Filmkritik aus „Zweiter Hand“?

Der ExBerliner, die nicht ganz so kleine englischsprachige Zeitschrift in und für Berlin, hat Ende Juni eine kurze Besprechung zu Christopher Nolans neuem Film Inception (meine Kritik) veröffentlicht – noch bevor auch nur die ersten Pressevorführungen in den USA begonnen hatten. Shane Danielsen von indiewire war das aufgefallen; bei einem zufälligen Treffen während einer Pressevorführung hat er die Autorin (und zuständige Redakteurin) Änne Troester (Homepage) getroffen und auf ihren Text angesprochen.

Nach Danielsens Darstellung (aufgeschrieben aus der Erinnerung) zeigte Troester bei dem Gespräch keine Reue und gar Unverständnis für seine Kritik daran, daß sie den Film besprochen hatte, ohne ihn vorher gesehen zu haben. Jenseits der gerade durch die Rezeption von Inception entstandenen Debatte über Filmkritik, Fanboys und Hypes sieht Danielsen darin Grundsätzliches aufscheinen – für ihn ist das symptomatisch, und er ist vor allem erzürnt, daß viele Freund_innen und Bekannte, die Filmkritiker_innen seien, in letzter Zeit ihre Jobs verloren hätten, während „hacks“ weiter Arbeit hätten.

Wer die Filmberichterstattung auch jenseits der Fachpresse und -blogs verfolgt, ist von seiner Fundamentalkritik gleichwohl nicht besonders überrascht. Viele Medien schaffen es gerade so mit Müh und Not, die Pressetexte der Verleiher als „Besprechungen“ oder „Filmtipps“ wiederzugeben – oft genug samt fehlerhafter Inhaltsangaben und ähnlichen Schwächen.

Man kann allerdings weder Troester noch dem Exberliner vorwerfen, dies systematisch und konsequent zu tun. Auch den Text, der Ende Juni im Heft erschien, hat sie sicher selbst verfaßt; und wenn man ihm etwas vorwerfen kann dann wohl am ehesten, daß er zu allgemein und vage ist, um als Filmkritik wirklich Aussagekraft zu besitzen. Er (online am 19. Juli erschienen) lautet, zu Dokumentationszwecken sei er hier kurz eingebunden, wie folgt:

There’s isn’t anything that Nolan has done that hasn’t been superb. Inception combines everything he’s revered for by film freaks: his fascination for how the mind works – its incredible potential and its fragility; his interest in illusion and surprising plot twists; his commitment to visual brilliance – although here he’s not as original as he can be – and the way he brings out pitch-perfect performances from an ensemble cast of first-rate actors at the top of their game.

Aber natürlich ist nichts so einfach, wie es erscheint. Ich habe die Chefredakteurin des ExBerliner, Nadja Vancauwenberghe, und Änne Troester (die Danielsen „Anne Troester“ nennt) um Stellungnahmen zu Danielsens Vorwürfen gebeten. Vancauwenberghe betonte vor allem, wie sehr sie Troesters Einschätzungen vertraue und ihre professionelle Arbeit schätze; darüber hinaus erschienen Texte über Filme im ExBerliner nur dann, wenn die Autor_innen ausreichende Kenntnisse über den Film hätten.

Änne Troester ging in ihrer ausführlichen E-Mail auch auf das Gespräch ein, das sie mit Danielsen geführt hatte, und das sie – obgleich es im Wesentlichen so verlaufen sei wie von ihm wiedergegeben – etwas anders in Erinnerung behalten habe. Er sei sehr aggressiv aufgetreten und habe ihr wenig Gelegenheit gegeben, auf seine Fragen auch zu antworten.

Zum einen war es weniger eine Unterhaltung sondern mehr ein Monolog von Herrn Danielsen, der ganz eindeutig kein Interesse daran hatte, sich über die Qualität von Filmkritiken auszutauschen. Zum anderen zitiert er mich an gleich mehreren Stellen falsch. […] Auch lässt er in seinem Blog die Schimpfwörter aus, mit denen er mich bedachte, und die mich auch dazu bewogen, die Unterhaltung abzubrechen.

(Dazu ist auch Kommentar Nummer 7 von „Jefferson“ zu Danielsens Blogeintrag nicht uninteressant.) Man versuche beim ExBerliner, möglichst alle Filme auch zu sehen, über die man schreibe.

Es kommt selten vor, dass es vor unserer Deadline keine Screener oder Pressevorführungen gibt. Dann greifen wir auf ein mittlerweile sehr umfangreiches Netzwerk an Quellen zurück, das uns zur Verfügung steht. […] Einen Film selbst sehen ist eine Sache, die ich sehr wichtig nehme – die andere ist, über Fachwissen, Hintergrund und Verbindungen zu verfügen, die mein Urteil lesenswert machen. […] Sollten wir einmal einen Film nicht gesehen haben und auch nicht über die entsprechenden Quellen verfügen, die uns ein Urteil erlauben könnten, fällen wir auch keins und machen das dann auch kenntlich. Die Tatsache, dass „Inception“ nur eine Kurzkritik bekam, entspricht dem Umfang meiner Kenntnisse über dem Film; ansonsten hätte ich ihm sicher in meiner langen Kritik gerechter werden können.

Ich finde die Formulierung am Schluß, daß die Länge des Textes „dem Umfang meiner Kenntnisse über dem Film“ entsprochen habe, hier besonders interessant; zum einen dementiert Troester nicht, daß sie Inception nicht gesehen hatte, bevor sie die Kritik schrieb. Zum anderen liegt darin meines Erachtens eine entscheidende Frage versteckt. Denn natürlich ist es gerade im Printjournalismus nicht immer möglich, Filme vor dem Redaktionsschluß zu sehen und zu bewerten. Troester und auch Vancauwenberghe haben daher auf Troesters Kontakte in der Filmindustrie verwiesen, die ihr eine Bewertung und Beschreibung des Films erlaubten.

Persönlich bin ich zwar der Meinung, daß es dennoch nötig gewesen wäre, in der Kritik (denn darum handelt es sich bei dem kurzen Text von Troester, der im Heft in der Tat noch mit drei Herzchen versehen ist und sich in seiner Gestaltung nicht von den anderen Kurzkritiken unterscheidet) kenntlich zu machen, daß die Autorin den Film nicht selbst gesehen hat. Aber läßt sich dieser Mangel in einem kurzen Text auch durch andere Kenntnisse kompensieren? Genügt also eine Kenntnis des Films aus „Zweiter Hand“, vom allerdings berufenen und kompetenten Hörensagen, um wenigstens eine solche kurze Bewertung abzugeben?

Mich interessiert diese Frage tatsächlich sehr, weil sie auf ein ethisches Problem an der Grenze zwischen journalistischem Anspruch und journalistischer Praxis verweist, das man im Onlinejournalismus mit seinen verringerten Verzögerungszeiten normalerweise nicht hat. Und Troesters Rechtfertigung scheint mir immer noch himmelweit von jener unkritischen oder käuflichen Filmkritik entfernt zu sein, die die Verlautbarungen der Verleihfirmen weiterverbreitet oder für Werbeschaltungen auch freundliche Besprechungen liefert.

Was meint Ihr dazu? Läßt sich eine kurze Filmkritik aus in dieser Form vermitteltem Fachwissen rechtfertigen? Falls Ihr selbst Filmkritiken publiziert, wie ist da die redaktionelle Praxis bei den Medien, für die Ihr arbeitet?

(Bleibt sachlich, bitte.)

Filmkritik aus "Zweiter Hand"?, 4.0 out of 5 based on 1 rating

5 thoughts on “Filmkritik aus „Zweiter Hand“?

  1. Über Filme zu schreiben (und zu „urteilen“), ohne diese gesehen zu haben, halte ich für grob fahrlässig und unseriös. Genauso, wie Leser von Rezensionen ganz selbstverständlich darauf vertrauen, dass der Rezensent auch weiß – und vor allem aus eigener Anschauung kennt – worüber er urteilt, genauso gehen Redaktionen davon aus, dass – wenn ich einen Text zu einem Film anbiete – ich diesen auch gesehen habe. Das wird gar nicht erst hinterfragt. Aber genau deshalb gibt es in der Medienlandschaft außer den bekannten aufgeflogenen Interviews, die gänzlich erdichtet waren, sicher auch einige phantasievoll zusammenrecherchierte, blinde Rezensionen… und bestimmt nicht nur kurze, “dem Umfang meiner Kenntnisse über dem Film” entsprechende…

  2. Geht gar nicht. Aber wundert uns das? Wie oft muss ich erleben, dass die „Kollegen“ schon nach der Hälfte des Films rausgehen und dann eine Kritik schreiben. Zudem ist eine Filmkritik kein „Warentest“, d. h. sie ist immer subjektiv und beinhaltet immer eine emotionale Komponente, die man über reine Fakten nicht ausgleichen kann.

  3. Grundsätzlich würde ich auch sagen, dass das nicht geht. Einerseits wegen der von bildtexter erwähnten emotionalen Komponente, aber auch weil Film ernstnehmen nun einmal heißt auch die ganze Komplexität zu bedenken. Über Film schreiben heißt ja eben, gängigen Praxen zum Trotz, nicht, die Handlung nachzuerzählen.
    Andererseits würde ich unterscheiden wollen zwischen der ohnehin zum Kinotipp verkommenen Form der Filmkritik und einer die an Kontextualisierung interessiert ist. Für die erste Form, kann es evtl hinnehmbar sein, dass der Film (noch) nicht gesehen wurde. Ich werb ja mündlich auch für Filme, bei denen ich begründet vermute, dass die taugen.

  4. Ich würde sagen an dieser Stelle ist die Kritik etwas übertrieben bzw. das kurze ‚piece‘ im ExBerliner wohl der falsche Aufhänger. Es ist ja wirklich sehr kurz und auch kaum als ‚review‘ erkennbar, das Rating wohl eher aus irgendwelchen formalen Gründen dabei.

    Ansonsten ist aber natürlich ganz klar, dass eine ordentliche und ausführliche Kritik vorzuziehen ist gegenüber einem Remix des Promo-Texts von irgendwem, der den Film noch nicht mal gesehen hat.

    Ich selbst bin kein Filmkritiker (werde mich aber vermutlich bald an einigen Kritiken versuchen und bin schon auf herben Gegenwind eingestellt), sondern Musikblogger/kritiker und auf dem Gebiet gibt es auch so ziemlich genau diese Probleme. Bei vielen Musik-bezogenen Rezensionen und Artikeln, ob bei Spiegel (Online), Zeit (Online) oder den genre-übergreifenden ‚Fachzeitschriften‘ und Websites dreht sich mir regelmäßig der Magen um, was Beschreibung und Einordnung von so manchem Release oder Künstler angeht. Die ‚hacks‘ übernehmen das Game!

    Wie gesagt würde ich aber diese gerade mal 80 Wörter über ‚Inception‘ jetzt nicht als Präzedenzfall für den Untergang der Filmkritik durchgehen lassen, sondern eher als ‚unglücklich‘. Kann den konkreten Fall natürlich nicht demnach bewerten, aber durch Redaktionsvorgaben, Deadlines oder einfach weil man etwas einem eigentlich ‚fremdes‘ zum darüber schreiben zugewiesen bekommt, kann das doch immer mal vorkommen. Also kurz gesagt: ganz deiner Meinung, aber auch mal Gnade walten lassen. (Was ich eventuell verbissener sehen würde, wenn ich mich selbst bereits intensiv mit dem Film befasst hätte.)

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