Gérardmer 2011 – Tag 1

Gérardmer 2011 - SchriftzugIm Umgang mit den Journalist_innen stottert das Festival in diesem Jahr noch ein wenig. Am Morgen machte zwar das Pressebüro pünktlich um zehn Uhr auf, aber da das Team die Morgenbesprechungen offenbar noch nicht abgeschlossen hatte, mußte die stetig wachsende hungrige Meute sich noch zehn, fünfzehn Minuten gedulden. Und dann gab es offenbar ein Durcheinander bei der Kennzeichnung der Eingänge für die unterschiedlichen Akkreditierungen, so daß ich zur ersten Vorstellung (Dream Home) zwar den nominell „richtigen“ Weg nahm, aber dann wortreich darüber aufgeklärt wurde, welcher Weg wirklich und eigentlich richtig sei. (Am Nachmittag waren die Schilder dann umgehängt, das machte es leichter.)

Offenbar haben die Sicherheitsleute aber auch klare Anweisungen. Denn als ich mit zwei anderen Besucher_innen gemeinsam durch die Kontrolle gehen wollte, die aber beide nur „gewöhnliche“ Tickets hatten, bestand ein junger Mann darauf, ich sollte mich in meine Schlange mit höherer Priorität einreihen. Ich dachte zuerst, er scherze; aber auch mein Hinweis darauf, daß es derzeit überhaupt keine Schlange gebe (die Argento-Retrospektivevorstellung zu Tenebre war nicht unbedingt überfüllt) und sich die beiden Gänge zehn Meter weiter wieder zu einem vereinten, konnten ihn nicht umstimmen.

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Leider war zur Vorstellung von Dream Home niemand von der Equipe des Films anwesend – zu gerne hätte ich doch vom Regisseur gehört, wie ernst oder unernst er diese Mischung aus Immobilienkrise und Over-the-Top-Splatter eigentlich meint; und wie man sich die Wohnungsrealität in Hong Kong eigentlich wirklich vorstellen muß. („Inspired by real events“, of course.)

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Das La Neptune ist der geographisch zum Festivalhauptkino naheliegendste Ort, wenn man mittags wirklich rasch eine kleine Mahlzeit braucht; der Kellner der Brasserie ist immer noch so unfreundlich-freundlich wie im vergangenen Jahr, und sie bieten den Festivaliers auch in diesem Jahr die gleichen zwei Mittagsmahlzeiten an, croque monsieur und eine Art Kartoffelauflauf, dessen genauen Namen ich nicht präzise notieren konnte.

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Gérardmer - Talal SelhamiRegisseur Talal Selhami freute sich bei der Vorstellung seines Films Mirages offenbar ganz besonders, seinen Film – der hier überhaupt erst, nach dem Festival in Marrakesch, zum zweiten Mal gezeigt wurde – vor Dario Argento vorführen zu können, und hatte schon aus lauter Nervosität und offenbar um niemanden zu vergessen, einen Spickzettel mitgebracht. Auch wenn der nicht ganz zehn Seiten Umfang hatte, wie er anfangs scherzte, dauerte es doch eine ganze Weile, bis er seine Ansprache hinter sich gebracht hatte. (Der Film seinerzeit neigt auch zur Langatmigkeit, aber das ist eine andere Geschichte.)

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Für längere Kritiken war durch das dichte Programm heute keine Zeit; morgen hoffe ich etwas mehr Luft zu haben. Da geht es los mit Somos lo que hay, dann folgt aber eine ausgedehnte Mittagspause nebst einer Pressekonferenz mit Argento, auf der er hoffentlich auch ein wenig von seinem Projekt Dracula 3D erzählen wird, das ab Februar gedreht werden soll. Anschließend geht es zu Cold Prey 3, einem Prequel zu den bisherigen zwei Filmen, sowie dem heiß erwarteten The Troll Hunter, in dem einige den Geheimtipp des Festivals vermuten. Eventuell schließt der Abend dann zu später Stunde mit Hybrid ab. Aktuelles Kurzes dazu gibt es stets von mir bei Twitter.

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Gérardmer 2011 – Tag 0 (Ankunft)

Gérardmer 2011 - SchriftzugIrgendwie ist in diesem Jahr von meiner Anreise und Ankunft in Gérardmer zum hiesigen Festival des fantastischen Films deutlich weniger zu sagen als im vergangenen, und auch ohne Bilder. Denn in der kleinen Vogesenstadt bin ich erst deutlich nach Einbruch der Dunkelheit angekommen.

Aus diversen, hier völlig uninteressanten Gründen, konnte ich heuer erst später von zuhause aufbrechen, habe die Fahrt mit Film, Festivalplanung, Lektüre und Dösen verbracht; der Bus, die letzte Etappe, fuhr von Épinal bis Gérardmer zügig und ohne Halt durch, das alles war einfach ganz und gar nicht aufregend, sogar hier im Ort dann ein bißchen gemütlich, weil ich schon vieles wiedererkannte.

Das Pressebüro – die organisierende Agentur hatte mich in den vergangenen Wochen und Tagen schon durch eher erratisch zuverlässiges Antworten auf E-Mails und Anfragen irritiert – war da natürlich schon nicht mehr besetzt, weil sich die ganze Equipe auf der Eröffnungsveranstaltung befand (die ich mir aus Termingründen sparen mußte, was aber filmisch kein großer Verlust ist: meine Kritik zum Eröffnungsfilm Devil steht ja schon eine Weile hier im Blog). Dann werde ich also morgen früh meine Akkreditierung/Badge abholen und mich in die Tiefen der Filmwelt begeben.

Ich freue mich aber schon sehr darauf, mich mit zwei deutschen Kolleg_innen zu treffen, die morgen ankommen werden, sowie eine Horde französischer Twitterati und Blogger_innen, die offenbar schon in die Stadt eingefallen sind (hier meine Twitter-Liste der Festivalbesucher_innen). Vielleicht kennen die auch einen Ort, wo man ordentlich essen kann; ich habe bislang hier noch nichts Brauchbares finden können, und noch einmal möchte ich keine 8,50 Euro für ein Nachtisch-Crêpe ausgeben, das Blaubeerschnaps mit ekligster Sprühsahne verbindet. Berk!, wie der Franzose mit Recht und Betonung sagt.

Und wer weiß, vielleicht ergibt sich ja das eine oder andere Interview in diesen wenigen Tagen, das dann vielleicht auch schon rasch hier im Blog zu finden sein wird…

Post Scriptum: Fast vergessen hatte ich aufzuschreiben, was morgen alles auf dem Programm steht: Dream Home, Quarantine 2: Terminal (das Sequel zum [REC]-Remake), Mirages sowie als Double feature am späten Abend die beiden Dokumentarfilme American Grindhouse und Machete Maidens Unleashed, die beide in Sitges schon gut beim Publikum ankamen. Aktuelles Kurzes dazu gibt es stets von mir bei Twitter.

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Gérardmer 2011: The Objective (2008)

Gérardmer 2011 - SchriftzugSchon bevor das Festival in Gérardmer am kommenden Mittwochabend beginnt, werde ich einige der Filme besprechen, die dort zu sehen sein werden, aber mir entweder schon auf Festivals begegnet oder schon – wo auch immer – auf DVD erhältlich sind. Kritiken gibt es von mir zudem schon zu Rare Exports: A Christmas Tale, Devil, Proie, Prowl und Vanishing On 7th Street.

The Objective ist ein eigenartiger Film. Er beginnt wie einer dieser typischen Harte-Jungs-Militär-Streifen: Aus dem Off erzählt die Stimme eines CIA-Agenten, direkt nach dem 11. September 2001 habe man in Afghanistan an bestimmten Punkten seltsames Hitzeaufkommen gemessen – man habe zuerst befürchtet, die Taliban hätten eine Atomwaffe in die Finger bekommen, aber vermutete dann doch, es handle sich um etwas ganz, ganz anderes…

Bei solchen dunklen Andeutungen bleibt es dann erstmal, wenn der CIA-Mann Keynes (Jonas Ball) mit ein paar Männern von den Special Forces und einem ortskundigen Dorfbewohner in die Berge aufbricht. Angeblich will er sich der Unterstützung eines Geistlichen versichern, aber auch den Soldaten geht langsam auf, daß das ein vorgeschobener Auftrag ist.

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Worum es dann eigentlich genau geht, erfährt man bis zum Schluß kaum, und der Film changiert da einigermaßen unentschlossen bis gezielt verwirrend mit den Möglichkeiten des Horror- und des Science-Fiction-Films herum, ohne sich je ganz aufzulösen. Das ist zwar zunächst bezaubernd anzusehen, verliert aber nach einer Weile an Reiz, auch wenn zwischendrin immer ein paar kleine Seltsamkeiten passieren (Trinkwasser wird zu Sand, elektronische Geräte funktionieren nicht mehr und ein Hubschrauber scheint ganz nahe zu sein, bis sein Geräusch plötzlich abbricht – derlei).

Regisseur Daniel Myrick ist weniger für seinen vorherigen Film Solistice bekannt denn für seine Beteiligung an The Blair Witch Project, und man entdeckt hier noch den ans Dokumentarische erinnernden Eifer dieses Erstlings wieder – es fehlt gleichwohl an interessanten, vielschichtigen Figuren, die mehr miteinander verbinden (oder voneinander trennen) würde als das Standardgequatsche, das solche Commando-Filme üblicherweise aufbringen, auch wenn The Objective sicher dialoglastiger ist als die meisten Vertreter dieses Genres. Die Schwangerschaft der Partnerin reicht als Alleinstellungsmerkmal für eine Persönlichkeit eben doch nicht aus.

Richtig nervtötend wird der Film allerdings durch das permanente Voice Over des Protagonisten, das vermutlich halbgar tiefsinnig sein soll, aber letztlich neben seiner expositorischen Funktion nur Stereotypen aufwärmt. Da mögen die akustischen Täuschungen und seltsamen Sandfiguren, die im letzten Drittel auftauchen, noch so geheimnisvoll sein: Der Mann redet das alles in Grund und Langeweile.

Gérardmer 2011 – die Filme, die Jurys

Gérardmer 2011 - SchriftzugAm späten Nachmittag wurde heute bekanntgegeben, welche Filme auf dem 18ème Festival du Film fantastique in Gérardmer (26. bis 30. Januar) zu sehen sein werden – und von welchen Jurys sie begutachtet werden. (Einige Links und Infos werde ich in den nächsten Tagen hier noch ergänzen. Alle Infos erscheinen jetzt auch nach und nach auf den offiziellen Seiten des Festivals.)

Dario Argento wird, wie schon berichtet, der Wettbewerbsjury vorsitzen; die von mir erhoffte Argento-Retrospektive wird es freilich nicht geben.

Der Jury gehören noch einige andere große Namen an: Alexandra Aja (Regisseur u.a. von Piranha 3D), Maurice Barthelemy, Anne Caillon, Fred Cavayé (Autor und Regisseur von Pour Elle und des sehr sehenswerten À bout portant), Nicolas Cazalé und der großartige Schauspieler Clovis Cornillac (der wesentlich mehr kann als nur Astérix) sowie Lucile Hadzihalilovic (Mitautorin von Enter The Void, Regisseurin von Innocence), Serge Hazanvicius und Sophie Quinton.

Die Wettbewerbsfilme sind:

Es sind diesmal viele Erstlinge dabei und einige Filme, die schon vergangenen Oktober in Sitges liefen und dort mit z.T. sehr positiven Reaktionen bedacht wurden.

Außer Konkurrenz laufen:

  • Aladin et la lampe merveilleuse von Jean Image (Animationsfilm für Kinder)
  • American Grindhouse von Elijah Drenner (Dokumentarfilm)
  • Cold Prey 3 (Fritt Vilt 3) von Mikkel Brænne Sandemose
  • The Hunters von Chris Briant (Abschlußfilm)
  • Hybrid von Eric Valette
  • Machete Maidens Unleashed! von Mark Hartley (Dokumentarfilm)
  • Proie von Antoine Blossier (meine Kritik)
  • Prowl von Patrik Syversen (meine Kritik)
  • Quarantine 2: Terminal von John Pogue
  • Rare Exports: A Christmas Tale von Jalmari Helander (meine Kritik)
  • Vanishing On 7th Street von Brad Anderson (meine Kritik)

La Nuit Giallo:

In der dem Giallo gewidmeten langen Nacht werden L’ucello dalle piume di cristallo von Dario Argento, Reazione a catena von Mario Bava sowie O squartatore di New York von Lucio Fulci gezeigt.

Retrospektive:

Die Retrospektive in diesem Jahr widmet sich dem Oberthema des Festivals „Schizophrénie, Claustrophobie, Paranoïa… et autres petites joies de l’existence“ („Schizophrenie, Klaustrophobie, Paranoia … und andere Freuden der Existenz“) – gezeigt werden Filme von 1919 bis heute:

  • Das Kabinett des Dr Caligari (1919) von Robert Wiene
  • Dr Jekyll & Mr Hyde (1941) von Victor Fleming
  • Psycho (1960) von Alfred Hitchcock
  • Repulsion (1965) von Roman Polanski
  • Body Double (1984) von Brian De Palma
  • Dead Ringers (1988) von David Cronenberg
  • Donnie Darko (2001) von Richard Kelly
  • Haute Tension (2002) von Alexandre Aja
  • The Machinist (2005) von Brad Anderson
  • Bug (2006) von William Friedkin (meine Kritik)
  • The Mist (2007) von Frank Darabont (meine Kritik)
  • Ne te retourne pas (2009) von Marina de Van

Kurzfilme:

Der Kurzfilmjury steht Kim Chapiron vor, Regisseur von Sheitan und Dog Pound; dazu gehören außerdem Catherine Hosmalin, Mohamed Mazouz, Thomas Ott und Raphaël Personnaz.

Gezeigt werden folgende französischen Shorts:

  • Bloody Christmas 2 – La Revolte des Sapins von Michel Leray
  • Cabine of the Dead von Vincent Templement (Trailer)
  • Le Miroir von Sébastien Rossignol
  • Le Vivier von Sylvia Guillet
  • Mandragore von Fabrice Blin
  • No Face von Mathilde Arnaud und Jean-Yves Arnaud
  • Red Balloon von Damien Macé und Alexis Wajsbrot

In einer weiteren Sektion werden Filme vorgestellt, die in Frankreich direkt als DVD erscheinen:

Ein paar Erwartungen an das Programm wurden nicht erfüllt (daß etwa John Carpenters The Ward zu sehen sein würde, damit hatte ich eigentlich fest gerechnet), aber es sieht doch so aus, als würden dem Festivalpublikum da einige Highlights geboten.

Gérardmer 2011 – Dario Argento

Gérardmer 2011 - SchriftzugIch werde auch in diesem Jahr wieder zum Festival du Film fantastique nach Gérardmer (26. bis 30. Januar) in den Vogesen fahren und freue mich jetzt schon auf viereinhalb sehr intensive Tage in heimeliger, fast privater Atmosphäre und mit voraussichtlich viel, viel Schnee. (Meine Berichte vom vergangenen Jahr sind hier.)

Besonders freut mich, daß, wie vorgestern zu erfahren war, Dario Argento in diesem Jahr Präsident der Jury sein wird. Das ist allein schon deshalb ein Grund zur Freude, weil das Festival zu diesem Anlaß einige seiner Filme als Retrospektive zeigen wird (so wie es 2010 mit den Filmen von John McTiernan war); aber man darf doch auch sehr gespannt sein, was von Argento während des Festivals zu hören sein wird. Der große Meister des Giallo (in dessen Profondo Rosso ich mich erst vor wenigen Monaten heftig und unsterblich verliebt habe) hat in den letzten Jahren leider nur wenig erfolgreiche Filme gemacht und ist mit Giallo zuletzt nicht nur bei der Kritik untergegangen, sondern auch vor amerikanischen Gerichten, wo Hauptdarsteller Adrien Brody einen Prozeß gegen Argento gewonnen hat, da er nicht vollständig bezahlt worden sei.

Keine Nachrichtensite kann deshalb auf die so süffisante wie überflüssige Anmerkung verzichten, daß Brody wohl als Protagonist für Argentos neues Projekt, eine 3D-Fassung von Dracula, nicht in Frage kommen werde. Angeblich wird ab Februar in Ungarn gedreht, also direkt nach Gérardmer.

Das Thema des Festivals, wie Gérardmer es sich jedes Jahr gibt, ist für 2011 mit „Schizophrénie, Claustrophobie, Paranoïa… et autres petites joies de l’existence“ überschrieben, also etwa: „Schizophrenie, Klaustrophobie, Paranoia … und andere Freuden der Existenz“. Obwohl die Spekulationen wuchern (The Ward, La Casa Muda, …) sind bislang noch keine Filme für den Wettbewerb oder die Nebensektionen bestätigt; am 13. Januar soll das Programm öffentlich bekannt gemacht werden.

Das offizielle Festivalplakat gibt es aber natürlich schon:

Plakat Gérardmer 2011

Gérardmer 2010 – Tag 4: die Preisträger

gerardmer_logoDas Festival ist gestern abend zu Ende gegangen, ich habe mich schon am Nachmittag in einen Bus geschwungen, um heute morgen wieder vom Kind geweckt werden zu können. Den Schnee habe ich, scheint’s, mitgenommen, draußen ist gerade Landunterweiß.

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Vom Festivalgeschehen habe ich an diesem letzten Tag nicht mehr so viel mitbekommen; kurz vor meiner Abfahrt habe ich noch No-Do gesehen, einen spanischen Geistergruselfilm mit kirchenkritischen Obertönen und einigen Anklängen an Friedkins The Exorcist. Muß man aber, meiner bescheidenen Meinung nach, nicht unbedingt gesehen haben.

Vorher hatte ich die Gelegenheit, ein Interview mit Vincenzo Natali zu führen, der seinen Film Splice in Gérardmer außer Konkurrenz vorstellen konnte. Es wurde ein äußerst interessantes Gespräch über die Zukunft der Genetik, wie man Biohorror machen kann, ohne permanent David Cronenberg zu zitieren und die Frage, ob die Erwachsenen heute nicht erwachsen werden wollen.

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Am Abend wurden dann noch die Preise vergeben, nach und nach tröpfelten sie über Twitter ein, und da gab es dann doch gewisse Überraschungen. Daß Moon den Preis der Jury und den Kritiker-Preis gewann, war nicht mal besonders unerwartet. Der Publikumspreis ging allerdings nicht an den heißen Favoriten La Horde, sondern an den allerdings sehr sehenswerten Thriller 5150 rue des Ormes, und den Grand Prix des Festivals gewann der deutsche Beitrag Die Tür.

Hier die Auszeichnungen in der Übersicht:

  • Grand prix (Großer Preis):
    Die Tür von Anno Saul (Deutschland)
  • Prix du jury (Preis der Jury):
    Moon von Duncan Jones (Großbritannien)
  • Prix de la critique (Preis der Kritik):
    Moon von Duncan Jones (Großbritannien)
  • Mention spéciale du jury presse (Besondere Erwähnung der Pressejury):
    Amer von Hélène Cattet und Bruno Forzani (Belgien/Frankreich)
  • Prix du jury jeunes de la région lorraine (Preis der Jugendjury):
    Possessed von Lee Yong-Ju (Südkorea)
  • Prix du public (Publikumspreis):
    5150 rue des Ormes von Eric Tessier (Kanada)
  • Prix du jury sci fi (Preis der Syfy-Jury):
    La Horde von Yannick Dahan und Benjamin Rocher (Frankreich)
  • Grand prix du court métrage (Großer Preis für den besten Kurzfilm):
    La Morsure von Joyce A. Nashawati (Frankreich)
  • Prix du meilleur inédit vidéo (Preis für den besten Direct-to-Video-Film):
    From Within von Phedon Papamichael (USA)

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Vierzehn Fime habe ich in den letzten Tagen gesehen und viel zu wenig geschlafen. Jetzt werde ich ein paar unerledigte Dinge abarbeiten und mich dann den vielen noch ausstehenden Kritiken zuwenden.

Gérardmer 2010 – Tag 3

gerardmer_logoEs neigt sich auf der einen Seite schon alles sehr dem Ende zu; dafür ist dann auf der anderen Seite auch immerhin schon ein bißchen was fertig. Meine Besprechung von Dans ton sommeil, die bei blairwitch.de nachgelesen werden kann.

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Hatte ich schon erwähnt, daß es fortwährend schneit? Am Samstag kam jetzt immerhin für etwa eine Stunde knallig die Sonne durch. Dann begann es wieder dick zu flocken. Das alles hat neben der schönen Landschaft und dem winterlichen Rumgefühle auch ungewollte Folgen: So hat sich einer der Parkplätze am Hauptspielort des Festivals als gelegentliche Autofalle entpuppt, denn er wird offenbar nicht geräumt und liegt etwas unterhalb der Straße. Auf die ist schon das eine oder andere Auto nicht mehr aus eigener Kraft hochgekommen.

Gerüchte machten auch die Runde, die Busse nach Draußen kämen ob des Schnees nicht durch. Das Büro der Touristeninformation dementiert, aber weil morgen Sonntag ist, fahren eh nur drei Busse zu insgesamt zwei Zielen. Hoffentlich, denn meiner geht nach Fahrplan um halb sechs am Abend.

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Und natürlich ist seit heute morgen die ganze Stadt voll mit Menschen und Autos. Es ist Wochenende, und da sind viele zum Wintersporteln gekommen, aber auch die Fans, die sich unter der Woche nicht freimachen konnten oder wollten. So sind insbesondere die Schlangen für Splice und den neuen Romero extrem lang geraten.

Und mit dem Wochenende kommen auch die Pärchen; so ist der Dresscode unter den nicht akkreditierten Festivalbesucher_innen nicht mehr ganz so strikt schwarz oder grau zu schwarz.

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Schon von Anfang an da sind die zwei oder drei offenbar traditionell zu Filmbeginn laute Schreie oder irre Lacher ausstoßenden Besucher. Als der eine heute morgen zu Hierro fehlte, machte sich das sofort als mentales Loch bemerkbar.

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Anno Saul

Zu Die Tür war er wieder da; und Regisseur Anno Saul verhaspelte sich ein wenig vor Aufregung in seinem Englisch. Später meinte ein Kritiker, in dem Film besonders deutschen Geist gefunden zu haben; dem kann ich mich freilich nicht so ohne weiteres anschließen. Aber schön war es schon, das Kottbusser Tor mal wieder zu sehen; jedenfalls so auf der Leinwand und nur mal kurz.

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Sprachlich etwas leichter hatte es dann Vincenzo Natali, der bei seinem dritten Besuch in Gérardmer schon ein recht passables Französisch präsentierte, für das er sich dennoch ständig entschuldigte. Besonders freute er sich wohl darüber, daß auch Delphine Chanéac dabei war, die in Splice ein genetisch erschaffenes Kunstwesen spielt, und die Natali über alle Maßen pries – und versprach, man werde sie im Film nicht wiedererkennen. (Das stimmt nicht so ganz. Aber irgendwas hat sie mit ihren Haaren gemacht. Und ihren Beinen.)

L'équipe du film 'Splice'

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Damit der Tag noch einen verqueren Abschluß bekommt, habe ich dann mein Handy im Presseraum liegen lassen, wo ich es zum Aufladen ans Stromnetz gehängt hatte. Aufgefallen ist mir das allerdings erst hier im Hotel wieder, und so bin ich die ganze Strecke wieder zurück gelaufen. Und weil dann Delphine Chanéac gerade, vom Klavier begleitet, ein paar Lieder sang, und ich eh die Nase voll hatte, bin ich noch einen Moment und zwei Bier lang in der Bar geblieben. Weshalb es für heute bei diesem kurzen Bericht bleibt. Gute Nacht.

Gérardmer 2010 – Amer

(Update: Vollständige Besprechung jetzt hier im Blog.)

gerardmer_logoAmer, so geht meine Vermutung, ist unter den Wettbewerbsfilmen in Gérardmer bislang vermutlich derjenige, der das Publikum am effektivsten spaltet, in voraussehbar drei Teile: Diejenigen, die das Ganze prätentios und ohne erzählerischen Mehrwert finden, diejenigen, die sich nach einer Weile langzuweilen beginnen, und schließlich diejenigen, die bis zum Schluß mitgerissen sind.

Ich gehöre, ich gestehe es gerne, zur letzten Gruppe, mit einigen Zweifeln an meiner Überzeugung in der Mitte. Will sagen: Das ist ein toller Film, intensiv, erotisch, gruselig; die Geschichte ist nicht besonders originell (um die geht es auch gar nicht) und der Gestus wirkt zunächst wie experimentelles Avantgardekino, ist aber doch eigentlich etwas anderes: will wohl etwas sein wie ein filmischer Stream-of-Consciousness.

AMER3

In drei Teile gliedert sich der Film, Kindheit, Adoleszenz und Erwachsensein, wir folgen Ana (gespielt nacheinander von Cassandra Forêt, Charlotte Eugène Guibbaud und Marie Bos) oder vielleicht eher: wir sehen, was sie sieht und fühlt, einen Wust von Fragmenten, Ultra-Close-Ups, rätselhaften Bildern in leuchtenden Farben, stellenweise überstrahlt, fast immer mit selektiv verstärktem Ton. Geräusche sind das: Das Kratzen eines Dorns auf Haut, das Knirschen von Leder, der Wind, der Anas Kleid anhebt. Das Drehen des Schlüssels im Schloß, eine zufallende Tür, knarzende Holzbohlen.

Drei kurze Ereignisse werden da in den Fragmenten berichtet, jedenfalls bastelt man sich das so zusammen, ganz sicher kann man nicht sein: Elliptisch und selektiv ist das Bild, aber daß es sich nicht von selbst zusammenfügt, uns keine leichte Erzählung anbietet, ist Pro- wie Psychogramm.

Ist das Erinnerung? Die Bilder aus der Kindheit sind am fremdartigsten, gruselig und stellenweise furchtbar, die Eltern seltsam fern, eine ganz in Schwarz gehüllte Haushälterin kümmert sich um den just verstorbenen Großvater. Dann Adoleszenz: hier ist alles andeutungsvoll, ein Ausflug mit der Mutter ins Dorf (wird sind wohl auf einem Landhaus in der französischen Provinz), da versteht der Film alles sexuell aufzuladen, mit Atemgeräuschen, dem Rascheln von Stoff auf Haut, Schweißtropfen. Und vielleicht führt der Schluß das sogar alles zusammen.

AMER1

Fertig bin ich mit Amer jedenfalls noch lange nicht, für eine einigermaßen konsistente Kritik brauche ich noch ein bißchen Bedenkzeit. Schön ist jedenfalls alleine schon der Vorspann, der in Musik, Schriftzügen und Splitscreens die 70er aufleben läßt – und doch schon den dem Film eigenen Ton zu etablieren versteht.

(Und über die möglichen Beziehungen zum Giallo auch ein andernmal.)

‚Predator‘ hätte anders beginnen können

Auf einer Pressekonferenz gestern hat John McTiernan, der hier in Gérardmer Präsident der Jury ist, neben vielem anderen auch etwas über einen seinerzeit erwogenen, alternativen Beginn für seinen Film Predator mit Arnold Schwarzenegger erzählt.

Die schlechte Ton- und Bildqualität bitte ich zu entschuldigen. Irgendwann kaufe ich mir auch mal ein Stativ und eine richtige Videokamera.

Gérardmer 2010 – Tag 2

gerardmer_logoDer zweite Festivaltag ist für mich zu Ende gegangen, und inzwischen macht sich schon langsam das Gefühl von Erschöpfung breit; und dabei waren es heute „nur“ drei Filme. Immerhin habe ich jetzt schon etwas geschrieben und einige Notizen getippt. Wie macht das eigentlich Thomas während der Berlinale immer, so viel zu sehen, so viel zu schreiben und dennoch vermutlich auch noch zu essen und zu schlafen? Infusionen mit Koffein und Traubenzucker? Jedenfalls sollte ich gleich ins Bett gehen.

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Das Wetter ist hier natürlich ein großes Thema. Seit zwei Tagen schneit es jetzt fast ohne Unterlaß, und wie eine Zuschauerin gestern leicht angestrengt bemerkte, macht es das nicht eben leichter, von einem Festivalkino zum anderen zu kommen; die Zeiten zwischen den Filmen sind eh nicht besonders üppig bemessen. Seit dem Nachmittag sind jetzt immerhin schon die ersten Gehsteige geräumt, aber die einst freigemachten Straßen sind schon wieder unter einigen Zentimetern Schnee verschwunden.

Wenn man sich dann zum Hauptspielort, dem „Espace L.A.C.“ – er liegt, gute Güte, auch noch etwas außerhalb des Ortes, aber schön am See – vorgekämpft hat, wartet dort die nächste Hürde: Der Zugang für die Presse, geladene Gäste und „Professionals“ führt über eine kleine Treppe rauf, über eine rutschige Veranda und wieder eine Treppe hinab. Alles draußen, alles seit Beginn des Schneefalls so glatt wie vermutlich der zugefrorene See. Auf der Veranda liegt jetzt immerhin ein Teppich, der die Rutschgefahr erfolgreich mindert.

Gefühlt war der ganze Schnee trotz kalter Füße, Schwiegeromas Wollsocken verhinderten bislang das Schlimmste, dennoch um Meilen besser als der Regen und der eisige Wind, von denen die Berlinale stets begleitet wird. Nun hat sich allerdings am späten Nachmittag zum Schneetreiben ein eisiger Wind hinzugesellt, der den Pulverschnee von Dächern, Bäumen und vom See aufwirbelt und uns in Augen und Gesicht treibt. Ich bin mir nicht mehr ganz so sicher.

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Aber die Stimmung ist dennoch gut. Vor der Vorstellung von 5150, rue des Ormes warteten alle sehr lange auf Einlaß, und irgendwann entspann sich zwischen zwei Gruppen in der Journalist_innenschlange und der Schlange für Menschen mit „normalen“ Tickets eine kleine Schneeballschlacht.

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Und für die, die nicht genug kriegen können, gibt es von einem der Sponsoren des Festivals vor jeder Vorstellung ein Eis.

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Les réalisateurs du film 'Amer'

Die Regisseure von Amer, Hélène Cattet und Bruno Forzani, waren von ihrem Auftritt vor Publikum so überwältigt (oder so schlecht auf sie vorbereitet), das sie nur zwei Halbsätze stammeln konnten. Eric Tessier hingegen, gutgelaunter Kanadier, stellte seinen Film 5150, rue des Ormes nicht nur mit vielen, langen Sätzen vor, sondern gab dem frankophonen Publikum gleich noch eine kleine Unterweisung in die Besonderheiten des in Québec gesprochenen Französisch‘ (Video).

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Bei einer Pressekonferenz am Nachmittag, zu der auch ein als Predator verkleideter Fan erschien, wollte Jury-Präsident John McTiernan allererst und vor allem einen Kaffee. Den bekam er dann leider erst kurz vor Ende der Veranstaltung, dankbar war er aber doch.

Da wirkte er noch, wie schon bei der Eröffnungsveranstaltung, sehr ruppig, unwillig und unwirsch. Sobald aber die ersten Fragen kamen, kamen auch die Antworten ausführlich und mit Begeisterung. Und als ihm ein Vertreter der Cinématheque Française eine ausführliche Laudatio hält, das Publikum ihm stehend applaudiert, da ist auch er sichtlich gerührt.

Hommage à John McTiernan