Oscarwoche: Inception

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Inception ist in der Tat ein interessanter Film (meine ausführliche Meinung findet sich hinter dem Link), aber letzten Endes eher ein Beispiel für einen technisch und ästhetisch überzeugenden, aber inhaltlich bei längerem Nachdenken nicht wirklich begeisternden Film. Es geht mir dabei nicht einmal um die Löcher in der Logik oder derlei Nickeligkeiten (die hat fast jeder Science-Fiction-Film in irgendeiner Weise), sondern mehr noch darum, daß Christopher Nolan seine Traumthematik doch schwer mit dem Holzhammer umsetzt und fast ausschließlich auf Action setzt, wo etwas mehr Ruhe und vielleicht ästhetisches Staunenmachen (Paris zu falten ist schon eine sehr coole Idee, aber daraus macht er nichts) auch nicht schlecht gewesen wäre. Und seine sonstigen Filme zeigen ja, daß er das kann.

Nominiert für: Best Picture, Best Original Screenplay, Best Cinematography, Best Art Direction, Best Original Score, Best Sound, Best Sound Editing, Best Visual Effects (8)

Vage Prognose: Bester Film? Im Traum vielleicht. Bestes Originaldrehbuch? Hardly. Ich vermute, daß der Film allenfalls einen der Musik- oder Tonoscars bekommen wird, vielleicht auch noch den für Spezialeffekte.

Oscarwoche 2011

Weil man auch mal seriellen Quatsch machen muß, gibt es hier diese Woche einen kleinen Rückblick auf allerhand nominierte Filme, soweit ich sie gesehen habe oder in dieser Woche noch runterreißen kann – mit ganz kurzen Besprechungen nochmal und, naja, schaun mer mal, wonach mir der Sinn steht. Das Ganze wird in einem Oscar-Liveblogging am kommenden Sonntag (nachts dann irgendwann, und wohl mit den tollsten Mitschreibenden, die man sich wünschen kann) seinen Höhepunkt finden, und dann fallen wir alle erstmal ins Bett und schlafen ein, zwei Wochen. Eine schöne Übersicht über die Oscar-Nominierungen hat Peter.

Und am Freitag gibt es außerdem die Césars (Twitter)! Und heute abend die Gérard (Twitter)!

Trash am Mittwoch: Death Race 2 (2010)

Ich mochte ja das Remake des Trashklassikers Death Race 2000 von 1975 eigentlich ganz gerne (meine Kritik); als weitgehend hirnlose Unterhaltung der Kategorie „Blut, Männerschweiß und Frauenkörper“ kam das Ganze zwar vielleicht etwas glatter und berechnender daher als das Original (das freilich im Vergleich vom Charme der Vergangenheit profitiert), aber ich bin ja für solche guilty pleasures durchaus gelegentlich zu haben.

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Nun gibt es mit Death Race 2 eine Direct-to-Video-Fortsetzung des Spektakels, das freilich in der Logik der Filmhandlung ein Prequel darstellt, also die Vorgeschichte zum Death Race mit Jason Statham erzählen soll. Paul W.S. Anderson, zuletzt mit Resident Evil: Afterlife und jetzt mit den drei Musketieren beschäftigt (alles gemeinsam mit Ehefrau Milla Jovovich), übergab den Regiestab vermutlich ganz gerne an Roel Reiné, der schon so einiges B-Material beaufsichtigt hat und als nächstes die Scorpion King-Saga (überflüssigerweise) um einen weiteren Film erweitern darf. Anderson produzierte allerdings mit, und mit Roger Corman als ausführendem Produzent sind hier durchaus Leute am Werk, die ihr B-Handwerk verstehen.

Und so ist Death Race 2 auch ein Werk durchaus polierter Oberflächen, ausgestellter Blutigkeit (allerdings viel zahmer als sein Vorgänger) und straffer Dramaturgie. Daß innerhalb dieses Gerüsts allerdings viel Quark geredet und gemacht wird, muß man es extra ausbuchstabieren? Ving Rhames, der in jedem dieser Filme aufzutauchen scheint, wenn auch diesmal in etwas feineren Zwirn gewandet als sonst, ist ebenso dabei wie Sean Bean in einigen wenigen Szenen, Danny Trejo wirkt nach Machete hier schon ziemlich unterfordert, und Luke Goss gibt den Protagonisten ohne großes Federlesen oder Mienenspiel.

Das Frauenbild hat sich schließlich seit dem letzten Death Race noch verschlimmert (oder müßte das nach der diegetischen Chronologie langsame Hoffnung auf Verbesserungen bedeuten?) – hier sind sie nurmehr (wortwörtlich) Nummerngirls, namenlose Beifahrerinnen und „Collateral Damage“ – schlimmer noch, Tanit Phoenix darf hier mit Goss nicht nur anbandeln, sie wird ihm dann auch noch, als Belohnung für ein gewonnenes Rennen, von Rhames‘ Oberbösewicht als sexuelle Belohnung kredenzt – und gibt sich natürlich gerne und freiwillig hin.

Das aber, liebe Leserinnen und Leser, muß man sich wirklich nicht unbedingt ansehen.

Text zu Filmstart (30. Dezember 2010): Tamara Drewe

Morgen startet Stephen Frears‘ neuer Film Tamara Drewe, der für den deutschen Verleih den milde hirnerweichenden, pseudostabreimenden Titel Immer Drama um Tamara bekommen hat. Ich würde den Film schon allein wegen der hinreißenden Gemma Arterton empfehlen, die die Titelrolle spielt – wer die Dame noch nicht öfter gesehen hat, möge sich dringend und je nach Filmgeschmack St. Trinian’s ansehen (meine Kritik; zu den Cartoons und Verfilmungen mehr hier), Prince of Persia: The Sands of Time (meine Kritik) oder The Disappearence of Alice Creed (meine Kritik). Er ist aber auch eine interessante Umsetzung der gleichnamigen Graphic Novel von Posy Simmonds (Amazon-Link), die es inzwischen auch in einer deutschen Übersetzung von Uli Pröfrock gibt (Amazon-Link).

Jedenfalls habe ich mir Tamara Drewe für kino-zeit.de ein bißchen genauer angesehen und fand ihn recht unterhaltsam.

Foto: Prokino

Texte zu Filmstarts (23. Dezember 2010)

Zum Weihnachtsfest laufen Filme aller Qualitätsstufen in den deutschen Kinos an, und ich habe die Freude, eine kleine Auswahl davon gesehen zu haben.

Foto: RealFictionFilme

Trash am Mittwoch: The Steam Experiment (2009)

Val Kilmer hat in seiner Karriere schon in Filmen aller Qualitätsstufen mitgespielt, von dem phantastischen Heat über den sehr guten Kiss Kiss Bang Bang (meine Kritik) und den durchaus mit gemischten Reaktionen aufgenommene MacGruber bis hin zu… ja, The Steam Experiment. Zumindest in meiner persönlichen Kenntnis von Kilmers Arbeiten dürfte dieser Film den absoluten Tiefpunkt darstellen – nicht einmal primär was Kilmer selbst angeht, der hier so ein bißchen eintönig vor sich hin agiert, sondern vor allem, was den Rest des Films betrifft. The Steam Experiment aka Das Chaos-Experiment ist ein durch und durch furchtbarer Film.

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Am Anfang sieht man eine Reihe von scheinbar unverbundenen Szenen vorbeiziehen, in denen nicht gesprochen wird, sondern vor allem Kilmer mit unterschiedlichen Gesichtsausdrucken, aber stets gleichbleibend stillgelegter Mimik, in unterschiedliche Fernen blickt – zwar stellt der Film später immerhin die Verbindung zwischen den verschiedenen Situationen her, als Handlungselement wird dieses Schweigend-in-die-Ferne-blicken allerdings bis ins Letzte ausgereizt. Da der Erkenntnisgewinn, den man aus einem starr und schweigend blickenden Val Kilmer ziehen kann, eher gering ist, breitet sich nach einiger Zeit schon Langeweile aus, wenn Kilmer nur ins Bild kommt (zumal das, was er zu sagen hat, nicht wirklich aufregender ist als seine Art zu schweigen). Und das ist während etwa der Hälfte des Films.

Kilmer spielt hier „Jimmy“, einen etwas seltsam wirkenden Mann, der vorgibt, sechs Menschen in einem Dampfbad eingesperrt zu haben, wo sie bei 55°C langsam aber sicher innerhalb zweier Stunden zu Tode kommen würden (was, am Rande erwähnt, medizinisch nicht besonders zwingend ist), wenn sie sich nicht vorher gegeneinander umbrächten – all dies um zu zeigen, was die globale Erwärmung, deren Auswirkungen er innerhalb der nächsten Jahre erwarte, mit der Menschheit anstellen werde: Uns nämlich zu egoistischen, mörderischen Monstren machen.

Diese ziemlich eigenartige Prämisse wird dadurch nicht eben besser, daß der zuständige Polizist (Armand Assante), der sich nicht ganz sicher ist, ob er Jimmy für verrückt oder für gefährlich halten soll, keine wirklich nennenswerten Anstrengungen zu unternehmen scheint, die angeblichen Opfer ausfindig zu machen – Spannung erzeugt man anders.

Jedenfalls auch nicht mit den Szenen im Dampfbad, die Regisseur Philippe Martinez (sein bemerkenswertester Film sonst ist womöglich Wake of Death mit Jean-Claude Van Damme) grundsätzlich in extrem gelbstichig überstrahlten Bildern zeigt, die zudem auch noch unscharf und verzerrt zu sehen sind, als wolle er die Wahrnehmungsverschiebung des Dampfes auf eine andere Ebene übertragen. Da sitzen also die drei Männer und drei Frauen, die über einen Internet-Dating-Service (das böse Internet schon wieder) in diese Falle geraten sind. Man stellt sich einander kurz vor, alle sind ja Singles auf der Suche, die Männer wollen Sex, die Frauen nicht angegraben werden, man versteht sich also von Anfang an nicht … aber wie schnell es dann brutal zur Sache geht, wie sehr sich alle anschreien, prügeln und hassen, das überzeugt dann doch nicht. Natürlich läßt der Film bis kurz vor Schluß offen, ob sich die Ereignisse im Dampfbad nur in Jimmys Kopf abspielen, und auch der Schluß löst diese Frage nicht wirklich auf – aber es ist auch einfach egal.

Da ist, im Dampfbad wie im Verhörzimmer, keine zwingende Entwicklung, nur Behauptung: Ein bißchen ähnelt der Film darin den Einlassungen seiner Hauptfigur, und womöglich ist das ein Ziel des Films, daß das Chaos, das Durcheinander der Chaostheorie sich in der Struktur der Erzählung wiederfindet. Der Effekt ist freilich nur Langeweile, in etwa also so, als müßte man der ganzen chaotischen Wirkungskette vom Schmetterlingsflügelschlag bis zum Wirbelsturm in Echtzeit zusehen.

Und in diesem Film, wohlgemerkt, gibt es nicht mal eine Wirkungskette. Nur eine Aneinanderreihung schlecht inszenierter Kopfschmerzen. Samt Mord durch Nagelpistole.

Foto: Sunfilm

Drei Männer im Schnee (1955)

Drei DVDs des Films gibt es bis kommenden Samstag noch hier zu gewinnen.

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Wenn es keine Millionäre gäbe, müßten sie erfunden werden. die Menschheit braucht sie. als Steuerzahler, als Wirtschaftskapitäne … und als Lustspielfiguren. Mit diesen Worten beginnt Drei Männer im Schnee, eine Verfilmung der gleichnamigen Erzählung von Erich Kästner (Amazon-Link) aus dem Jahr 1955, und der Geist eines großväterlich-wohltätigen Kapitalismus (und ironischen Verhältnisses zum eigenen filmischen Tun), der aus ihnen spricht, zieht sich denn auch durch den ganzen Film.

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Ein Multimillionär, der sich wenig für die Details der Geschäftsführung seines Unternehmens interessiert, hat inkognito an einem Preisausschreiben seines eigenen Unternehmens teilgenommen und einige Tage in einem Luxushotel in den Bergen gewonnen. Dieser Eduard Schlüter (Paul Dahlke) ist ein ganz bodenständig gebliebener Mann, dem es ein wenig auf die Nerven geht, daß sich alle so sehr um sein Wohlergehen bemühen, und er möchte gerne mal schauen, wie ihn die Menschen behandeln, wenn er als armer Tropf daherkommt. Vor Ort trifft er, als Eduard Schulze, den anderen Gewinner, den jungen Dr. Fritz Hagedorn (Claus Biederstaedt) – der ist ein grundsympathischer Mensch natürlich, leider arbeitslos und erst vor kurzem mit seiner Bewerbung bei den Schlüter-Werken gescheitert. Da Schlüters Tochter das Hotel über die Ankunft ihres Vaters informiert hat, hält man dort versehentlich Hagedorn für den Millionär und behandelt ihn mit übertriebener Aufmerksamkeit, während Schlüter/Schulze selbst in einer unbeheizten Dachkammer untergebracht wird, da man den ärmlich gekleideten Mann schnell wieder vergraulen will.

So entspinnt sich eine sehr amüsante, völlig harmlose Verwechslungskomödie, in der Hagedorn ob seiner angeblichen Millionen von einer milde bedrohlichen Frau beharrlich angegraben wird, während Schlüter/Schulze das Geschehen mit großem Amüsement verfolgt – seinen Diener Johann Kesselhut (Günther Lüders), der als Begleitung mitgekommen ist, aber einen wohlhabenden Adeligen zu spielen hat, schickt er auf die Piste, er solle Skilaufen lernen; und dann ergötzt er sich an dessen Mühen.

Seine Filme sind Milieustudien, bisweilen auch Karikaturen deutschen (Spiess-)Bürgertums, von augenzwinkernder Ironie, gemütvoll und mit einem unerschöpflichen Arsenal an skurrilen Charakteren.

Das hat Michael Wenk in der NZZ in einem schönen Portrait über den Regisseur Kurt Hoffmann geschrieben, und es trifft auch hier zu: Natürlich ist der Humor vielleicht nicht der flotteste und frischeste, aber er ist wohlwollend leichtfüßig, was auch heißt: ohne große Gedankenschwere.

Zugleich ist Drei Männer im Schnee nicht nur ein Dokument der anscheinend zumindest für manche besseren, alten Zeit, sondern aus heutiger Sicht auch eine Zeitstudie über Dekor, Manierismen und Haltungen der Nachkriegszeit, in dem sich die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, nicht zuletzt auch und gerade die Geschlechterordnung widerspiegeln. Vielleicht ist es (für mich) an der Zeit, die Filme Hoffmanns, die, aus dem Fernseher heraus, Filme meiner Kindheit waren (Das fliegende Klassenzimmer, Ich denke oft an Piroschka, Das Wirtshaus im Spessart wie auch Das Spukschloß im Spessart) nochmal genauer daraufhin zu sichten: Wie sehr sie – und das mag auch auf Hoffmanns wohl problematischsten Film Quax, der Bruchpilot zutreffen -, immer wohlwollend, und genau darin womöglich entlarvend, als fiktionale Linsen auf ihre jeweilige Zeit taugen. (Aber das trifft vielleicht auf alle Filme zu. Oder nicht?)

(Drei Männer im Schnee ist jetzt von MFA+ neu veröffentlicht worden, worauf manche ja schon seit einiger Zeit warteten.)

The Long Kiss Goodnight (1996)

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Natürlich ist The Long Kiss Goodnight, dem deutschen Verleihtitel Tödliche Weihnachten zum Trotz, kein Weihnachtsfilm im eigentlichen oder auch nur übertragenen Sinne, aber er ist einer meiner liebsten mit Weihnachtsdekor. Darüber hinaus ist er aus mehr als einem Grund einer meiner liebsten Actionfilme und womöglich der Höhepunkt von Renny Harlins Karriere – was er vielleicht aber auch der Zusammenarbeit mit dem Autor Shane Black verdankt, der zum Beispiel auch das Drehbuch für den ganz großartigen Kiss Kiss Bang Bang (meine Kritik) geschrieben hat.

Geena Davis spielt hier Samantha Caine, Grundschullehrerin und Mutter mit Gedächtnisverlust, die eines Tages unsanft daran erinnert wird, daß sie früher einmal Charlene Elizabeth Baltimore war, genannt Charlie, Auftragskillerin der CIA. And thus, the shooting begins…

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Es ist schon bemerkenswert, daß es Harlin hier über fast zwei Stunden Filmlaufzeit gelingt, den Film kontinuierlich, flott und actionreich am Laufen zu halten. Da wird die zentrale Halle eines Provinzbahnhofs in Schutt und Asche gelegt, es gibt Explosionen und Shoot-Outs galore und schließlich auch noch einen Ausbruchsversuch mit Babypuppenpipi. Echt jetzt!

Die minimalen Längen, die der Film aufweist, verdanken sich eher den Momenten, in denen er und Black sich tatsächlich ein wenig um die Figuren kümmern und so vor allem, aber nicht nur der Hauptfigur auch einiges an Entwicklungspotential einschreiben – das ist mehr, als normale Actionfilme je auf die Reihe bekommen.

Davis‘ Samantha/Charlie ist eines der grundlegenden „Butt-kicking Babes“ der Filmgeschichte, und eine der überzeugendsten dazu – selten hat sich später ein Film getraut, eine Frau derart kompromißlos als Agentin zu positionieren und dies auch durchzuziehen (erst 2010: Angelina Jolies Salt fällt mir noch ein). Sie ist, als sie ihr Gedächtnis wiedererlangt hat, eine völlig rücksichtslose Killerin – „Kill ‚em for me, bitch. What are you good for?“, fragt ihr Sidekick Mitch (Samuel L. Jackson) sie einmal -, die ihren Auftrag (den sie sich hier gleichwohl selbst gewählt hat, eine Verschwörung im Hintergrund gibt es nämlich auch noch) ohne Zögern ausführt.

In Form einer Persönlichkeitsspaltung qua Amnesie agiert diese Figur dabei zugleich die zwei Extreme aus, zwischen denen die Frauenbilder des Hollywoodfilms (bzw. westlicher kultureller Produktion überhaupt; Klaus Theweleit läßt grüßen) üblicherweise changieren: Als Samantha ist sie zwar nicht jungfräuliche Heilige, aber eben doch brave Lehrerin und Mutter; als Charlie ist sie promisk, schminkt sich, schneidet sich die Haare ab und negiert die Beziehung zu ihrer Tochter. (Eine Art gewollte, bewußt herbeigeführte Amnesie, wenn man so will.)

Die beiden Extreme schließen sich zunächst filmisch völlig aus: In Träumen sieht Samantha ihr Alter Ego im Spiegel, und Charlie schneidet ihr aus dem Spiegelbild heraus die Kehle durch.

Das eigentlich Bemerkenswerte an The Long Kiss Goodnight ist nun, daß Black und Harlin diese Differenz der Persönlichkeiten nicht aus dem Weg schaffen wollen: weder bekehren sie Charlie zu Mutterschaft à la Samantha bekehren noch lösen sie das Problem durch den Tod der Mutter. Stattdessen bleibt am Schluß eine facettenreiche Frau zurück, die zwar friedlich Lehrerin, Partnerin und Mutter bleiben will, aber die Regierung auch mit Vergnügen um einen Koffer voll Geld betrügt und Messer immer noch beängstigend präzise werfen kann. Wer weiß schon, was auf die Frau noch für ein Leben wartet.

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(Bizarres Randmoment ist übrigens, das ich die Neusichtung von The Long Kiss Goodnight zufällig am gleichen Tag machen konnte wie die Erstsichtung von Mother & Child (Kritik folgt) – in beiden, wirklich sehr, sehr unterschiedlichen Filmen spielen Samuel L. Jackson und David Morse mit. Sehr eigenartig war diese Zusammenschau.)

Trash am Mittwoch: Mega Piranha (2010)

Menschenfressende Fische in außergewöhnlich großem Format – da man muß sich als Horrorproduzent doch an die Stirn klopfen und fragen: What could possibly go wrong? Offenbar eine ganze Menge. Mega Piranha, das mit wenig Eloquenz auf der enormen Bugwelle von Alexandre Ajas Piranha 3D (meine Kritik) mitreisen möchte, ist voller Momente, in denen man geneigt ist, die Augen zu verdrehen – teils aus Frustration ob des Gesehenen, teils um das Nachfolgende nicht sehen zu können bzw. nicht mit ansehen zu müssen.

Dabei bietet die Handlung ja genug Vorwände, um positiv besetzte Schauwerte in die Welt zu setzen: Tropische Gefilde, meist befindet man sich im oder am Wasser, und da es um gigantisch anwachsende Piranhas geht (der Name des Films verspricht da nicht zu viel), könnte man nicht nur halbnackte Körper, sondern auch reichlich Feuerkraft und Splatter im Film unterbringen. So man das denn wollte. Das ist schließlich genau die Mischung, mit der Roger Corman den von ihm produzierten und inhaltlich völlig abstrusen Sharktopus (meine Kritik) gefüllt hat, der als hirnbefreite, anspruchslose Trashunterhaltung durchaus seine Stärken hat.

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Immerhin kommt Mega Piranha schnell zur Sache: In der ersten Szene wird eine bikinitragende Schönheit nebst Begleiter gefressen. In der zweiten Szene werden gleich mehrere bikinitragende Schönheiten gefressen, ebenso wie der amerikanische Botschafter und der Außenminister von Venezuela, die sich kurz vorher noch über politischen Druck der USA auf den südamerikanischen Staat unterhalten hatten – wo ist eigentlich Wikileaks, wenn man es braucht? Dann wechselt die Szenerie zum Helden Jason Fitch (Special Forces! Oder so), der gerade knapp bekleidet in seinem Heldenbett erwacht, weil er zur Pflicht, also nach Venezuela gerufen wird.

So wird immerhin, auch wenn es nach den genannten Eingangsszenen praktisch keine knapp bekleideten Frauen mehr geben wird, der vom ewig heiser raspelnden Paul Hogan gegebene Held meist in engen T-Shirts und mehrmals mit freiem, wohlgeformtem Oberkörper gezeigt, da mag zumindest ein Teil des Publikums kurzzeitig angetan sein. (So lange er den Mund nicht aufmacht.) Erst kurz vor Schluß werden mit einer Schwimmerin und einer Nachrichtensprecherin wieder Frauen gefressen, ansonsten ist das weibliche Geschlecht fast ausschließlich durch Tiffany vertreten, die als Protagonistin gecastet wurde. Das wäre womöglich ein Marketinggag, wenn sich irgendjemand allein ihretwegen den Film ansehen würde – aber da sie leider zu keinem Zeitpunkt spontan in Gesang ausbricht, scheint mir auch dies kein unique selling point des Films zu sein.

Es stapeln sich dann Unglaubwürdigkeiten auf Planloses. Technisch allein schon ist der Film eine Katastrophe auf digital verstärktem Zelluloid: Die Effekte sind in der Tat so schlecht gemacht, wie sie im Trailer wirken, und sie werden auch dann nicht besser, als das Filmmilitär versucht, die Piranhas mit Maschinengewehren und Raketen zu erledigen. Vermutlich hat man sich dafür entschieden, um größeres Bumm zu zaubern, dem Auge bieten sich gleichwohl die schlechtesten Spezialeffekte diesseits von Sharktopus dar (gut, in Birdemic [Trailer] mögen sie noch schlechter sein, aber der darf wohl als Extremfall gelten).

Schlimmer noch: Daß die Piranhas beharrlich und „exponentiell“ wachsen, ist ja das eigentliche Feature des Films, aber trotz kontinuierlicher Beschwörungen der Figuren scheinen sich die dummen Biester nicht so recht daran zu halten. Im Gegenteil, sie ändern von Einstellung zu Einstellung die Größe – man sieht sie riesig groß heranfliegen, bevor sie auf Unterarmgröße reduziert zur Landung ansetzen; dann wieder springt ein Fisch von eher bescheidener Schiffsgröße aus dem Wasser, wird aber dann auf einem ungleich größeren Mast auf eine Weise aufgespießt, die suggeriert, daß er außerhalb des Wassers noch rasch einiges an Umfang und Masse zugenommen haben muß. Erst sieht man irgendwelche Riesenfische, die auf Hausdächer springen, später dann beteuern die Protagonisten: „Bald sind sie so groß wie Pferde!“, obwohl ich dieses Stadium für längst überstanden hielt.

Daß die Piranhas mal zu schrumpfen und mal zu wachsen schienen, bestätigte meinen Eindruck, es in Mega Piranha mit einem beschädigten Raum-Zeit-Kontinuum zu tun zu haben. Besonders deutlich wurde das in den Telefonaten zwischen Fitch und seinem Vorgesetzten in Washington: Je nach Telefonat befanden sich die beiden offenbar (das Sonnenlicht verrät’s) mal in etwa der gleichen Zeitzone (so müßte es in der realen Welt sein), mal an entgegengesetzten Enden der Welt.

Eric Forsberg, der z.B. schon bei Snakes on a Train für das Skript verantwortlich zeichnete, hat sich hier außer mit der Regie vor allem mit dem Drehbuch verausgabt – offenbar war keine Zeit mehr, den ersten Rohentwurf zu überarbeiten. So hat man es hier mit offensichtlich beknackten Szenarien zu tun, mit unterentwickelten Figuren, die nichts tun, was irgendwie anders motiviert wäre als durch die Notwendigkeit, irgendwann ans Ende des Films zu gelangen.

Tiffany gibt die Biologin Sarah Monroe, aus deren Labor die mörderische Spezies entwischt, aber nie macht ihr jemand Vorwürfe (oder sie sich selbst), und Held Fitch findet es völlig normal, erstmal wieder ins Wasser zu steigen, nachdem er die Existenz der menschenfressenden Superfische entdeckt hat.

Die Idiotie der Ereignisse wird von den Fähigkeiten der Schauspieler wie der Crew gespiegelt. Als ein Kollege von Monroe dabei zusehen muß, wie Soldaten aufgefressen werden, und seinerseits daran gehindert wird, ihnen helfend hinterherzuspringen, drückt der Schauspieler seinen Rettungswillen durch – subjektiv: minutenlanges – planloses Herumzappeln aus. Tiffany vermag es, selbst einen Satz wie „I just wanna kill them all!“ ohne emotionale Beteiligung auszusprechen, und von Logans komplexer Darstellung will ich gar nicht erst anzufangen.

Der Hauptdarsteller war zugleich für die Choreographie der Kampf- und Unterwasserszenen zuständig; mein Lieblingsmoment ist der, in dem er liegend mit den Füßen Piranhas wegtritt, die nachgerade rhythmisch auf ihn zugeflogen kommen (die Szene ist im Trailer auch kurz zu sehen). Die Inszenierung versucht gelegentlich, Geschwindigkeit durch Unschärfe zu simulieren, Dringlichkeit wird über Kameraschwenksreißen und immer die gleichen drängenden Töne vermittelt, was innerhalb von ca. zwanzig Sekunden massiv auf die Nerven beginnt, nicht zuletzt aus dem Grund, daß Dringlichkeit solcher Natur von den ersten Filmszenen an bis zum Schluß hin durchbehauptet wird.

Und dann gibt es eine Sache, in der der Film auf einmal vielleicht mit gnadenloser Offenheit und Ehrlichkeit hantiert. Was der Film als eine Militärbasis ausgibt, die für die Handlung nicht ganz unwichtig ist, scheint in der Gesamtansicht real doch eher für andere Zwecke erbautes Areal zu sein. Ich mag mich täuschen, aber mir sah das sehr nach einer Kläranlage aus.

Black Christmas (2006)

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Ich muß gestehen, daß ich das Original von 1974 nicht kenne, das diesem Remake aus der Hand von Glen Morgan (der sonst als Regisseur bisher nur Willard mit Crispin Glover gemacht hatte) zugrunde liegt. Der Inhaltsangabe bei Wikipedia nach gibt es aber zumindest in Sachen der Handlung doch einen klaren Bezug, auch wenn Morgans Neufassung stärker Themen einbindet, die sich zum Beispiel in den zahlreichen Halloween-Slashern ebenfalls finden. Ein Metahorrorfilm wird sein Black Christmas dadurch freilich noch lange nicht – und ich vermute, daß man ihn nicht nur aufgrund seiner expliziten Brutalität auch kaum als ironische Neuauflage lesen kann.

Die Handlungskonstruktion besteht aus nachgerade archetypischen Versatzstücken: Studentinnen einer amerikanischen „Sorority“ sind zum Weihnachtsfest noch versammelt, können das Haus aber wegen eines Schneesturms eigentlich nicht verlassen, um zu ihren Familien und Freund_innen zu fahren. Stattdessen versammelt man sich unter Ägide der „house mother“ am Weihnachtsbaum und verteilt offenbar gewichtelte Geschenke. Parallel dazu bricht ein psychisch kranker Mörder aus seiner Zelle aus, der im gleichen Haus vor vielen Jahren seine Eltern ermordet hatte – und alsbald dezimiert sich die Zahl der jungen Frauen deutlich und auf wenig angenehme Weise.

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Die brutale Gewalt, die der Film mit einiger Inbrunst ausstellt – schon die Zahl der Toten in den ersten Minuten ist einigermaßen bemerkenswert -, hat wenig mit dem humorig unterlegten Splatter zu tun, den etwa der Zombiefilm oft präsentiert; stattdessen will Morgan hier eine ganz und gar grimmige Geschichte erzählen. Dazu wird das Familienthema („echt“, Patchwork oder Wahlgemeinschaft?) schmerzhaft mit dem Weihnachtstamtam zusammengebracht („She’s my family now“ ist ein Refrain, der hier aus Mördermunde immer wieder zu hören ist, und gemeint sind meist jüngst Verstorbene). Ein Flashback auf die Vorgeschichte des Mörders (samt Ermordung seines Vaters und Inzest – the whole nine yards) oszilliert so in einer gewissen bösartigen Harmonie mit den Streitereien und Unfreundlichkeiten zwischen den Sorority-„Schwestern“, die da zusammen wohnen. Das ganze Haus mag innen und außen bunt und fröhlich dekoriert sein, im ganzen Haus findet sich kein Frohsinn und kein Glück.

Black Christmas wird aber nie zu einer metaphysisch aufgeladenen Meditation über Liebe, Familie und das Weihnachtsfest – das ist ein ganz und gar basaler, diesseitiger, gelegntlich inszenatorisch interessanter, vor allem aber mörderischer Slasher, der es am Schluß sogar vermag, seine vermeintlichen logischen Schwächen noch geschickt wegzuerklären. Und dennoch ist er, wie die meisten Slasher, vor allem ein Abzählreim auf Zelluloid, bei dem am Schluß nur noch die Frage übrig bleibt, wen es als nächsten, wen als letzten trifft.