FFF 2010: The Human Centipede (First Sequence) (2009)

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The Human Centipede (First Sequence) wirkt in seinen ersten zehn, zwanzig Minuten, wenn man den ganzen Film im Blick hat, wie eine Mogelpackung. Denn die Eröffnungssequenz samt der Anfangstitel ist offenbar bewußt im Stil billiger Reißer der siebziger, vielleicht noch achtziger Jahre gehalten, was insofern passt, als der Film selbst kostengünstig digital in HD gedreht wurde und sicherlich als exploitativer Reißer nicht völlig falsch eingestuft ist.

Gleichwohl schreit jede Einstellung der Anfangsminuten lautstark „Trash!“ und „Ironie!“, da ist- alles überzogen und übertrieben, die reglose Mine des natürlich deutschen Bösewichtes, die Geste mit der er sein Gewehr unter dem Trenchcoat verbirgt, seine Sonnenbrille; schließlich die amerikanischen Touristinnen Lindsay und Jenny, clueless in Europe, hysterisch und unerfahren, wie es nur das Klischee hergibt. Die beiden verfahren sich auf der nächtlichen Suche nach einer Disco irgendwo (den deutschen Kennzeichen nach zu urteilen) im Rheinland in einem Birkenwald, und natürlich haben sie dort eine Reifenpanne, aber keine Ahnung, wie man einen Reifen wechselt.

Bis dahin ist ihr Schicksal sehr Rocky Horror Picture Show, aber statt eines wahnsinnigen Frank’N’Furter erwartet sie im Bungalow im Wald der nicht weniger irrsinnige, aber überhaupt nicht komische Doktor Josef Heiter (Dieter Laser, der von Die verlorene Ehre der Katharina Blum bis hierher einen weiten Weg zurückgelegt hat, aber sicher seinen Spaß hatte).

Mit diesem im Namen steckenden offensichtlichen Verweis auf einen der deutschen Erzbösewichter, Josef Mengele, endet der irgendwie ans Ironische gemahnende Teil des Films, und The Human Centipede (First Sequence) begibt sich ins Gebiet des exploitativen Ekeltrashs. Regisseur und Autor Tom Six hat seinen Film mit einer, so ginge die freundliche Formulierung, traditionellen, geradezu klassischen Plotkonstruktion versehen – man könnte es auch „retro“ nennen, oder wahlweise urteilen: Alles irgendwie schon bekannt.

Die Touristinnen landen, gemeinsam mit einem nachträglich gekidnappten Japaner, in Heiters Keller und werden dort einem medizinischen Versuch der abstoßenderen Art unterzogen. Natürlich gibt es Ausbruchversuche, vor und nach der entscheidenden Operation, und natürlich schaut irgendwann die Polizei vorbei, auf der Suche nach verschiedenen vermissten Personen. Das alles ist mehr oder minder gut motiviert und entwickelt, aber selten zwingend. Immerhin verzichtet der Film auf eine irgendwoher herbeigeholte psychologische Erklärung für die geistige Deformation des Bösewichtes; auch ist er, was explizit ekelerregende Darstellungen angeht, eigentlich eher zurückhaltend. Das Widerliche passiert vor allem in unserem eigenen Kopf.

Josef Heiter bleibt dabei zwingend die interessanteste Figur des Films, ein Die Welt lesendes mad scientist-Monstrum, das sich nach getaner Arbeit im dunklen Anzug mit Einstecktuch dandyhaft aufs weiße Sofa bettet. Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert war von The Human Centipede (First Sequence) so irritiert, daß er ihm keine Wertung zu geben wußte. Meine Vermutung wäre, daß Tom Six diesen Film mit dem selben Motiv gemacht hat, das er seiner Hauptfigur geben würde: Weil man das versuchen kann und versuchen muß.

Nämlich – und da verrate ich jetzt das einzig relevante und wirklich eklige Handlungselement, den zentralen gross out des Films, der aber auch im Trailer schon zu sehen und insofern kein Geheimnis ist: Der frühere Spezialist für die chirurgische Trennung siamesischer Zwillinge geht jetzt den umgekehrten Weg und näht seine drei Opfer zusammen, Mund an Anus, zu einem durch den Verdauungstrakt verbundenen menschlichen Tausendfüßler. Warum? Vermutlich eben: Weil er es kann.

Laut IMDB ist Human Centipede II schon für 2011 in Planung. Der Untertitel lautet „Full sequence“ – das verheißt nichts Gutes.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2010: The Human Centipede (First Sequence) (2009), 4.0 out of 5 based on 1 rating

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