Podcast #002: Sitges 2010

Wir sind zur Zeit auf dem Sitges Film Festival – Festival Internacional de Cinema Fantàstic de Catalunya – mit Benjamin Richter, Head of Programming Asia des International Comedy Film Festival, habe ich mich gestern im Café des Cinema Retiro über die sehenswerteren der vielen Filme unterhalten, die wir beide in den letzten Tagen gesehen hatten.

[display_podcast]


Das Comedy Film Festival wird im September 2011 stattfinden; derzeit läuft schon die monatliche Filmreihe (bislang nur in Berlin, das soll sich aber ändern), in der als nächstes am 3. November Symbol zu sehen sein wird.

Quellen und Links:

Sitges 2010, Tag 6: die Filme

Die Filme vom Mittwoch:

Twelve

Eine fast moralinsaure Geschichte über rich kids von der Upper East Side, die ihre angeblich tiefgehenden Probleme nicht beim Psychoanalytiker lösen wie ihre Eltern, sondern beim Drogendealer. Startet heute in Deutschland im Kino. Meine kurze Besprechung gibt es bei critic.de.

Snabba Cash aka Easy Money

Ein Wirtschaftsstudent aus einfachen Verhältnissen, der gerne zur High Society gehören will. Ein spanischer Ausbrecher, der endlich den großen Kokaindeal organisiert. Und ein serbischer Ganove, der plötzlich seine achtjährige Tochter im Haus hat. Ein bemerkenswertes Drama, das der Versuchung wiedersteht, zu einer Kopie der gängigen Gangstergeschichten zu werden, und am Schluß alle Beteiligten auf diese oder jene Weise zerstört zurückläßt. Leider einen Hauch zu lang.

The Wild Hunt

Eigentlich sind Leute, die Live Action Role Playing betreiben, ja ebenso wie Goths und Horrorfilmfans (um nur zwei äußerlich auf die meisten Menschen mindestens genauso bizarr wirkende Minderheiten zu benennen), ja äußerst ausgeglichene und friedliche Naturen. Insofern tut ihnen The Wild Hunt vielleicht etwas unrecht, der im Wesentlichen beschreibt, wie auf einem LARP-Wochenende aus dem Spiel sehr schmerzhafter Ernst wird. Regisseur Alexandre Franchi gelingt es in seinem ersten Feature, die Spannung stets leise vor sich hin köcheln zu lassen, nie weiß man genau, wann sich hier die Emotionen und Triebe Bahn brechen werden.

La posesión de Emma Evans

Dieser spanische Film (auf Englisch gedreht und in den Suburbs von London angesiedelt) ist einer der wirksamsten, gruseligsten Exorzismus-Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Dank einer brillanten Hauptdarstellerin (Sophie Vavasseur in der Titelrolle) bleibt das Schicksal der Protagonistin alles andere als egal. Und weil Manuel Carballo in seinem zweiten Langfilm nicht immer das macht, was man üblicherweise erwarten müßte, bleibt die Spannung gleichmäßig hoch, bis hin zum nochmal richtig schmerzhaften Schlußtwist.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 5: die Filme

Gestern war ich anderweitig etwas aktiver und produktiver als sonst, dafür habe ich es nur in drei Filme geschafft:

Zebraman 2: Attack on Zebra City

Wieviel Miikes Fortsetzung seines Zebraman von 2004 mit dem Original zu tun hat, kann ich nicht beurteilen; Zebraman 2 ist jedenfalls eine wüst den westlichen Erwartungen zuwiderlaufende Superheldengeschichte, bei der es bis kurz vor Schluß dauert, bis es richtig zur Sache geht. Dann wird es allerdings so schön bescheuert und sinnfrei, daß auch das eigentlich schon wieder Spaß macht. Mir ganz persönlich war der Film dann aber nicht entschlossen trashig genug, um wirklich unterhaltsam zu sein, dafür war dann doch zu wenig originelles Material in den 106 Minuten verstreut.

Rare Exports: A Christmas Tale

Diese finnische Weihnachtsgeschichte hingegen verliert nicht viel Zeit, um zur Sache zu kommen, auch wenn zuerst nur der kleine Pietari (Onni Tommila), der mit seinem Vater Rauno (Jorma Tommila) irgendwo im einsamen finnischen Norden lebt, wirklich versteht, was vor sich geht: Irgendjemand gräbt mit seiner Firma gerade das Grab des echten Weihnachtsmanns aus. Der hat natürlich nichts mit der freundlichen Phantasie in Coca-Cola-Farben zu tun, sondern ist eher eine dämonische Figur mit ungesund wirkenden Hornfortsätzen an der Stirn. Oder doch nicht? Jedenfalls liegt am Weihnachtsmorgen ein alter Mann in Raunos Bärenfalle. Ohne große Umwege schreitet Rare Exports dann schließlich zur Klärung der Frage, wie der Weihnachtsmann eigentlich an so vielen Plätzen gleichzeitig sein kann. Das ist straff, sehr schwarz und lange nicht so frustrierend finnisch, wie man das stereotyperweise aus dem Programmkino zu kennen meint.

Stake Land

Nicht nur dem Namen nach hat der Film, der dieses Jahr in Toronto den Midnight Madness Audience Award einheimsen konnte, gewisse Ähnlichkeiten mit Zombieland – es geht, auch das sieht man dem Titel schon an, um Vampire. Amerika ist von ihnen überrannt, nur hie und da gibt es noch kleine Siedlungen Überlebender, die sich auf unterschiedliche Art und Weise – mal friedlich, mal faschistoid – organisiert haben. Durch dieses Land, auf dem Weg nach Norden, reisen „Mister“ und der junge Martin. Jim Mickles Film ist keine Komödie, nicht einmal eine schwarze, sondern ein großartiges, finsteres Drama über menschliches Überleben im Angesicht der Apokalypse.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 3 und 4

Dem Vernehmen nach (und wenn man, wie ich, @karatekueken glaubt) ist La Casa Muda aka The Silent House (selbst hatte ich leider noch nicht das Vergnügen) der bisher schreckenerregendste Film des Festivals. Aber immerhin ist er offenbar nicht so brechreizerregend wie für manche der zugegebenermaßen ganz neue Körperöffnungen bietende und an Kunstblut wie Ekligkeiten nicht arme (aber dabei doch seine Künstlichkeit nie verbergende) Hell Driver von Yoshihiro Nishimura.

Während der Nachmitternachtsvorstellung dieses Films erbrach sich nämlich der junge Mann rechts von mir in eine Plastiktüte – ob aufgrund des Films, aufgrund verdorbener Nahrungsmittel oder wegen einer Erkrankung, weiß ich nicht zu sagen. Schlimm scheint es jedenfalls nicht gewesen zu sein, denn er blieb anschließend, nachdem er die Tüte ordentlich zugeknotet und weggestellt hatte, bis zum Ende des Films auf seinem Platz sitzen.

***

Nishimura selbst erschien ebenfalls, um seinen Film vorzustellen, und entledigte sich dann nach einer für mich leider unverständlichen (da nur in Japanisch und Katalan servierten) Einleitung seiner Kleider und nahm ein Requisit aus dem Film zur Hand. Was folgte, kann man gar nicht richtig beschreiben, da muß man diesen Film sprechen lassen:

***

Die Warteschlangen vor dem großen Kino sind nicht nur gewunden, sondern zusätzlich in mehrere Teile gestückelt, damit dazwischen Platz für den roten Teppich, für den Zugang zum Kaffeezelt und zu den Ticketschaltern bleibt. Die Bereiche zum Anstellen sind auch überdacht, was insofern hilfreich ist als es seit gestern abend nun einigermaßen durchgängig nieselt (nachdem gestern abend, wohl während der Vorstellung von Insidious, wohl ein rechter Gewittersturm über Sitges hergefallen war). Es empfiehlt sich gleichwohl dennoch, möglichst rechtzeitig am Spielort zu sein, da die Überdachung für maximal zwei Drittel der Menschen ausreicht, die auch in den gigantischen Kinosaal passen.

Akkreditierte Pressevertreter freilich, diese wetterempfindlichen Schäfchen und verwöhnten Schnorrer, haben hier eine eigene Warteschlange, die meist deutlich kürzer ist.

***

Durch das trotz Regen übrigens immer noch recht warme Wetter sieht man mir jetzt immerhin nicht immer gleich auf der Straße schon an, daß ich nicht ausreichend mit Kleidung versehen bin, die dem Dresscode: Black Tee entspricht. Heute ist mein T-Shirt sogar weiß. Für das Festival in Gérardmer (im Januar, in den Vogesen) hatte ich immerhin meine schwarze Daunenjacke dabei, das war ganz und gar du jour.

Und hier kann ich – kreative oder zumindest geek-ige Aufdrucke sind ja sehr, sehr wichtig – modisch mit einem Wonder Woman-Shirt punkten.

***

Den offiziellen Spot des Festivals zur Würdigung von The Shining (dessen dreißigstes Jubiläum damit hier vor fast jedem Film gewürdigt wird) ist übrigens auch online, sehenswerte Sekunden:

Videos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 4: die Filme

Der gestrige Tag stand stark im Zeichen von Umzügen und Menschen, die seltsame Veränderungen durchmachen. Und weil ich bei weitem nicht so viel zum Schreiben komme, wie ich möchte und müßte, gibt es erst eine weitere längere Besprechung zu vermelden: Meine Kritik von Agnosia ist bei blairwitch.de erschienen. Zu den Filmen von gestern hier in Kürze, zu allen mehr demnächst.

The new daughter

Ist es eigentlich so schwer zu verstehen, daß man aber auch wirklich niemals irgendwo hinziehen soll, wo vor langer Zeit schon indianische Ureinwohner Kultstätten und Friedhöfe unterhielten? Aber das Horrorkino scherte sich noch nie darum, seine eigenen Lehren auch einzuhalten, da ginge ihm womöglich der Stoff aus. Dieses Kevin-Costner-Vehikel ist glücklicherweise eigentlich keines, sondern gibt dem Star Platz für eine durchaus zurückgenommene Performance, und den Nebenfiguren Platz, sich auszuagieren. Gruselig ist das zudem die meiste Zeit auch noch. Ausführliche Kritik bei kino-zeit.de.

Super

Filme um Durchschnittsmenschen, die zu Superhelden mutieren, haben mit ganz unterschiedlichen Ansätzen ja gerade von Kick-Ass bis Defendor Konjunktur – man darf es auf die Watchmen schieben, nehme ich an; und James Gunn, ein kleiner Querdenker vor der Leinwand, macht mit Super fast alles richtig. Das verdankt er seinem eigenen Drehbuch, aber natürlich auch den Darstellern, vor allem Rainn Wilson und (die aber eh‘ von mir verehrte) Ellen Page. Eine ganz und gar nicht leichte Tragikomödie.

Vanishing On 7th Street

Ich bin mir noch nicht ganz sicher darüber, warum mich die Filme von Brad Anderson zwar durchaus erst einmal in ihre Welt hineinziehen, mich aber unterwegs irgendwann verlieren. Hier ist es genauso: Was zunächst ein hochgradig aufregender Film darüber ist, das von einem Moment auf den anderen der Großteil der Menschheit einfach verschwindet (genauer: vom Schatten aufgesogen wird) und damit die wenigen Überlebenden vor allem um Licht kämpfen, wird irgendwann in Rückblenden und sich ähnelnden Schreckmomenten langatmig und fast schon träge. Mehr bei blairwitch.de.

Insidious

James Wan, der Mann, der Saw gemacht hat, wollte mit diesem Film (sagt er) einerseits wieder zu seinen Independent-Wurzeln zurückkehren, andererseits auch einen Film machen, der sich auf Klassiker wie Poltergeist und The Haunting beruft. Herausgekommen ist ein geradezu klassischer Geisterfilm (mit sogar gleich zwei Umzügen!) über Seelenwanderung und böswollende Entitäten, der aber vor allem im letzten Drittel doch ganz erheblich schwächelt. Ausführlicheres bei blairwitch.de.

Fotos: Sitges Film Festival

Black Lightning (2009)

Russischer Student – klug, aber ohne viel Geld – wird dank eines fliegenden Autos zum Superhelden: So funktioniert das russische Gegenstück, ach was, dieses eklektische Gemisch aus Transformers (sein Vater schenkt ihm ein Auto, das mehr ist, als man auf den ersten Blick erkennen kann) und Spiderman (der Tod seines Vaters läßt ihn sein eigenes Handeln überdenken und macht ihn zum Superhelden). Der Rest der Story ist im Grunde völlig wurscht (ja, um ein blondes weibliches Wesen geht es natürlich auch noch, das brav und passiv zwischen zwei Männern sich nicht entscheiden kann), zumal der Film so einiges an Motivation vermissen läßt. So steht der Bösewicht in Black Lightning kurz davor, eine enorm effektive Energiequelle in die Finger zu bekommen (nämlich jene, die den schwarzen „Wolga“ antreibt), mit der sich alles mögliche anstellen ließe – aber er will das Ding nur, um damit an die Diamantvorkommen unter der Stadt Moskau herankommen zu können. Bei deren Bergung würde zwar Moskau zerstört werden, und das macht den Mann sicherlich hinreichend bösartig, besonders ambitioniert wirkt das aber nicht. Da hätte ein Schuß der größenwahnsinnigen James-Bond-Fieslinge sicher nicht geschadet.

Ansonsten sieht man sehr, sehr deutlich, daß Timur Bekmambetov hier beteiligt war – die Wächter-Filme scheinen in einigen Szenen deutlich durch (meine Kritiken). Das Ganze ist bis auf wenige Momente sogar sehr familientauglich; bizarr ist allenfalls, daß ein Film, der so überdeutlich amerikanischen Vorbildern nacheifert, doch tatsächlich in den nächsten zwei Jahren ein US-Remake erfahren soll.

Foto: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 3: die Filme


Hier in aller Eile und Kürze – meine erste Vorführung des Tages beginnt gleich – ein kurzer Blick auf die Filme vom gestrigen Sonntag.

Secuestrados

Dieser großartige spanische Schocker war am frühen Morgen vielleicht nicht das Richtige, aber was kann ich schon gegen den Zeitplan des Festivals tun? Eine Kleinfamilie (Mama, Papa, Teenagertochter) wird von drei Männern in ihrem frisch bezogenen Haus überfallen. Der Film ist unglaublich dicht und mit vergleichsweise wenigen Schnitten gemacht – die meisten Sequenzen sind offenbar mit einer Steadycam und minutenlang ohne Cut entstanden. Das saugt in die Story hinein, und das macht alles nur noch schlimmer. Ausführliche Betrachtung demnächst.

Amphibious 3D

Brian Yuzna ist wieder da, und er hat einen Trashfilm mitgebracht, in allen drei Dimensionen! Nach fünf Jahren, in denen er vor allem als Produzent gearbeitet hat, bringt Yuzna einen Film mit, der jetzt nur noch wie ein billiger Nachäffer von Piranha 3D wirken kann – weniger glatt, weniger blutig, weniger sexistisch, aber eben doch: unbestreitbar auch preiswerter gemacht. Mit Michael Paré und Janna Fassaert in hochgradig konstruierten Hauptrollen, die einem geheimnisvollen Wesen aus der Tiefsee in die Quere kommen. Mit giftspritzendem, wahlweise auch Menschen durchstechenden Skorpionstachel. Es war die Weltpremiere, und ich bin vor Ende des Filmes gegangen, weil ich lieber sehen wollte, was John Carpenter der Welt Neues zu bieten hat.

The Ward

Das ist nämlich in der Tat nicht ohne. Die Geschichte einer jungen Frau, die in den 1960er Jahren in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wird und dort den unheimlichen Vorgängen um ein verschwundenes Mädchen nachgeht, wirkt zunächst nicht besonders originell – zu generisch und zu bekannt wirken die ganzen Ansätze. Aber Carpenter weiß daraus durchaus erkleklichen Schrecken zu ziehen, und auch wenn bis zu den finalen Schlußtwists nichts, was er macht, wirklich neu ist – es schüttelt doch ganz schön durch. Mehr dazu bald bei blairwitch.de.

Fase 7

Als „apokalyptische Komödie“ wurde der Film vom Festival angepriesen, wobei sich das Komödiantische mir nicht wirklich erschließen wollte. Natürlich waren auch ein paar Szenen wirklich lustig, und einige andere sollten es – zum Teil unter Einsatz spritzender Gehirnmasse – wohl sein, aber so richtig wollte der Funke nicht überspringen. So blieb eine stellenweise groteske Endzeitgeschichte, die leichte Anklänge an [REC] und Carriers hatte, aber nie so recht herauszufinden schien, was sie eigentlich sein soll und warum. Genauer schreibe ich das noch habe ich das für kino-zeit.de auf aufgeschrieben.

Hell Driver

Yoshihiro Nishimura konnte hier gleich zwei Filme hintereinander zeigen, die unter seiner Mitarbeit entstanden sind: Mutant Girls Squad und eben diesen leider zu langen, hochgradig bizarren und alle Tiefen körperlicher Groteske auslostenden Zombiefilm. Der Trashfaktor ist so hoch wie der internationale Verleihtitel unmotiviert, hier fliegt ein Raketenflugzeug aus Untoten durch die Gegend, kämpft ein vorne mit Klingen versehenes Auto auf den Hinterrädern mit einem Monster. Und, wie man es von Sushi Typhoon kennt, das Blut spritzt stets in Fontänen. Für Fans.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 2: die Filme

Der gestrige Samstag war, wie schon erwähnt, emotional kein ganz leichter Tag. Hier sind die Filme, die dazu beitrugen:

Carne de Néon

Paco Cabezas Langfilm nach der Vorlage seines eigenen, gleichnamigen Shorts von 2005 ist eine wilde und im Grunde gar nicht neonfarbene Kleingangstergeschichte, bei der sich Gaspar Noé und Guy Ritchie ästhetisch wie inhaltlich die Hand geben – ein junger Mann, Kind der Straße, will als Geschenk für seine Mutter zu deren Haftentlassung ein Bordell eröffnen. Die Folgen sind unabsehbar und recht blutig. Eine ausführliche Besprechung gibt es bald auf kino-zeit.de.

Black Lightning

Eine sehr russische Neuauflage von Transformers und Spiderman, fast familientauglich. Ausführliche Besprechung folgt hier im Blog.

Notre jour viendra

Das Langfilmdebüt von Romain Gavras war ja mit einigen Erwartungen versehen, bevor man es überhaupt zu Gesicht bekam. Der vor allem durch seine Musikvideos bekannte Gavras bietet mit Redheads (so der internationale Verleihtitel) eine sich nicht leicht lesende Geschichte um zwei Männer, die sich Schritt für Schritt aus den sozialen Zusammenhängen der Welt. Vielleicht. Der Wechsel zwischen ruhigen Panoramaaufnahmen des trostlosen französischen Nordens und hektischen Handkamerabildern macht die Lektüre nicht leichter. Genaueres bald wiederum auf kino-zeit.de.

Red, White & Blue

Ich mag es ja an Festivals, das sich Filme, die ich eigentlich nie im Kino zu Gesicht zu bekommen gehofft hatte, deren Trailer mich aber sehr hatten aufhorchen lassen, dann Bild für Bild, Szene für Szene entblättern; und wenn sie dabei die Erwartungen, die der Trailer geweckt hatte, gleichzeitig erfüllen und unterlaufen, dann gefällt mir das gleich noch besser.

Das hier war so ein Film. Simon Rumley hat bei seinem zweiten Besuch in Sitges (vorher mit The Living and the Dead) mit Red, White & Blue einen intensiv verstörenden, mitreißenden Film gedreht, der Rachedrama, Thriller und psychologische Studie ist; sein politischer Subtext mag ein bißchen mit dem Holzhammer präsentiert sein, aber die Dichte der Charaktere und der Erzählweise macht das gleich mehrfach wieder gut. Etwas ausführlichere Besprechung folgt.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 2

Mein zweiter Tag in Sitges war insgesamt wenig erhebend; das mag auch an den Filmen gelegen haben, denn mit der Ausnahme des russischen Black Lightning bekam ich ausschließlich mindestens komplexe, vor allem auch schwer im Magen liegende Kost zu sehen. Es fehlte vielleicht ein leichtfüßiger Tagesabschluß wie am Abend zuvor Tucker & Dale vs. Evil; oder auch nur die Befriedigung, im Laufe des Tages und schon vor dem späten Abend bereits einen Text zustande gebracht zu haben.

***

Schwierig machen das allerdings die Öffnungszeiten des Presseraums, in dem nicht nur mittags eine (jedoch kurze) Siesta vorgesehen ist, vor allem aber wird er um 20 Uhr geschlossen. Das ist insofern ungeschickt, als die letzten Filmvorführungen für die Presse ebenfalls um diese Zeit enden und dann also Zeit und Gelegenheit wäre, zumindest kurze Statements schon in die Welt hinauszuschicken – aber nichts da. Und solange ich in meinem kleinen Gästezimmer noch kein Internet habe, erfahrt Ihr eben erst mit einigen Stunden Verspätung, was mich so bewegt hat.

***

Vincent Cassel - Sitges 2010Vincent Cassel ist, das darf ich nach direktem Augenschein jetzt einmal sagen, ein sehr gut aussehender Mann (ich würde gar sagen: besser als auf der Leinwand; vor allem lächelt er im realen Leben mehr als in den meisten seiner Filme, die ich bisher gesehen habe), charmant und sprachgewandt (auf Spanisch, Englisch und Französisch mindestens). Auf der Pressekonferenz zu Notre jour viendra erzählte er auf Nachfrage, das er gerade mit Kim Chapiron an einem neuen Projekt arbeite; auch seine Frau (Monica Bellucci) werde wohl dabeisein, und gedreht werde in Rio de Janeiro.

Der Film, so verriet Cassel weiter, habe zwar noch keinen Namen, aber es handle sich um eine Romantische Komödie. Wenn man Chapirons Filme kennt, wird man jedenfalls keine herkömmliche RomCom erwarten, sondern womöglich eher etwas, welches den üblichen Erwartungen an das Genre grundlegend entgegenläuft. Zumal, das muß stutzig machen, Regisseur Romain Gravas (der mit Chapiron und Cassel eine Art kreatives Dreieck bildet) dann am Abend bei der Vorstellung des Films (vorher bekam Cassel noch rasch den Ehrenpreis des Festivals verliehen) behauptete, er verstehe gar nicht so recht, was Notre jour viendra hier in Sitges mache, den schließlich sei auch das ja eigentlich nur eine Romantische Komödie. Naja.

***

Veranstaltungshöhepunkt des Abends war dann natürlich der Marsch mehrerer hundert Zombies durch die Altstadt von Sitges. Da können nicht Worte, da müssen Bilder sprechen.

(Hier sind die Bilder auf flickr.)

***

Aber so vergnüglich wollte der Tag nicht zu Ende gehen. Denn noch bevor der verstörende Red, White & Blue auf dem Sichtungsplan stand, fiel mir auf, daß mir nach der Projektion des Grava-Films offenbar mein Notizbuch abhanden gekommen war, mit sämtlichen Notizen der letzten 48 Stunden. Sehr ärgerlich, zumal bei mehreren Filmen pro Tag die Eindrücke doch manchmal schon rasch zu verschmieren beginnen. Trotz Ablaufen meiner Wegstrecke und Nachfragens im Meliã ist das Heftlein bisher nicht wieder aufgetaucht. Schade.

Und um das alles richtig schön zu machen, fing es dann auch noch zu regnen, zu blitzen und zu donnern an. Die Zombies tanzten dennoch bis tief in die Nacht bei einer Open-Air-Party am Strand.

***

Zweimal habe ich hier erst geschlafen und komme mir schon so vor, als sei ich eine kleine Ewigkeit in Sitges. Ein klares Zeichen ist das dafür, daß ich mich in den Rhythmus des Festivals habe hineinziehen lassen; das ist grundsätzlich nicht einmal etwas Schlechtes, nur muß man jetzt damit beginnen, ganz bewußt an regelmäßige Nahrungsaufnahme zu denken und dieser auch genügend Zeit einzuräumen. Angesichts der hohen Zahl interessanter Filme – heute stehen fünf bis sechs auf meinem Programm – ist das gar nicht immer so einfach.

Fotos: ich

Sitges 2010, Tag 1

Eigentlich ist es ja schlecht, wenn man schon bei der Ankunft am Festivalort nicht so genau weiß, wie man nur die nächsten Tage durchstehen soll. Aber nach einer wegen langen Packens und unruhigem Kind doch eher sehr kurzen Nacht hatte ich auch im Flugzeug keine Ruhe mehr gefunden, und so kam ich gestern schon ziemlich müde hier in Sitges zum Sitges Film Festival – Festival Internacional de Cinema Fantàstic de Catalunya an, das bereits seit Donnerstag läuft.

Die Stadt liegt bezaubernd zwischen dem Mittelmeer und felsigen Hügeln – die Pyrenäen sind ja nicht allzu weit entfernt – eingeklemmt, auch der Ort selbst ist keineswegs flach, es gibt nur ein paar kleine, richtige Strände, ansonsten heben sich schnell Felsen aus dem Boden, für die Festivalbesucher_innen heißt das: viel Auf und Ab. Aber das ist ja nur gut, wenn man viel zu viele Stunden des Tages sowieso in abgedunkelten Räumen verbringt.

SitgesUnd draußen läßt es sich durchaus aushalten: Bequem über zwanzig Grad liegen die Temperaturen hier derzeit noch, so daß man auch abends noch gerne im T-Shirt draußen sein Abendessen zu sich nehmen mag oder vielleicht auch eine Fußvoll Zehen ins Mittelmeer stecken mag – es soll gerüchtehalber allerdings doch schon recht kühl sein.

Quer durch den leider bedeckten Himmel – am Nachmittag ließ sich schon etwas Blau sehen – flitzen immer wieder Flugzeuge im Tiefflug; im Anflug auf den Flughafen von Barcelona machen viele offenbar statt über die Stadt selbst eine Kurve über Sitges.

***

Mit Wetter und Essen sind natürlich schon zwei große Vorteile von Spanien deutlich benannt. (Auch das Bier ist hier besser als in Paris, aber das nur am Rande.) Für mich bleibt dennoch ein großes Problem übrig: Ich verstehe praktisch nichts. Bei Alltagstransaktionen, beim Einkaufen und im Restaurant, kommt man hier in Sitges offenbar gut mit Englisch und Französisch klar – hier sind auch jetzt noch so viele Tourist_innen unterwegs, da ist das kein Problem.

Sitges 2010Auch die Festivalmitarbeiter_innen sprechen großteils Englisch, und die Filme sind oft auch dann Englisch untertitelt, wenn sie auf Spanisch gezeigt werden (wie gestern abend zum Beispiel Agnosia). Schwierig wird es aber dann, wenn (wie vor Agnosia) spanischsprachige Schauspieler_innen oder Crewmitglieder auf der Bühne stehen – deren dankende Worte werden natürlich nicht ins Englische übertragen. Leider blieb mir so auch verschlossen, was Tetsuya Nakashima an zahlreichen, den Reaktionen des Publikums nach durchaus interessante Dinge gesagt hat, den ich kann weder Spanisch noch Japanisch.

***

Hotelwerbung mit Mut
Mindestens während des Festivals wird das Hotel Meliã zum „hotel de cine“, und mir hat sehr gut gefallen, auf welche durchaus selbstironische Weise dabei Bezug auf einen bekannten Film von Stanley Kubrick genommen wird, der auch für das offizielle Plakatmotiv (links im Bild) Pate stand – der Film selbst, von seinem Produzenten Jan Harlan begleitet, wurde auf dem Festival auch noch einmal gezeigt, wird im Festivalspot referenziert – und vor dem Eingang zum (riesigen) Kinosaal des Meliã steht eine mechanische Schreibmaschine…

***

Natürlich gab es auch hier das übliche Festivalverspätungsproblem: Wenn sich eine Vorstellung etwas verzögert, dann schieben sich schnell alle weiteren Filme ebenfalls (und gerne: immer mehr) nach hinten. Besonders anstrengend gerät das in den Fällen, in denen man das Kino wechseln muß, was in Sitges schon einmal fünfzehn, zwanzig Minuten in Anspruch nehmen kann, weil das Meliã nicht bei den anderen zwei Hauptspielorten im Stadtzentrum liegt, sondern ein gutes Stück außerhalb.

Dort aber, und das war die freudige Entdeckung des späten Abends, sind, vermutlich weil der Kinosaal zugleich auch für Vorträge und Konferenzen genutzt wird, die Sitze mit einem hochklappbaren Tischchen versehen, was natürlich für Leute wie mich, die während der Vorstellung Notizen machen, ein echtes Geschenk ist.

(Hier etwas zu den Filmen, die ich am ersten Tag gesehen habe.)

Fotos: ich