Piranha 3D (2010)

Ich habe gewisse Zweifel daran, ob Piranha 3D wirklich jener Streifen ist, der in der Filmgeschichte den bisher höchsten Kunstblutverbrauch beanspruchen kann – schließlich habe ich Mutant Girls Squad gesehen und einige verschwisterte Filme, deren minutenlange, ausufernde Blutfontänen nur mit Mühe zu toppen sein dürften.

Aber sei’s drum: Piranha ist unter diesen Filmen natürlich derjenige mit dem größeren Budget und den größeren Schauwerten. Damit ist nicht mal das 3D-Gimmick gemeint, auch wenn das hier einmal (fast möchte ich sagen: ausnahmsweise) gut funktioniert und nicht übermäßig für billige Effekte über die Netzhaut der Zuschauer_innen geschleift wird.

Die Schauwerte sind stattdessen natürlich jene, mit denen das Publikum von Plakaten und Anzeigen herab ins Kino gelockt wird: „Sea, Sex, and Blood“. Und auch wenn der Geschlechtsakt in Piranha nicht on screen vollzogen wird, so wirkt der Film doch ein wenig wie ein Testlauf, um mal auszuprobieren, wie gut sich wohl das Pornographische fürs dreidimensionale Kino eignet. Dazu werden alle Schlüsselreize aufgerufen und dann auch in Interviews schön verbreitet (nicht selten unter willfährigem Fragen der Journalisten): full frontal underwater nudity, und auch auf den abgebissenen Penis werden die Fanboys sicher voll Begeisterung warten.

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Das Team um Alexandre Aja weiß also, wie man die Massen anlockt, im Grunde funktioniert das ja wie bei den Piranhas selbst auch: Der erste Biß läßt Blut fleßen, und dann kommen die Massen angeschossen, zur heißen Schlacht am kalten Buffet.

Das soll nicht heißen, daß Piranha ein mißratener Film sei, keineswegs. Für den Maßstab seiner eigenen Nische – massentaugliches, glattgebürstetes Exploitationkino – ist der Film nahezu perfekt gelungen, und er schämt sich keine Sekunde dafür, das zu sein, was er ist. Es gibt nur halt außer den Fischen selbst in diesem Film nichts, daß Biß oder gar Widerhaken hätte, keine Kanten, an denen der Geist wirklich Anstoß nehmen könnte.

Das Szenario für den Film, der eigentlich ein Remake von Piranha (1978) von Joe Dante ist, ist in weiten Teilen direkt Jaws/Der weiße Hai entliehen, von dem sich seinerzeit Roger Corman et al. zu Piranha inspirieren ließen. Statt des Wochenendes zum amerikanischen Unabhängigkeitstag beginnt hier halt „Spring Break“, was natürlich auch erheblich mehr Gelegenheit zu nackter Haut gibt – das Zögern der Stadtoberen ob der finanziell wichtigen Tage für den Tourismus bleibt verwandt, wenn auch in Ajas Fassung fast bedeutungslos gegenüber der Weigerung der von Hormonen und Bier benebelten jungen Menschen, das Wasser zu verlassen.

Daß Richard Dreyfus am Anfang des Films in seinem Outfit aus Jaws in einem kleinen Boot sitzt und fischt, ist eine nette Reminiszenz – und auch „we need a bigger boat“ kommt später einmal vor. Ansonsten versteckt der Film ein paar Anspielungen auf die Alien-Filme, vertraut auf den klassischen Gruseleffekt von Unterwasseraufnahmen, läßt Ving Rhames mit einem Außenbordmotor auf Fischjagd gehen und denkt sich einige extrem eklige Splattereffekte aus.

Die zentrale Sequenz des Films, in der Hunderte von Menschen von den Piranhas angegriffen werden, ist übrigens nicht nur für ihre inventiven Widerlichkeiten bemerkenswert, sondern auch für den auffallend ernsthaften Tonfall, auf die Betonung des Schreckens gegenüber dem Grotesken. In einem Film, der sich vorher stets und durchgehend als augenzwinkerndes Spektakel präsentiert hatte, ist das in der Tat (und Christopher Campbell hatte darauf schon früh hingewiesen) ein irritierendes Moment (und vielleicht der einzige Bestandteil des Films, der ihn doch noch bemerkenswert machen könnte), das die Zuschauer gewissermaßen im freien Lachanfall mit einem Eimer Schweineblut begießt.

Und dann ist alles schneller vorbei, als man dachte; das clever abgekürzte Ende bewahrt den Film vor peinlichen Lösungsversuchen (einer wird halbherzig eingeführt; er scheint, wie viele Ideen des Drehbuchs, aus dem Piranha-Nachäffer Killer Fish (1979) mit Lee Majors zu stammen) und läßt die Schleusen für ein Sequel weit, weit offen.

(Entertainment Weekly hat übrigens einen dreiteiligen Artikel von Clark Collis veröffentlicht, der die Entstehungsgeschichte aller Piranha-Filme schön und sehr unterhaltsam ausbreitet. Am schönsten finde ich dabei die Details über das ursprüngliche Piranha-Drehbuch, in dem immer neue Gründe erfunden wurden, warum die Protagonist_innen wieder ins Wasser mußten: erst wurden sie von einem Bär gejagt, dann von einem Waldbrand getrieben…)

Fotos: Kinowelt

Piranha 3D (2010), 4.8 out of 5 based on 4 ratings

5 Gedanken zu “Piranha 3D (2010)

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