You Better Watch Out (1980)

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Das ist ein seltsamer Film: You Better Watch Out, auch unter dem Namen Christmas Evil vertrieben, ist der vielleicht erste, der „ursprüngliche“ Weihnachtsslasher Slasher mit mörderischem Weihnachtsmann* (noch vor Silent Night, Deadly Night), aber kaum jemand kennt ihn wirklich. Und obwohl John Waters den Film angeblich jahrelang auf seinen Weihnachtsfeiern zeigte, ist er nur mit Mühe auffindbar; in Deutschland gibt es derzeit keine DVD auf dem Markt.

Das alles hat natürlich damit zu tun, daß man es hier mit einem Low-Budget-Produkt zu tun hat, das sich einer großen Öffentlichkeit nie so recht präsentieren konnte – für die You Better Watch Out aber wahrscheinlich auch zu sperrig, zu seltsam und zu langatmig geraten sein könnte. Denn die Erwartungen, die etwa die derzeit verwendeten Cover wecken, gehen an Lewis Jacksons Film doch ganz klar vorbei.

Hier gibt es keinen mörderischen Weihnachtsmann, der allein auf Mord und Blutvergießen aus wäre. Harry Stadling (Brandon Maggart) ist stattdessen ein sehr einsamer Mann, der bis vor kurzem am Fließband einer Spielzeugfabrik arbeitete und nun auf einen Schreibtischjob befördert wurde, was ihm nicht so recht behagt. Sein sonstiges Leben führt Harry freilich in einer ganz an Weihnachten und Santa Claus orientierten Welt: Er schläft im roten Kostüm, macht Dehnungsübungen zu Weihnachtsmusik und beobachtet dann die Kinder der Nachbarschaft, um ihr Betragen anschließend in einem großen Buch festzuhalten.

Seine (völlig platonischen und nie sexualisierten) voyeuristischen Eskapaden deuten an, daß der Film eigentlich komplexere Subtexte hat, als er sich zugestehen mag. Da geht es natürlich um das wahre Verhältnis des Weihnachtsmanns zu Kindern, um Santa Claus als Mann in Drag (so interpretiert Waters den Film), aber eben auch um die Trennung zwischen Gut und Böse, brav und ungezogen, naughty or nice, die der Film aus der Prä-Coca-Cola-Weihnachtswelt zurück in seine Gegenwart transportiert, die aber nicht so recht zu dem Mann im roten Mantel passen will.

So ist auch die Welt, in der Harry lebt, an den Ideen von Weihnachten recht wenig interessiert (ein immer wieder auftauchendes Thema des Weihnachtsfilms natürlich, das hatte ich hier ja auch schon beim Grinch bemerkt; es trägt offenbar selbst bis in den Horrorfilm hinein). Die Spielzeugfabrik verschenkt zwar angeblich Geschenke an kranke Kinder, aber Harry kann nicht herausfinden, wie viele das sind oder ob es sich nur einen Marketing-Trick handelt. (Das monochromatische Spielzeug, das die Fabrik herstellt, ist übrigens eine der traurigsten Aussagen über kapitalistische Massenproduktion, die ich je gesehen habe.)

Hinzu kommt, daß Harry eine psychische Deformation hat, die sich aus der Überinterpretation des Regisseurs und Autors Jackson bezüglich der Freudschen Urszene ergibt: Harry hat nämlich als kleines Kind beobachtet, wie der Weihnachtsmann (also sein verkleideter Vater) sich seiner Mutter unterm neben dem Weihnachtsbaum sexuell näherte. Das hat ihn offenbar so schwer mitgenommen, daß er nun, als sich seine Auseinandersetzung mit der Fabrik zuspitzt, sich selbst wortwörtlich als den echten Weihnachtsmann versteht (samt ekstatischer Freude vor dem Spiegel, mit angeklebtem Bart: „It’s me! It’s me!“).

Und dann geht der Mann eben seiner Wege und seiner Aufgabe nach. Die bösen Kinder werden allerdings nicht bestraft; für die gibt es reichlich Geschenke, für das Krankenhaus gleich einen ganzen Transporter voll. Die bösen Erwachsenen freilich kommen nicht ungeschoren davon, da kommen Spielzeuglanzen, Beile, Messer und sogar Weihnachtsbaumdekorationen zum tödlichen Einsatz. Erst am Schluß, als ein fackelschwingender Mob à la Frankenstein ihn durch die Straßen jagt, wird ihm klar: „They don’t want Santa Claus!“ Oder jedenfalls nur die weichgespülte Version. Und dann durchbricht er mit seinem Auto ein Geländer und fliegt, wie von Rentieren gezogen, über einen vom Vollmond erleuchteten Himmel.

I kid you not. Der surreale Schluß ist gleichwohl der beste Moment des Films, der vorher nie so richtig in die Puschen kommt und sich über seine 100 Minuten doch recht mühselig dahinzieht. Lange Zeit passiert nämlich eigentlich gar nichts, und man mag diese Szenen dem Film nur deshalb verzeihen, weil sie mit einigermaßen brauchbaren Schauspieler_innen gefüllt sind, und sie gelegentlich auch zur Charakterisierung des Protagonisten und seiner Welt beitragen. Zwischendrin ist aber auch unglaublich viel Leerlauf, viel zu lange Einstellungen und nutzloser Füllstoff, und das alles vor eher billigen Kulissen (das 1947 vom Anfang des Films sieht dem zeitgenössischen Ende der 1970er Jahre doch sehr, sehr ähnlich) – daß Lewis Jackson danach nie wieder einen nennenswerten Film gemacht hat, mag sich auch aus diesen Eindrücken erklären.

(Lesenswert: Das Interview mit Lewis Jackson bei FEARnet.)

*Der Dank für den präzisierenden Hinweis gebührt Thomas Vorwerk!

How the Grinch Stole Christmas (2000)

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Als ersten eigenen Beitrag für den Weihnachtsfilm-Blogathon habe ich mir einen Film ausgesucht, von dem ich mir möglicherweise irgendwann sogar heimlich geschworen hatte, ihn mir nie ansehen zu wollen, nienienie: How the Grinch Stole Christmas von Ron Howard, mit Jim Carrey in der Titelrolle (als Grinch natürlich, nicht als Weihnachtsfest).

Der Grinch ist eine Figur, die hierzulande wohl so wenig bekannt ist wie auch die meisten anderen Schöpfungen von Dr. Seuss/Theodore Seuss Geisel (daß ich z.B. The Cat in the Hat ein bißchen kenne, ist eher Zufall und familiäre Gegebenheiten). Er wohnt in der Nähe von Whoville, wo mit Hingabe Weihnachten gefeiert wird – weil er das aber den Bewohner_innen der Stadt nicht gönnt, spielt er ihnen erst Streiche, um schließlich, als Weihnachtsmann verkleidet, ihnen Weihnachten gleich ganz zu nehmen, indem er alle Geschenke und Weihnachtsbäume mitgehen läßt.

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Grinch beginnt eigentlich noch recht vielversprechend als ziemlich explizite Kritik an einem rein konsumistisch verstandenen Weihnachtsfest: Da kaufen die „Whos“ alle ein wie verrückt, und die entscheidenden Bilder sind: Kassen, Geld, Geschenke. Neben einer Geschichte von Ungerechtigkeit und Außenseitertum (in deren Zentrum natürlich der Grinch selbst steht) ist das aber leider auch alles, was dem Film einfällt: Komplexer wird es nie. Denn am Ende ist die Botschaft, schlicht und schlicht: Bei Weihnachten geht es nicht nur um die Geschenke, sondern um das Miteinander; und in diesem Miteinander soll niemand ausgeschlossen sein, denn jede_r ist wertvoll und wichtig. Schmalziger geht Weihnachten nicht.

Der Weg dahin ist freilich ein bis an den Rand vollgestopfter. Die bösen Streiche und Methoden des Grinch sind durchaus lustig; die Whos bekommen böse Post zum Fest, die Geschenke werden mit einem großen Staubsauger aufgesaugt, die Weihnachtssocken über dem Kamin von rasend schnell fressenden Motten zerkaut. Aber Subtilität kennt der Film nicht, nur Offensichtlichkeiten, und diese türmt er noch aufeinander, bis es aus den Rändern herauszuquellen scheint. Die Bilder sind hier stets zu bunt, zu fröhlich, zu voll, zu laut, zu bumm, und gerade Linien gibt es kaum.

Gleichwohl muß man natürlich eingestehen, daß zumindest die Schlichtheit der Geschichte schon der Vorlage entstammt; dabei handelt es sich aber um ein eher knappes Kinderbuch, dessen filmische Umsetzung im Grunde mit dem 26-minütigen Fernseh-Animationsfilm letztgültig erledigt zu sein schien, den Chuck Jones 1966 verantwortete. (Unten anzusehen.)

Und in der Tat ist die (holzhammerartige) Kapitalismuskritik natürlich eine Neuerung des Howard/Carrey-Unternehmens (das in meiner Wahrnehmung für beide ein Tiefpunkt ihrer respektiven Karrieren war), und sie hat lichte Momente. Etwa wenn der Grinch nicht nur die Geschenke anprangert, sondern die Wegschmeißkultur gleich mit (er wohnt neben der Müllkippe): „That’s what it all is about: gifts, gifts, gifts. They all come to me in my garbage.“ Später wird der Hund, der die Rolle des Rentiers am Schlitten spielen muß, sich weigern, eine rotleuchtende Nase anzuschnallen, und da wird der Grinch fast politisch: „You reject your own nose because it represents the glitter of commercialism!“

Durchaus interessante Ansätze liegen auch in der seltsamen sexuellen Anziehung, die offenbar zwischen dem Grinch und der Dorfschönheit besteht (Furries, anyone?) und den sonstigen, sehr vorsichtigen anzüglichen Andeutungen des Films. Babies kommen hier in beschirmten Körbchen vom Himmel gesegelt, und ein glücklicher, frischer Vater ruft im Moment des Fundes nach seiner Frau: „Honey, our baby is here!“, und nach einer irritierten Pause: „He looks just like your boss.“

Aber Grinch beläßt es trotz seiner 104 Minuten Laufzeit bei solchen Andeutungen von Tiefe, und bis zum (fast) allgemeinen Glück im Finale passiert dann auch nichts mehr – außer eben viel Gebläse, Trara und Geschrei.

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Und hier als Bonustrack Chuck Jones‘ How the Grinch Stole Christmas! von 1966, weniger aufgeregt und näher am Originaltext:

Weihnachtsfilm-Blogathon 2010

Gewinnen schon mit einem einzelnen Kommentar möglich!

Beiträge im Blogathon:

Text zu Filmstart (11. November 2010): Umständlich verliebt

Ich finde weder den deutschen Verleihtitel Umständlich verliebt noch das originale The Switch als Namen besonders überzeugend, aber was soll’s: Die RomCom with Kid ist überraschenderweise sogar einigermaßen effektiv, obwohl sie im Grunde nur bekannte Versatzstücke neu sortiert – die Skurrilität macht’s wohl gelegentlich. Für critic.de habe ich mir das genauer angesehen.

Foto: Constantin

Text zu Filmstart (28. Oktober 2010): Wir sind die Nacht

Ich hatte Wir sind die Nacht ja schon vorvergangene Woche auf dem Filmfestival in Sitges gesehen – und mich erfreut (und ein bißchen überrascht) dazu geäußert, einen recht brauchbaren deutschen Vampirfilm gesehen zu haben. Etwas detaillierter habe ich meine Gedanken (und Bedenken) für critic.de aufgeschrieben.

Foto: Sitges Film Festival

Texte zu Filmstarts (14. Oktober 2010)

Morgen startet in den deutschen Kinos die französische Filmbiographie Gainsbourg, dessen Titel im deutschen Verleih mit „Der Mann, der die Frauen liebte“ ergänzt wurde – was ich zumindest mit Blick auf den Film für etwas danebengreifend halte. Joann Sfar hat einen Film mit viel Qualm und Selbstverzehrung gedreht, der sich zwar nur um seinen Protagonisten Serge Gainsbourg dreht, diesem aber eigentlich nie wirklich nahekommt – und deshalb zu einer allzu archetypischen Rockstargeschichte gerät. Habe ich jedenfalls für critic.de so aufgeschrieben.

Ein gänzlich anderer Film ist Piranha 3D, ein blutiges Spektakel, exploitativ und stolz darauf. Für Fans fleischfressender Fische.

Foto: Prokino

Text zu Filmstart (30. September 2010): Adèle und das Geheimnis des Pharaos

Selten war Paris so schön. Womöglich nie: Aber der angenehm überkandidelte Les aventures extraordinaires d’Adèle Blanc-Sec (auf Deutsch leider weniger verschnörkelt Adèle und das Geheimnis des Pharaos), den ich schon vor einiger Zeit für blairwitch.de besprochen habe, kümmert sich auch nicht hauptsächlich um so Nebensachen wie Realität. Das ist sein großer Vorzug. Ganz so beglückt wie erhofft verließ ich das Kino leider aber doch nicht.

Foto: Universum

Texte zu Filmstarts (2. September 2010)

Heute nur ganz kurz der Hinweis auf meine Besprechungen zu den Kinostarts der Woche: Für critic.de habe ich Get Him to the Greek (zu deutsch Männertrip) gesehen – eine insgesamt sehr unterhaltsame Komödie, die etwas mehr Tiefgang vortäuscht als sie wirklich bringt; die sehr vergnüglichen ersten Minuten des Films hatte ich hier schon einmal vorgestellt.

Auch unterhaltsam, wenngleich lange nicht so rücksichtslos überdreht und sicher wesentlich familientauglicher (was auch an der geringeren Menge konsumierter Drogen und der zuckersüßen Liebesgeschichte liegen mag) ist der Bruckheimer/Turteltaub/Cage-Streifen The Sorcerer’s Apprentice (in Deutschland aus unerfindlichen Gründen als Duell der Magier gestartet).

Foto: Universal

Texte zu Filmstarts (26. August 2010)

Zumindest zwei der in dieser Woche startenden Filme lohnen einen Kinobesuch; Der kleine Nick (Le petit Nicolas), die Verfilmung der bekannten Geschichten von Goscinny und Sempé, gehört leider nicht dazu. Warum das so ist, habe ich für critic.de aufgeschrieben.

Enter the Void hingegen ist einen Kinobesuch allemal wert, zumal das herausfordernde Seherlebnis, das dieser Film bietet, anderswo wohl kaum nachzuvollziehen sein wird. Aber nicht alle werden Gaspar Noes Streifen deshalb gleich lieben.

Mary & Max schließlich, eine Tragikomödie in Knetgummi, sollte man sich unbedingt ansehen. Und dann viele Freundinnen und Freunde ebenfalls hinschicken.

Foto: MFA+

Text zu Filmstart (19. August 2010): Babys

Von den heute startenden Filmen konnte ich vorab schon den Dokumentarfilm Babys (Bébés) sehen und für kino-zeit.de besprechen. Eltern werden sich vermutlich von diesen Bildern niedlicher Kinder aus aller Welt eine Weile bezaubern lassen, für alle anderen Menschen treten die offenen Fragen, die der Film läßt, womöglich schneller und deutlicher hervor.

Foto: Kinowelt