Operation: Endgame (2010)

Operation: Endgame (mir zum ersten Mal bei Peter ins Bewußtsein gerufen) ist eigentlich ein Film, der Menschen wie mich mit einer gewissen Neigung zum schwarzen Humor und zum Actionkino zugleich, geradezu bettelnd auffordert, ihn lieb lieb lieb zu haben, und eine ganze Weile geht das auch wirklich gut mit uns beiden.

Ort der Handlung ist ein unterirdischer Bunker der amerikanischen Regierung, in der eine supergeheime Spionagetruppe ihre Büros hat. Gerade wird ein Neuling (Joe Anderson) eingeführt und bekommt den Codenamen ‚Fool‘ – alle Figuren heißen wie Karten des Tarots. ‚Chariot‘ (Rob Corddry) führt ihn herum und stellt ihm die Mitglieder der beiden Teams Alpha und Omega vor – unmittelbar miteinander konkurrierende Entitäten, die sich eigentlich gegenseitig kontrollieren sollen. Dann aber gibt es plötzlich Leichen, mit dem Programm „Operation: Endgame“ wird ein Countdown ausgelöst, und bevor ‚Fool‘ so richtig versteht, was passiert, sind die Angehörigen beider Teams kräftig damit beschäftigt, einander umzubringen, während die Zeit immer enger wird, bis alles Leben im Bunkerkomplex automatisch ausgelöscht wird.

Das ist gut gemacht, wie aus der sehr angespannten Büroatmosphäre, den kleinen Sticheleien und bösen Beschreibungen, alle schon getunkt in das Blut, das beim schmutzigen Geschäft der Filmnachrichtendienste ja gerne kübelweise vergossen wird, wie daraus also fast übergangsfrei ein Blutbad wird, ein dann doch ziemlich expliziter und schmerzhafter Abzählreim der Mordtaten.

Und auch daß es dazwischen immer wieder den Blick gibt auf zwei Beobachter, die durch Überwachungskameras das Ganze mit distanzierter Ironie und einer gewissen Fassungslosigkeit (aber ohne jedes Entsetzen) wahrnehmen und aus dem Hintergrund kommentieren. Als sie sich einmal über die Aufnahmeprüfung für die Alpha- und Omegagruppen unterhalten, da hat es im Bunker schon Tote en gros gegeben, kommen sie auf den letzten Test zu sprechen: Jede_r mußte einen kleinen Welpen ermorden. „All those people killed puppies?“ empört sich da das Gegenüber.

So schwarz ist der Film, und in seinem Blick auf die Geheimdienstwelt sehr ironisch gegenüber den Standardfiguren des Kinos, mit den absurden Decknamen und Lebensläufen, die hier ins Pathologische gewendet werden und, statt in der Welt draußen verortet zu sein, in einen engen Bürobunker gepfercht werden, samt Kopierzimmer und Konferenzraum.

Wie gesagt, eine Weile geht das gut. Aber dann bleibt Operation: Endgame im einmal eingeschlagenen Tritt, auf das sukzessive Morden und Verfolgen folgt nichts wesentlich Neues mehr, und letztlich fällt dem Film dann nichts mehr ein, was er mit seinem tollen B-Cast noch so anfangen könnte. Ellen Barkin zum Beispiel ist großartig böse, und mit Ving Rhames und Maggie Q ist sie nicht die einzige, die sich lustvoll im Zynismus der Handlung wälzt (die auch noch eine gewisse politische Pointe hat). Emilie de Ravin bietet uns eine sehr verschlagene Triebtäterin; Odette Yustman füllt die Rolle als eye candy aus und bemüht sich redlich, ein bißchen mehr daraus zu machen, während Zach Galifianakis hier die vermutlich seltsamste Rolle seit langer Zeit spielt.

Alle diese Figuren gehen früher oder später im Laufe des Films dahin, aber an ihnen (oder ihren Darsteller_innen) liegt es eben nicht, daß Operation: Endgame am Ende scheitert. Vielleicht fehlte den Macher_innen die Bereitschaft oder das Interesse, jenseits der überzogenen Gewalt und des schwarzen Humors in jenen Bereich der Groteske einzutreten, der den Film herausgehoben hätte aus seinen eigenen Prämisse und vielleicht auch seinen politischen Ambitionen neues Feuer gegeben hätte. Aber dafür genügt es nicht, möglichst einfallsreich viel Blut zu versprühen.

FFF 2010: Tony (2009)

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Tony von Gerard Johnson (sein erster Langfilm) hat mich zunächst etwas ratlos zurückgelassen. Der Film ist so zurückgenommen, so schweigsam auch über seinen Protagonisten, von dem man fast nichts erfährt; alles immer hart am Rande zu einem fast dokumentarischen, sozialen Realismus mit Handkamera gefilmt, Tony (Peter Ferdinando) fast immer im Blick in seinem Alltag, seinem ausgesprochen ereignislosen, man ist auch versucht zu sagen: armseligen Dasein.

Die Sprachlosigkeit und Leere des Films spiegelt damit den Protagonisten. Denn Tony, arbeitslos seit offenbar ewigen Zeiten, hat keine Freunde und erhebliche Schwierigkeiten, auch normale oder wenigstens einigermaßen eindeutige soziale Situationen und Transaktionen durchzustehen. Gespräche sind mit ihm kaum möglich, und selbst bei einer Prostituierten wird Tony herausgeworfen, ohne daß er auch nur etwas vorgeschlagen oder getan hätte, das aggressiv gewesen wäre – er war nur hilflos, weil er den geforderten Betrag nicht zahlen konnte und stattdessen so etwas wie (allerdings nur vermeintlich) normale Konversation betreiben wollte, Komplimente machen, derlei.

Stattdessen sitzt Tony viel zuhause und sieht sich Actionfilme an – noch von VHS-Band, nur ein weiteres Zeichen dafür, welche randständige gesellschaftliche Position er besetzt, in seiner kleinen Wohnung irgendwo in einer Londoner Sozialsiedlung. Ab und an zieht er los, versucht von Drogenabhängigen Stoff zu kaufen und bringt sie nach Hause oder schleppt einen Tänzer aus einer Schwulenbar ab. Seine Besucher tötet er dann.

Tony ist ein Serienmörderfilm, der aus den Taten selbst kein großes Gewese macht; die Morde geschehen eher beiläufig, auch ohne dramatische Musikuntermalung oder sonstige Betonung. Sie sind, so ließe sich das womöglich verstehen, Teil von Tonys Alltag, oder gar, so meine Interpretation: seine einzige Möglichkeit, wirklich mit seiner Umwelt in Interaktion zu treten und die gewünschte Reaktion zu erhalten; erst am Schluß, als er sich in die Enge gedrängt fühlt, tötet er auch, um sich (oder genauer: seine Lebensumstände) zu verteidigen – präziser aber nur: um einen möglichen Konflikt aufzulösen. Tony ist damit wie auch in seinem Setting ein Gegenentwurf zu American Psycho, dessen Serienmörder sozial völlig kompatibel und integriert scheint, dessen Morde aber hochgradig sexualisiert sind.

Bei Tony ist genau das nicht der Fall. Einmal sieht man den Protagonisten zwar neben einer anscheinend nackten Leiche im Bett aufwachen, er fragt den Toten, ob er einen Tee möchte; aber die sexualpathologischen Andeutungen, die der Film macht, werden nie ausgespielt oder hochgeschaukelt. Es sind immer nur Männer Tonys Opfer, aber weder daraus noch aus seinen Besuchen in der Schwulenbar läßt sich irgendetwas unmittelbar folgern; den Taten scheint jede sexuelle Komponente ebenso abzugehen wie der Beseitigung der Leichen (denn Tony weiß sehr wohl, daß sein Tun verboten ist).

Gerard Johnson hat hier einen Film gemacht, der sich den Topoi des Genres in vielerlei Hinsicht bedient, seine klassischen Schlüsselreize, Dramaturgien und Vermarktungshighlights zugleich aber links liegen läßt. Ohne große Spannung gleitet die Geschichte dahin, um sich am Schluß fast unbemerkt wieder in den Ausgangszustand zurückzuwenden; das ist ungewöhnlich genug, um eine genauere Analyse durch jemand Berufeneren interessant zu machen. Leider hat Stefan Höltgen, der sicherlich berufen wäre, den Film in seinen FFF-Berichten nicht besprochen. Vielleicht kommt da noch etwas? Ich würde es gerne lesen.

Foto: Fantasy Filmfest

Texte zu Filmstarts (2. September 2010)

Heute nur ganz kurz der Hinweis auf meine Besprechungen zu den Kinostarts der Woche: Für critic.de habe ich Get Him to the Greek (zu deutsch Männertrip) gesehen – eine insgesamt sehr unterhaltsame Komödie, die etwas mehr Tiefgang vortäuscht als sie wirklich bringt; die sehr vergnüglichen ersten Minuten des Films hatte ich hier schon einmal vorgestellt.

Auch unterhaltsam, wenngleich lange nicht so rücksichtslos überdreht und sicher wesentlich familientauglicher (was auch an der geringeren Menge konsumierter Drogen und der zuckersüßen Liebesgeschichte liegen mag) ist der Bruckheimer/Turteltaub/Cage-Streifen The Sorcerer’s Apprentice (in Deutschland aus unerfindlichen Gründen als Duell der Magier gestartet).

Foto: Universal

The Sorcerer’s Apprentice (2010)

Man durfte kaum erwarten, daß dieser Film sich auch nur ein Fünkchen mehr als die Harry Potter-Filme für „das Magische“ im Filmischen interessieren könnte, so sehr auch vorgeblich Magie sein Thema ist – The Sorcerer’s Apprentice ist ein von Jerry Bruckheimer produzierter Film, in dem wieder einmal Jon Turteltaub und Nicolas Cage kooperieren. Da erwartet man nach den National Treasure-Streifen (siehe etwa meine Kritik zu National Treasure: Book of Secrets) wenig mehr als ein bißchen mythisch aufgebauschtes Actionkino, und das bekommt man jetzt auch, vielleicht noch mit dem Zusatz: Wirklich für die ganze Familie.

Die Geschichte um den amerikanischen Physikstudenten Dave, der eigentlich der „Prime Merlinian“ ist, direkter Nachfolger Merlins und größter Magier seiner Zeit (wenn er diese Rolle denn akzeptieren könnte und zudem lernen, seine Kräfte richtig zu gebrauchen) ist insofern ein sehr amerikanischer Dreh auf Harry Potter, als er massentauglich knapp konstruiert ist (mögliche Fortsetzungen nicht ausgeschlossen), das College-Setting breitere Identifikation zuläßt als die britische Boarding School – und zugleich geht es hier eben um keine Schule, sondern nur und ausschließlich um das auserwählte Individuum. (Darin und auch sonst in vielem ist der Film Percy Jackson & the Olympians: The Lightning Thief sehr ähnlich, der das Schulsetting zwar einführt, aber sofort desinteressiert zugunsten einer individualistischen Quest-Geschichte links liegen läßt.)

In The Sorcerer’s Apprentice geht es auch nicht um persönliche Reifung und Entwicklung, der Film ist stattdessen vielleicht noch am ehesten nach den Regeln des Sportlerdramas konstruiert (auch ein sehr amerikanisches Genre), samt Trainings-Montage, Selbstzweifeln und finaler Überwindung derselben. Dabei stets behilflich: die neue Freundin, die auch schon Sehnsuchtsobjekt zu Grundschulzeiten war. Mitsamt den unerfreulich faden und minder schröcklichen Bösewichtern ergibt das äußerst unaufregende Familienunterhaltung, die einen mit Gags und Rumwirbeleien und Cages hier sehr passend überdrehtem Spiel unfallfrei über die Filmdauer trägt, und danach kann man sich getrost wieder anderen Dingen zuwenden.

Zwei Dinge sind mir wirklich positiv in Erinnerung geblieben: Zum einen, wie sich der Film – nie explizit auf das dritte Clarkesche Gesetz („Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“) verweisend – konsequent an der Integration von Naturwissenschaft und Magie abarbeitet, auch wenn das alles am Schluß keine große Rolle mehr spielt.

Und zum anderen, wie auch das dann zur nerdigsten Liebeserklärung beiträgt, die ich seit „I brought you flours“ im Kino gesehen habe (die allerdings leider das geschlechtlich klar konnotierte Gefüge zwischen Wissenschaft und Kunst nicht wackeln läßt. Aber man kann ja nicht alles haben).

Foto: Disney

FFF 2010: The Human Centipede (First Sequence) (2009)

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The Human Centipede (First Sequence) wirkt in seinen ersten zehn, zwanzig Minuten, wenn man den ganzen Film im Blick hat, wie eine Mogelpackung. Denn die Eröffnungssequenz samt der Anfangstitel ist offenbar bewußt im Stil billiger Reißer der siebziger, vielleicht noch achtziger Jahre gehalten, was insofern passt, als der Film selbst kostengünstig digital in HD gedreht wurde und sicherlich als exploitativer Reißer nicht völlig falsch eingestuft ist.

Gleichwohl schreit jede Einstellung der Anfangsminuten lautstark „Trash!“ und „Ironie!“, da ist- alles überzogen und übertrieben, die reglose Mine des natürlich deutschen Bösewichtes, die Geste mit der er sein Gewehr unter dem Trenchcoat verbirgt, seine Sonnenbrille; schließlich die amerikanischen Touristinnen Lindsay und Jenny, clueless in Europe, hysterisch und unerfahren, wie es nur das Klischee hergibt. Die beiden verfahren sich auf der nächtlichen Suche nach einer Disco irgendwo (den deutschen Kennzeichen nach zu urteilen) im Rheinland in einem Birkenwald, und natürlich haben sie dort eine Reifenpanne, aber keine Ahnung, wie man einen Reifen wechselt.

Bis dahin ist ihr Schicksal sehr Rocky Horror Picture Show, aber statt eines wahnsinnigen Frank’N’Furter erwartet sie im Bungalow im Wald der nicht weniger irrsinnige, aber überhaupt nicht komische Doktor Josef Heiter (Dieter Laser, der von Die verlorene Ehre der Katharina Blum bis hierher einen weiten Weg zurückgelegt hat, aber sicher seinen Spaß hatte).

Mit diesem im Namen steckenden offensichtlichen Verweis auf einen der deutschen Erzbösewichter, Josef Mengele, endet der irgendwie ans Ironische gemahnende Teil des Films, und The Human Centipede (First Sequence) begibt sich ins Gebiet des exploitativen Ekeltrashs. Regisseur und Autor Tom Six hat seinen Film mit einer, so ginge die freundliche Formulierung, traditionellen, geradezu klassischen Plotkonstruktion versehen – man könnte es auch „retro“ nennen, oder wahlweise urteilen: Alles irgendwie schon bekannt.

Die Touristinnen landen, gemeinsam mit einem nachträglich gekidnappten Japaner, in Heiters Keller und werden dort einem medizinischen Versuch der abstoßenderen Art unterzogen. Natürlich gibt es Ausbruchversuche, vor und nach der entscheidenden Operation, und natürlich schaut irgendwann die Polizei vorbei, auf der Suche nach verschiedenen vermissten Personen. Das alles ist mehr oder minder gut motiviert und entwickelt, aber selten zwingend. Immerhin verzichtet der Film auf eine irgendwoher herbeigeholte psychologische Erklärung für die geistige Deformation des Bösewichtes; auch ist er, was explizit ekelerregende Darstellungen angeht, eigentlich eher zurückhaltend. Das Widerliche passiert vor allem in unserem eigenen Kopf.

Josef Heiter bleibt dabei zwingend die interessanteste Figur des Films, ein Die Welt lesendes mad scientist-Monstrum, das sich nach getaner Arbeit im dunklen Anzug mit Einstecktuch dandyhaft aufs weiße Sofa bettet. Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert war von The Human Centipede (First Sequence) so irritiert, daß er ihm keine Wertung zu geben wußte. Meine Vermutung wäre, daß Tom Six diesen Film mit dem selben Motiv gemacht hat, das er seiner Hauptfigur geben würde: Weil man das versuchen kann und versuchen muß.

Nämlich – und da verrate ich jetzt das einzig relevante und wirklich eklige Handlungselement, den zentralen gross out des Films, der aber auch im Trailer schon zu sehen und insofern kein Geheimnis ist: Der frühere Spezialist für die chirurgische Trennung siamesischer Zwillinge geht jetzt den umgekehrten Weg und näht seine drei Opfer zusammen, Mund an Anus, zu einem durch den Verdauungstrakt verbundenen menschlichen Tausendfüßler. Warum? Vermutlich eben: Weil er es kann.

Laut IMDB ist Human Centipede II schon für 2011 in Planung. Der Untertitel lautet „Full sequence“ – das verheißt nichts Gutes.

Foto: Fantasy Filmfest

Texte zu Filmstarts (26. August 2010)

Zumindest zwei der in dieser Woche startenden Filme lohnen einen Kinobesuch; Der kleine Nick (Le petit Nicolas), die Verfilmung der bekannten Geschichten von Goscinny und Sempé, gehört leider nicht dazu. Warum das so ist, habe ich für critic.de aufgeschrieben.

Enter the Void hingegen ist einen Kinobesuch allemal wert, zumal das herausfordernde Seherlebnis, das dieser Film bietet, anderswo wohl kaum nachzuvollziehen sein wird. Aber nicht alle werden Gaspar Noes Streifen deshalb gleich lieben.

Mary & Max schließlich, eine Tragikomödie in Knetgummi, sollte man sich unbedingt ansehen. Und dann viele Freundinnen und Freunde ebenfalls hinschicken.

Foto: MFA+

Text zu Filmstart (19. August 2010): Babys

Von den heute startenden Filmen konnte ich vorab schon den Dokumentarfilm Babys (Bébés) sehen und für kino-zeit.de besprechen. Eltern werden sich vermutlich von diesen Bildern niedlicher Kinder aus aller Welt eine Weile bezaubern lassen, für alle anderen Menschen treten die offenen Fragen, die der Film läßt, womöglich schneller und deutlicher hervor.

Foto: Kinowelt

Empfehlungen zum Fantasy Filmfest 2010

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Bevor dieses Blog jetzt in eine zweiwöchige Sommerpause geht, wollte ich noch kurz meine Empfehlungen, Warnungen und allgemein: Kritiken zu den Filmen des diesjährigen Fantasy Filmfestes (17. August-9. September) zusammenstellen.

Leider ist es mir nicht mehr gelungen, alle Filme zu sehen, die ich vorab hätte sehen wollen und können; da ich selbst nicht auf dem FFF sein werde, wird erst danach wohl noch die eine oder andere Kritik zu Filmen des Festivals hier im Blog auftauchen. Ich gehe hier zunächst nur auf meine eigenen Besprechungen (und also auch meine eigenen Einschätzungen) ein; anderswo finden sich aber auch schon Kritiken zu weiteren Filmen des Filmfests, auf die entsprechenden Seiten verweise ich unten nochmals.

Meine dringenden Empfehlungen fürs Fantasy Filmfest 2010 sind zwei jeweils auf ihre eigene Art durchaus experimentell anmutende Filme, die man genau deshalb unbedingt auf großer Leinwand und mit funktionierender Rundumbeschallung sehen sollte – auch wenn beide sicher nicht den Geschmack jede_r Zuschauer_in treffen, eine ästhetische wie inhaltliche Herausforderung sind sie allemal. Es handelt sich um Amer von Hélène Cattet und Bruno Forzani, eine fulminante Hommage an den Giallo, und Enter The Void, den filmischen Drogentrip von Gaspar Noé.

Sehr sehenswert sind außerdem mit Sicherheit The Disappearance of Alice Creed, ein enorm dichtes Entführungskammerspiel mit Gemma Arterton in der Titelrolle, sowie der äußerst zurückgenommene Vigilante-Thriller Harry Brown mit Michael Caine.

Von den genannten vier Filmen abgesehen habe ich aber noch einige mehr gesichtet und besprochen; sie seien hier noch einmal in alphabetischer Sortierung (nach FFF-Titel) aufgeführt:

Hier außerdem noch ein Nachträge von Anfang September 2010:

Auf manchen Seiten finden sich aber auch zu anderen Filmen des Festivals bereits Vorabbesprechungen, und ebenso wird man dort ab dem 17. August sicher viel Lesens- und Hörenswertes finden können. Ich habe bei Twitter eine Liste mit den Menschen begonnen, die vom FFF berichten wollen – für Ergänzungsvorschläge bin ich stets offen.

Ansonsten finden sich Texte zum Fantasy Filmfest natürlich bei den Kolleginnen und Kollegen von critic.de und blairwitch.de; bei F-LM wird wohl wieder gepodcastet, und Frau Flinkwert bloggt (und verrät vorab schon manches) ebenso wie Hartigan (in dessen Archiv sich schon der eine oder andere diesjährige FFF-Film besprochen findet).

Bei f3a schließlich hat wie stets die Community das Wort.

Wen habe ich übersehen, vergessen, nicht genannt? Bitte füllt die Kommentare mit interessanten Links und Hinweisen!

Fotos: Fantasy Filmfest

FFF 2010: Harry Brown (2009)

Alle Beiträge zu Filmen, die auf dem Fantasy Filmfest (FFF) 2010 zu sehen sein werden, finden sich unter dem Schlagwort FFF2010

Schon allein der Name des Hauptdarstellers ist vermutlich für viele Leute Grund genug, sich diesen Film anzusehen, aber Michael Caine ist nicht nicht das einzig sehenswerte an Harry Brown. Harry (Caine) lebt in einer englischen Sozialsiedlung, mit der es langsam bergab geht. Nach dem Tod seiner Frau bleibt dem Rentner nur noch sein bester Freund Leonard (David Bradley), der sich von einer Jugendgang bedroht fühlt. Als Leonard getötet wird, verzweifelt der hochdekorierte Exsoldat und sinnt schließlich auf Rache.

Der Vergleich mit Gran Torino, den auch das Pressematerial des FFF bemüht, ist natürlich in der Tat nicht von der Hand zu weisen – nicht nur wegen der Ähnlichkeiten der Handlung, der möglicherweise bewußten Anspielung auf Clint Eastwoods „Dirty Harry“ im Namen der Hauptfigur und den Parallelen zwischen den Star Personas von Eastwood und Caine, die man konstruieren könnte.

Aber Harry Brown ist ein sehr eigenständiger Film, der sich vordergründig auch für so etwas wie Sozialrealismus und das wirkliche Leben in den fiesen Vorstädten interessiert – samt einer Ermittlung der Polizei, die von Vorgesetzten hintertrieben und abgebrochen wird. Auch diese, und das gehört zu den Stärken des Films, sind nicht böse und nicht einmal besonders arrogant oder ahnungslos – sie haben einfach eine andere Perspektive, aus der sie anderes übersehen als die Beamt_innen (Emily Mortimer, Charlie Creed-Miles) vor Ort.

Es sind solche Unwuchten im Getriebe der staatlichen Systeme, könnte man da meinen, die einen kleinen, betroffenen Rächer wie Harry geradezu zwingend hervorbringen müssen, womöglich gar erforderlich machen. Aber Harry Brown weigert sich beharrlich, daraus Heroismus oder auch nur: eine Lösung zu konstruieren. Viel mehr interessiert er sich für seine Hauptfigur – für Harrys Verzweiflung, seine rasch wiedergefundene Routine im Töten (die ihrerseits im Film nur en passant thematisierte politische und historische Bedeutungsebenen mitbringt) und das Schillern von Harrys Entscheidungen zwischen der Ausweglosigkeit und der Alternativlosigkeit von Gewalt.

In Harry Brown geht es nicht um wer oder was oder ob, das Wie ist entscheidend. Regisseur Daniel Barber paßt seinen Film dem Tempo der Hauptfigur an, alles geht geradezu gemählich, mit manchmal schleppendem Atem vorwärts (und ist doch keine Minute langweilig). Einzig die Entscheidung Harrys, doch wieder zu Gewalt zu greifen, obwohl er ihr vor langer Zeit abgeschworen hatte, scheint zu schnell zu fallen – ansonsten gelingt es Caine, seine Figur mit Zögern, Verzweiflung und Entschlossenheit zu füllen, bis hin zum blutigen Ende.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2010: The Reeds (2009)

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Ich finde es an sich ja immer schön, wenn ein Horrorfilm seinen Handlungsort nicht nur für Effekte zu nutzen, sondern in die Dramaturgie zu integrieren weiß; wenn dieser also entweder bedeutungstragend wird wie die Wüste in Djinns aka Stranded (Kritik folgt) oder aber seine spezielle Ausformung für die Entwicklung der Handlung wichtig wird.

In dieser Hinsicht macht The Reeds anfangs durchaus Hoffnung; denn die britischen Twens um Laura (Anna Brewster, die hier einer jüngeren Milla Jovovich manchmal sehr ähnlich sieht), die sich für ein schönes Wochenende (natürlich ohne sich mit Navigation oder Schifffahrt oder dergleichen irgendwie auszukennen) in eine Schilflandschaft aufmachen, gehen zwischendurch ganz gehörig in der gleichförmig wogenden Ebene verloren. Zuerst gemeinsam, dann mehr und mehr einzeln, von der Hybris getragen, man werde den Weg zurück schon finden.

Leider fällt dem Film darüber hinaus nichts so richtig Aufregendes ein. Am Anfang stapeln sich die dräuenden Andeutungen, sind da seltsam schweigsame Jugendliche, die offenbar blutige Rituale durchführen, stapft ein finsterer und tief verhüllter Jäger durchs Schilf – dann explodiert die Story sehr schnell in Wahnvorstellungen, Visionen und Katastrophen, bei denen der Plumpsack schwerster Verletzungen nacheinander bei allen Protagonisten mal landet. Kaum ist einer verstorben, hat schon der Nächste eine tiefe Bauchwunde.

Gerade wenn man denkt, jetzt sei aber Zeit für ein großes Finale, hat der Film allenfalls mal 40 Minuten hinter sich gebracht; dann ziehen sich die nächsten zwanzig Minuten etwas leer hin wie geschmacksfrei gewordenes Kaugummi, bevor der Film in ruhigere Wasser umschwenkt, in denen er versucht, Sinn in das vorher Gesehene hineinzuerklären. Da wirkt also der Spannungsbogen etwas ausgeleiert, und nachdem die Geschichte eine recht bemühte und nicht besonders originelle Aufklärung gefunden hat, gibt es noch eine abschließende Pointe, wie sie fürs aktuelle Horrorkino derzeit nur zu gewöhnlich ist.

Foto: Fantasy Filmfest