges Film Festival

Texte zu Filmstarts (14. Oktober 2010)

Morgen startet in den deutschen Kinos die französische Filmbiographie Gainsbourg, dessen Titel im deutschen Verleih mit „Der Mann, der die Frauen liebte“ ergänzt wurde – was ich zumindest mit Blick auf den Film für etwas danebengreifend halte. Joann Sfar hat einen Film mit viel Qualm und Selbstverzehrung gedreht, der sich zwar nur um seinen Protagonisten Serge Gainsbourg dreht, diesem aber eigentlich nie wirklich nahekommt – und deshalb zu einer allzu archetypischen Rockstargeschichte gerät. Habe ich jedenfalls für critic.de so aufgeschrieben.

Ein gänzlich anderer Film ist Piranha 3D, ein blutiges Spektakel, exploitativ und stolz darauf. Für Fans fleischfressender Fische.

Foto: Prokino

Sitges 2010, Tag 4: die Filme

Der gestrige Tag stand stark im Zeichen von Umzügen und Menschen, die seltsame Veränderungen durchmachen. Und weil ich bei weitem nicht so viel zum Schreiben komme, wie ich möchte und müßte, gibt es erst eine weitere längere Besprechung zu vermelden: Meine Kritik von Agnosia ist bei blairwitch.de erschienen. Zu den Filmen von gestern hier in Kürze, zu allen mehr demnächst.

The new daughter

Ist es eigentlich so schwer zu verstehen, daß man aber auch wirklich niemals irgendwo hinziehen soll, wo vor langer Zeit schon indianische Ureinwohner Kultstätten und Friedhöfe unterhielten? Aber das Horrorkino scherte sich noch nie darum, seine eigenen Lehren auch einzuhalten, da ginge ihm womöglich der Stoff aus. Dieses Kevin-Costner-Vehikel ist glücklicherweise eigentlich keines, sondern gibt dem Star Platz für eine durchaus zurückgenommene Performance, und den Nebenfiguren Platz, sich auszuagieren. Gruselig ist das zudem die meiste Zeit auch noch. Ausführliche Kritik bei kino-zeit.de.

Super

Filme um Durchschnittsmenschen, die zu Superhelden mutieren, haben mit ganz unterschiedlichen Ansätzen ja gerade von Kick-Ass bis Defendor Konjunktur – man darf es auf die Watchmen schieben, nehme ich an; und James Gunn, ein kleiner Querdenker vor der Leinwand, macht mit Super fast alles richtig. Das verdankt er seinem eigenen Drehbuch, aber natürlich auch den Darstellern, vor allem Rainn Wilson und (die aber eh‘ von mir verehrte) Ellen Page. Eine ganz und gar nicht leichte Tragikomödie.

Vanishing On 7th Street

Ich bin mir noch nicht ganz sicher darüber, warum mich die Filme von Brad Anderson zwar durchaus erst einmal in ihre Welt hineinziehen, mich aber unterwegs irgendwann verlieren. Hier ist es genauso: Was zunächst ein hochgradig aufregender Film darüber ist, das von einem Moment auf den anderen der Großteil der Menschheit einfach verschwindet (genauer: vom Schatten aufgesogen wird) und damit die wenigen Überlebenden vor allem um Licht kämpfen, wird irgendwann in Rückblenden und sich ähnelnden Schreckmomenten langatmig und fast schon träge. Mehr bei blairwitch.de.

Insidious

James Wan, der Mann, der Saw gemacht hat, wollte mit diesem Film (sagt er) einerseits wieder zu seinen Independent-Wurzeln zurückkehren, andererseits auch einen Film machen, der sich auf Klassiker wie Poltergeist und The Haunting beruft. Herausgekommen ist ein geradezu klassischer Geisterfilm (mit sogar gleich zwei Umzügen!) über Seelenwanderung und böswollende Entitäten, der aber vor allem im letzten Drittel doch ganz erheblich schwächelt. Ausführlicheres bei blairwitch.de.

Fotos: Sitges Film Festival

Black Lightning (2009)

Russischer Student – klug, aber ohne viel Geld – wird dank eines fliegenden Autos zum Superhelden: So funktioniert das russische Gegenstück, ach was, dieses eklektische Gemisch aus Transformers (sein Vater schenkt ihm ein Auto, das mehr ist, als man auf den ersten Blick erkennen kann) und Spiderman (der Tod seines Vaters läßt ihn sein eigenes Handeln überdenken und macht ihn zum Superhelden). Der Rest der Story ist im Grunde völlig wurscht (ja, um ein blondes weibliches Wesen geht es natürlich auch noch, das brav und passiv zwischen zwei Männern sich nicht entscheiden kann), zumal der Film so einiges an Motivation vermissen läßt. So steht der Bösewicht in Black Lightning kurz davor, eine enorm effektive Energiequelle in die Finger zu bekommen (nämlich jene, die den schwarzen „Wolga“ antreibt), mit der sich alles mögliche anstellen ließe – aber er will das Ding nur, um damit an die Diamantvorkommen unter der Stadt Moskau herankommen zu können. Bei deren Bergung würde zwar Moskau zerstört werden, und das macht den Mann sicherlich hinreichend bösartig, besonders ambitioniert wirkt das aber nicht. Da hätte ein Schuß der größenwahnsinnigen James-Bond-Fieslinge sicher nicht geschadet.

Ansonsten sieht man sehr, sehr deutlich, daß Timur Bekmambetov hier beteiligt war – die Wächter-Filme scheinen in einigen Szenen deutlich durch (meine Kritiken). Das Ganze ist bis auf wenige Momente sogar sehr familientauglich; bizarr ist allenfalls, daß ein Film, der so überdeutlich amerikanischen Vorbildern nacheifert, doch tatsächlich in den nächsten zwei Jahren ein US-Remake erfahren soll.

Foto: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 3: die Filme


Hier in aller Eile und Kürze – meine erste Vorführung des Tages beginnt gleich – ein kurzer Blick auf die Filme vom gestrigen Sonntag.

Secuestrados

Dieser großartige spanische Schocker war am frühen Morgen vielleicht nicht das Richtige, aber was kann ich schon gegen den Zeitplan des Festivals tun? Eine Kleinfamilie (Mama, Papa, Teenagertochter) wird von drei Männern in ihrem frisch bezogenen Haus überfallen. Der Film ist unglaublich dicht und mit vergleichsweise wenigen Schnitten gemacht – die meisten Sequenzen sind offenbar mit einer Steadycam und minutenlang ohne Cut entstanden. Das saugt in die Story hinein, und das macht alles nur noch schlimmer. Ausführliche Betrachtung demnächst.

Amphibious 3D

Brian Yuzna ist wieder da, und er hat einen Trashfilm mitgebracht, in allen drei Dimensionen! Nach fünf Jahren, in denen er vor allem als Produzent gearbeitet hat, bringt Yuzna einen Film mit, der jetzt nur noch wie ein billiger Nachäffer von Piranha 3D wirken kann – weniger glatt, weniger blutig, weniger sexistisch, aber eben doch: unbestreitbar auch preiswerter gemacht. Mit Michael Paré und Janna Fassaert in hochgradig konstruierten Hauptrollen, die einem geheimnisvollen Wesen aus der Tiefsee in die Quere kommen. Mit giftspritzendem, wahlweise auch Menschen durchstechenden Skorpionstachel. Es war die Weltpremiere, und ich bin vor Ende des Filmes gegangen, weil ich lieber sehen wollte, was John Carpenter der Welt Neues zu bieten hat.

The Ward

Das ist nämlich in der Tat nicht ohne. Die Geschichte einer jungen Frau, die in den 1960er Jahren in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wird und dort den unheimlichen Vorgängen um ein verschwundenes Mädchen nachgeht, wirkt zunächst nicht besonders originell – zu generisch und zu bekannt wirken die ganzen Ansätze. Aber Carpenter weiß daraus durchaus erkleklichen Schrecken zu ziehen, und auch wenn bis zu den finalen Schlußtwists nichts, was er macht, wirklich neu ist – es schüttelt doch ganz schön durch. Mehr dazu bald bei blairwitch.de.

Fase 7

Als „apokalyptische Komödie“ wurde der Film vom Festival angepriesen, wobei sich das Komödiantische mir nicht wirklich erschließen wollte. Natürlich waren auch ein paar Szenen wirklich lustig, und einige andere sollten es – zum Teil unter Einsatz spritzender Gehirnmasse – wohl sein, aber so richtig wollte der Funke nicht überspringen. So blieb eine stellenweise groteske Endzeitgeschichte, die leichte Anklänge an [REC] und Carriers hatte, aber nie so recht herauszufinden schien, was sie eigentlich sein soll und warum. Genauer schreibe ich das noch habe ich das für kino-zeit.de auf aufgeschrieben.

Hell Driver

Yoshihiro Nishimura konnte hier gleich zwei Filme hintereinander zeigen, die unter seiner Mitarbeit entstanden sind: Mutant Girls Squad und eben diesen leider zu langen, hochgradig bizarren und alle Tiefen körperlicher Groteske auslostenden Zombiefilm. Der Trashfaktor ist so hoch wie der internationale Verleihtitel unmotiviert, hier fliegt ein Raketenflugzeug aus Untoten durch die Gegend, kämpft ein vorne mit Klingen versehenes Auto auf den Hinterrädern mit einem Monster. Und, wie man es von Sushi Typhoon kennt, das Blut spritzt stets in Fontänen. Für Fans.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 2: die Filme

Der gestrige Samstag war, wie schon erwähnt, emotional kein ganz leichter Tag. Hier sind die Filme, die dazu beitrugen:

Carne de Néon

Paco Cabezas Langfilm nach der Vorlage seines eigenen, gleichnamigen Shorts von 2005 ist eine wilde und im Grunde gar nicht neonfarbene Kleingangstergeschichte, bei der sich Gaspar Noé und Guy Ritchie ästhetisch wie inhaltlich die Hand geben – ein junger Mann, Kind der Straße, will als Geschenk für seine Mutter zu deren Haftentlassung ein Bordell eröffnen. Die Folgen sind unabsehbar und recht blutig. Eine ausführliche Besprechung gibt es bald auf kino-zeit.de.

Black Lightning

Eine sehr russische Neuauflage von Transformers und Spiderman, fast familientauglich. Ausführliche Besprechung folgt hier im Blog.

Notre jour viendra

Das Langfilmdebüt von Romain Gavras war ja mit einigen Erwartungen versehen, bevor man es überhaupt zu Gesicht bekam. Der vor allem durch seine Musikvideos bekannte Gavras bietet mit Redheads (so der internationale Verleihtitel) eine sich nicht leicht lesende Geschichte um zwei Männer, die sich Schritt für Schritt aus den sozialen Zusammenhängen der Welt. Vielleicht. Der Wechsel zwischen ruhigen Panoramaaufnahmen des trostlosen französischen Nordens und hektischen Handkamerabildern macht die Lektüre nicht leichter. Genaueres bald wiederum auf kino-zeit.de.

Red, White & Blue

Ich mag es ja an Festivals, das sich Filme, die ich eigentlich nie im Kino zu Gesicht zu bekommen gehofft hatte, deren Trailer mich aber sehr hatten aufhorchen lassen, dann Bild für Bild, Szene für Szene entblättern; und wenn sie dabei die Erwartungen, die der Trailer geweckt hatte, gleichzeitig erfüllen und unterlaufen, dann gefällt mir das gleich noch besser.

Das hier war so ein Film. Simon Rumley hat bei seinem zweiten Besuch in Sitges (vorher mit The Living and the Dead) mit Red, White & Blue einen intensiv verstörenden, mitreißenden Film gedreht, der Rachedrama, Thriller und psychologische Studie ist; sein politischer Subtext mag ein bißchen mit dem Holzhammer präsentiert sein, aber die Dichte der Charaktere und der Erzählweise macht das gleich mehrfach wieder gut. Etwas ausführlichere Besprechung folgt.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 1: die Filme

Am ersten Tag hat es mit Anreise und Orientierung „nur“ für drei Filme gereicht; irgendwann um halb vier muß der Mensch dann ja auch mal schlafen gehen.

Confessions

Tetsuya Nakashima, dessen Kamikaze Girls ich erst jüngst herzlich genossen habe (ein sehr amüsant überdrehter, inhaltlich etwas zu leicht geratener Film), hat hier ein intensives Rachedrama zusammengeschichtet, das vor allem durch seine formale Verfaßtheit ein aufregendes Seherlebnis ist. Die ausführliche Kritik gibt es bei kino-zeit.de.

Agnosia

Der hier in der Region angesiedelte (und wohl auch gedrehte) spanische Agnosia wurde gestern abend schon vor der Vorstellung mit viel Applaus bedacht. Eine im Grunde relativ schlichte Spionagestory wird hier in eine stets unterschwellig zwischen Esoterik und Steampunk schwankende Geschichte eingebunden und bekommt so mystische Schlagseite. Mehr dazu demnächst bei blairwitch.de.

The Legend of Beaver Dam (Kurzfilm)

Eine kleine dreckige Studie zum Pfadfinderdasein und Lagerfeuergruselgeschichten. Paßte gut zum dann folgenden Tucker & Dale vs. Evil, das Ende war aber schon nach wenigen Filmmomenten absehbar. Die Crowd war trotzdem gepleaset.

Tucker & Dale vs. Evil

Zu dieser reizenden Horrorkomödie ist schon viel Lob geschrieben, und ich schließe mich dem gerne in aller Kürze an: Der Film dreht das reichlich bekannte und oft verwurstete Backwoods-Szenario einmal komplett um und läßt eine Gruppe „College-Kids!“ (dies einer der im Film meistgeäußerten Ausdrücke, stets mit ziemlich genervtem Unterton), die zu viele schlechte Backwoods-Slasher gesehen habe, auf zwei ziemlich freundliche, nur oberflächlich wild aussehende Hillbillies stoßen, die Alan Tudyk und Tyler Labine mit großer Hingabe spielen. Als sie ein Mädchen der Gruppe vor dem Ertrinken retten, sehen die anderen darin einen Mordversuch – und bringen sich beim Versuch, Allison (Katrina Bowden) aus der Hütte von Tucker und Dale zu „befreien“ auf höchst dämliche und kreative Weise selbst um. Der Film zitiert dabei in Szenen wie in seinen ikonographischen Mustern ganz lässig das Horrorgenre rauf und runter und gerät dabei natürlich auch reichlich blutig; aber komisch ist das, sieht man von dem etwas mühsam zotig-witzigen Anfang ab, stets sehr und auf oft überraschend subtile Weise.

Foto: Sitges Film Festival

Text zu Filmstart (30. September 2010): Adèle und das Geheimnis des Pharaos

Selten war Paris so schön. Womöglich nie: Aber der angenehm überkandidelte Les aventures extraordinaires d’Adèle Blanc-Sec (auf Deutsch leider weniger verschnörkelt Adèle und das Geheimnis des Pharaos), den ich schon vor einiger Zeit für blairwitch.de besprochen habe, kümmert sich auch nicht hauptsächlich um so Nebensachen wie Realität. Das ist sein großer Vorzug. Ganz so beglückt wie erhofft verließ ich das Kino leider aber doch nicht.

Foto: Universum

Podcast #001: The Expendables, L’Étrange Festival

Der erste Podcast von buttkickingbabes.de ist da, und er ist noch ganz klein und etwas wacklig auf den Beinen; vor allem bestreite ich ihn (weil ich noch sehr tastend versuche) allein. Es geht um The Expendables (die ich nicht so gut fand wie z.B. Oliver, aber vielleicht ähnlich wie Michael) und um das Pariser Étrange Festival, von dem ich bereits berichtet hatte.

Die nächsten Folgen sind bereits in Planung. Ich freue mich über Kritik und Anregungen, Vorschläge für Musik und Themen, Gesprächspartner_innen und sonstwas; aber seid nett zu mir, ich mache das zum ersten Mal. ;-)

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Quellen und Links:

The Infidel (2010)

Diese Sache mit der Identität ist ja eine schwierige Angelegenheit; nicht zuletzt weil manche Nationalitäten und Religionen da Erworbenes mit quasi Angeborenem vermischen (Deutsche_r ist demnach zuerst, wer ein deutsches Elternteil hat; alle anderen sind „nur“ eingebürgert). Und was, wenn man auf einmal feststellt, daß man nicht der ist, der man dachte zu sein?

So geht es Mahmud Nasir (Omid Djalili), einem trotz regelmäßiger Besuche in der Moschee eher weltlich orientierten Familienvater, der nach dem Tod seiner Eltern plötzlich erfährt, daß er adoptiert wurde – und ursprünglich Solly Shimshillewitz hieß. Mit anderen Worten: Er hat jüdische Eltern, und das macht ihn nach jüdischem Verständnis wohl auch zu einem Juden. (Als Mahmud davon erfährt, regt er sich auf der Adoptionsbehörde derart auf, daß er vom Wachdienst zum Ausgang geleitet wird. „You find out you’re Jewish“, empört er sich da, „and some bloke in a uniform is leading you away?“)

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The Infidel beläßt es nicht bei diesem einen Schicksalsschlag für Mahmud: Kurz vorher hat er erfahren, daß die Braut seines Sohnes einen neuen Stiefvater bekommen wird, weil ihre Mutter wieder zu heiraten beabsichtigt. Dummerweise ist dieser Mann ein für seine extremen Ansichten berüchtigter konservativer muslimischer Prediger – Mahmud wird also von seinem Sohn inständig gebeten, sich möglichst fromm und muslimisch zu geben, während er eigentlich gerade damit beschäftigt ist, von seiner Zufallsbekanntschaft Lenny Goldberg (Richard Schiff) mehr über das Jüdischsein zu erfahren. Und seine Frau Saamiya (Archie Panjabi) fragt sich derweil ob seiner Geheimniskrämerei, ob er vielleicht homosexuell sei oder eine Geliebte habe…

Josh Appignanesis Film bietet durch diese Verwicklungen Momente zum Fremdschämen in großer Zahl, und das ist natürlich Absicht, will er doch herausarbeiten, wie einschränkend reduzierte Formen von Identität sein können – und zugleich: wie wenig wir doch voneinander wissen, wie billig und kleinlich unsere Vorurteile voneinander sind. Das dürfte vor allem im Interesse von Omid Djalili sein, für den dieser Film natürlich ein Aufmerksamkeitsvehikel ist. Djalili ist in Großbritannien als Stand-Up-Comedian bekannt, seine Show hat es zwischendurch sogar einmal ins Nachtprogramm des WDR geschafft, glücklicherweise ohne Synchronisation, sondern mit hilfreichen Untertiteln. (Hier und hier sind zum Beispiel zwei Teile einer Ausgabe seiner Show zu sehen; andere Folgen lassen sich ebd. leicht finden.)

Ihm geht es immer wieder um „westliche“ Vorurteile gegen den Islam und den Mittleren Osten, und sein Mahmud ist hier natürlich ein weiser Narr, einer, der sich zwar vielleicht über die Dummheit einzelner, auch über die Mühen und Hürden des Alltags bezaubernd aufregen kann, der aber Vorurteile gegen Gruppen allenfalls äußert, um seinem Ärger Luft zu machen. Mit den neuen Informationen über seine Herkunft konfrontiert, will er aber den Dingen auf den Grund gehen: Will seinem (noch lebenden) Vater gegenübertreten und dazu (ein wenig wenigstens) das Judentum kennenlernen – und gerät vor allem deshalb in unmögliche Situationen, weil sein Umfeld solche Neugier und solche Identitätsverschiebungen nicht kennt und noch weniger goutiert.