Green Lantern (2011)

Es sind schon die allerersten Momente von Green Lantern, in denen sich der Film – aber ich vertrete damit eine Einzelmeinung – von jener Haltung verabschiedet, mit der er in irgendeiner Form eine Nachbildung von Realität, und sei sie noch so fiktional aufgeladen und angereichert, behaupten würde. Oder könnte. Der einleitende Off-Kommentar des Films, der dessen galaktische Hintergrundgeschichte ausbreitet, ist schon derart sinnfrei, hirnfrei und spaßdabei, daß die Linie für die dann folgenden fast zwei Stunden vorgezeichnet scheint.

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Es folgen dann natürlich doch die üblichen immergleichen Szenen, die Superhelden in ihren Origingeschichten durchleben müssen: die Schwierigkeiten im Umgang mit den eigenen Kräften, die Selbstzweifel, der zu erfüllende Auftrag, das Übernehmen von Verantwortung etc. pp. ad infinitum. So weit, so fad, und bei Green Lantern noch dazu umgesetzt mit Plotlöchern, auf die mich meine freundliche Kinobegleitung direkt verwies, von galaktischen Ausmaßen.

Hal Jordan (Ryan Reynolds) ist Testpilot, einer, der mit Charme und gutem Aussehen die Frauen rumkriegt, sich aber an keine binden mag, und der nicht so ganz insgeheim eigentlich nur eine will: Carol Ferris (Blake Lively), die gleichzeitig auch noch Tochter seines Chefs und seine Mitpilotin ist. Ein Mitglied der intergalaktischen Polizeitruppe des „Green Lantern Corps“ notlandet schwer verletzt auf der Erde, und die, äh, grüne Energiekugel aus seinem Ring (demonstrativ am Mittelfinger getragen), äh, „wählt“ Jordan als neue Laterne aus. So ist das, und viel mehr Sinnstiftung findet im Film auch sonst nicht statt.

Der Ring ermöglicht es Jordan, Gegenstände nur durch die Kraft von Willensenergie (die aus unerfindlichen Gründen grün ist) zu erschaffen, außerdem kann er damit fliegen und sich eine schicke Uniform an den Körper zaubern. Vermutlich kann er damit auch unanständige Dinge tun, aber um Sex macht der Film einen großen Bogen; den will allenfalls der von böser Angstenergie (gelb) infizierte Hector Hammond (Peter Saarsgard), der natürlich ebenfalls in Carol verknallt ist, aber leider hässlich und übergewichtig. Es wird Zeit für einen Superhelden mit nicht-idealem Körperbau.

Oder wie wäre es mit einer Frau? Aber davon sind wir weit entfernt; dem Hollywoodkino fällt zu Frauen im Superheldenfilm vorerst immer noch nichts Interessantes ein. Auch Carol hat hier letztlich vor allem zwei Funktionen: als, erstens, hübsches Dekorelement und, zweitens, Stichwortgeberin für die (nur vage erkennbare) persönliche Entwicklung des Helden.

Das alles ändert aber doch nichts daran, dass Green Lantern ungemein unterhaltend ist, so lange man ihn nicht als ernsthaften und ernst gemeinten Beitrag zum Superheldengenre betrachten will, sondern als bereitwillige Kapitulation der Filmemacher_innen an das eh‘ Unvermeidliche: Das mit dieser Figur sowieso keine Komplexität und kein filmisches Meisterwerk zu machen ist und man sich deshalb gleich mit Elan daran begeben kann, Edeltrash zu produzieren, ernst gemeint, eigentlich, aber mit dem Willen, unfreiwillige Komik passieren zu lassen, wo es nur geht. Falls sie dann noch unfreiwillig ist.

Jedenfalls produziert Jordan mit seinem Ring vor allem Waffen und Verteidigungsmethoden, die hart an der kompletten Lächerlichkeit vorbeischrammen, die Dialoge und Handlungsstränge sind so oberflächlich wie unbedeutend; und natürlich gibt es eine Post-Credit-Scene, die auf eine mögliche Fortsetzung vorbereitet.

Für normale Kinogänger_innen ist das alles nix. Aber für uns, die wir schon allzu viele bierernste und furchtbare bis schlechte Superheldenfilme gesehen haben, ist solcher freiwilliger oder unfreiwilliger Unernst fast schon von erholsamer Leichtigkeit.

Foto: Warner Bros.

Text zu Filmstart (21. Juli 2011)

Schon vor längerer Zeit hatte ich James Wans neuen Film Insidious gesehen und war leider keineswegs so begeistert, wie ich vielleicht hätte hoffen können – der Mann hat immerhin Saw erfunden. Für blairwitch.de habe ich das ein ganzes Stück ausführlicher aufgeschrieben.

Ausführlich nirgendwo besprochen habe ich Bridesmaids mit dem blöd, blöder, am blödesten deutschen Verleihtitel Brautalarm, der zudem mit einer Plakatkampagne mißhandelt wird, die wohl Sex and the City aufrufen soll; verfehlter könnte die Positionierung des Films nicht sein. Daß die Pressevorführungen allesamt in deutscher Sprache stattfanden, zeigt vielleicht noch mehr, wie wenig man hierzulande dem Komödiantischen an sich zutraut bzw. abgewinnen kann. Sei’s drum: ein großartiger Film, derb und weit jenseits der Schmerzgrenze, und genau deshalb umwerfend komisch. Wo immer möglich sollte man sich aber wohl die Originalfassung zu Gemüte führen.

Foto: Central Film/Wild Bunch

Dogtooth (2009)

Ursprünglich erschienen in Deadline #27, Juni 2011

Dieser Vater tut alles dafür, die wohlgeordnete Welt seiner Kinder zu erhalten: Er entfernt die Etiketten von den Mineralwasserfläschchen, bevor er sie im Kofferraum nach Hause bringt, und wenn sich dort überraschend eine Katze in den Garten verirrt hatte, so entwickelt er daraus sofort eine lehrreiche Geschichte. Die Katze, hören die staunenden Sprößlinge vom Vater, der sich das zerschnittene Hemd dramatisch mit roter Farbe verschmiert hat, ist das vielleicht gefährlichste Tier überhaupt.

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Das sind keine bösartigen Spielereien für ahnungslose Kleinkinder: Die zwei Töchter (Aggeliki Papoulia als die ältere, Mary Tsoni als die jüngere) und der Sohn (Hristos Passalis) sind um die Zwanzig, erwachsene Menschen also, aber von der Welt außerhalb ihres Gartens haben sie wortwörtlich keinen Begriff: Die Eltern (Christos Stergioglou und Michelle Valley) erklären ihnen neue Worte auf sehr eigentünliche Weise (das „Meer“ wird zu einer Art Sitzgelegenheit, die weiblichen Geschlechtsorgane heißen „Tastatur“).

Die namenlosen Menschen dieser Familie leben in völlig abgeschottet, nur der Vater fährt täglich mit dem Mercedes durch das Gartentor hinaus und zur Fabrik, die er anscheinend leitet. Von dieser Arbeit wissen die Kinder freilich nichts – aber auch für den Zuschauer von Dogtooth bleibt sie fremd, so eigentümlich menschenleer wirken die Hallen, und auf den weiten Betonflächen vor den Toren bewegt sich nichts, als sei die hörbare Betriebsamkeit von Maschinen nur leerer Selbstzweck ohne Bezug zu einer Außenwelt.

Darin spiegelt sich wider, wie die Familie lebt; offenbar haben sich die Eltern zu dieser Ab- und Ausgrenzung entschlossen. Das Drehbuch von Efthymis Filippou und Regisseur Giorgos Lanthimos kennt aber keine Suche nach den Ursachen oder Diskussion über die Gründe für diese Isolation. Stattdessen ist für Lanthimos offenbar besonders die Konstitution der Sprache besonders wichtig, wie auch ihr Gegenüber der sprachlichen Konstitution von Sein und Bewußtsein (Orwells 1984 lässt grüßen). Den Kindern muß dazu jeder Einfluß von außen vorenthalten werden: Bücher und Zeitschriften gibt es nicht, Fernsehen nur als Heimvideo, und Frank Sinatras Fassung von „Fly Me To The Moon“ bekommt in der väterlichen „Übersetzung“ eine ganz andere Bedeutung. Das System Sprache kann für die Geschwister unter den von den Eltern vorgegebenen hermetischen Bedingungen keinen Ausweg bieten – nur weitere Verstrickung.

Dogtooth ist aber keine schlichte Geschichte von Aufklärung und Befreiung, wie man das aus Actionflocken à la Die Insel oder romantisierende Dramen wie Die Truman-Show kennt. Lanthimos zeigt vor allem die ruhigen Momente und den Alltag dieses seltsamen Lebens. Er setzt es mit starrer Kamera in großzügige Bilder im Cinemascope-Format um, die gelegentlich fast statisch wirken; das alles mit einem Sinn für plötzlich hervorkriechenden schwarzen Humor, der sich nicht zuletzt an den Idiosynkrasien der Familie entwickelt, an den seltsamen Ängsten und Verhaltsensweisen der Geschwister.

Denn diese sind natürlich allein aufeinander als sozialen Kontext geworfen; da gilt es schon als Zeitvertreib, wen die Kompresse mit Chloroform zuletzt ohnmächtig werden lässt. Sie tragen Konflikte mit der Direktheit kleiner Kinder aus, aber mit den Kräften und Emotionen erwachsener Menschen, zwischen Inszest und Geschwistermord schwankend – und folgerichtig ist es dann auch Christina (Anna Kalaitzidou), die den Zerfall der wohlgefaßten Ordnung anstösst. Sie sitzt sonst am Tor der väterlichen Fabrik, aber ab und an bringt der Patriarch sie mit ins Haus, damit sie die sexuellen Bedürfnisse des Sohnes befriedige.

Auch darin schreibt sich die archaisch-patriarchale Ordnung der Familie fort; diese findet ihre Sollbruchstelle in der eigentlich emotionslos zu absolvierenden Sexualität. Man kann das alles deshalb auch als die ungewöhnlichste Coming-of-Age-Geschichte seit langer Zeit sehen; der griechische Kandidat für den Auslandsoscar 2011 ist (obgleich viel zu sperrig für die goldene Trophäe) auf jeden Fall einer der originellsten, aufregendsten Film der vergangenen Jahre.

[Der Film ist erschienen in der Störkanal-Edition.]

The Tourist (2010)

Ursprünglich erschienen in Deadline #27, Juni 2011

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Als Florian Henckel von Donnersmarcks Film Das Leben der Anderen 2007 mit dem Oscar als bester ausländischer Film prämiert wurde, stolzierte der Regisseur, die Älteren werden sich erinnern, mit Begeisterung vor Kameras umher und platzte schier vor übersteigertem Selbstbewusstsein. Der durch den Preis erworbene Ruhm dürfte der Grund gewesen sein, warum man ihm als ersten Hollywood-Film einen Thriller mit Angelina Jolie und Johnny Depp in den Hauptrollen anvertraute; zugleich dürfte die Produzenten beruhigt haben, dass Donnersmarck wohl nicht viel falsch machen könne beim Versuch, einen Streifen von Jérôme Salle neu zu inszenieren. Aber, ach und weh, Donnersmarcks Arroganz offenbart sich hier als leere Geste; sein Remake von Anthony Zimmer ist trotz oder ein bisschen auch wegen der zwei Superstars eine einzige Übung in Fremdschämen geworden.

Jolie darf meist nur hübsch und ahnungslos in der Gegend herumstehen, während Depp in diesem Film teigig und blass aussieht wie vielleicht noch nie in seiner Karriere; beide Schauspieler scheinen sich unendlich zu langweilen. Der Film beginnt in Paris und wechselt dann rasch nach Venedig, aber außer den abgegriffensten Postkartenbildern fällt Donnersmarck dazu visuell nichts ein, selbst Verfall ist bei ihm nur pittoresk. Die zahlreichen Verfolgungsjagden durch Kanäle und über Palastdächer sind langsam und gähnend langweilig, und selbst der böse Russe oder auch Engländer, der alle anderen Beteiligten gerne ermorden würde, wirkt kein bisschen furchteinflößend. Dass es eigentlich um ein Verwirrspiel geht, um geheime Identitäten und viel gestohlenes Geld, spielt sowieso sehr schnell nur noch eine oberflächliche Rolle – dafür ist das zu geradlinig abgefasst, so verwirrungslos, dass selbst Zuschauer, die Anthony Zimmer nicht kennen, bald allein aus Alternativlosigkeit den Twist am Schluss vorhersehen werden. Bestürzend auch, welche Leute selbst für kleinere Rollen engagiert wurden – Paul Bettany, Timothy Dalton, Steven Berkoff, Rufus Sewell – ohne dass Donnersmarck irgendetwas mit ihnen anzufangen gewusst hätte.

Texte zu Filmstart (14. Juli 2011): Harry Potter 7.2

Vermutlich kommt es als keine große Überraschung daher, daß mich an den Harry Potter-Verfilmungen immer besonders interessiert hat, wie die sich die Frauenfiguren entwickeln. So bin ich ein kleines bißchen enttäuscht (aber nicht so schlimm wie befürchtet), daß im letzten Film den weiblichen Weasleys (Mutter und Tochter Ginny) nicht richtig viel Raum eingeräumt wird – wie überhaupt die wichtigen Nebenfiguren zwar alle noch ein bißchen Platz bekommen, aber befriedigend ist das nicht. Jedenfalls nicht für mich. (Aber das ist gut: Der „You bitch!“-Moment ist drin.)

Was ich sonst von Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2 gehalten habe und warum dieser Film ein durchaus unvollkommener, aber würdiger Abschluß der Serie ist, habe ich ausführlicher und mit etwas unterschiedlichen Schwerpunkten für critic.de und fürs Horrorblog aufgeschrieben.

Foto: Warner Bros.

Text zu Filmstart (7. Juli 2011): Kleine wahre Lügen

Diese Woche läuft Les petits mouchoirs (Kleine wahre Lügen) in den Kinos an, ein französischer Ensemblefilm mit lauter großen Namen, der in seiner Heimat durchaus zu Recht einer der erfolgreichsten Filme der vergangenen Jahre war. Für kino-zeit.de habe ich mir die Tragikomödie um eine Gruppe von Freunden näher angesehen.

Foto: Tobis

The Tree of Life (2011)

An eine gründlichen, wohlkonstruierten Kritik von Terrence Malicks fulminantem, irrem, schmalzigem, wahnsinnigem The Tree of Life will ich mich hier gar nicht erst versuchen, dazu fehlt mir auch die Zeit. (Zumal ich schon bei normalen Filmen immer mehr das Bedürfnis verspüre, vor einem Text die Filme zwei-, dreimal zu sehen; ich kann aber nicht eine ganze Woche mit Malick verbringen.) Wer das informiert lesen will, wende sich an Thorsten, Nino oder Joachim.

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Stattdessen ein paar unsortierte Gedankenfetzen, die womöglich eher interessant sind für Menschen, die den Film schon gesehen haben, und deren vielleicht kritischem Übergewicht ich doch noch entgegen halten möchte, daß ich im positiven Sinne überwältigt aus dem Kino kam; daß ich zwar streckenweise schon begann, unruhig im Kinosessel hin und her zu rutschen, daß das aber auch der späten Stunde zugeschrieben werden könne. Filmwahrnehmung ist niemals unabhängig von ihren Rahmenbedingungen, und an einem schon etwas sentimentalen Abend, direkt nach Fast Five, wirkt der Film sicher bedeutend anders als am frühen Morgen in Cannes.

The Tree of Life ist in seinem allumfassenden Weltentwurf schon prätentiös und nicht nur milde größenwahnsinnig; Malick beginnt seinen Film nicht nur mit einem Zitat aus dem Buch Hiob, seine Geschichte ist auch gleich eine Neuerzählung der Sinnsuche, der Suche nach Gott, die Kamera stets oder mindestens: immer wieder gen Himmel gerichtet. Malick hat die Strukturen der Natur und der von Menschen geschaffenen Welt (Architektur!) immer genauso im Blick, vielleicht sogar mehr, als die Menschen – der Bezug auf den Lebensbaum (Yggdrasil oder nach welchem Namen auch immer) verstärkt nur: Hier sucht jemand nach den ganz großen Fragen und Antworten, und er macht das mit Bildern, denen man Bescheidenheit nicht vorwerfen kann.

Das muß nicht schlecht sein; Kubricks 2001 ist ja auch nicht durch Kleinkrämerei so großartig. Was mich an The Tree of Life etwas gestört hat war, daß Malick eine Geschichte vom Leben erzählen möchte und mir diese dafür viel zu oft zu weit von den Menschen entfernt war. Weil der Film immer gleich das Große Ganze sucht, läßt er (nach dem Eindruck meiner einen Sichtung, sentimentaler Freitagabend etc.) sich zu wenig auf die einzelnen Menschen ein. So sind vor allem auch die Eltern von Jack, der Hauptfigur, einen Hauch zu sehr Verkörperung von Idealprinzipien – hier die liebende, selbstlose Mutter, dort der harte, fordernde, auch ungerechte Vater.

Malick macht es sich keineswegs ganz einfach mit diesen Figuren, und der Vater (den Brad Pitt mit einer Erwachsenheit und Härte spielt, die zeigt, welchen weiten Weg er selbst als Schauspieler schon zurückgelegt hat) zeigt anfangs Brüche und am Ende sogar Demut. Aber die Mutter in ihrer Duldsamkeit, unverbrüchlichen Liebe etc. (keineswegs Mutter Natur, eher Mutter Grazie) ist etwas zu dick aufgetragen, hat zu wenig Borsten, kaum raue Stellen – kurzum: sie vertritt das Göttliche, dessen Lied hier gesungen wird, aber nicht die Menschlichkeit einer Frau (/liebenden Mutter).

Nochmal: Ich sage nicht, daß das unbedingt schlecht ist, und gewollt, gewünscht ist es von Malick vermutlich allemal. Aber es irritiert mich, nicht zuletzt auch weil es natürlich eine (man kann sagen: auf die Zeit, zu der der Film spielt, realistisch bezogene – aber ja trotzdem nie in Reinform existiert habende) Wiederholung von Geschlechterstereotypen darstellt, an der sich dann doch eben wieder die Entwicklung eines Mannes entzündet und entflammt.

Texte zu Filmstarts (2. Juni 2011)

Noch eine Nachurlaubsnachreichung: In der vergangenen Woche sind in Deutschland drei Filme angelaufen, die ich vorab gesehen habe- alle drei für ein ganz unterschiedliches Publikum gemacht und gedacht.

Da wäre zunächst The Hangover Part II, die Fortsetzung der durchaus zurecht sehr erfolgreichen Buddy-Komödie The Hangover, in der sich wieder drei nicht mehr ganz junge Herren schrill und pubertär durch extreme Situationen bewegen. Ich fand das für critic.de immer noch einigermaßen komisch, aber man kann das auch völlig zurecht eher ganz und gar furchtbar finden.

Source Code von Duncan Jones habe ich nirgends ausführlicher besprochen, aber besonders mitgerissen oder berührt hat mich der Film nicht; er wirkt zu sehr wie eine Fingerübung, eine emotionslose Versuchsanordnung, ohne besondere Spannung oder Überraschung. Schade, denn Jones‘ Moon fand ich wirklich sehr gut.

Last but wirklich not least ist Somos lo que hay (Wir sind was wir sind) von Jorge Michel Grau ein sehenswertes, seltsames Horrordrama über eine anscheinend kannibalistisch lebende Familie in Mexico City, der vor allem von der Gewalttätigkeit der Welt spricht. Für kino-zeit.de habe ich das etwas ausführlicher beschrieben.

Foto: Warner Bros.

Det røde kapel [The Red Chapel] (2009)

Nordkorea ist ein Land, von dem man nicht nur gemeinhin wenig weiß, sondern von dem man tatsächlich außerhalb des Landes erstaunlich wenig in Erfahrung bringen kann; und reingelassen wird mensch normalerweise gar nicht erst. (Die einzigen im Westen, die etwas mehr über das Land wissen dürften, arbeiten vermutlich für die CIA, und die reden nicht so gerne darüber. Aber ich schweife ab.) Hierzulande kann man sich immerhin noch mit ein paar lesenswerten Büchern behelfen, die auf größerer oder kleinerer Faktenbasis etwas zu Nordkorea und seinen Bewohner_innen zu sagen haben; Die Kinogänger von Chongjin von Barbara Demick etwa, oder Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land.

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Red Chapel könnte eine weitere Möglichkeit sein, sich dem Land zu nähern, aber man weiß am Ende gar nicht so richtig, ob man durch diesen Dokumentarfilm wirklich etwas über das Land gelernt hat, das da bereist wird; vielleicht hat man auch nur etwas über die (westlichen) Protagonisten gelernt und ihren Blick auf die Welt, oder aufeinander… ach, es bleibt so vieles unklar.

Regisseur Mads Brügger macht sich mit seinem kleinen Filmteam nach Nordkorea auf und begleitet die beiden Komiker Simon und Jacob – beide dänischer Nationalität, aber südkoreanischer Abstammung – die auf großer Bühne in Pjöngjang eine Comedyshow zur Aufführung wollen. Eigentlich freilich, so der Eindruck, den der Film weckt, sind Simon und Jacob nur ein Vorwand, um sich das Land ansehen und filmen zu können. Man sieht die beiden also bei Proben und im Gespräch mit dem nordkoreanischen Regisseur; sie werden herumgefahren und bekommen eine mustergültige Schule zu sehen und die zu verehrende Statue des Geliebten Führers Kim Jong-Il. Und natürlich überreichen sie einem Mitarbeiter des Kulturministeriums ein Geschenk für Kim Il-Sung: Eine schön glatt polierte Pizzaschaufel.

Schon vorher wurde überdeutlich, daß zumindest der Regisseur, der einen kontinuierlichen Kommentar aus dem Off einspricht, seine koreanischen Gegenüber nicht wirklich ernstzunehmen bereit ist, und das ist dann auch das Grundproblem des Films – die Menschen kommen hier nie wirklich als Menschen zum Vorschein, sondern immer als Repräsentant_innen des Systems. Womöglich gab es privatere Momente, die die Zensur nicht hat passieren lassen – alles Filmmaterial mußte die Crew abends zur Durchsicht abgeben –, aber wenn es etwas gab, so erfährt man davon auch nichts. Was die Vermutung nur stärkt, daß der Regisseur hier seine bereits zu Beginn des Films geäußerte klare Abneigung gegen das politische System im Lande vor allem bebildern wollte.

Dafür liefern ihm die nordkoreanischen Gastgeber freilich auch jede Menge Munition. Wie sehr hier alles brav beim Gedanken an den (verstorbenen) Geliebten Führer in Tränen verfällt. Wie leer und trostlos die Straßen sind, wie gleichgeschaltet die Schüler_innen. Und schließlich läßt der nordkoreanische Regisseur auch kaum etwas vom dänischen Originalgehalt des ziemlich grotesken „Stückes“ übrig, das Simon und Jacob vorführen möchten, und unterwirft die Präsentation nicht nur landeseigenen Traditionen, sondern natürlich auch den politischen Konstellationen.

Es ist bedauerlich, daß man so wenig erfährt, ob es ernsthafte Diskussionen gegeben hat, wie sich gewunden und gewehrt wurde; aus dem, was man zu sehen bekommt, muß man leider schlußfolgern, daß dergleichen nicht oder kaum geschehen ist. Statt aktive Träger einer Auseinandersetzung sind so die Nordkoreaner_innen reine Statisten für das komische Projekt des Regisseurs, mit dem er den „bösen Kern“ des Regimes entlarven möchte. Es will ihm nicht gelingen. (Sieh da! Ein Pudel!)

Stilistisch schwelgt der Film in den Möglichkeiten des Billigdokumentarischen: verrissene Aufnahmen, Hin- und Wegzoomen, alles wirkt ein wenig amateurhaft und trashig – das soll vermutlich wie eine Variation auf Borat wirken, verzichtet aber eben genau auf jenen Funken, der Sacha Baron Cohens Projekt so interessant gemacht hatte: Die fast schon selbstvergessene Bereitschaft, sich auf den Irrsinn einzulassen und ihn bis zum Ende mitzugehen.

Das mag den Filmemachern dann in Nordkorea doch vielleicht etwas zu heikel und gefährlich gewesen sein – das kann man durchaus verstehen. Es bleiben immer noch Szenen übrig, bei denen einem vor Staunen und Schrecken der Mund offen stehen bleibt, weil man eigentlich lachen müßte ob der Irrsinnigkeit, in der Nordkorea gefangen zu sein scheint.

Red Chapel läuft am 1. Juni in der Komischen Filmnacht im Berliner Filmtheater am Friedrichshain (Facebook-Event). Alle Infos hier.