Burke and Hare (2010)

Werden heutzutage eigentlich noch Gräber ausgeraubt? Die Wikipedia beschäftigt sich unter “Grabraub” vor allem mit dem antiken Ägypten, und da geht es vor allem um den Diebstahl wertvoller Grabbeigaben; dabei gab (und gibt?) es natürlich auch Diebstähle, deren Ziel der Kadavererwerb ist. (Man findet sie unter “Leichendieb”.) Das ist nicht nur ist ein Horrorfreunden aus allen medialen Erscheinungsformen des Frankenstein-Mythos bekanntes Motiv, es war ja auch tatsächlich zum Beispiel für Mediziner und präziser Anatomen lange Zeit nahezu unmöglich, an ausreichend menschliche Körper zu kommen, um ihre Studien des menschlichen Körpers fortsetzen zu können.

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In der Geschichte der Anatomie ist das tatsächlich eine bedeutsame Auseinandersetzung, die schon im 15., 16. Jahrhundert, im Übergang zur Neuzeit also, in den Konflikten zwischen Wissenschaft und Religion eine Rolle spielte. Das Problem der Anatomen ist der Aufhänger für John Landis’ neuen Film Burke and Hare, der auf einer realen Geschichte beruht: Ende der 1820er Jahre wurden in Edinburgh eine Reihe von Morden begangen, die den beiden Iren Brendan Burke and William Hare zugeschrieben werden – offenbar ging es dabei um die Beschaffung von (möglichst frischen) Leichnamen für den Anatomen Robert Knox. Landis macht aus dem durchaus ernsthaften Stoff eine schwarze Komödie, die sich schon im Vorspann ankündigt (“This is a true story. Except for the parts that are not.”).

Bei Landis stoßen die beiden sympathischen, aber etwas unbeholfenen Ganoven Burke (Simon Pegg) und Hare (Andy Serkis) eher zufällig auf ihre Geschäftsidee, als sie einen in der von Hare und seiner Frau an Altersschwäche verstorbenen Mieter unauffällig entsorgen wollen, um Ärger mit den Behörden zu vermeiden. In einem Tresengespräch erzählt ihm ein Grabräuber, was man mit Leichen neuerdings verdienen könne (ein anatomischer Wettbewerb zwischen den beiden medizinischen Unterrichtsstätten der Stadt heizt den Preis zusätzlich an), und so lassen sich die beiden auf einen Deal mit Knox (Tom Wilkinson) ein.

Ist der erste Tote noch eines natürlichen Todes gestorben, so wird beim zweiten schon ein wenig nachgeholfen, und so rutschen die beiden nur halb widerwillig in eine Mordserie hinein, die ihnen reichlich Geld bringt, aber auch bald die Aufmerksamkeit der lokalen Mafia erregt… Landis macht aus dieser Geschichte ein ziemlich unterhaltsames Kostüm- und Ausstattungsabenteuer, in den blau-braun ausgeleuchteten engen Straßen und Behausungen der schottischen Stadt, noch spürbar präindustriell. Das ist schwärzlich angemalt, aber insgesamt eher unblutig. Dafür kombiniert Landis Versatzstücke der Gaunerkomödien (eine unfähige Polizei, hier: Militia, romantische Verstrickungen und sympathische Helden) elegant und durchaus unterhaltsam neu, aber das ganz aufregende Kinoabenteuer wird es dann eben doch nicht, den hübschen Gastauftritten von Tim Curry als Knox’ Widersacher Monro und von Christopher Lee zum Trotz.

Gut unterhalten wird man dennoch, und der Humor ist nicht so schenkelklopfend krachledern, wie (nicht von Landis, aber vom Sujet) zu befürchten wäre, sondern erlaubt sich kleine historische Spielchen, wenn er Burke, Hare und ihren Spießgesellen nicht nur die Erfindung des Begriffs “Fotografie”, sondern auch noch des Konzepts von Bestattungsunternehmen unterjubelt – was sogar im Rahmen der historische Epoche ungefähr hinkommt. Burke und Hare sind in diesem Kontext Archetypen ihrer Zeit: Hare als (prä-)kapitalistischer Unternehmer, der in der Beziehungsdynamik mit seiner Frau die Maximierung von Profit als Grundprinzip seines Handelns entwickelt. Burke hingegen ist fast schon ein “Renaissance man”, der sein Einkommen nützt, um die schönen Künste zu fördern, d.h. vor allem die schöne Ginny Hawkins (Isla Fisher), eine Schauspielerin, die schon als Prostituierte und Tänzerin gearbeitet hat und die erste nur mit Frauen besetzte Hamlet-Aufführung auf die Bühne bringen möchte – und in seiner nicht exklusiven Gewinnorientierung für die kommende Zeit des 19. Jahrhunderts eigentlich schon obsolet.

Fotos: Ascot Elite

16ème Étrange: Vampires (2010)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

Den belgischen Film Vampires als Vampirkomödie zu beschreiben, ist zwar einerseits insofern zutreffend, als er sich einen komischen Zugang zum Sujet Vampir sucht, verfehlt den Film aber insofern, als er dies völlig anders betreibt als etwa (Namensverwandtschaften jetzt einmal ignorierend) Suck oder Vampires Suck.

Vampires ist stattdessen ein Mockumentary, ein konsequent als Dokumentarfilm verkleideter Blick auf die (natürlich fiktionale) Vampirgesellschaft in Belgien am Beispiel zweier in einem Haus zusammenlebenden Vampirfamilien.

Vincent Lannoo läßt seinen Film mit einigen Texttafeln beginnen, die von den schwierigen und sogar tödlichen Versuchen berichten, diesen Film zu drehen – meistens wurde die Crew zum Hauptgericht der zu Portraitierenden. Nun aber sei man beim dritten Mal und unter großen Sicherheitsvorkehrungen endlich erfolgreich gewesen – und widme den Film gerne den bei seiner Entstehung Verstorbenen.

Solcherlei schwarzer Humor findet sich später noch öfter; er zieht seine Kraft vor allem daraus, daß hier eine bürgerliche Normalität konstruiert und gezeigt wird, die allerdings mit den Wertvorstellungen und vor allem aber: Ernährungsgewohnheiten der Vampire kollidiert. Da ist dann die Käfighaltung von illegalen Einwanderern plötzlich nicht mehr unmoralisch, sondern Bestandteil der Nahrungskette; die Vampire sind wie Reinigungskräfte für die Population, erzählt der eine. Und um die dahinter kaum verborgene politische Ebene noch zu verstärken, schwadroniert eine andere Vampirin von Reinheit und Sittenverfall.

Dazwischen walzt Vampires noch eine Idee aus, die in Daybreakers (meine Kritik) nur ganz am Anfang durchschien: Was passiert eigentlich, wenn man mitten in der Pubertät zum Vampir wird, wenn man die dauernden Hormonschübe nicht mehr loswird? Hier trifft es die „Tochter“ der Familie, stets in Rosa, aber stets verzweifelnd. (Allein die Szene, in der sie sich scheckig über einen rosa Sarg freut, darf man sich nicht entgehen lassen.) Wie also, das ist ja das in Daybreakers nicht ganz zu Ende gedachte Problem, geht man in der potenziell ewigen Unsterblichkeit mit den Problemen und Sorgen des Alltags um?

Darauf sucht Vampires wenigstens einige Antworten. Mit einer Mischung aus „Talking Heads“ und immersiv dokumentarischem Stil ahmt der Film dabei ziemlich effektiv derzeit gängige Dokumentarstile nach – und gibt ihnen, gerade bei den ethisch fragwürdigen Momenten, einen schalen Beigeschmack. Und das ist natürlich die wahre Größe: Daß einem das Lachen gelegentlich im Halse stecken bleibt. Dort also, Sie wissen schon, wo die Vampire vermutlich beißen werden. (Wobei, der Hals, scheint es mir nach Sichtung dieses Films, ist wohl dem Familienoberhaupt vorbehalten.)

Foto: Fantasy Filmfest

16ème Étrange: Suck (2009)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

Wo wir schon bei Vampirkomödien sind: Suck dürfte in diesem Subgenre zu den etwas interessierter erwarteten Filmen gehört haben, bevor er jetzt auf dem Fantasy Filmfest auch in Deutschland und hier in Paris beim L’Étrange Festival zu sehen war.

Eine kleine kanadische Band, die seit vermutlich ewigen Zeiten herumtouren, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen, werden plötzlich erfolgreich, nachdem zuerst ihre Bassistin und dann auch die männlichen Mitglieder zu Vampiren werden. Allerdings sind nicht alle Beteiligten besonders glücklich mit dieser Entwicklung.

Die Handlung von Suck ist nicht besonders aufregend, zumal sie ohne große Höhepunkte und dramatische Zuspitzungen so dahinerzählt wird. Wenn man so will, ist das die Geschichte, die Jennifer’s Body im Hintergrund nicht (oder jedenfalls nicht so) erzählt (allerdings mit Vampirismus statt Dämonen, dafür auch hier mit einer Jennifer): Wie es der Band ergeht, die den Pakt mit dem Teufel schließt. Suck macht daraus eine schwärzliche Komödie, die man sich vor allem deshalb gerne ansehen mag, weil sie bei kurzer Filmzeit flott erzählt ist und durch reichliche Musikbeigaben sehr palatabel.

Die Musik kommt nicht nur von der Film-Band The Winners, sondern auch von zahlreichen Größen des Rockgeschäfts, die Autor/Regisseur/Hauptdarsteller Rob Stefaniuk irgendwie davon überzeugen konnte, hier mitzuspielen: Moby, Alice Cooper, Iggy Pop… und Malcolm McDowell spielt „Eddie Van Helsing“, einen einäugigen, versoffenen Vampirjäger, was ihm offenbar große Freude bereitet. Mit Lust spielt auch Dmitri Coats den Vampir Queeny, der den Stein ins Rollen bringt; er wirkt dabei stets wie Johnny Depps Mad Hatter aus Speed.

Ansonsten verbringt Stefaniuk viel Zeit damit, seine Hauptdarstellerin Jessica Paré als Vampirin ins rechte Licht (gerne überstrahlt) zu setzen und verführerisch auf die Leinwand zu bringen. In welcher Konsequenz er das betreibt, ist schon fast wieder amüsant für sich. Suck ist ein grundsympathischer Film, der über seine Schau- und Hörwerte ganze anderthalb Stunden lang trägt. Dann ist Schluß, und dann ist auch gut.

Foto: Fantasy Filmfest

16ème Étrange: Four Lions (2010)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

(Der Vollständigkeit halber: „Spoiler-Warnung“. Am besten einfach direkt den Film ansehen.)

Wenn man über Four Lions schreibt, ist man versucht, erst einmal politisch korrekt zu betonen, wie unfähig hier auch die nicht-muslimischen, britischen Terrorfahnder und Zivilisten dargestellt werden: Die Polizei stürmt irgendwann auf der Suche nach einer Terrorzelle ein Haus, nimmt aber dort nur eine Gruppe äußerst frommer und friedfertiger Muslime fest, die zwar ihre Frauen in winzige Räume sperren, aber jedenfalls keine Bomben bauen. Und zwei Scharfschützen streiten sich kurz darauf angeregt darüber, ob der von Ihnen frisch Erschossene nun ein Bären- oder ein Wookie-Kostüm trug; daß er auf jeden Fall der Falsche war, ist ihnen offenbar völlig wurscht.

Aber dieser Reflex, den Film in Schutz zu nehmen vor allzu einseitiger Interpretation ist eigentlich verfehlt. Denn man redet damit am Kern des Films vorbei, der im Wesentlichen auf dem Grundsatz beruht, daß jede_r das Recht habe, verarscht zu werden, und somit an jeder Form politischer Korrektheit erst einmal völlig desinteressiert ist. Das heißt nicht, daß Four Lions ein Experiment in planloser Grenz- und Geschmacksverletzung wäre (wie dies zum Beispiel Uwe Boll seinerzeit mit Postal [meine Kritik] angepeilt hatte).

Christopher Morris, der bisher vor allem fürs Fernsehen gearbeitet hat, legt mit seinem Film (das Drehbuch stammt von ihm, Jesse Armstrong und Sam Bain) erst einmal den Finger ziemlich präzise in die Wunden, die die im Westen verbreiteten Vorstellungen vom Islam darstellen – und das heißt für uns weiße Mittelschichteuropäer: unser Denken, der Islam sei weitgehend mit dem militanten Islamismus identisch. Da findet es ein Kollege von Omar (Riz Ahmed) zwar befremdlich, daß einer von Omars Freunden eine Krähe in die Luft gesprengt hat. Er läßt sich dann aber alsbald beruhigen mit dem Argument, das sei eine kulturelle Sache – auf der Hochzeit in Pakistan kürzlich habe man auch einen Vogel Strauß mit einer Bazooka beschossen.

FFF 2010: Tony (2009)

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Tony von Gerard Johnson (sein erster Langfilm) hat mich zunächst etwas ratlos zurückgelassen. Der Film ist so zurückgenommen, so schweigsam auch über seinen Protagonisten, von dem man fast nichts erfährt; alles immer hart am Rande zu einem fast dokumentarischen, sozialen Realismus mit Handkamera gefilmt, Tony (Peter Ferdinando) fast immer im Blick in seinem Alltag, seinem ausgesprochen ereignislosen, man ist auch versucht zu sagen: armseligen Dasein.

Die Sprachlosigkeit und Leere des Films spiegelt damit den Protagonisten. Denn Tony, arbeitslos seit offenbar ewigen Zeiten, hat keine Freunde und erhebliche Schwierigkeiten, auch normale oder wenigstens einigermaßen eindeutige soziale Situationen und Transaktionen durchzustehen. Gespräche sind mit ihm kaum möglich, und selbst bei einer Prostituierten wird Tony herausgeworfen, ohne daß er auch nur etwas vorgeschlagen oder getan hätte, das aggressiv gewesen wäre – er war nur hilflos, weil er den geforderten Betrag nicht zahlen konnte und stattdessen so etwas wie (allerdings nur vermeintlich) normale Konversation betreiben wollte, Komplimente machen, derlei.

Stattdessen sitzt Tony viel zuhause und sieht sich Actionfilme an – noch von VHS-Band, nur ein weiteres Zeichen dafür, welche randständige gesellschaftliche Position er besetzt, in seiner kleinen Wohnung irgendwo in einer Londoner Sozialsiedlung. Ab und an zieht er los, versucht von Drogenabhängigen Stoff zu kaufen und bringt sie nach Hause oder schleppt einen Tänzer aus einer Schwulenbar ab. Seine Besucher tötet er dann.

Tony ist ein Serienmörderfilm, der aus den Taten selbst kein großes Gewese macht; die Morde geschehen eher beiläufig, auch ohne dramatische Musikuntermalung oder sonstige Betonung. Sie sind, so ließe sich das womöglich verstehen, Teil von Tonys Alltag, oder gar, so meine Interpretation: seine einzige Möglichkeit, wirklich mit seiner Umwelt in Interaktion zu treten und die gewünschte Reaktion zu erhalten; erst am Schluß, als er sich in die Enge gedrängt fühlt, tötet er auch, um sich (oder genauer: seine Lebensumstände) zu verteidigen – präziser aber nur: um einen möglichen Konflikt aufzulösen. Tony ist damit wie auch in seinem Setting ein Gegenentwurf zu American Psycho, dessen Serienmörder sozial völlig kompatibel und integriert scheint, dessen Morde aber hochgradig sexualisiert sind.

Bei Tony ist genau das nicht der Fall. Einmal sieht man den Protagonisten zwar neben einer anscheinend nackten Leiche im Bett aufwachen, er fragt den Toten, ob er einen Tee möchte; aber die sexualpathologischen Andeutungen, die der Film macht, werden nie ausgespielt oder hochgeschaukelt. Es sind immer nur Männer Tonys Opfer, aber weder daraus noch aus seinen Besuchen in der Schwulenbar läßt sich irgendetwas unmittelbar folgern; den Taten scheint jede sexuelle Komponente ebenso abzugehen wie der Beseitigung der Leichen (denn Tony weiß sehr wohl, daß sein Tun verboten ist).

Gerard Johnson hat hier einen Film gemacht, der sich den Topoi des Genres in vielerlei Hinsicht bedient, seine klassischen Schlüsselreize, Dramaturgien und Vermarktungshighlights zugleich aber links liegen läßt. Ohne große Spannung gleitet die Geschichte dahin, um sich am Schluß fast unbemerkt wieder in den Ausgangszustand zurückzuwenden; das ist ungewöhnlich genug, um eine genauere Analyse durch jemand Berufeneren interessant zu machen. Leider hat Stefan Höltgen, der sicherlich berufen wäre, den Film in seinen FFF-Berichten nicht besprochen. Vielleicht kommt da noch etwas? Ich würde es gerne lesen.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2010: The Human Centipede (First Sequence) (2009)

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The Human Centipede (First Sequence) wirkt in seinen ersten zehn, zwanzig Minuten, wenn man den ganzen Film im Blick hat, wie eine Mogelpackung. Denn die Eröffnungssequenz samt der Anfangstitel ist offenbar bewußt im Stil billiger Reißer der siebziger, vielleicht noch achtziger Jahre gehalten, was insofern passt, als der Film selbst kostengünstig digital in HD gedreht wurde und sicherlich als exploitativer Reißer nicht völlig falsch eingestuft ist.

Gleichwohl schreit jede Einstellung der Anfangsminuten lautstark „Trash!“ und „Ironie!“, da ist- alles überzogen und übertrieben, die reglose Mine des natürlich deutschen Bösewichtes, die Geste mit der er sein Gewehr unter dem Trenchcoat verbirgt, seine Sonnenbrille; schließlich die amerikanischen Touristinnen Lindsay und Jenny, clueless in Europe, hysterisch und unerfahren, wie es nur das Klischee hergibt. Die beiden verfahren sich auf der nächtlichen Suche nach einer Disco irgendwo (den deutschen Kennzeichen nach zu urteilen) im Rheinland in einem Birkenwald, und natürlich haben sie dort eine Reifenpanne, aber keine Ahnung, wie man einen Reifen wechselt.

Bis dahin ist ihr Schicksal sehr Rocky Horror Picture Show, aber statt eines wahnsinnigen Frank’N’Furter erwartet sie im Bungalow im Wald der nicht weniger irrsinnige, aber überhaupt nicht komische Doktor Josef Heiter (Dieter Laser, der von Die verlorene Ehre der Katharina Blum bis hierher einen weiten Weg zurückgelegt hat, aber sicher seinen Spaß hatte).

Mit diesem im Namen steckenden offensichtlichen Verweis auf einen der deutschen Erzbösewichter, Josef Mengele, endet der irgendwie ans Ironische gemahnende Teil des Films, und The Human Centipede (First Sequence) begibt sich ins Gebiet des exploitativen Ekeltrashs. Regisseur und Autor Tom Six hat seinen Film mit einer, so ginge die freundliche Formulierung, traditionellen, geradezu klassischen Plotkonstruktion versehen – man könnte es auch „retro“ nennen, oder wahlweise urteilen: Alles irgendwie schon bekannt.

Die Touristinnen landen, gemeinsam mit einem nachträglich gekidnappten Japaner, in Heiters Keller und werden dort einem medizinischen Versuch der abstoßenderen Art unterzogen. Natürlich gibt es Ausbruchversuche, vor und nach der entscheidenden Operation, und natürlich schaut irgendwann die Polizei vorbei, auf der Suche nach verschiedenen vermissten Personen. Das alles ist mehr oder minder gut motiviert und entwickelt, aber selten zwingend. Immerhin verzichtet der Film auf eine irgendwoher herbeigeholte psychologische Erklärung für die geistige Deformation des Bösewichtes; auch ist er, was explizit ekelerregende Darstellungen angeht, eigentlich eher zurückhaltend. Das Widerliche passiert vor allem in unserem eigenen Kopf.

Josef Heiter bleibt dabei zwingend die interessanteste Figur des Films, ein Die Welt lesendes mad scientist-Monstrum, das sich nach getaner Arbeit im dunklen Anzug mit Einstecktuch dandyhaft aufs weiße Sofa bettet. Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert war von The Human Centipede (First Sequence) so irritiert, daß er ihm keine Wertung zu geben wußte. Meine Vermutung wäre, daß Tom Six diesen Film mit dem selben Motiv gemacht hat, das er seiner Hauptfigur geben würde: Weil man das versuchen kann und versuchen muß.

Nämlich – und da verrate ich jetzt das einzig relevante und wirklich eklige Handlungselement, den zentralen gross out des Films, der aber auch im Trailer schon zu sehen und insofern kein Geheimnis ist: Der frühere Spezialist für die chirurgische Trennung siamesischer Zwillinge geht jetzt den umgekehrten Weg und näht seine drei Opfer zusammen, Mund an Anus, zu einem durch den Verdauungstrakt verbundenen menschlichen Tausendfüßler. Warum? Vermutlich eben: Weil er es kann.

Laut IMDB ist Human Centipede II schon für 2011 in Planung. Der Untertitel lautet „Full sequence“ – das verheißt nichts Gutes.

Foto: Fantasy Filmfest

Empfehlungen zum Fantasy Filmfest 2010

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Bevor dieses Blog jetzt in eine zweiwöchige Sommerpause geht, wollte ich noch kurz meine Empfehlungen, Warnungen und allgemein: Kritiken zu den Filmen des diesjährigen Fantasy Filmfestes (17. August-9. September) zusammenstellen.

Leider ist es mir nicht mehr gelungen, alle Filme zu sehen, die ich vorab hätte sehen wollen und können; da ich selbst nicht auf dem FFF sein werde, wird erst danach wohl noch die eine oder andere Kritik zu Filmen des Festivals hier im Blog auftauchen. Ich gehe hier zunächst nur auf meine eigenen Besprechungen (und also auch meine eigenen Einschätzungen) ein; anderswo finden sich aber auch schon Kritiken zu weiteren Filmen des Filmfests, auf die entsprechenden Seiten verweise ich unten nochmals.

Meine dringenden Empfehlungen fürs Fantasy Filmfest 2010 sind zwei jeweils auf ihre eigene Art durchaus experimentell anmutende Filme, die man genau deshalb unbedingt auf großer Leinwand und mit funktionierender Rundumbeschallung sehen sollte – auch wenn beide sicher nicht den Geschmack jede_r Zuschauer_in treffen, eine ästhetische wie inhaltliche Herausforderung sind sie allemal. Es handelt sich um Amer von Hélène Cattet und Bruno Forzani, eine fulminante Hommage an den Giallo, und Enter The Void, den filmischen Drogentrip von Gaspar Noé.

Sehr sehenswert sind außerdem mit Sicherheit The Disappearance of Alice Creed, ein enorm dichtes Entführungskammerspiel mit Gemma Arterton in der Titelrolle, sowie der äußerst zurückgenommene Vigilante-Thriller Harry Brown mit Michael Caine.

Von den genannten vier Filmen abgesehen habe ich aber noch einige mehr gesichtet und besprochen; sie seien hier noch einmal in alphabetischer Sortierung (nach FFF-Titel) aufgeführt:

Hier außerdem noch ein Nachträge von Anfang September 2010:

Auf manchen Seiten finden sich aber auch zu anderen Filmen des Festivals bereits Vorabbesprechungen, und ebenso wird man dort ab dem 17. August sicher viel Lesens- und Hörenswertes finden können. Ich habe bei Twitter eine Liste mit den Menschen begonnen, die vom FFF berichten wollen – für Ergänzungsvorschläge bin ich stets offen.

Ansonsten finden sich Texte zum Fantasy Filmfest natürlich bei den Kolleginnen und Kollegen von critic.de und blairwitch.de; bei F-LM wird wohl wieder gepodcastet, und Frau Flinkwert bloggt (und verrät vorab schon manches) ebenso wie Hartigan (in dessen Archiv sich schon der eine oder andere diesjährige FFF-Film besprochen findet).

Bei f3a schließlich hat wie stets die Community das Wort.

Wen habe ich übersehen, vergessen, nicht genannt? Bitte füllt die Kommentare mit interessanten Links und Hinweisen!

Fotos: Fantasy Filmfest

FFF 2010: Harry Brown (2009)

Alle Beiträge zu Filmen, die auf dem Fantasy Filmfest (FFF) 2010 zu sehen sein werden, finden sich unter dem Schlagwort FFF2010

Schon allein der Name des Hauptdarstellers ist vermutlich für viele Leute Grund genug, sich diesen Film anzusehen, aber Michael Caine ist nicht nicht das einzig sehenswerte an Harry Brown. Harry (Caine) lebt in einer englischen Sozialsiedlung, mit der es langsam bergab geht. Nach dem Tod seiner Frau bleibt dem Rentner nur noch sein bester Freund Leonard (David Bradley), der sich von einer Jugendgang bedroht fühlt. Als Leonard getötet wird, verzweifelt der hochdekorierte Exsoldat und sinnt schließlich auf Rache.

Der Vergleich mit Gran Torino, den auch das Pressematerial des FFF bemüht, ist natürlich in der Tat nicht von der Hand zu weisen – nicht nur wegen der Ähnlichkeiten der Handlung, der möglicherweise bewußten Anspielung auf Clint Eastwoods „Dirty Harry“ im Namen der Hauptfigur und den Parallelen zwischen den Star Personas von Eastwood und Caine, die man konstruieren könnte.

Aber Harry Brown ist ein sehr eigenständiger Film, der sich vordergründig auch für so etwas wie Sozialrealismus und das wirkliche Leben in den fiesen Vorstädten interessiert – samt einer Ermittlung der Polizei, die von Vorgesetzten hintertrieben und abgebrochen wird. Auch diese, und das gehört zu den Stärken des Films, sind nicht böse und nicht einmal besonders arrogant oder ahnungslos – sie haben einfach eine andere Perspektive, aus der sie anderes übersehen als die Beamt_innen (Emily Mortimer, Charlie Creed-Miles) vor Ort.

Es sind solche Unwuchten im Getriebe der staatlichen Systeme, könnte man da meinen, die einen kleinen, betroffenen Rächer wie Harry geradezu zwingend hervorbringen müssen, womöglich gar erforderlich machen. Aber Harry Brown weigert sich beharrlich, daraus Heroismus oder auch nur: eine Lösung zu konstruieren. Viel mehr interessiert er sich für seine Hauptfigur – für Harrys Verzweiflung, seine rasch wiedergefundene Routine im Töten (die ihrerseits im Film nur en passant thematisierte politische und historische Bedeutungsebenen mitbringt) und das Schillern von Harrys Entscheidungen zwischen der Ausweglosigkeit und der Alternativlosigkeit von Gewalt.

In Harry Brown geht es nicht um wer oder was oder ob, das Wie ist entscheidend. Regisseur Daniel Barber paßt seinen Film dem Tempo der Hauptfigur an, alles geht geradezu gemählich, mit manchmal schleppendem Atem vorwärts (und ist doch keine Minute langweilig). Einzig die Entscheidung Harrys, doch wieder zu Gewalt zu greifen, obwohl er ihr vor langer Zeit abgeschworen hatte, scheint zu schnell zu fallen – ansonsten gelingt es Caine, seine Figur mit Zögern, Verzweiflung und Entschlossenheit zu füllen, bis hin zum blutigen Ende.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2010: The Reeds (2009)

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Ich finde es an sich ja immer schön, wenn ein Horrorfilm seinen Handlungsort nicht nur für Effekte zu nutzen, sondern in die Dramaturgie zu integrieren weiß; wenn dieser also entweder bedeutungstragend wird wie die Wüste in Djinns aka Stranded (Kritik folgt) oder aber seine spezielle Ausformung für die Entwicklung der Handlung wichtig wird.

In dieser Hinsicht macht The Reeds anfangs durchaus Hoffnung; denn die britischen Twens um Laura (Anna Brewster, die hier einer jüngeren Milla Jovovich manchmal sehr ähnlich sieht), die sich für ein schönes Wochenende (natürlich ohne sich mit Navigation oder Schifffahrt oder dergleichen irgendwie auszukennen) in eine Schilflandschaft aufmachen, gehen zwischendurch ganz gehörig in der gleichförmig wogenden Ebene verloren. Zuerst gemeinsam, dann mehr und mehr einzeln, von der Hybris getragen, man werde den Weg zurück schon finden.

Leider fällt dem Film darüber hinaus nichts so richtig Aufregendes ein. Am Anfang stapeln sich die dräuenden Andeutungen, sind da seltsam schweigsame Jugendliche, die offenbar blutige Rituale durchführen, stapft ein finsterer und tief verhüllter Jäger durchs Schilf – dann explodiert die Story sehr schnell in Wahnvorstellungen, Visionen und Katastrophen, bei denen der Plumpsack schwerster Verletzungen nacheinander bei allen Protagonisten mal landet. Kaum ist einer verstorben, hat schon der Nächste eine tiefe Bauchwunde.

Gerade wenn man denkt, jetzt sei aber Zeit für ein großes Finale, hat der Film allenfalls mal 40 Minuten hinter sich gebracht; dann ziehen sich die nächsten zwanzig Minuten etwas leer hin wie geschmacksfrei gewordenes Kaugummi, bevor der Film in ruhigere Wasser umschwenkt, in denen er versucht, Sinn in das vorher Gesehene hineinzuerklären. Da wirkt also der Spannungsbogen etwas ausgeleiert, und nachdem die Geschichte eine recht bemühte und nicht besonders originelle Aufklärung gefunden hat, gibt es noch eine abschließende Pointe, wie sie fürs aktuelle Horrorkino derzeit nur zu gewöhnlich ist.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2010: Timer (2009)

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„Is this another potential?“

Mit Ende Zwanzig ist Oona (Emma Caulfield), die sich aus völlig unerfindlichen Gründen nicht dauernd mit ihren Eltern darüber streitet, wie sie auf ihren seltsamen Vornamen verfallen konnten, romantisch etwas verklemmt. Sie mag sich auf keine Beziehung einlassen, die nicht sicher die Richtige, Vermutlich Mit Vielen Großbuchstaben Zu Schreibende, Glücklich Machende ist. Wäre in unserer Welt eine solche Sicherheit unmöglich zu erreichen, so ist dies in der Welt von Timer, die ansonsten der unseren so sehr entspricht, für eine Handvoll Dollar möglich: Man läßt sich einfach den titelgebenden „Timer“ ins Handgelenk stanzen, und schon blinkt und klingelt das Gerät, sobald Mr. und Ms. Right sich begegnen – falls beide einen „Timer“ haben. Vorher zählt das Gerät langsam die Tage und Stunden bis zum Treffen herunter; wenn aber der Seelenpartner noch keinen „Timer“ hat, blinkt die Zeitanzeige (so bei Oona) leer vor sich hin.

Timer denkt also, und das ist eine wirklich originelle Idee, konsequent weiter, was die mobilen Anwendungen von Social Networks heute schon probieren – und verbindet das mit einem Glücksversprechen, das in der Filmlogik von niemandem angezweifelt wird: Selbst wenn man nicht wisse, wie es funktioniere, daß es funktioniere, sei nicht zu bezweifeln. Die gleichen Ausschlußmechanismen, die sich in unserer Gegenwart verfolgen lassen – zuerst war seltsam, wer ein Handy hatte, jetzt wirken die Menschen altertümlich, die keines besitzen; und liest dies hier jemand ohne Facebook-Account? -, werden in Timer auch in Bezug auf das namensgebende Gadget wirksam. Wer keines hat, ist alt, hoffnungslos out oder kommt halt vom Land.

Aus diesem Setup generiert Regisseur und Autor Jac Schaeffer einen Film, der verschiedene soziale und psychologische Folgen des „Timer“ anhand unterschiedlicher Figuren durchdekliniert – Oona ist auf der verzweifelten Suche nach dem Richtigen (und bringt immer wieder Männer dazu, sich einen „Timer“ geben zu lassen), während ihre Schwester Steph sich durch die Männerwelt schläft, weil es noch ewig hin ist bis zum Datum, das ihr „Timer“ zeigt. Natürlich treten dann mit Mikey und Dan Männer in das Leben der Schwestern, die diese Verhaltensweisen kräftig durcheinanderwirbeln und die Hoffnung ihrer Mutter Lügen straft, daß man sich mit dem „Timer“ Herzschmerz, Trennungen und Geschlechtskrankheiten sparen könnte.

Da ist dann reichlich Platz und Gelegenheit für Situationskomik, hintergründigeren Humor und Momente intensiven Fremdschämens; Timer unterhält durchaus vortrefflich. Von den Figuren ist man gleichwohl nicht so richtig mitgerissen, dafür geraten sie doch zu eindimensional; allein Michelle Borth kann ihrer Steph mit Bösartigkeiten und Zynismen noch mehr Lebendigkeit einhauchen.

Und auch wenn der Film dann doch irgendwann die grundsätzlicheren Fragen berührt – was also Liebe eigentlich sei, und was davon übrig bleibe, wenn man allein auf den „Timer“ vertraue, so geht er vielleicht doch nicht weit genug, ist nicht wirklich radikal genug, als daß man das Kino mit ein paar Widerhaken im Gehirn verließe. Die Geschlechterrollen sind, für einen das Genre der Romantischen Komödie zumindest mitstreifenden Film durchaus ungewöhnlich, nicht gänzlich konventionell: Hier sind die Frauen tough und professionell, und dafür die Männer sehr gefühlsbetont. Gleichwohl rutscht dadurch etwa die Figur Oona schnell in ein neues Stereotyp (auf das im Mainstreamkino derzeit Katherine Heigl abonniert ist), nämlich die überkontrollierte, eher verklemmte berufstätige Singlefrau.

Vielleicht ist Timer ein Film, dem ein Schuß Queer Cinema – in Geschlechterfragen, Liebesdingen und radikalerer Zugangsweise – gut getan hätte. So ist er aber immer noch eine nette Komödie mit einer sehr, sehr guten Grundidee.

Außer auf dem Fantasy Filmfest ist Timer auch in der Ersten „komischen Filmnacht“ des International Comedy Film Festival zu sehen: Am 1. September 2010 um 20.30 Uhr im Filmtheater am Friedrichshain (Bötzowstraße 1, 10407 Berlin).

Foto: Fantasy Filmfest