The Infidel (2010)

Diese Sache mit der Identität ist ja eine schwierige Angelegenheit; nicht zuletzt weil manche Nationalitäten und Religionen da Erworbenes mit quasi Angeborenem vermischen (Deutsche_r ist demnach zuerst, wer ein deutsches Elternteil hat; alle anderen sind „nur“ eingebürgert). Und was, wenn man auf einmal feststellt, daß man nicht der ist, der man dachte zu sein?

So geht es Mahmud Nasir (Omid Djalili), einem trotz regelmäßiger Besuche in der Moschee eher weltlich orientierten Familienvater, der nach dem Tod seiner Eltern plötzlich erfährt, daß er adoptiert wurde – und ursprünglich Solly Shimshillewitz hieß. Mit anderen Worten: Er hat jüdische Eltern, und das macht ihn nach jüdischem Verständnis wohl auch zu einem Juden. (Als Mahmud davon erfährt, regt er sich auf der Adoptionsbehörde derart auf, daß er vom Wachdienst zum Ausgang geleitet wird. „You find out you’re Jewish“, empört er sich da, „and some bloke in a uniform is leading you away?“)

[amazon_iframe asin=“B0042D3PVC“]

The Infidel beläßt es nicht bei diesem einen Schicksalsschlag für Mahmud: Kurz vorher hat er erfahren, daß die Braut seines Sohnes einen neuen Stiefvater bekommen wird, weil ihre Mutter wieder zu heiraten beabsichtigt. Dummerweise ist dieser Mann ein für seine extremen Ansichten berüchtigter konservativer muslimischer Prediger – Mahmud wird also von seinem Sohn inständig gebeten, sich möglichst fromm und muslimisch zu geben, während er eigentlich gerade damit beschäftigt ist, von seiner Zufallsbekanntschaft Lenny Goldberg (Richard Schiff) mehr über das Jüdischsein zu erfahren. Und seine Frau Saamiya (Archie Panjabi) fragt sich derweil ob seiner Geheimniskrämerei, ob er vielleicht homosexuell sei oder eine Geliebte habe…

Josh Appignanesis Film bietet durch diese Verwicklungen Momente zum Fremdschämen in großer Zahl, und das ist natürlich Absicht, will er doch herausarbeiten, wie einschränkend reduzierte Formen von Identität sein können – und zugleich: wie wenig wir doch voneinander wissen, wie billig und kleinlich unsere Vorurteile voneinander sind. Das dürfte vor allem im Interesse von Omid Djalili sein, für den dieser Film natürlich ein Aufmerksamkeitsvehikel ist. Djalili ist in Großbritannien als Stand-Up-Comedian bekannt, seine Show hat es zwischendurch sogar einmal ins Nachtprogramm des WDR geschafft, glücklicherweise ohne Synchronisation, sondern mit hilfreichen Untertiteln. (Hier und hier sind zum Beispiel zwei Teile einer Ausgabe seiner Show zu sehen; andere Folgen lassen sich ebd. leicht finden.)

Ihm geht es immer wieder um „westliche“ Vorurteile gegen den Islam und den Mittleren Osten, und sein Mahmud ist hier natürlich ein weiser Narr, einer, der sich zwar vielleicht über die Dummheit einzelner, auch über die Mühen und Hürden des Alltags bezaubernd aufregen kann, der aber Vorurteile gegen Gruppen allenfalls äußert, um seinem Ärger Luft zu machen. Mit den neuen Informationen über seine Herkunft konfrontiert, will er aber den Dingen auf den Grund gehen: Will seinem (noch lebenden) Vater gegenübertreten und dazu (ein wenig wenigstens) das Judentum kennenlernen – und gerät vor allem deshalb in unmögliche Situationen, weil sein Umfeld solche Neugier und solche Identitätsverschiebungen nicht kennt und noch weniger goutiert.

Das alles ist stellenweise brüllend komisch, aber natürlich viel braver als etwa Four Lions (meine Kritik), der sich islamistischen Positionen mit viel größerer Bösartigkeit nähert. Dafür geht The Infidel (übrigens auch von der Titanic sanft gelobt) in die Grenzbereiche zwischen den Religionen, dreht die Identitätspolitik einmal kräftig um und schüttelt. Bis irgendwann der freundliche Choleriker Mahmud/Solly seinen jüdischen Freund anfährt: „Who are you to tell me about jews?“ Denn hier wird jeder vom anderen als Spezialist in dessen Religion gesehen, bis die Unvollkommenheit dieser Hypothese nur allzu deutlich zum Vorschein kommt: Wir sind alle nur freundliche, halb ahnungslose Gläubige.

Auch wenn der Film dann am Schluß eine einfache Form von religiöser und persönlicher Identität bevorzugt (natürlich mit nicht nur Toleranz, sondern Freundschaft zwischen den Religionen und Glaubenden), dann ist das zwar so wohlfeil wie politisch korrekt (oder „Kirchentag“, wie die Titanic schreibt); aber die Auflösung des großen Showdowns am Schluß ist schon wieder so durchgeknallt zusammenkonstruiert, daß man dem Film auch das verzeihen mag.

1 Kommentar zu „The Infidel (2010)

Schreibe einen Kommentar

Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
Maze Runner – Die Auserwählten im Labyrinth (2014)

Zugegeben, eigentlich war spätestens mit Die Bestimmung - Divergent und was da noch folgen mag (z.B. Die Bestimmung - Insurgent),...

Schließen