Rango: Featurette „Natural Acting Experience“

Ob diese Featurette zu Rango zeigt, daß der Film „neu definiere“, wie Animationsfilme gemacht würden, wie es der badassdigest sehr enthusiastisch schreibt, halte ich für durchaus fraglich.

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Aber interessant ist es schon, was in diesem Stück präzise geschnittenen Werbematerials Gore Verbinski zugesprochen wird: Daß er die Sprecher_innen seines Trickfilms eben nicht nur sprechen, sondern spielen ließ. Die gewählten Ausschnitte parallelisieren das sehr schön, ob man sich das wirklich für die gesamte Länge des Films so vorstellen muß? Interessant, aber sicherlich auch teuer.

(Anyway. Sieht nach einem sehr unterhaltsamen Film aus.)

Texte zu Filmstarts (23. Dezember 2010)

Zum Weihnachtsfest laufen Filme aller Qualitätsstufen in den deutschen Kinos an, und ich habe die Freude, eine kleine Auswahl davon gesehen zu haben.

Foto: RealFictionFilme

Trash am Mittwoch: The Steam Experiment (2009)

Val Kilmer hat in seiner Karriere schon in Filmen aller Qualitätsstufen mitgespielt, von dem phantastischen Heat über den sehr guten Kiss Kiss Bang Bang (meine Kritik) und den durchaus mit gemischten Reaktionen aufgenommene MacGruber bis hin zu… ja, The Steam Experiment. Zumindest in meiner persönlichen Kenntnis von Kilmers Arbeiten dürfte dieser Film den absoluten Tiefpunkt darstellen – nicht einmal primär was Kilmer selbst angeht, der hier so ein bißchen eintönig vor sich hin agiert, sondern vor allem, was den Rest des Films betrifft. The Steam Experiment aka Das Chaos-Experiment ist ein durch und durch furchtbarer Film.

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Am Anfang sieht man eine Reihe von scheinbar unverbundenen Szenen vorbeiziehen, in denen nicht gesprochen wird, sondern vor allem Kilmer mit unterschiedlichen Gesichtsausdrucken, aber stets gleichbleibend stillgelegter Mimik, in unterschiedliche Fernen blickt – zwar stellt der Film später immerhin die Verbindung zwischen den verschiedenen Situationen her, als Handlungselement wird dieses Schweigend-in-die-Ferne-blicken allerdings bis ins Letzte ausgereizt. Da der Erkenntnisgewinn, den man aus einem starr und schweigend blickenden Val Kilmer ziehen kann, eher gering ist, breitet sich nach einiger Zeit schon Langeweile aus, wenn Kilmer nur ins Bild kommt (zumal das, was er zu sagen hat, nicht wirklich aufregender ist als seine Art zu schweigen). Und das ist während etwa der Hälfte des Films.

Kilmer spielt hier „Jimmy“, einen etwas seltsam wirkenden Mann, der vorgibt, sechs Menschen in einem Dampfbad eingesperrt zu haben, wo sie bei 55°C langsam aber sicher innerhalb zweier Stunden zu Tode kommen würden (was, am Rande erwähnt, medizinisch nicht besonders zwingend ist), wenn sie sich nicht vorher gegeneinander umbrächten – all dies um zu zeigen, was die globale Erwärmung, deren Auswirkungen er innerhalb der nächsten Jahre erwarte, mit der Menschheit anstellen werde: Uns nämlich zu egoistischen, mörderischen Monstren machen.

Diese ziemlich eigenartige Prämisse wird dadurch nicht eben besser, daß der zuständige Polizist (Armand Assante), der sich nicht ganz sicher ist, ob er Jimmy für verrückt oder für gefährlich halten soll, keine wirklich nennenswerten Anstrengungen zu unternehmen scheint, die angeblichen Opfer ausfindig zu machen – Spannung erzeugt man anders.

Jedenfalls auch nicht mit den Szenen im Dampfbad, die Regisseur Philippe Martinez (sein bemerkenswertester Film sonst ist womöglich Wake of Death mit Jean-Claude Van Damme) grundsätzlich in extrem gelbstichig überstrahlten Bildern zeigt, die zudem auch noch unscharf und verzerrt zu sehen sind, als wolle er die Wahrnehmungsverschiebung des Dampfes auf eine andere Ebene übertragen. Da sitzen also die drei Männer und drei Frauen, die über einen Internet-Dating-Service (das böse Internet schon wieder) in diese Falle geraten sind. Man stellt sich einander kurz vor, alle sind ja Singles auf der Suche, die Männer wollen Sex, die Frauen nicht angegraben werden, man versteht sich also von Anfang an nicht … aber wie schnell es dann brutal zur Sache geht, wie sehr sich alle anschreien, prügeln und hassen, das überzeugt dann doch nicht. Natürlich läßt der Film bis kurz vor Schluß offen, ob sich die Ereignisse im Dampfbad nur in Jimmys Kopf abspielen, und auch der Schluß löst diese Frage nicht wirklich auf – aber es ist auch einfach egal.

Da ist, im Dampfbad wie im Verhörzimmer, keine zwingende Entwicklung, nur Behauptung: Ein bißchen ähnelt der Film darin den Einlassungen seiner Hauptfigur, und womöglich ist das ein Ziel des Films, daß das Chaos, das Durcheinander der Chaostheorie sich in der Struktur der Erzählung wiederfindet. Der Effekt ist freilich nur Langeweile, in etwa also so, als müßte man der ganzen chaotischen Wirkungskette vom Schmetterlingsflügelschlag bis zum Wirbelsturm in Echtzeit zusehen.

Und in diesem Film, wohlgemerkt, gibt es nicht mal eine Wirkungskette. Nur eine Aneinanderreihung schlecht inszenierter Kopfschmerzen. Samt Mord durch Nagelpistole.

Foto: Sunfilm

Kurzfilm: A Very Zombie Holiday

Schöner Zombie-Weihnachtsfilm, leicht im Stile eines Lehrvideos der 1960er Jahre gemacht, vom Team Unicorn („Geek Girls: Like unicorns, we’re not supposed to exist“; Rileah Vanderbilt, Michele Boyd, Milynn Sarley and Clare Grant).

Nicht zuerst um den Weihnachtskuchen kümmern! Und den Kindern Waffen untern Baum!

(via)

Mehr von den Damen, die auch Verbindungen zur sehr lustigen Webserie The Guild haben: das Musikvideo zu „G33K and G4m3r Girls“. Vgl. das großartige „Do You Wanna Date My Avatar“.

Super (2010)

Dieser Text ist ursprünglich in der Splatting Image Nr. 84 erschienen.

„Shut up, crime!“

Frank D’Arbo ist ein äußerst durchschnittlicher Mann, weder mit einem spektakulären Körper noch mit besonderen Geistesgaben gesegnet. Das Haar wirkt schon etwas schütter, der ganze Kerl ein wenig teigig – aber er ist, wie seinen Kollegen und Bekannten immer wieder auffällt, trotz oder wegen seines schlichten Gemüts ein grundguter Mensch.

Rainn Wilson ist nicht gerade der erste Schauspieler, an den man denkt, wenn die Rolle eines Superhelden zu besetzen ist, aber Super, in dem aus dem unauffälligen Frank der kostümierte „Crimson Bolt“ wird, will natürlich auch kein gewöhnlicher Superheldenfilm sein. Er fällt in vermutlich zeitgeistiger Synchronizität fast gleichzeitig mit Filmen wie Watchmen, Kick-Ass und Defendor auf die Leinwände der Welt. Offenbar ist es nun, da das Kino von Batman über Hulk bis Spiderman die klassischen Heroen der Popkultur in unzähligen Comicverfilmungen, Remakes, Reimaginings und Reboots verwurstet und implizit mehr und mehr dekonstruiert hat, sich der Anziehungskraft dieser Figuren einmal aus der Perspektive des Rezipienten zu stellen. Was wird aus Max Mustermann, wenn er sich ins Kostüm wirft? (Hier sind zwei Clips aus dem Film, die erste Antworten geben.)

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Die genannten Filme haben natürlich ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage. (Und die eigentlich radikalste, auf jeden Fall menschenfeindlichste Antwort fehlt in dieser Reihung, weil Bekmambetovs Wanted [meine Kritik] sich auf die in Millars Comicvorlage angelegte Superhelden-/Superbösewichte-Geschichte nicht einlassen wollte: Da wird der Held nämlich zum so gesetzlosen wie moralfreien Supermörder.) James Gunns Super ist von den drei Filmen Defendor wohl darin am nächsten, daß er bewußt auf eine Überhöhung seiner Protagonisten verzichtet und sich ebenfalls eher für die Entwicklung seiner Figuren interessiert als für den Karneval der Kostüme.

Franks „Crimson Bolt“ ist aber dennoch – anders als der von Woody Harrelson verkörperte „Defendor“ – ein Kind des Comics. Frank beschließt, zum Superhelden zu werden, um seine geliebte Sarah (Liv Tyler) zu retten, die sich von dem Drogendealer Jacques (Kevin Bacon) abhängig gemacht hat. Seine Recherche nach Superhelden, die auch ohne Superkräfte und teure technische Gadgets ihrer Arbeit nachgehen, führt ihn in den nächstbesten Comicladen. Dort lernt er Libby (Ellen Page) kennen, die bald hinter sein Geheimnis kommt und sich ihm als Sidekick „Bolty“ andient, um nicht zu sagen: aufdrängt.

Page spielt in Super brachial gegen das in ihren letzten Filmen oft dominante Image der schlauen, gern auch altklugen Göre an, indem sie es zuerst zu bestätigen scheint, und dann alles aus Libby herauskitzelt, was in ihr an psychotischem Verhalten angelegt sein könnte. Sie verkörpert damit aber bis an die Grenze des Erträglichen genau jenes Dilemma, vor das Frank bald auch gestellt sein wird: Daß nämlich der Superheld, die Superheldin sich zwar (vielleicht) für den Erhalt der ethischen und gesetzlichen Ordnung einsetzen mag, daß er sich aber zugleich immer über sie stellt – diese Flucht aus den Beschränkungen des „normalen“ Lebens ist Libbys eigentlicher Antrieb.

Damit stellt Gunn in seinem Film die beiden extremen Auslegungen des Superheldendaseins – der eine mit dem quasi-religiösen Auftrag, das Böse zu bekämpfen, die andere mit der selbstverschafften Erlaubnis, die mit geradezu kindlicher Begeisterung Auslauf begehrende Sex- und Gewaltsau rauszulassen – in seinen Figuren einander zur Seite (und zugleich ist er zu klug, um die Eigenschaften so scharf voneinander abzugrenzen, wie es zunächst scheinen mag).

Super zielt damit – den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit trägt der Film ja schon im Titel vor sich her – auf eine Dekonstruktion des traditionellen Superhelden an, allerdings eben nicht von innen, wie es die besseren unter den jüngeren Superheldenfilmen tun, sondern indem er, gewissermaßen von außen beginnend, die moralischen Grundlagen des Superhelden aus ihren Motivationen heraus befragt, überhaupt erst das Kostüm anzulegen.

Moralinsauer geht es dabei aber nie zu. Denn so wie es Gunn in seiner Webserie PG Porn bereits erprobt hat, so erweist er sich auch hier als begnadeter Virtuose von Ton und Geschwindigkeit. Mal läßt er seine Protagonisten minutenlang hinter einem Müllcontainer verharren, während sie darauf warten, daß irgendwo ein Verbrechen geschieht. Dann wieder verwendet Gunn Elemente des Comics – nicht nur Verweise darauf –, um die Handlung ins Cartoonhafte zu überzeichnen und fügt mit „The Holy Avenger“ eine völlig wahnwitzige Figur ein, die die Handlung überhaupt erst in Fahrt bringt. Vor allem aber nimmt er in Momenten, in denen man es nicht erwartet hätte, plötzlich das Tempo weg (oder legt richtig zu) und wechselt die Tonart völlig abrupt von Moll auf Dur oder zurück.

Daß er damit den Zuschauer unter Umständen aus einer gefälligen Betrachtungssituation reißt, dürfte Gunn als eine mögliche Folge im Blick gehabt haben. In seiner Erzählung sind schließlich Gut und Böse auch nicht so einfach verteilt, daß man ganz ohne eigenes Nachdenken davonkäme.

Wenn die Geschichte am Ende wieder auf Sarah und ihre Beziehung zu Frank zurückkehrt – eine ganze Weile lang ist ihre Rettung nur vager Hintergrund für die Aktivitäten von „Crimson Bolt“ und „Bolty“ – dann rettet sie sich auch zuletzt nicht in ein schlichtes Happy-End. Stattdessen findet sich für Frank ein realistischer, vorstellbarer Ort. Wie „Defendor“ alias Arthur Poppington wurde auch er von einem Freund emphatisch als „good person“ beschrieben – die Guten aber sind eben immer ein bißchen zu gut für diese Welt.

À bout portant (2010)

Wer Paris ein wenig kennt, dem öffnet vielleicht wie mir dieser Film die Augen dafür, wie zwingend sich die Topologie dieses Raumes für die Verfolgungsjagd im Film eignet. Wie sehr die engen Gassen es vorstellbar machen, daß selbst durchschnittliche Menschen sich vom Balkon einer Straßenseite ins Fenster gegenüber werfen, wie die Dichte und Enge der ganzen Stadt es unnötig machen, eine Jagd als großes Abenteuer zu inszenieren, sondern es schon mit Jäger_innen und Gejagten zu Fuß, die Kamera stets dicht dabei, zu unglaublich aufregenden Situationen kommen kann.

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À bout portant entwickelt so in den Verfolgungsjagden seine Spannung schon aus der mise-en-scène, aus der Kameraführung und schlichtweg: Aus der zwingenden Notwendigkeit der Räume. Vor allem aber verfügt der Film über eine clever organisierte, immer weiterdrehende Handlung, mithin: ein wunderbares Skript von Regisseur Fred Cavayé und Guillaume Lemans, die bereits bei Pour Elle zusammengearbeitet hatten (der jetzt als The Next Three Days (Trailer) von Paul Haggis mit Russell Crowe und Elizabeth Banks neu verfilmt worden ist).

Ein unbekannter Mann (Roschdy Zem) wird nachts ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er auf der Flucht vor bewaffneten Verfolgern von einem Auto angefahren wurde. Später beobachtet der Krankenpfleger Samuel (Gilles Lellouche) einen Mann, der versucht, den Patienten umzubringen – kurz darauf wird Samuels hochschwangere Frau Nadia (Elena Anaya aus Hierro; meine Kritik) entführt: Er soll den noch immer Bewußtlosen aus der Klinik lotsen und zu einem Treffpunkt bringen, sonst werde Nadia sterben.

Es gibt dann in À bout portant noch einige Verwicklungen und Wendungen, das markante Gesicht Zems darf den Wandel vom Bösewicht zum keinesfalls unproblematischen Sympathieträger spiegeln, den seine Figur durchläuft, und natürlich ist bei der Polizei, das merkt man schon sehr früh, nicht alles so rosig, wie es scheinen mag. Die dortigen Verwicklungen lassen Cavayé dann reichlich Gelegenheit, Claire Perot in der Rolle als aufrechte, aber wütende Polizistin schön und herb zugleich in Szene zu setzen, als habe er noch Größeres mit ihr vor.

Am Schluß gibt es, da kommt die filmische Topologie wieder hervor, eine Katz- und Mausspiel durch eine große Polizeistation, eine fast typisch wirkende Pariser Behörde in einem Altbau, der nie zu diesem Zweck gedacht war, viel zu eng für die vielen Menschen und in diesen Filmmomenten noch gezielt überfüllt; ein großer Raum mit Kacheln auf dem Fußboden ist das Großraumbüro, in dem einfach viele Tische herumstehen. So geerdet und chaotisch geht es vielleicht wirklich zu, und mittendrin spielen sich unbemerkt in kleinen Zimmern Dramen und Kämpfe ab.

Megamind (2010)

Im Großen und Ganzen hat mir Dreamworks‘ Megamind nicht so besonders gut gefallen: Zu überdreht ist der Film, stets damit beschäftigt, seinen eigenen Unernst vor sich herzutragen, anstatt ihn einfach mal umzusetzen… das wirkt getrieben und bemüht. Der Slapstick ist zerstörungsreich, aber insgesamt doch eher konventionell und jedenfalls nicht transgressiv; die Möglichkeiten der Körpermodulation, die dem computeranimierten Film zu eigen sind, wird nur in der Körperkonfiguration wirklich genutzt, reicht aber nie zur Destruktion des Status Quo hin.

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Dabei gibt es so schöne Ansätze: des Bösewichts Sidekick, der einfach nur „Minion“ genannt wird, ist ein sarkastischer Fisch im Roboteranzug, Megamind selbst (dessen Hirn lange nicht so leistungsstark ist, wie er selbst es wünschte), tanzt und inszeniert sich gern in schwarzen Latexkostümen – wie überhaupt das Gehabe der männlichen Hauptfiguren, da gibt es einiges zu entdecken, traditionelle Männlichkeitsbildern ohne großes Federlesen zu Staub zertrümmert. Das gilt für Megamind selbst, aber auch für seinen Antagonisten Metro Man, den guten Superhelden, den die Stadt Metro City (von Megamind zu meiner großen Freude konsequent wie „atrocity“ ausgesprochen) verehrt.

Dazu paßt auch die schließlich auf die Probe gestellte Bromance zwischen Megamind und Minion, aber wie um nicht zu viel Queerness in den Film zu bringen, bekommt Megamind mit der Reporterin Roxanne natürlich ein klar weibliches romantic interest an die Seite gestellt. Die wird zwar mit viel Aufwand als selbstbewußt, ironisch und distanziert eingeführt, bleibt dann aber irritierend unterentwickelt, ohne freilich auf den Status einer rein funktionalen Figur zu schrumpfen.

Wahrscheinlich ist es letztlich die anfangs konstituierte klare Gegenüberstellung zwischen Gut und Böse, die den Film so mühsam wirken läßt (Böse gegen Böse à la Despicable Me scheint effektiver) – denn natürlich muß sie aufgebrochen werden, weil man dem bezaubernden Megaman den Bösewicht nicht so recht abnehmen kann (großartig seine Frustration, als er feststellt, daß es langweilig ist, böse und allmächtig zu sein). Daß der Film diesen Dualismus erst mühsam abreißt, um ihn dann wieder zu errichten, ohne den inhärenten Widerspruch darin wirklich zu lösen, ist ein bißchen schade.

(Stephen Holden hat in der New York Times den Film schön in die Nature vs. Nurture-Debatte eingebunden.)

Foto: Paramount

Wounded (1997)

Wounded hatte in Deutschland schon viele Namen – er war als Wounded – Beute eines Psychopathen (Amazon-Link) oder Wounded – Eine Spur zu weit zu sehen, die IMDb verzeichnet darüber hinaus auch noch Die einzige Zeugin, Frei zum Abschuß und Zum Abschuss freigegeben als deutsche Alternativtitel. Jetzt hat Atlas Film Home Entertainment den Film als Wild Prey noch einmal veröffentlicht, in einer anscheinend ungekürzten Fassung.

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Immer wieder hat man allerdings den Eindruck, als seien die schlimmsten Blutigkeiten entfernt worden – es geht um einen Wilderer (Adrian Pasdar), der Braunbären und andere geschützte Fauna im Akkord umbringt und Menschen gegenüber nicht eben zimperlicher ist. Wildhüterin Julie (Mädchen Amick, im Bett wie auf der Wildererjagd stets vortrefflich geschminkt) ist bei einem vom FBI initiierten Einsatz gegen den Mann dabei und überlebt als einzige – eher zufällig, weil sie dank eines bisher nicht entdeckten Situs inversus das Herz auf der rechten Seite hat. (Das ist übrigens so ein Motiv, das gerne mal als deux ex medicina bemüht wird, aber m.W. allein schon deshalb Quatsch, weil ein Situs inversus den Symptomen nach zu urteilen früh entdeckt werden dürfte.)

Der Wilderer macht einen auf Vietnam-Psychopath, samt Stolperfallen, angespitzten Holzpfählen und Rambo-Messer, er macht auch vor seinen eigenen Auftraggebern nicht halt, wenn die ihm blöd kommen: Er ist also ein rechter Fiesling, und das versteht man auch schon bald. Man versteht freilich nie so recht, warum, aber das ging mir mit allen Figuren so: Charakterzeichnung ist die Stärke von Wounded nicht, noch ist eine solche in der Inszenierung oder der Dramaturgie zu finden. Es gibt eher absurde (und wie nur angerissen wirkende) Trainings- und Vorbereitungsmontagen, der Zeitverlauf verschiedener Handlungsebenen paßt hinten und vorne nicht zusammen, und der depressive Cop (Graham Greene), der Julie zur Seite steht, bleibt leider auch völlig unterentwickelt. Ach, der Film strotzt nur so vor verschenktem Potenzial.

Das gilt vor allem für das sehr kurze und ziemlich enttäuschende Finale, aus dem sich nicht nur leicht mehr Spannung hätte herauskitzeln lassen, sondern daß vor allem in Sachen Identität und Geschlecht noch viel Dehnungsspielraum gelassen hätte. Da gleicht sich nämlich Julie in Kleidung, Habitus, Bewaffnung und Gesichtsbemalung ihrem Antagonisten an, legt in der Wildhüterhütte Feuer und geht allein in den Wald, mit dem Ziel zu töten. Mädchen Amick hier ganz hinter ihrer Tarnung und ihren Waffen verschwinden zu lassen… ach, aber dem Film fehlt der Mut zu großen Schritten.

Foto: Atlas Film Home Entertainment