Hell Fest (2018)

„Enter if you dare!“ Komm rein, wenn du dich traust! Hell Fest geht zumindest mit einem gesunden Selbstbewusstsein in seine ersten Minuten, die quasi als Flashback bereits das Grundthema etablieren: In einer Art Geisterbahn treibt ein fieser Mörder sein Unwesen, das Opfer wird Teil der Attraktionen – zumindest, wie wir später erfahren, bis es beginnt streng zu riechen.

Regisseur Gregory Plotkin hat sich nach dem eher faden Paranormal Activity 3: Ghost Dimension nun vorgenommen, seinen nächsten Genrefilm nun auf jeden Fall eins nicht werden zu lassen: langweilig. Zwischendurch hat er bei Get Out und Happy Deathday den Schnitt bewerkstelligt und offenbar einiges gelernt, auch wenn sein Eintrag in den zeitgenössischen Slasher das komödiantische allenfalls in der Übersteigerung sucht.

Dabei lässt es sich zunächst sehr typisch an: Drei sehr amerikanische Pärchen im frischen Collegealter verbringen den Halloween-Abend (ausgerechnet!) gemeinsam. Und wo könnte man sich schöner und kontinuierlicher Gruseln als auf dem „Hell Fest“, gewissermaßen ein Pop-Up-Vergnügungspark des Schreckens. Vermutlich schlecht bezahlte Monsterdarsteller schreien die Besucher in jedem zweiten Moment an, da wird aufgefahren, was die Populärkultur so hergibt: von Clowns und Zwergen über bärtige Damen bis hin zum Predator und selbst die Jeff Goldblum‘sche „Brundlefly“ ist dabei und spuckt nichtsahnenden Besucherinnen grünen Glibber aufs Leibchen. Es ist eine Freude.

Und es ist natürlich auch ein filmischer Trick: Die Jumpscares sind gewissermaßen schon Teil der diegetischen Erzählung, gehören automatisch zu dem, was in der Handlung ständig allen widerfährt. Das wertet ihr Schreckpotential auf Dauer zwar einerseits ab, da aber in eleganten Abständen immer wieder etwas Blutiges passiert (sprich: sich die Zahl der sechs Hauptfiguren langsam, aber kontinuierlich reduziert), halten die dauernden Schrecken andererseits zugleich die Spannung hoch. Anstregend ist das auf Dauer gleichwohl, zumal fast der gesamte Film im Halb- bis Ganzdunkel von Geisterbahnen, „Haunted Houses“ und ähnlichen Situationen spielt.

Dass Plotkin sich für seine Spezialeffekte weitgehend auf gute alte Handarbeit, auf Latex und Kunstblut verlässt (und überhaupt hier nicht zu sehr ins splattrige Detail geht) passt ebenfalls gut zum Hintergrund des Halloween-Themenparks – und sieht in der Tat einfach besser aus.

Die vagen Hintergrundstories zu den Personen sind nicht wirklich von Bedeutung – Studentin Natalie (Amy Forsyth) ist mal wieder zurück in der Stadt, und ihre ehemalige Mitbewohnerin Brooke (Reign Edwards) will sie mit dem hübschen Gavin (Roby Attal) verkuppeln. Natalie ist nicht einmal abgeneigt, hat aber eigentlich keine Lust auf Halloween und noch weniger auf die neue Mitbewohnerin Taylor, die sie von früher wohl kennt. Bex Taylor-Klaus, die sich vor allem mit der neuen Scream-Serie im Slasher-Genre eingeführt hat, bringt noch am meisten Leben in ihre Rolle als rotzfreche und vor allem sehr nervige Taylor; alle anderen Figuren sind nicht einmal Stereotypen, zu oberflächlich bleibt ihre Charakterisierung.

Es geht hier wirklich hauptsächlich um das Wie und das Wann des Slasher-Abzählreims, mit haufenweise falschen Fährten und kleinen, biestigen Wendungen. Beleuchtung, Musik, Basstöne, die permanente Überladung mit Gruseleffekten… das macht schon eine ganze Weile lang wirklich Spass. Hinzu kommt, dass „Candyman“ Tony Todd höchstselbst den Durchsagen auf dem „Hell Fest“ seine Stimme verleiht, auch selbst als Conférencier einer Scheinhinrichtung auftritt.

Mit seiner Person wird dann doch ein wenig sichtbarer, wie clever, aber wohldosiert Hell Fest die eine oder andere metafilmische Referenz unterbringt; ironische Distanz will und soll der Film daraus aber nicht ziehen, dafür ist er zu direkt, und klar. Und kann es sich dann auch erlauben, ein gänzlich ungewöhnliches Ende zu nehmen, das zugleich abgründiger und furchtbarer ist als jedes blutige es sein könnte.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

Die Vollstreckerin (1986)

Martine ist Polizistin in Paris, kompromisslos den Kriminellen gegenüber, aber lange nicht so schnell an der Schusswaffe wie viele ihrer männlichen Kollegen. Sie ist einer Organisation auf der Spur, die junge Mädchen entführt und in Pornografie und Prostitution verkauft – wird aber sogar von ihrem eigenen Chef torpediert. Die Vollstreckerin stammt aus dem Jahr 1985 und war bisher in Deutschland nur in geschnittener VHS-Fassung erhältlich; die neue DVD zeigt den Film vollständig und ergänzt die fehlenden Sequenzen im französischen Original mit Untertiteln. Was warum geschnitten wurde, ist allerdings etwas rätselhaft, denn der alten Fassung fehlen keineswegs die zahlreichen Nacktszenen – die Darsteller, allen voran Brigitte Lahaie in der Titelrolle, hatten vorher durchaus schon Karriere im Pornogeschäft gemacht. Die Vollstreckerin ist aber kein Erotikfilm, sondern will durchaus ein trashig-exploitativer Kriminalfilm mit weichen Sexszenen sein; leider sind aber sowohl die Handlung als auch das Filmhandwerk so fahrig und teilweise zusammenhangslos, dass sich richtige Begeisterung oder auch nur Immersion nicht einstellen will. Eine düstere, graue Version einer Großstadt in den 80ern, aber richtig schmutzige Exploitation sähe doch entschlossener aus.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

Draculas Rückkehr (1968)

Draculas Rückkehr braucht, schließlich ist der Graf eigentlich von uns gegangen, eine etwas bemühte Exposition: Monsignore Müller kommt in das kleine Dorf in den Karpaten, das von dem Vampirgrafen heimgesucht und anschließend befreit worden war; obwohl der Dorfpriester (wie sich zeigt, aus gutem Grund) skeptisch und ängstlich ist, gehen beide zu Draculas Schloss, wo alsbald das Versprechen des Filmtitels erfüllt wird. Bald jagt dann Christopher Lee (zum dritten Mal für die Hammer-Studios in dieser Rolle) die schöne Nichte des Monsignore (Veronica Carlson), während ihr Möchtegern-Bräutigam Paul vom Monsignore in die Kunst der Vampirabwehr eingeweiht wird. Allerdings erweist sich sein Atheismus als Hindernis auf dem Weg zur ordentlichen Vampir-Entsorgung… Freddie Francis hat vor allem in den 1960ern bei so einigen Horrorfilmen Regie geführt, bevor er sich wieder auf reine Kameraarbeit konzentrierte und dann mit David Lynch Der Elefantenmensch und Der Wüstenplanet drehte, mit Martin Scorsese auch Kap der Angst. Sein Talent für die gekonnte Inszenierung blitzt hier immer wieder auf, auch wenn die Handlung zuweilen etwas ziellos mäandert. Dafür sind die Studiokulissen so prächtig, dass die Außenaufnahmen in Feld, Wiese und vor allem Wald fast wie irreale Fremdkörper wirken.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

Dracula (1958)

Neben F.W. Murnaus Nosferatu und der klassischen Universal-Verfilmung von 1931 mit Bela Lugosi ist Terence Fishers Dracula die womöglich maßgebliche Verfilmung des gleichnamigen Romans von Bram Stoker. Mit Frankensteins Fluch hatte Fisher 1957 die Erfolgsgeschichte der klassischen Horrorfiguren für die Produktionsfirma Hammer eingeleitet, ein Jahr später blieb seine Vampir-Verfilmung recht nah an der literarischen Vorlage – bei den sechs weiteren Dracula-Filmen, ebenso mit Christopher Lee in der Titelrolle, nahm man sich dann größere Freiheiten. Anders als im Buch ist Jonathan Harker von Anfang auf Reisen, um den Grafen unschädlich zu machen; er kann aber nicht verhindern, dass Blut und Verderben seine Heimatstadt heimsuchen, die von London an einen unbestimmten Ort auf dem europäischen Festland verlegt wurde. In diesem Dracula wird die immer schon implizite Verbindung zwischen Vampirismus und Sexualität überdeutlich inszeniert, ohne dass es je ins explizit Erotische wechselt; aber das braucht es auch nicht. Fishers Inszenierung, die reichlich ausgestatteten Studiosets und die Ernsthaftigkeit der Schauspieler (mit Peter Cushing als großartigem Van Helsing) lassen den Film auch ohne große Effekte wirken, das sehr rote Blut brennt sich in die Netzhaut: Was für ein filmischer Hochgenuss!

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

Agents of SHIELD – Staffel 4

Serien haben den Fluch und den Segen, in jeder Staffel, mit jeder Fortsetzung ihr Universum erweitern zu können – und zu müssen. Es genügt nicht, immer nur das Gleiche neu zu erzählen – und so haben auch die Agents of S.H.I.E.L.D. mit jeder Staffel der Marvel-Serie neue Herausforderungen zu bewältigen. Die Serie war jene, die anfangs dem „Marvel Cinematic Universe“ (MCU) sehr nahe stand; in Staffel 4 bewegen sich die Agents aber auf
Terrain, das in den Filmen überhaupt nicht stattfindet – Geister, Simulationen, religiöse Untertöne gar. Und auch wenn immer wieder Anknüpfungspunkte ans MCU hergestellt werden – Agents of S.H.I.E.L.D. macht jetzt mehr und mehr sein eigenes Ding, und das ist so irritierend wie gelegentlich sehr aufregend. Die meisten Änderungen kommen in dieser Staffel durch zwei neue Charaktere zustande: Der aus Marvel-Comics bekannte Ghost Rider spielt eine wichtige Rolle – Gabriel Luna, derzeit als neuer Terminator auf den Leinwänden, gibt ihm resigniert-ironische Untertöne. Und Mallory Jansens A.I.D.A. genannter Android sorgt dann für Verschiebungen einer noch ganz anderen Größenordnung. Auf die bekannten Figuren müssen Fans natürlich nicht verzichten – nur müssen sie zum Teil in ganz andere Rollen schlüpfen. Das macht die Staffel durchaus unvorhersehbar spannend.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

Why Don’t You Just Die! (2019)

Der erste Besuch beim Vater der neuen Freundin ist für junge Männer ja — patriarchale Erwartungen schwingen da viele mit — immer mit vielen Erwartungen und Sorgen überfrachtet. Da darf man schon mal nervös sein. Matvej allerdings ist vor allem deshalb nervös, weil er den Mann umbringen will – Olja hat ihn schließlich dringend darum gebeten.

Why Don’t You Just Die! von Kirill Sokolov beginnt mit diesem Warten vor der Wohnungstür, irgendwo in einem typischen, etwas runtergekommenen russischen Mietshaus mit knarzendem Aufzug und neugierigen Nachbar_innen. Matvej steht da mit dem Hammer hinterm Rücken, nervös, aber entschlossen. Es ist gerade genug Gangster in ihm, wird es später von ihm heißen, und da ist was dran: Der Junge wirkt eigentlich eher still und schmächtig, weiß aber trotzdem, wie man eine Handschelle mit einer Haarnadel öffnet.

Meine ausführliche Besprechung des so schwarz-lustigen wie blutigen Debüts von Sokolov ist auf kino-zeit.de erschienen.

Autobahn (2019)

Fallen wir gleich mal mit der Autotür ins Haus: Dieser Film ist nichts für Menschen, die von Autolärm eh schon traumatisiert sind. Denn im Bad Oeynhausen der Jahre 2011 bis 2018, wie es hier präsentiert wird, gibt es vor allem interessante Menschen und Autoverkehr. Viel Autoverkehr.

Mitten durch die Stadt, die im 19. Jahrhundert als Kurbad gegründet wurde, führt die Bundesstraße 61; sie verbindet die Autobahnen A30 und A2; erstere endet bis 2018 westlich der Stadt, letztere führt südöstlich an ihr vorbei. Als Verbindung der beiden Autobahnen, die ihrerseits Teil der Route Amsterdam – Berlin – Warschau sind, eine alte und immer noch moderne Handelsroute, plante man irgendwann in den 1960er, 1970er Jahren eben diese Bundesstraße, die dann vierspurig ausgebaut wurde. Was das bedeutet, zeigt Daniel Abmas Dokumentarfilm Autobahn ganz ohne jede dramaturgische Überhöhung, indem er einfach Häuser, Ladengeschäfte an der Straße filmt, in ruhigen Einstellungen, frontal, aber von der anderen Straßenseite. Autos ziehen vorüber, Lastwagen in großen Mengen, der Lärm ist eigentlich unerträglich.

Meine ausführliche Kritik zu Autobahn (ab 30. Januar in einzelnen Kinos) ist jetzt auf kino-zeit.de erschienen.

Supervized (2019)

Es wird im Alter halt nicht leichter: Die Prostata, der Schließmuskel, die Gelenke. Für die Bewohner_innen dieses speziellen Altenheims in Irland ist es vermutlich noch ein wenig schlimmer, denn in ihrer Jugend waren sie allesamt Superheld_innen – enorm stark oder schnell, telekinetisch begabt oder teleportierend. Und nun? Nur noch ein Schatten ihrer selbst, eingesunken auf dem Sofa, und es bleibt unklar, ob die Enkelkinder endlich mal zu Besuch kommen.

Für kino-zeit.de habe ich mir den durchaus knarzigen Supervized von Steve Barron angesehen.

Wild Rose (2019)

Tom Harper braucht nur wenige Minuten, um uns Hals über Kopf in seine Protagonistin Rose-Lynn (Jessie Buckley) verknallt zu machen. Mit offenen Augen und heißem Herzen, hoffnungslos. Wie sie aus dem Gefängnis entlassen wird, die Ungeduld in den Fingern, die Freiheitslust in den Augen, das Lächeln — dieses Lächeln! — im Gesicht. Sie sitzt im Bus zurück nach Glasgow, die Kopfhörer auf dem Kopf, Country im Ohr, ihrem und unserem, ein kurzer Besuch bei ihrem Freund, ein schneller Fick auf dem Rasen, unterm offenen Himmel.

Wild Rose war für mich die Entdeckung und Beglückung des ausgehenden Jahres 2019. Meine ausführliche Lobpreisung, Bejauchzung und Bejubelung (singen kann ich leider schlecht) gibt es bei kino-zeit.de.

Knives Out – Mord ist Familiensache (2019)

War es Colonel Mustard im Arbeitszimmer mit dem Revolver? Oder doch Miss Scarlett mit dem Strick im Billardzimmer? Bei Knives Out – Mord ist Familiensache scheint die Sache wesentlich klarer zu sein als im heute leicht angestaubt wirkenden Gesellschaftsspiel Cluedo, sieht man doch schon in den ersten Minuten: Es war Harlan Thrombey selbst, mit dem Dolch, im Arbeitszimmer.

Aber nichts ist, wie es scheint. Rian Johnsons „Murder Mystery“ mag zunächst sehr altmodisch daherkommen, aber das ist elegante, sehr zugestellte Oberfläche – ähnlich wie das Haus, in dem Thrombey lebte, ein Haus, wie einer der anwesenden Polizisten bemerkt, gleich einem Cluedo-Spielbrett.

Knives Out ist ein Genuß, eine Feier vor allem des Ensembles, das offenbar wahnsinnig viel Spaß hatte. Die Kritik (eher dringende Empfehlung) gibt es auf kino-zeit.de.