Teeth (2007)

Manchmal braucht es ja nur einen passenden Anlaß… das International Comedy Film Festival zeigt kommende Woche in der Berliner Komischen Filmnacht den ganz hervorragenden Film Teeth von Mitchell Lichtenstein (Sohn von Roy, dem Maler); ich wurde netterweise gebeten, einen kurzen Text zum Entwicklung des Frauenbildes in der Komödie beizusteuern, den ich gerne (an manchen Stellen, wie es mir zu eigen ist, vielleicht etwas weiter ausholend als unbedingt nötig) geschrieben habe – und das war natürlich genau der Vorwand, den ich brauchte, um mir den Film selbst auch endlich noch einmal anzusehen.

Teeth beginnt mit einer harmlos und bürgerlich-friedlich anmutenden grünen Stadtlandschaft, die Kamera schwenkt schließlich auf das Elternhaus der Protagonistin Dawn O’Keefe (Jess Weixler), hinter dem unmittelbar und deutlich sichtbar die Kühltürme eines Atomkraftwerkes den Himmel dominieren. Wer angesichts dieser Darstellungen freilich Simpson-haften Humor in dieser Komödie erwartet, wird sicher enttäuscht werden; und auch die offenbare Anspielung auf durch Strahlung induzierte Genomveränderungen wird der Film nie anders als durch das Bild dieser Kühltürme explizieren. Ähnliches gilt für die diversen psychologischen Prädispositionen, die Dawn und ihr unangenehmer Stiefbruder Brad (John Hensley) mit sich herumtragen, und deren mögliche Genese zwar gezeigt wird, ob man dem aber Bedeutung verleihen will, muß man schon selbst entscheiden.

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Überhaupt ist die Zuschreibung von Bedeutung eines der zentralen Themen des Films, das sich unter der zunächst eigenartig zurückhaltenden Oberfläche verbergen. Dawn engagiert sich für eine Gruppe, die an Schulen für Enthaltsamkeit wirbt – „True love waits“ und derlei Dinge -, ohne daß sie oder ihre Freunde wirklich etwas von Sexualität wüßten. In den Schulbüchern der prüden Gemeinde sind sogar die Darstellungen der weiblichen Sexualorgane mit einem großen, golden glänzenden Stern überklebt.

Was Sexualität aber bedeutet oder bedeuten könnte, das ändert sich im Laufe des Films ebenso oft wie die Bewertung von Dawns besonderen (dem Film seinen Titel gebenden) Eigenschaften – sowohl durch sie selbst wie auch möglicherweise durch die Zuschauer_innen. Denn der Film nimmt es sich ja schließlich auf sich, den alten Mythos der Vagina dentata in die moderne Gegenwart zu versetzen und ihr einen feministischen Dreh zu geben, der sich gewaschen hat.

Er erzählt dies mithilfe einer Geschichte von weiblicher Selbstermächtigung, in der die zunächst als überaus „rein“ inszenierte Dawn (blond, hellhäutig, enthaltsam) sich mit ihrer (nomen est omen) erwachenden Sexualität auseinandersetzen muß – vor allem aber damit, daß sie als Frau sexuell von Männern (und auch gewaltsam) unter Druck gesetzt wird. Die Gefahr, die von den Sexualorganen ausgeht, ist dadurch in diesem Film keineswegs sittlich-moralisch, sondern ganz konkret.

Während anfangs aber Dawn, ihre Lehrer und alle sonstwie Beteiligten nicht einmal die Namen der weiblichen Sexualorgane in den Mund zu nehmen bereit sind, spricht Dawn mit ihrer Flamme Tobey (Hale Appleman) fortwährend über das Verbot, sich sexuell zu betätigen – ein sehr im Sinne von Michel Foucault gedrehtes Verbot, das erst recht einen Diskurs hervorruft. Aber der Film wendet das schließlich in reine Taten, in den Sturz des Macht eben nur behauptenden, nie tragenden Phallus.

Es mag sein, daß Lichtenstein in Teeth zuweilen etwas zu eindeutige Bilder verwendet – eine zahnbewehrte Spinne gehört etwa dazu – aber der Film versteckt seine Subtilität eher in den Figuren und vor allem in seiner Protagonistin; und glatt geleckt ist das alles dennoch keineswegs.

Der Humor ist denn auch weniger schenkelklopfend – er lebt aber ebenso von den Momenten puren Splatters, von der grotesken Verletzung der Körpergrenzen (und dem reißenden, beißenden Geräusch, mit dem sie sich vollzieht), wie von der Umkehrung der Machtverhältnisse, die er mit Dawn vollzieht.


Als die Hauptdarstellerin Jess Weixler den Film 2007 auf der Berlinale vorstellte (damals hat Tillmann den Film auch gesehen), kam sie nach der Vorstellung in einem leuchtendroten Kleid auf die Bühne. Allein dafür hätte ich sie umarmen können, und deshalb ist es natürlich auch hervorragend, daß das Comedy Film Festival mit diesem Film den Women in Horror Recognition Month (Februar 2011) einleiten.

Für die Berliner Komische Filmnacht am 2. Februar mit Teeth gibt es hier bei uns auch einmal zwei Freikarten zu gewinnen. Das Gewinnspiel läuft für noch eine Woche bis zum 31. Januar 2011; das Teilnahmeformular findet sich hier.

Foto: International Comedy Film Festival; Logo: Women in Horror Recognition Month

Kurzfilm: A Very Zombie Holiday

Schöner Zombie-Weihnachtsfilm, leicht im Stile eines Lehrvideos der 1960er Jahre gemacht, vom Team Unicorn („Geek Girls: Like unicorns, we’re not supposed to exist“; Rileah Vanderbilt, Michele Boyd, Milynn Sarley and Clare Grant).

Nicht zuerst um den Weihnachtskuchen kümmern! Und den Kindern Waffen untern Baum!

(via)

Mehr von den Damen, die auch Verbindungen zur sehr lustigen Webserie The Guild haben: das Musikvideo zu „G33K and G4m3r Girls“. Vgl. das großartige „Do You Wanna Date My Avatar“.

Super (2010)

Dieser Text ist ursprünglich in der Splatting Image Nr. 84 erschienen.

„Shut up, crime!“

Frank D’Arbo ist ein äußerst durchschnittlicher Mann, weder mit einem spektakulären Körper noch mit besonderen Geistesgaben gesegnet. Das Haar wirkt schon etwas schütter, der ganze Kerl ein wenig teigig – aber er ist, wie seinen Kollegen und Bekannten immer wieder auffällt, trotz oder wegen seines schlichten Gemüts ein grundguter Mensch.

Rainn Wilson ist nicht gerade der erste Schauspieler, an den man denkt, wenn die Rolle eines Superhelden zu besetzen ist, aber Super, in dem aus dem unauffälligen Frank der kostümierte „Crimson Bolt“ wird, will natürlich auch kein gewöhnlicher Superheldenfilm sein. Er fällt in vermutlich zeitgeistiger Synchronizität fast gleichzeitig mit Filmen wie Watchmen, Kick-Ass und Defendor auf die Leinwände der Welt. Offenbar ist es nun, da das Kino von Batman über Hulk bis Spiderman die klassischen Heroen der Popkultur in unzähligen Comicverfilmungen, Remakes, Reimaginings und Reboots verwurstet und implizit mehr und mehr dekonstruiert hat, sich der Anziehungskraft dieser Figuren einmal aus der Perspektive des Rezipienten zu stellen. Was wird aus Max Mustermann, wenn er sich ins Kostüm wirft? (Hier sind zwei Clips aus dem Film, die erste Antworten geben.)

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Die genannten Filme haben natürlich ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage. (Und die eigentlich radikalste, auf jeden Fall menschenfeindlichste Antwort fehlt in dieser Reihung, weil Bekmambetovs Wanted [meine Kritik] sich auf die in Millars Comicvorlage angelegte Superhelden-/Superbösewichte-Geschichte nicht einlassen wollte: Da wird der Held nämlich zum so gesetzlosen wie moralfreien Supermörder.) James Gunns Super ist von den drei Filmen Defendor wohl darin am nächsten, daß er bewußt auf eine Überhöhung seiner Protagonisten verzichtet und sich ebenfalls eher für die Entwicklung seiner Figuren interessiert als für den Karneval der Kostüme.

Franks „Crimson Bolt“ ist aber dennoch – anders als der von Woody Harrelson verkörperte „Defendor“ – ein Kind des Comics. Frank beschließt, zum Superhelden zu werden, um seine geliebte Sarah (Liv Tyler) zu retten, die sich von dem Drogendealer Jacques (Kevin Bacon) abhängig gemacht hat. Seine Recherche nach Superhelden, die auch ohne Superkräfte und teure technische Gadgets ihrer Arbeit nachgehen, führt ihn in den nächstbesten Comicladen. Dort lernt er Libby (Ellen Page) kennen, die bald hinter sein Geheimnis kommt und sich ihm als Sidekick „Bolty“ andient, um nicht zu sagen: aufdrängt.

Page spielt in Super brachial gegen das in ihren letzten Filmen oft dominante Image der schlauen, gern auch altklugen Göre an, indem sie es zuerst zu bestätigen scheint, und dann alles aus Libby herauskitzelt, was in ihr an psychotischem Verhalten angelegt sein könnte. Sie verkörpert damit aber bis an die Grenze des Erträglichen genau jenes Dilemma, vor das Frank bald auch gestellt sein wird: Daß nämlich der Superheld, die Superheldin sich zwar (vielleicht) für den Erhalt der ethischen und gesetzlichen Ordnung einsetzen mag, daß er sich aber zugleich immer über sie stellt – diese Flucht aus den Beschränkungen des „normalen“ Lebens ist Libbys eigentlicher Antrieb.

Damit stellt Gunn in seinem Film die beiden extremen Auslegungen des Superheldendaseins – der eine mit dem quasi-religiösen Auftrag, das Böse zu bekämpfen, die andere mit der selbstverschafften Erlaubnis, die mit geradezu kindlicher Begeisterung Auslauf begehrende Sex- und Gewaltsau rauszulassen – in seinen Figuren einander zur Seite (und zugleich ist er zu klug, um die Eigenschaften so scharf voneinander abzugrenzen, wie es zunächst scheinen mag).

Super zielt damit – den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit trägt der Film ja schon im Titel vor sich her – auf eine Dekonstruktion des traditionellen Superhelden an, allerdings eben nicht von innen, wie es die besseren unter den jüngeren Superheldenfilmen tun, sondern indem er, gewissermaßen von außen beginnend, die moralischen Grundlagen des Superhelden aus ihren Motivationen heraus befragt, überhaupt erst das Kostüm anzulegen.

Moralinsauer geht es dabei aber nie zu. Denn so wie es Gunn in seiner Webserie PG Porn bereits erprobt hat, so erweist er sich auch hier als begnadeter Virtuose von Ton und Geschwindigkeit. Mal läßt er seine Protagonisten minutenlang hinter einem Müllcontainer verharren, während sie darauf warten, daß irgendwo ein Verbrechen geschieht. Dann wieder verwendet Gunn Elemente des Comics – nicht nur Verweise darauf –, um die Handlung ins Cartoonhafte zu überzeichnen und fügt mit „The Holy Avenger“ eine völlig wahnwitzige Figur ein, die die Handlung überhaupt erst in Fahrt bringt. Vor allem aber nimmt er in Momenten, in denen man es nicht erwartet hätte, plötzlich das Tempo weg (oder legt richtig zu) und wechselt die Tonart völlig abrupt von Moll auf Dur oder zurück.

Daß er damit den Zuschauer unter Umständen aus einer gefälligen Betrachtungssituation reißt, dürfte Gunn als eine mögliche Folge im Blick gehabt haben. In seiner Erzählung sind schließlich Gut und Böse auch nicht so einfach verteilt, daß man ganz ohne eigenes Nachdenken davonkäme.

Wenn die Geschichte am Ende wieder auf Sarah und ihre Beziehung zu Frank zurückkehrt – eine ganze Weile lang ist ihre Rettung nur vager Hintergrund für die Aktivitäten von „Crimson Bolt“ und „Bolty“ – dann rettet sie sich auch zuletzt nicht in ein schlichtes Happy-End. Stattdessen findet sich für Frank ein realistischer, vorstellbarer Ort. Wie „Defendor“ alias Arthur Poppington wurde auch er von einem Freund emphatisch als „good person“ beschrieben – die Guten aber sind eben immer ein bißchen zu gut für diese Welt.

Drei Männer im Schnee (1955)

Drei DVDs des Films gibt es bis kommenden Samstag noch hier zu gewinnen.

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Wenn es keine Millionäre gäbe, müßten sie erfunden werden. die Menschheit braucht sie. als Steuerzahler, als Wirtschaftskapitäne … und als Lustspielfiguren. Mit diesen Worten beginnt Drei Männer im Schnee, eine Verfilmung der gleichnamigen Erzählung von Erich Kästner (Amazon-Link) aus dem Jahr 1955, und der Geist eines großväterlich-wohltätigen Kapitalismus (und ironischen Verhältnisses zum eigenen filmischen Tun), der aus ihnen spricht, zieht sich denn auch durch den ganzen Film.

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Ein Multimillionär, der sich wenig für die Details der Geschäftsführung seines Unternehmens interessiert, hat inkognito an einem Preisausschreiben seines eigenen Unternehmens teilgenommen und einige Tage in einem Luxushotel in den Bergen gewonnen. Dieser Eduard Schlüter (Paul Dahlke) ist ein ganz bodenständig gebliebener Mann, dem es ein wenig auf die Nerven geht, daß sich alle so sehr um sein Wohlergehen bemühen, und er möchte gerne mal schauen, wie ihn die Menschen behandeln, wenn er als armer Tropf daherkommt. Vor Ort trifft er, als Eduard Schulze, den anderen Gewinner, den jungen Dr. Fritz Hagedorn (Claus Biederstaedt) – der ist ein grundsympathischer Mensch natürlich, leider arbeitslos und erst vor kurzem mit seiner Bewerbung bei den Schlüter-Werken gescheitert. Da Schlüters Tochter das Hotel über die Ankunft ihres Vaters informiert hat, hält man dort versehentlich Hagedorn für den Millionär und behandelt ihn mit übertriebener Aufmerksamkeit, während Schlüter/Schulze selbst in einer unbeheizten Dachkammer untergebracht wird, da man den ärmlich gekleideten Mann schnell wieder vergraulen will.

So entspinnt sich eine sehr amüsante, völlig harmlose Verwechslungskomödie, in der Hagedorn ob seiner angeblichen Millionen von einer milde bedrohlichen Frau beharrlich angegraben wird, während Schlüter/Schulze das Geschehen mit großem Amüsement verfolgt – seinen Diener Johann Kesselhut (Günther Lüders), der als Begleitung mitgekommen ist, aber einen wohlhabenden Adeligen zu spielen hat, schickt er auf die Piste, er solle Skilaufen lernen; und dann ergötzt er sich an dessen Mühen.

Seine Filme sind Milieustudien, bisweilen auch Karikaturen deutschen (Spiess-)Bürgertums, von augenzwinkernder Ironie, gemütvoll und mit einem unerschöpflichen Arsenal an skurrilen Charakteren.

Das hat Michael Wenk in der NZZ in einem schönen Portrait über den Regisseur Kurt Hoffmann geschrieben, und es trifft auch hier zu: Natürlich ist der Humor vielleicht nicht der flotteste und frischeste, aber er ist wohlwollend leichtfüßig, was auch heißt: ohne große Gedankenschwere.

Zugleich ist Drei Männer im Schnee nicht nur ein Dokument der anscheinend zumindest für manche besseren, alten Zeit, sondern aus heutiger Sicht auch eine Zeitstudie über Dekor, Manierismen und Haltungen der Nachkriegszeit, in dem sich die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, nicht zuletzt auch und gerade die Geschlechterordnung widerspiegeln. Vielleicht ist es (für mich) an der Zeit, die Filme Hoffmanns, die, aus dem Fernseher heraus, Filme meiner Kindheit waren (Das fliegende Klassenzimmer, Ich denke oft an Piroschka, Das Wirtshaus im Spessart wie auch Das Spukschloß im Spessart) nochmal genauer daraufhin zu sichten: Wie sehr sie – und das mag auch auf Hoffmanns wohl problematischsten Film Quax, der Bruchpilot zutreffen -, immer wohlwollend, und genau darin womöglich entlarvend, als fiktionale Linsen auf ihre jeweilige Zeit taugen. (Aber das trifft vielleicht auf alle Filme zu. Oder nicht?)

(Drei Männer im Schnee ist jetzt von MFA+ neu veröffentlicht worden, worauf manche ja schon seit einiger Zeit warteten.)

How the Grinch Stole Christmas (2000)

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Als ersten eigenen Beitrag für den Weihnachtsfilm-Blogathon habe ich mir einen Film ausgesucht, von dem ich mir möglicherweise irgendwann sogar heimlich geschworen hatte, ihn mir nie ansehen zu wollen, nienienie: How the Grinch Stole Christmas von Ron Howard, mit Jim Carrey in der Titelrolle (als Grinch natürlich, nicht als Weihnachtsfest).

Der Grinch ist eine Figur, die hierzulande wohl so wenig bekannt ist wie auch die meisten anderen Schöpfungen von Dr. Seuss/Theodore Seuss Geisel (daß ich z.B. The Cat in the Hat ein bißchen kenne, ist eher Zufall und familiäre Gegebenheiten). Er wohnt in der Nähe von Whoville, wo mit Hingabe Weihnachten gefeiert wird – weil er das aber den Bewohner_innen der Stadt nicht gönnt, spielt er ihnen erst Streiche, um schließlich, als Weihnachtsmann verkleidet, ihnen Weihnachten gleich ganz zu nehmen, indem er alle Geschenke und Weihnachtsbäume mitgehen läßt.

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Grinch beginnt eigentlich noch recht vielversprechend als ziemlich explizite Kritik an einem rein konsumistisch verstandenen Weihnachtsfest: Da kaufen die „Whos“ alle ein wie verrückt, und die entscheidenden Bilder sind: Kassen, Geld, Geschenke. Neben einer Geschichte von Ungerechtigkeit und Außenseitertum (in deren Zentrum natürlich der Grinch selbst steht) ist das aber leider auch alles, was dem Film einfällt: Komplexer wird es nie. Denn am Ende ist die Botschaft, schlicht und schlicht: Bei Weihnachten geht es nicht nur um die Geschenke, sondern um das Miteinander; und in diesem Miteinander soll niemand ausgeschlossen sein, denn jede_r ist wertvoll und wichtig. Schmalziger geht Weihnachten nicht.

Der Weg dahin ist freilich ein bis an den Rand vollgestopfter. Die bösen Streiche und Methoden des Grinch sind durchaus lustig; die Whos bekommen böse Post zum Fest, die Geschenke werden mit einem großen Staubsauger aufgesaugt, die Weihnachtssocken über dem Kamin von rasend schnell fressenden Motten zerkaut. Aber Subtilität kennt der Film nicht, nur Offensichtlichkeiten, und diese türmt er noch aufeinander, bis es aus den Rändern herauszuquellen scheint. Die Bilder sind hier stets zu bunt, zu fröhlich, zu voll, zu laut, zu bumm, und gerade Linien gibt es kaum.

Gleichwohl muß man natürlich eingestehen, daß zumindest die Schlichtheit der Geschichte schon der Vorlage entstammt; dabei handelt es sich aber um ein eher knappes Kinderbuch, dessen filmische Umsetzung im Grunde mit dem 26-minütigen Fernseh-Animationsfilm letztgültig erledigt zu sein schien, den Chuck Jones 1966 verantwortete. (Unten anzusehen.)

Und in der Tat ist die (holzhammerartige) Kapitalismuskritik natürlich eine Neuerung des Howard/Carrey-Unternehmens (das in meiner Wahrnehmung für beide ein Tiefpunkt ihrer respektiven Karrieren war), und sie hat lichte Momente. Etwa wenn der Grinch nicht nur die Geschenke anprangert, sondern die Wegschmeißkultur gleich mit (er wohnt neben der Müllkippe): „That’s what it all is about: gifts, gifts, gifts. They all come to me in my garbage.“ Später wird der Hund, der die Rolle des Rentiers am Schlitten spielen muß, sich weigern, eine rotleuchtende Nase anzuschnallen, und da wird der Grinch fast politisch: „You reject your own nose because it represents the glitter of commercialism!“

Durchaus interessante Ansätze liegen auch in der seltsamen sexuellen Anziehung, die offenbar zwischen dem Grinch und der Dorfschönheit besteht (Furries, anyone?) und den sonstigen, sehr vorsichtigen anzüglichen Andeutungen des Films. Babies kommen hier in beschirmten Körbchen vom Himmel gesegelt, und ein glücklicher, frischer Vater ruft im Moment des Fundes nach seiner Frau: „Honey, our baby is here!“, und nach einer irritierten Pause: „He looks just like your boss.“

Aber Grinch beläßt es trotz seiner 104 Minuten Laufzeit bei solchen Andeutungen von Tiefe, und bis zum (fast) allgemeinen Glück im Finale passiert dann auch nichts mehr – außer eben viel Gebläse, Trara und Geschrei.

***

Und hier als Bonustrack Chuck Jones‘ How the Grinch Stole Christmas! von 1966, weniger aufgeregt und näher am Originaltext:

St. Trinian’s

Cartoonbrew hat auf eine wundervolle Animationsstudie hingewiesen, die Uli Meyer (Homepage, Blog) erstellt hat: Er hat sich die wunderbaren St Trinian’s-Cartoons von Ronald Searle angesehen (beispielhaft gibt es Bilder zum Beispiel hier, hier, hier und hier) und sich bemüht, einen Animationsstil zu entwerfen, der dem Stil von Searles Zeichnungen möglichst nahe kommt. Das ist ihm auch meiner Meinung nach hervorragend gelungen:

In seinem Blog schreibt Meyer noch genaueres zu der Arbeit, an der auch noch Matt Jones, Sandro Cleuzo und Boris Hiestand beteiligt waren, und zu Searles (positiver) Reaktion darauf.

Es gibt ja bereits mehrere Verfilmungen der St Trinian’s-Cartoons, die man übrigens in einer großzügigen gebundenen Ausgabe (Amazon-Partnerlink: St. Trinian’s: The Entire Appalling Business) oder in wohlfeiler Taschenbuchform (Amazon-Partnerlink: St Trinian’s: The Cartoons) erwerben kann. Neben einer 1954 mit The Belles of St. Trinian’s begonnenen britischen Reihe, die bis 1966 vier Filme hervorbrachte (1980 kam mit The Wildcats of St. Trinian’s, wieder unter der Regie von Frank Launder noch ein Nesthäkchen hinzu; die DVD-Box The St. Trinian’s Collection enthält die vier Filme aus den 1950er und 1960er Jahren: Amazon-Partnerlink) gab es in den letzten Jahren seit 2007 zwei weitere Versuche, Searles Zeichnungen in Realfilm zu übersetzen.

Ich fand seinerzeit St Trinian’s sehr unterhaltsam (meine Kritik), auch wenn er mit Searles Arbeiten außer ganz grundlegenden Handlungselementen nur noch wenig gemein hat – ein großer Spaß mit eingängiger Musik und Gender Trouble ist der Film doch. Eine Fortsetzung gibt es mit St Trinian’s 2: The Legend of Fritton’s Gold inzwischen auch; dazu hier demnächst hoffentlich mehr.

The Infidel (2010)

Diese Sache mit der Identität ist ja eine schwierige Angelegenheit; nicht zuletzt weil manche Nationalitäten und Religionen da Erworbenes mit quasi Angeborenem vermischen (Deutsche_r ist demnach zuerst, wer ein deutsches Elternteil hat; alle anderen sind „nur“ eingebürgert). Und was, wenn man auf einmal feststellt, daß man nicht der ist, der man dachte zu sein?

So geht es Mahmud Nasir (Omid Djalili), einem trotz regelmäßiger Besuche in der Moschee eher weltlich orientierten Familienvater, der nach dem Tod seiner Eltern plötzlich erfährt, daß er adoptiert wurde – und ursprünglich Solly Shimshillewitz hieß. Mit anderen Worten: Er hat jüdische Eltern, und das macht ihn nach jüdischem Verständnis wohl auch zu einem Juden. (Als Mahmud davon erfährt, regt er sich auf der Adoptionsbehörde derart auf, daß er vom Wachdienst zum Ausgang geleitet wird. „You find out you’re Jewish“, empört er sich da, „and some bloke in a uniform is leading you away?“)

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The Infidel beläßt es nicht bei diesem einen Schicksalsschlag für Mahmud: Kurz vorher hat er erfahren, daß die Braut seines Sohnes einen neuen Stiefvater bekommen wird, weil ihre Mutter wieder zu heiraten beabsichtigt. Dummerweise ist dieser Mann ein für seine extremen Ansichten berüchtigter konservativer muslimischer Prediger – Mahmud wird also von seinem Sohn inständig gebeten, sich möglichst fromm und muslimisch zu geben, während er eigentlich gerade damit beschäftigt ist, von seiner Zufallsbekanntschaft Lenny Goldberg (Richard Schiff) mehr über das Jüdischsein zu erfahren. Und seine Frau Saamiya (Archie Panjabi) fragt sich derweil ob seiner Geheimniskrämerei, ob er vielleicht homosexuell sei oder eine Geliebte habe…

Josh Appignanesis Film bietet durch diese Verwicklungen Momente zum Fremdschämen in großer Zahl, und das ist natürlich Absicht, will er doch herausarbeiten, wie einschränkend reduzierte Formen von Identität sein können – und zugleich: wie wenig wir doch voneinander wissen, wie billig und kleinlich unsere Vorurteile voneinander sind. Das dürfte vor allem im Interesse von Omid Djalili sein, für den dieser Film natürlich ein Aufmerksamkeitsvehikel ist. Djalili ist in Großbritannien als Stand-Up-Comedian bekannt, seine Show hat es zwischendurch sogar einmal ins Nachtprogramm des WDR geschafft, glücklicherweise ohne Synchronisation, sondern mit hilfreichen Untertiteln. (Hier und hier sind zum Beispiel zwei Teile einer Ausgabe seiner Show zu sehen; andere Folgen lassen sich ebd. leicht finden.)

Ihm geht es immer wieder um „westliche“ Vorurteile gegen den Islam und den Mittleren Osten, und sein Mahmud ist hier natürlich ein weiser Narr, einer, der sich zwar vielleicht über die Dummheit einzelner, auch über die Mühen und Hürden des Alltags bezaubernd aufregen kann, der aber Vorurteile gegen Gruppen allenfalls äußert, um seinem Ärger Luft zu machen. Mit den neuen Informationen über seine Herkunft konfrontiert, will er aber den Dingen auf den Grund gehen: Will seinem (noch lebenden) Vater gegenübertreten und dazu (ein wenig wenigstens) das Judentum kennenlernen – und gerät vor allem deshalb in unmögliche Situationen, weil sein Umfeld solche Neugier und solche Identitätsverschiebungen nicht kennt und noch weniger goutiert.

16ème Étrange: Vampires (2010)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

Den belgischen Film Vampires als Vampirkomödie zu beschreiben, ist zwar einerseits insofern zutreffend, als er sich einen komischen Zugang zum Sujet Vampir sucht, verfehlt den Film aber insofern, als er dies völlig anders betreibt als etwa (Namensverwandtschaften jetzt einmal ignorierend) Suck oder Vampires Suck.

Vampires ist stattdessen ein Mockumentary, ein konsequent als Dokumentarfilm verkleideter Blick auf die (natürlich fiktionale) Vampirgesellschaft in Belgien am Beispiel zweier in einem Haus zusammenlebenden Vampirfamilien.

Vincent Lannoo läßt seinen Film mit einigen Texttafeln beginnen, die von den schwierigen und sogar tödlichen Versuchen berichten, diesen Film zu drehen – meistens wurde die Crew zum Hauptgericht der zu Portraitierenden. Nun aber sei man beim dritten Mal und unter großen Sicherheitsvorkehrungen endlich erfolgreich gewesen – und widme den Film gerne den bei seiner Entstehung Verstorbenen.

Solcherlei schwarzer Humor findet sich später noch öfter; er zieht seine Kraft vor allem daraus, daß hier eine bürgerliche Normalität konstruiert und gezeigt wird, die allerdings mit den Wertvorstellungen und vor allem aber: Ernährungsgewohnheiten der Vampire kollidiert. Da ist dann die Käfighaltung von illegalen Einwanderern plötzlich nicht mehr unmoralisch, sondern Bestandteil der Nahrungskette; die Vampire sind wie Reinigungskräfte für die Population, erzählt der eine. Und um die dahinter kaum verborgene politische Ebene noch zu verstärken, schwadroniert eine andere Vampirin von Reinheit und Sittenverfall.

Dazwischen walzt Vampires noch eine Idee aus, die in Daybreakers (meine Kritik) nur ganz am Anfang durchschien: Was passiert eigentlich, wenn man mitten in der Pubertät zum Vampir wird, wenn man die dauernden Hormonschübe nicht mehr loswird? Hier trifft es die „Tochter“ der Familie, stets in Rosa, aber stets verzweifelnd. (Allein die Szene, in der sie sich scheckig über einen rosa Sarg freut, darf man sich nicht entgehen lassen.) Wie also, das ist ja das in Daybreakers nicht ganz zu Ende gedachte Problem, geht man in der potenziell ewigen Unsterblichkeit mit den Problemen und Sorgen des Alltags um?

Darauf sucht Vampires wenigstens einige Antworten. Mit einer Mischung aus „Talking Heads“ und immersiv dokumentarischem Stil ahmt der Film dabei ziemlich effektiv derzeit gängige Dokumentarstile nach – und gibt ihnen, gerade bei den ethisch fragwürdigen Momenten, einen schalen Beigeschmack. Und das ist natürlich die wahre Größe: Daß einem das Lachen gelegentlich im Halse stecken bleibt. Dort also, Sie wissen schon, wo die Vampire vermutlich beißen werden. (Wobei, der Hals, scheint es mir nach Sichtung dieses Films, ist wohl dem Familienoberhaupt vorbehalten.)

Foto: Fantasy Filmfest

16ème Étrange: Suck (2009)

Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung über das 16ème L’Étrange Festival in Paris. Der Film war auch auf dem FFF 2010 zu sehen.

Wo wir schon bei Vampirkomödien sind: Suck dürfte in diesem Subgenre zu den etwas interessierter erwarteten Filmen gehört haben, bevor er jetzt auf dem Fantasy Filmfest auch in Deutschland und hier in Paris beim L’Étrange Festival zu sehen war.

Eine kleine kanadische Band, die seit vermutlich ewigen Zeiten herumtouren, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen, werden plötzlich erfolgreich, nachdem zuerst ihre Bassistin und dann auch die männlichen Mitglieder zu Vampiren werden. Allerdings sind nicht alle Beteiligten besonders glücklich mit dieser Entwicklung.

Die Handlung von Suck ist nicht besonders aufregend, zumal sie ohne große Höhepunkte und dramatische Zuspitzungen so dahinerzählt wird. Wenn man so will, ist das die Geschichte, die Jennifer’s Body im Hintergrund nicht (oder jedenfalls nicht so) erzählt (allerdings mit Vampirismus statt Dämonen, dafür auch hier mit einer Jennifer): Wie es der Band ergeht, die den Pakt mit dem Teufel schließt. Suck macht daraus eine schwärzliche Komödie, die man sich vor allem deshalb gerne ansehen mag, weil sie bei kurzer Filmzeit flott erzählt ist und durch reichliche Musikbeigaben sehr palatabel.

Die Musik kommt nicht nur von der Film-Band The Winners, sondern auch von zahlreichen Größen des Rockgeschäfts, die Autor/Regisseur/Hauptdarsteller Rob Stefaniuk irgendwie davon überzeugen konnte, hier mitzuspielen: Moby, Alice Cooper, Iggy Pop… und Malcolm McDowell spielt „Eddie Van Helsing“, einen einäugigen, versoffenen Vampirjäger, was ihm offenbar große Freude bereitet. Mit Lust spielt auch Dmitri Coats den Vampir Queeny, der den Stein ins Rollen bringt; er wirkt dabei stets wie Johnny Depps Mad Hatter aus Speed.

Ansonsten verbringt Stefaniuk viel Zeit damit, seine Hauptdarstellerin Jessica Paré als Vampirin ins rechte Licht (gerne überstrahlt) zu setzen und verführerisch auf die Leinwand zu bringen. In welcher Konsequenz er das betreibt, ist schon fast wieder amüsant für sich. Suck ist ein grundsympathischer Film, der über seine Schau- und Hörwerte ganze anderthalb Stunden lang trägt. Dann ist Schluß, und dann ist auch gut.

Foto: Fantasy Filmfest

Vampires Suck (2010)

Ein Geständnis: Nein, ich habe Vampires Suck nicht ganz gesehen. Das hat einen ganz einfachen Grund: Ich halte diesen schlaff herabhängenden, völlig bedeutungslosen Humor nicht aus, er knattert in meinem Kopf laut als verrinnende Lebenszeit.

Es ist ja nicht so, als ob das Filmprojekt, die meiner Meinung nach eher minder aufregenden Twilight-Filme aufs Korn zu nehmen, nicht ohne Meriten und Möglichkeiten wäre. Worauf Marcus schon hingewiesen hat (dessen Besprechung für blairwitch.de ich zu diesem Film gerne als Verweisstelle und Referenz anführe): Allein sich die verklemmte Sexualmoral der Franchise mal vorzuknöpfen, daraus ließe sich reichlich Stoff für einen Spoof, eine Parodie, oder auch nur: einen guten Film ziehen. Aber Vampires Suck, der für den deutschen Verleih den nicht wesentlich originelleren Titel Beilight – Biss zum Abendbrot bekommen hat, läßt praktisch alle Chancen für etwas tiefgründigeren Humor links liegen und greift stets zum offensichtlichsten, vorhersehbarsten und flachsten Klamauk.

Irgendwo dadrin stecken zwar ein paar absurde Gaga-Momente (wie wenn Edward im Wald die über dem Kaninchenbau grübelnde Alice [die aus dem Wunderland] erschießt) und Scherze, die mediale Konstrukte („You’re staring at each other in slow motion!“) und Rezeptionsphänomene („Team Edward“ und „Team Jacob“ greifen aktiv in den Kampf ein) tatsächlich reflektieren; aber das bleiben einzelne Momente, nie wird ein erhellender Gedanke daraus. Der Film fühlt sich so fahl, so lustlos dahingerotzt und auf Profit ausgerichtet an: Ich kann mich nur mit Grauen abwenden.

Foto: 20th Century Fox