Destruktionsporno!

(Spoiler voraus. Der größte Teil davon, wie beim Eisberg, unter der Oberfläche.)

2012_kalifornien

Unter Weltzerstörung, zumindest drohender, macht Roland Emmerich es ja scheinbar nicht mehr. Das stimmt natürlich nur für die sichtbarsten seiner Filme, The Day After Tomorrow, Godzilla und natürlich Independence Day, und wahrscheinlich ist es gut, daß er für seine Blockbuster so viel Aufwand betreibt: Es dauert immer eine Weile, bis der nächste Destruktionsporno fertig ist, sonst ginge die Welt noch öfter unter.

Das endgültige Finale steht uns nun also angeblich für 2012 bevor, und auch wenn am Schluß scheinbar alles nicht so schlimm war – Dude, die Erdkruste mag sich zwar lösen und verschieben, aber schon nach einem Monat Weltuntergang ist auch das wieder vorbei, der Himmel ist blau und die See ruhig -, ist 2012 vielleicht doch der furchtbarste Zerstörungs-Emmerich bisher, vor allem ist er auf bisher kaum im Kino sichtbare Art eines: anmaßend.

Denn natürlich spielt jeder Filmemacher, jede Filmemacherin immer damit, eine Welt neu zu erschaffen, aber nur wenige gehen dabei so kālī-mäßig allzerstörend und neufassend vor wie Roland mit dem schwer durchdringenden deutschen Akzent. (Immerhin ist er ironisch genug, einen Schwarzenegger kaum ähnlich sehenden kalifornischen Gouverneur im Film nicht weniger hart österreichisch klingen zu lassen.)

Dann läßt er auch noch Archen bauen, auf sein Geheiß hin, und gleich mehrere: Emmerich spielt Gott, aber größer als in der Bibel. Weil Regen zu langweilig ist, läßt er es auch lieber krachen und macht die Erde mit Vulkanen, Erdbeben und riesigen Tsunamiwellen platt.

Was wir daraus lernen können? Dies: Geologen, die mittelklassige bis vermutlich total schrottige Science Fiction lesen (weniger als 500 verkaufte Bücher), werden die Welt retten. Oder auch: Emmerich ist vielleicht noch selbstironischer als gedacht und läßt hier in Gestalt von John Cusack als schmalzige Science Fiction verfassenden Autor sein Alter Ego auftreten – vielleicht gesteht er sich im Grunde seines Herzens doch ein, daß all sein Getöse nur lautstarke Kruste über einem ziemlich schrumpeligen Kern ist.

Und er macht Scherze. Denn während es für Merkel, Obama und Schwarzenegger ähnliche Figuren am Rande zum Doppelgänger_innentum gibt, sieht der russische Staatschef aus wie ein in Würde ergrauter Breschnew, und „der Italiener“ bleibt lieber zuhause in Rom und „betet“. Berlusconi, betend, bei seinen Untertanen verbleibend? Haha.

Emmerich will eigentlich natürlich moralisch sein. Es sind ja die altruistischen Phrasen von Cusacks Autor Jackson Curtis, die den Geologen zu einer großen Menschlichkeitsbewahrungsrede bewegen, so daß dann doch noch einige hundert oder tausend Menschen mehr mit auf die Archen dürfen. (Darüber vorher zu streiten kostet aber so viel Zeit, daß es nur gerade eben noch klappt. Sonst wäre das ganz einfach gewesen: Tore auf, Leute rein, Tore zu. Wenn man keine Spannung und keinen Zeitdruck hat, erzeugt man sie halt künstlich.)

Aber Emmerichs Moral läuft abgründig ins Leere. Denn nachdem die Schiffstore, den Worten des Altruismus-Propheten folgend (der hier übrigens weitgehend zum Berg kommt, auch wenn, wegen frei flottierender tektonischer Plattenverschiebungen oder sowas, der Berg ihm ein ganzes Stück weit entgegen kommt – im Angesicht schwindender Spritreserven ein deus-ex-machina-Plotelement der Extraklasse), auch noch den letzten Passanten aufgenommen haben, bringt der Egoismus genau dieses Propheten, der nur an Rettung für sich (und, okay, seine Familie) denkt, alle in Gefahr.

Das ist die eine Weise, in der die moralische Erzählung in 2012 grandios verkorkst ist: Altruismus ist gut, so lange er den Protagonisten nicht zu sehr betrifft. Anscheinend kriegt er auch später für seine Verantwortungslosigkeit von niemandem den Kopf gewaschen. Ich kann nur vermuten, daß der tibetische Arbeiter, der ihm und anderen noch durch eine Hintertür Einlaß organisiert hat, von seinen chinesischen Oberen dafür hingerichtet wird. Genaues weiß man aber nicht, denn über die postapokalyptischen Machtverhältnisse erfahren wir nichts außer daß natürlich alles rosa Puderzucker ist.

(Schade, denn eigentlich hätte man doch gerne gewußt, was die Überlebenden aus den ganzen Großnationen der nördlichen Hemisphäre bei der Ankunft im anscheinend einzig übrig gebliebenen Kontinent erwartet. Werden die afrikanischen Staaten die Flüchtlinge aus dem Norden ähnlich begeistert aufnehmen wie es heute der Norden mit den Flüchtlingen aus Afrika macht? Das wäre doch mal ein interessantes Sequel.)

2012_familie

Die Liebe ist in Emmerichs Weltbild streng heterosexuell-partriarchal kodiert.

So hat das Nino Klingler auf critic.de zusammengefaßt – und damit kommen wir zur anderen Seite von Emmerichs verquerem morality tale. Denn wer in 2012 überlebt und wer nicht – und wie -, das bestimmt sich primär nach den Regeln einer in der Tat sauber heterosexuell-patriarchal normierten, nach etwas obskuren Blutverwandtschaftsregeln strukturierten Ordnung. Besonders offensichtlich wird das am Schicksal, das dem Stiefvater von Jackson Curtis‘ Kindern, Gordon (Thomas McCarthy), widerfährt.

Den findet zwar der Sohn ganz toll, und Curtis‘ Exfrau (Amanda Peet) beteuert immerhin in „genug“ zu lieben (was auch immer das bedeuten mag, so sehr interessiert sich Emmerich dann doch nicht für die emotionale Verfaßtheit seiner Figuren, wenn es nicht gerade um offenbares Entsetzen im Angesicht globaler Vernichtung geht). Aber er ist natürlich ein Hindernis auf dem Weg zur Wiedervereinigung der alten, „eigentlichen“ Familie (Curtis, Exfrau und Kinder), also wird Gordon am Ende, nachdem er Flugzeuge gesteuert und alle möglichen anderen selbstlosen Dinge getan hat (unter anderem Curtis viel Raum und Zeit gelassen, um wieder Tuchfühlung mit seinen Kindern und seiner Exfrau aufzunehmen), entsorgt. Und zwar ohne Federlesens, eher nebenher und – und das ist das Bestürzendste an dieser Nebenhandlung – ohne daß ihm irgendjemand auch nur noch für einen Moment nachweint oder nur gedenkt.

Ähnliche unaufmerksame Entsorgung erwartet auch die Geliebte eines russischen Milliardärs, deren hervorstechende Merkmale blonde Haare, ihre Liebe zum Schoßhund und ihre (von Schönheitschirurg Gordon) vergrößerten Brüste zu sein scheinen. Sogar der Milliardär selbst (Zlatko Buric), der kurz vorher seine Geliebte ebenso wie Curtis und dessen Familie mitten im Himalaya zurückgelassen hat, bekommt einen würdigeren und für einen Mann seines Charakters nachgerade heroischen Abgang geschenkt.

Emmerich, so kann man zusammenfassend nur sagen, will sehr moralisch sein und ist doch nur irre verlogen. Wer nicht der heterosexuell-patriarchalen Kleinfamilienordnung zuzuordnen ist, wird fallengelassen; und das darf man bisweilen wörtlich verstehen. Denn letztlich ordnet sich alles dem Gesetz des Schaueffekts unter, auch Menschen, die aus zusammenstürzenden Hochhäusern fallen. (Und dennoch, man muß das sagen, ist das cool und aufregend anzusehen, wenn auch nach einiger Zeit äußerst repetitiv. Dazwischen gibt es einige originelle Momente, wenn ein gigantischer Donut über die Straße rollt, oder eine U-Bahn plötzlich neben dem bereits gestarteten Flugzeug aus einer Röhre schießt. That’s entertainment.)

2012_camper

2012 ist insgesamt vor allem hochgeradig eklektisch, bizarr und auf hohem Niveau bescheuert. Recht gut bringt das die nacherzählende Kritik von Heiko zum Vorschein (via), in der neben den Giraffen und Nashörnern des Films auch noch andere Figuren auftauchen.

Was Putin und Chuck Norris derweil machen, erfahren wir nicht. Aber die beiden werden sicher dem Tsunami eigenhändig davonschwimmen, und die Überschwemmung später mit Strohhalmen austrinken.

Fotos: Sony Pictures

5 Gedanken zu “Destruktionsporno!

  1. Schade, denn eigentlich hätte man doch gerne gewußt, was die Überlebenden aus den ganzen Großnationen der nördlichen Hemisphäre bei der Ankunft im anscheinend einzig übrig gebliebenen Kontinent erwartet

    Nene, das ist ja genau der Punkt. Ich will das gar nicht wissen, genauso wenig wie ich am Ende diese dümmliche „Afrika, der vergessene Kontinent“-Moralkeule brauche. Denn du hast ja in deinen Ausführungen durchaus Recht: Wenn Emmerich seine moaralischen und ethischen Botschaften in „2012“ einbaut, ist der Film ziemlich murks. Aber da der ganze Film auf einer Schwachsinns-Prämisse aufbaut und auch ansonsten nicht mehr als schwachsinnige (aber eben gerade in der ersten Hälfte gut gemachte) Unterhaltung darstellt, lasse zumindest ich mich davon nicht großartig stören. Aber zugegeben: Wenn Emmerich das ernst meint, was er da in seinem Film vertritt, dann kann man das (muss man vielleicht sogar) in der Tat hinterfragen. Andererseits ist mir das Kino von Emmerich dazu nicht wichtig genug. ;-)

  2. Ich habe mich im Kino ganz gut amüsiert und fand es angenehm, in Ruhe zweimal aufs Klo gehen zu können (ohne Bier geht man ja in keinen Emmerich-Film), mit der Gewissheit, nix zu verpassen. Also durchaus ein Film mit Schauwert, klar. Aber selbst der Weltuntergang lässt einem noch genügend Hirnschmalz übrig, um sich am Rest zu stören. Da muss also die große, reinigende Katastrophe kommen, damit – du zeigst das ja sehr deutlich – die Familie vom Makel der Scheidung befreit wird und alles wieder so passt, wie es soll. Dass der schwarze Wissenschaftler dann die schwarze Präsidententochter abkriegt, versteht sich von selbst.

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