Burke and Hare (2010)

Werden heutzutage eigentlich noch Gräber ausgeraubt? Die Wikipedia beschäftigt sich unter “Grabraub” vor allem mit dem antiken Ägypten, und da geht es vor allem um den Diebstahl wertvoller Grabbeigaben; dabei gab (und gibt?) es natürlich auch Diebstähle, deren Ziel der Kadavererwerb ist. (Man findet sie unter “Leichendieb”.) Das ist nicht nur ist ein Horrorfreunden aus allen medialen Erscheinungsformen des Frankenstein-Mythos bekanntes Motiv, es war ja auch tatsächlich zum Beispiel für Mediziner und präziser Anatomen lange Zeit nahezu unmöglich, an ausreichend menschliche Körper zu kommen, um ihre Studien des menschlichen Körpers fortsetzen zu können.

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In der Geschichte der Anatomie ist das tatsächlich eine bedeutsame Auseinandersetzung, die schon im 15., 16. Jahrhundert, im Übergang zur Neuzeit also, in den Konflikten zwischen Wissenschaft und Religion eine Rolle spielte. Das Problem der Anatomen ist der Aufhänger für John Landis’ neuen Film Burke and Hare, der auf einer realen Geschichte beruht: Ende der 1820er Jahre wurden in Edinburgh eine Reihe von Morden begangen, die den beiden Iren Brendan Burke and William Hare zugeschrieben werden – offenbar ging es dabei um die Beschaffung von (möglichst frischen) Leichnamen für den Anatomen Robert Knox. Landis macht aus dem durchaus ernsthaften Stoff eine schwarze Komödie, die sich schon im Vorspann ankündigt (“This is a true story. Except for the parts that are not.”).

Bei Landis stoßen die beiden sympathischen, aber etwas unbeholfenen Ganoven Burke (Simon Pegg) und Hare (Andy Serkis) eher zufällig auf ihre Geschäftsidee, als sie einen in der von Hare und seiner Frau an Altersschwäche verstorbenen Mieter unauffällig entsorgen wollen, um Ärger mit den Behörden zu vermeiden. In einem Tresengespräch erzählt ihm ein Grabräuber, was man mit Leichen neuerdings verdienen könne (ein anatomischer Wettbewerb zwischen den beiden medizinischen Unterrichtsstätten der Stadt heizt den Preis zusätzlich an), und so lassen sich die beiden auf einen Deal mit Knox (Tom Wilkinson) ein.

Ist der erste Tote noch eines natürlichen Todes gestorben, so wird beim zweiten schon ein wenig nachgeholfen, und so rutschen die beiden nur halb widerwillig in eine Mordserie hinein, die ihnen reichlich Geld bringt, aber auch bald die Aufmerksamkeit der lokalen Mafia erregt… Landis macht aus dieser Geschichte ein ziemlich unterhaltsames Kostüm- und Ausstattungsabenteuer, in den blau-braun ausgeleuchteten engen Straßen und Behausungen der schottischen Stadt, noch spürbar präindustriell. Das ist schwärzlich angemalt, aber insgesamt eher unblutig. Dafür kombiniert Landis Versatzstücke der Gaunerkomödien (eine unfähige Polizei, hier: Militia, romantische Verstrickungen und sympathische Helden) elegant und durchaus unterhaltsam neu, aber das ganz aufregende Kinoabenteuer wird es dann eben doch nicht, den hübschen Gastauftritten von Tim Curry als Knox’ Widersacher Monro und von Christopher Lee zum Trotz.

Gut unterhalten wird man dennoch, und der Humor ist nicht so schenkelklopfend krachledern, wie (nicht von Landis, aber vom Sujet) zu befürchten wäre, sondern erlaubt sich kleine historische Spielchen, wenn er Burke, Hare und ihren Spießgesellen nicht nur die Erfindung des Begriffs “Fotografie”, sondern auch noch des Konzepts von Bestattungsunternehmen unterjubelt – was sogar im Rahmen der historische Epoche ungefähr hinkommt. Burke und Hare sind in diesem Kontext Archetypen ihrer Zeit: Hare als (prä-)kapitalistischer Unternehmer, der in der Beziehungsdynamik mit seiner Frau die Maximierung von Profit als Grundprinzip seines Handelns entwickelt. Burke hingegen ist fast schon ein “Renaissance man”, der sein Einkommen nützt, um die schönen Künste zu fördern, d.h. vor allem die schöne Ginny Hawkins (Isla Fisher), eine Schauspielerin, die schon als Prostituierte und Tänzerin gearbeitet hat und die erste nur mit Frauen besetzte Hamlet-Aufführung auf die Bühne bringen möchte – und in seiner nicht exklusiven Gewinnorientierung für die kommende Zeit des 19. Jahrhunderts eigentlich schon obsolet.

Fotos: Ascot Elite

Burke and Hare (2010), 4.0 out of 5 based on 1 rating

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