Scott Pilgrim vs. the World (2010)

Ich habe Scott Pilgrim vs. the World dank der freundlichen Unterstützung von geekculture.fr vorab sehen können – der Film läuft in Frankreich am 1. Dezember an.

Ich muß gestehen: Als ich vor einigen Monaten den ersten Trailer zu Scott Pilgrim vs. the World zu Gesicht bekam, war ich schon ziemlich irritiert und hatte vor allem das Gefühl, einer völlig überdrehten Bonbonproduktion beim Entstehen zuzusehen, die mir vermutlich nichts zu sagen haben würde.

Aber irgendjemand in diesem wunderbaren Ding Internet empfahl mir (oder empfahl vielleicht eher generell der Welt, und mich streifte das eben auch) die Lektüre der Comics (Amazon-Link zum Set-in-a-Box), und nachdem ich mich erst vorsichtig mit den ersten beiden Bänden angeschlichen hatte, konnte ich dann kaum erwarten, daß endlich, endlich in den USA der siebte und letzte Band auch noch erscheinen möge. Denn die Comics gehören zu den witzigsten und flottesten Bestandsaufnahmen der (meiner) Jugendkultur, die ich kenne – sie lassen sich wie im Rausch lesen, sie sind extrem schnell (und selbst schon fast filmisch), offenbar vom japanischen Manga und der westlichen Graphic Novel geschult.

Vor allem aber habe ich nach Lektüre der Comics verstanden, warum Edgar Wright den Film so anlegen mußte, wie es der Trailer andeutete, warum der Film so schnell und blinkend beschaffen sein muß, um als Adaption seiner zugleich völlig anderen Vorlage treu zu bleiben.

Denn natürlich sind die Akteur_innen im Film – vor allem Michael Cera und Mary Elizabeth Winstead – keine Mangafiguren, und Wright hat sie auch nicht ihren Comicvorbildern durch Computertechnik angeglichen. Stattdessen hat er sich entschieden, das Element der Computerspiele stärker zu betonen und ansonsten über visuelle Tricks und Übertreibungen den Zustand des comic-haften herzustellen. Dazu gehören nicht zuletzt Momente, in denen Ton und Geräusche als Schrift im Film sichtbar werden – allein das Thema Typographie in Scott Pilgrim wird Stoff für einige Magistraarbeiten abwerfen. An einigen Stellen gibt es zudem, vor allem in Rückblicken auf Scotts Vergangenheit, noch ein paar gezeichnete Szenen zu sehen, die dem Ursprungsmedium Reverenz erweisen.

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Scott Pilgrim ist natürlich, vor allem anderen, eine verspätet einsetzende Coming-of-Age-Geschichte in einem ob des Alters der Twen-Protagonist_innen weitgehend von Eltern befreiten Universum, in dem Slacker, Student_innen und Rumjobbende nebeneinander her existieren – eine Welt, die so sehr der westlichen weißen Mainstream-Mittelklasse entstammt wie all die Referenzen, die Wrights Film übereinander häuft, ineinander verdreht und verschwurbelt: Wenn Scott Pilgrim der Film einer Generation geworden ist, wie frühe Kritiken ihn enthusiasmiert feierten, so ist da allenfalls von dieser Teilgruppe die Rede. (Und daß Scott Pilgrim für seine Beziehung mit der asiatischstämmigen und allerdings auch viel zu jungen Knives Chau (Ellen Wong) Anerkennung von den Männern seiner Peergroup erhält, hat natürlich auch genau damit zu tun.)

Und auch das ist der Film: Ein 8-Bit-Nerdfest, eine retro-nostalgische Feier der Computerspiel- und Popkultur, und schließlich, und das ist das wirklich Sympathische daran: Eine Suche nach unseren Ängsten und Emotionen in den Bildern, die sich auf den Bildschirmen unserer Jugend abspielten.

Dafür macht Wright, machte schon der Comic die Kämpfe und Konflikte des Erwachsenwerdens zu wörtlich verstandenen Bildern, die Geister und Eifersüchte der Vergangenheit, die eine frische Beziehung heimsuchen können, zu de-facto Kämpfen mit den „Seven Evil Ex-es“ von Ramona, die Scott begehrt: Daß diese in einer Form von Realität stattfinden, die offenbar mit „unseren“ physikalischen Weltgesetzen wenig zu tun haben will, nehmen schon die diegetischen Zuschauer_innen im Film klaglos hin; warum sollten wir es anders halten?

Bei diesen Kämpfen zeigt sich schon, was Wright mit dem filmischen Raum anstellt: ihn nämlich aufreißen, öffnen, ständig verändern. Auffallend häufig brechen sich in den Kämpfen den Weg in die Tiefe der Leinwand hinein, durch Mauern und Decken, lassen keine normalen Begrenzungen gelten. Das setzt der Film konsequent auch über die Kämpfe hinaus fort, in der Wüste, die gelegentlich zu sehen ist, den Türen, durch die Ramona verschwindet, und im Wechsel des Bildformats, das ab und an zum extremen Breitbild wird.

Beschleunigung, aber auch Emotionen übersetzt der Film in Raum, der sich dehnt oder staucht, zugleich wirkt der filmische Raum oft wie konzentriert auf die Protagonist_innen auch dadurch, daß er von allen Nebeneinflüssen gereinigt wird. Natürlich gibt es Partys, Konzerte, die Szenen in Coffeeshops und in der Bibliothek; aber immer wieder dazwischen Bilder, oft dem Comic fast 1:1 entliehen (und dem realen Toronto zudem), in dem niemand zu sehen ist außer Scott und Ramona, in dem die Hintergründe aller überflüssiger Elemente und Informationen ledig sind.

Zwei große Probleme schleppt der Film gleichwohl mit sich herum, die eng miteinander verwoben sind. Das eine ist, daß man sich nicht so recht vorstellen kann, was Scott und Ramona aneinander finden. Scott wirkt hier schon in den einleitenden Szenen – mehr noch als in der Vorlage – wie ein egozentrischer Langweiler, bei dem man sich fragen muß, was das „demon hipster chick“ Envy Adams jemals an ihm fand, von Ramona zu schweigen. Die Dialoge des ersten Dates schließlich, die Ramonas Zuneigung einigermaßen erklären könnten, sind im Film nur noch in Bruchstücken vorhanden, und wenn Scott so ganz Michael-Cera-haft dorky neben der coolen, schicken Frau aus New York herläuft, dann nimmt man ihr ihre Zuneigung einfach nicht ab. Denn nur Mitleid kann es auch nicht sein.

Daß Scott sich dann später als persistent Liebender erweist, ist natürlich die Handlung des Films – und diese Hartnäckigkeit, nebst Selbstwertgefühl und derlei, zu erwerben, gehört zu den Lektionen, die die Geschichte ihm aufbürdet. Aber das ist später: Gründe für diese Liebe sehen wir nie.

Das andere Problem von Scott Pilgrim ist, daß der Film in seiner zweiten Hälfte einen Kampf an den anderen reiht; schließlich sind die sieben Ex-es zu besiegen, und die Konventionen des Kinos verlangen, daß nicht der dritte Kampf langweiliger und kürzer als der zweite wird. Leider sperrt sich da Wright nicht gegen das Gewohnte, sondern läßt sich zu sehr ins Actiongenre ziehen. Die Kämpfe bekommen damit ein unverhältnismäßiges Gewicht, obwohl sie in den Büchern meist auf wenigen Seiten, in wenigen Panels abgehakt sind; auf diese Weise werden sie aber rasch eintönig und redundant.

Der Film verliert dadurch seinen anfangs gut etablierten Rhythmus – am Ende wünscht man sich nichts sehnlicher als etwas mehr Figurenentwicklung, etwas mehr Auseinandersetzung jenseits der computerspielartigen Fights. Denn auch diese kann der Film offenbar, sogar ziemlich gut, nicht zuletzt wegen seiner Schauspieler_innen. Die starke Betonung der Kämpfe aber läßt – siehe oben – charakterlich Essentielles unter den Tisch fallen und sorgt für eine Unwucht in der Dramaturgie des ganzen Films.

Das ist umso bedauerlicher, als man eigentlich enorm viel Spaß hat bei diesem Film. Er ist vor allem nämlich eine Freude für Aug‘ und Ohr‘.

(Update: Dank @_peekaboo wurde ich daran erinnert, daß ich eigentlich noch aus Thorstens schöner Kritik hatte zitieren wollen: Dramaturgisch und geschlechterpolitisch ist Scott Pilgrim […] auf dem Niveau von „Donkey Kong“. Aber er mochte den Film dennoch sehr. Ich fühle mich verstanden.)

Fotos: Universal

Kurz verlinkt, 25. November 2010

Lesens- und Sehenswertes aus den vergangenen Tagen (19. November 2010 bis 25. November 2010):

Kurzfilme: Lucía, Luis y el lobo

Gestern hatte ich bereits auf einen Film hingewiesen, an dem Cristóbal León mitgearbeitet hatte; ein weiteres seiner Projekte ist das mehrfach preisgekrönte Lucía, Luis y el lobo, das aus den zwei Filmen besteht Lucía (2007) und Luis (2008), die zusammen mit Joaquín Cociña und Niles Atallah entstanden ist.

Aufgepaßt, das ist ein bißchen gruselig…

(via)

Warum ich nun ein wenig Angst vor ‚Mars Needs Moms‘ habe

Irgendwo in meiner Seele habe ich einen ganz, ganz weichen Punkt, und es gibt mindestens einen Autor, der diesen Punkt mit atemberaubender Sicherheit in jedem seiner Bilder-/Kinderbücher präzise trifft: Berkeley Breathed (Homepage, Wikipedia).

Wenn Ihr den nicht kennt, ist das nicht weiter verwunderlich: Er ist in Deutschland und Europa kaum bekannt; in den USA ist er vor allem als linksliberaler und ziemlich politischer Cartoonist durch seine Reihe Bloom County (Wikipedia) bekannt geworden – ein Spin-Off war außerdem Opus (Wikipedia), mit dem vermutlich sympathischsten flugunfähigen Vogel der Cartoongeschichte.

Zu seinen Arbeiten gehören aber inzwischen auch eine ganze Reihe von Kinderbüchern, die mir eben herzzerreißend präzise Tränen in die Augen jagen. Das sind vor allem und zunächst zwei Weihnachtsbücher: A Wish for Wings That Work mit dem oben genannten Opus als Hauptfigur, der sich zu Weihnachen nur wünscht, endlich einmal fliegen zu können; und Red Ranger Came Calling, in der Breathed eine Geschichte wiedergibt, die ihm sein Vater zu Weihnachten immer von sich selbst erzählt habe: Wie er nämlich einen Mann getroffen habe, der angeblich Santa Claus gewesen sei… Die Pointe des Buches gehört zum überraschendsten, lustigsten, das mir in Bilderbüchern je untergekommen ist. (Wenn jemand noch wunderschöne und sehr rührende Weihnachtsgeschenke für des Englischen mächtige Menschen sucht, hier sind sie.)

Ich kenne nicht alle von Breatheds Kinderbüchern, aber bei mir im Regal stehen noch Edwurd Fudwupper Fibbed Big über einen hochstapelnden kleinen Jungen, der eine Invasion von Außerirdischen herbeifabuliert (Außerirdische sind immer wieder ein Thema bei Breathed), das phantastische Goodnight Opus, und dann schließlich: Mars Needs Moms!. Das ist ein eigentlich recht schmaler Band, das in seiner Grundidee ein wenig an Wo die wilden Kerle wohnen erinnert, rezipiert womöglich unter dem Eindruck bewußtseinsverändernder Substanzen und zu vieler Science-Fiction-Filme.

Es geht, knapp gesagt, um einen kleinen Jungen, der mit seiner Mutter gar nicht zufrieden ist, aber dann doch – er weiß gar nicht so genau, warum – hinterherrennt, als sie von einer paar Marsianern entführt wird. Viel mehr passiert in dem Buch, von der (darf ich’s nochmal sagen? herzzerreißend schmalzigen, sehr treffenden) Auflösung dieser Situation auch gar nicht, es ist wirklich sehr schmal.

Und jetzt hat sich, wenn man dem Trailer glauben darf, Disney also dieses Stoffes angenommen und ihn als computeranimierten Film für März 2011 angekündigt. Ich habe gar nichts gegen Disney, die letzten Animationsfilme des Studios waren durchaus sehr handfest, aber mich irritiert allein schon, daß die grotesken Überzeichnungen von Breatheds Bildern hier in eine pseudorealistische Animationswelt transferiert wurden, die nach diesem ersten Eindruck so wirken, als müßte man in den Tiefen des Uncanny Valley nach ihnen suchen.

Und natürlich habe ich Angst, daß so ein Film mir meine ganz persönliche Berkeley-Breathed-Erfahrung nehmen könnte. Andererseits: Macht die offenbar große ästhetische und erzählerische Differenz zwischen Buch und Film das deutlich unwahrscheinlicher. Vielleicht muß man also höchstens aus anderen Gründen vor dem Film Angst haben.

(via)

AGM Heartland: Neues Projekt von Neill Blomkamp?

/Film hat dieses möglicherweise den Beginn einer viralen Werbekampagne markierende Video aus der iPad-Ausgabe der neuen Wired destilliert. Als Regisseur des Videos wird in der Ausgabe der Regisseur Neill Blomkamp genannt, dessen Film District 9 (meine Gedanken dazu) im vergangenen Jahr bei Science-Fiction-Fans für großes Aufmerken sorgte.

Die weiteren Informationen, die Peter Sciretta zum Video sammeln konnte, deuten darauf hin, daß Blomkamp möglicherweise an einem Projekt mit dem Titel AGM Heartland arbeiten könnte, about a fictional genetic engineering company that produces genetically engineered and altered organisms. Sciretta vermutet aber, daß es eher um ein Online-Projekt als um einen Film gehen könnte. Die von ihm bei /Film zitierten Aussagen Blomkamps lassen zumindest die Vermutung zu, daß er noch an einem anderen Science-Fiction-Projekt arbeitet.

Auf jeden Fall ist das alles Buzz. Zu dem ich hiermit beitrage.

Was denkt Ihr zu dem Video?

Zwei Clips aus James Gunns ‚Super‘

So, jetzt habe ich mir gerade ausführliche schriftliche Gedanken zu James Gunns hervorragendem Superheldenfilm Super gemacht (der Text wird in einigen Wochen wohl auch hier zu lesen sein), und um mich dafür zu belohnen, muß ich jetzt die meines Wissens einzigen beiden Clips aus dem Film posten, die online verfügbar sind.

Und, nein, der Film hat bislang nirgendwo ein offizielles Startdatum.

Stake Land (2010)

Dieser Text ist für die kommende Ausgabe der Splatting Image entstanden.

Postapokalypse now

Daß postapokalyptische Szenarien und das Roadmovie nicht nur im amerikanischen Film eine enge, manchmal fast schon symbiotisch wirkende Bindung eingegangen sind, liegt bei genauerem Nachdenken auf der Hand. Wo das Roadmovie ja in der äußeren die innere Bewegung sucht und verbirgt, so daß die Reise an sich, mit ihren Begegnungen und Auseinandersetzungen auf dem Weg Metapher und auslösender Impuls zugleich für die persönliche Entwicklung sein soll, da erzwingt parallel dazu das Motiv der postapokalyptischen Welt die Konzentration dieser Entwicklung auf eben das Wesentliche, die eigene Person: Wo sonst kaum Überlebende zu finden sind, muß man eben selber wachsen. Zugleich bietet die weitgehende Abwesenheit von Menschen zuweilen auch eine willkommene Gelegenheit, die gern verwendete episodische Struktur der Reise nicht nur zu begründen, sondern sogar noch besonders zu betonen. Die Leere des Raumes dazwischen bestimmt den Rhythmus des Wachstums und der Erzählung.

Die Beispiele für das apokalyptische Roadmovie sind Legion, von Mad Max (der freilich anderes im Sinn hat als das eben Beschriebene) reichen sie – mit ganz unterschiedlichen Erzählweisen – bis zu den jüngeren Versuchen wie The Road und The Book of Eli. Mit Stake Land geht Jim Mickle (nach Mulberry Street von 2006) nun in eine ähnliche Richtung – und auch wenn es nicht willkürlich erscheint, daß der Name des Films an Ruben Fleischers Zombieland (meine Kritik) erinnert, so ist doch die Erzählweise der beiden Filme grundsätzlich verschieden.

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Denn Stake Land, der auf dem Filmfestival in Toronto den Midnight Madness Audience Award einheimsen konnte, ist alles, nur nicht lustig, und die Reise der beiden Protagonisten kann deshalb natürlich auch nicht in einem „Amusement Park“ enden. Amerika und womöglich die ganze Welt sind, der Filmtitel läßt das erahnen, von Vampiren überrannt worden – wo sie herkommen, wie das ablief, all diese Fragen spielen keine Rolle. Stattdessen sind die Figuren ganz fundamental mit dem Überleben beschäftigt. Schon mit der ersten Szene bricht das auf die Leinwand ein, als „Mister“ (Nick Damici), dessen Namen wir nie erfahren, den jungen Martin (Connor Paolo) vor seinen eigenen Eltern rettet, die gerade erst gebissen wurden.

Von da an reisen die beiden gemeinsam durch das versehrte Land, und der Ältere lehrt seinen Ziehsohn alle Fertigkeiten, die er fürs Überleben braucht: Natürlich hilft er ihm vor allem, erwachsen zu werden. (Und: ein Mann. Deshalb muß der Film zu jenem Zeitpunkt enden, an dem er endet. Aber Stake Land macht daraus keine rückwärtsgewandte, gar reaktionäre Maskulinitätsphantasie, sondern erzählt womöglich eher einen Abgesang aufs Patriarchat. Aber davon später.)

Mister und Martin meiden die Städte, und ihr Amerika ist deshalb eines, in dem die Weite des Landes, seine endlos sich ausstreckende Natur eine enorme Rolle spielt. Lange bewegen sie sich mit dem Auto, aber in der zweiten Hälfte sind sie eine ganze lange Weile zusammen mit anderen Überlebenden zu Fuß quer durch bewaldete Berglandschaften unterwegs. Da wird der Mensch in der Tat auf eine Existenz zurückgeworfen, die grundlegend vormodern ist. Und so sehr ihm die technischen Relikte der industriellen Revolution – Autos, Waffen, elektrisches Licht – Hilfe und Rettung auch gegen die Vampire sein können, so sehr sind ihm zugleich geistige Überbleibsel dieser Zeit eine Gefahr.

Natürlich gibt es noch andere Überlebende im Amerika von Stake Land, die meisten sind nicht „on the road“ wie die Protagonisten, sondern haben sich in kleinen Ansiedlungen organisiert, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise organisiert sind. Das ist ein bißchen unübersichtlich – es gibt friedliche kleine Dörfer, wo abends zum Tanz aufgespielt wird, und militärisch durchorganisierte, ans faschistoide grenzende Camps. Wie mit einem Brennglas richtet Mickle die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf den scharfen Kontrast zwischen diesen beiden Extremen – und beschreibt damit zugleich einen politischen Konflikt, der das reale, heutige Amerika berührt und zerreißt. Denn die militaristisch agierende Miliz, mit der Mister und Martin unweigerlich in Konflikt treten werden, ist zugleich von extrem religiösen Haltungen geprägt, die im Angesicht der gottlosen, ultimativ diesseitigen Postapokalypse doppelt überholt wirken; sie waren schon in unserer außerfilmischen Gegenwart veraltet.

Mickles Vampiren haftet nichts Metaphysisches an – sie sind Monstren, gewiß, die nicht unserer Welt, soll heißen: unserer Realität entstammen. Zugleich sind sie aber so fundamental irdisch, schleimig, animalisch, daß ihre Existenz eher so wirkt, als habe sich ein Spalt in der Welt aufgetan, von dem wir vorher nichts wußten. Das ist weit entfernt von den aristokratischen Figuren des klassischen Vampirfilms, von den eleganten Frauen in schwarzem Leder, wie sie die Underworld-Filme etablierten, und nicht einmal nahe an den rücksichtslosen Monstren aus 30 Days of Night (meine Kritik; und zum Sequel). Diese Vampire sind in ihrem rücksichtslosen Blutdurst den energischen Zombies von Zack Snyder näher als ihresgleichen je zuvor, und sie sehen auch nicht unbedingt viel besser aus.

Die furchtbarsten Feinde des Lebens sind aber eben nicht die Untoten, sondern die religiösen Fanatiker, die den Untergang der Menschheit vervollständigen wollen, und denen dazu wortwörtlich jedes Mittel recht ist: Sie wollen die Apokalypse vollenden, und es fällt schwer, darin nicht die christlichen Eiferer gespiegelt zu sehen, die den Nahostkonflikt befeuern wollen, um die Wiederkehr ihres Heilands zu beschleunigen. (Daß ausgerechnet der amerikanische Norden – Kanada!, wo es schon jetzt angeblich immer besser sei als in den USA – für Mister und Martin das Ziel ihrer Reise und Sehnsuchtsort ist, ist eine feine ironische Note im Gegenwartsbezug des Films.)

Natürlich wird sich der Konflikt bis zum Ende des Films noch personalisieren und fokussieren – und „Mister“, darin eben doch Woody Harrelsons Tallahassee aus Zombieland entfernt verwandt, ist dann der schwarze Ritter in dieser Geschichte, der Mann mit der offenbar (aber zugleich nie explizierten) gewalttätigen Vergangenheit, der sich aufs Überleben so gut versteht wie aufs Töten. Und der deshalb Schuld auf sich nimmt, um Martin – dem jungen Mann, der es besser als er vermag, mit anderen, Männern wie Frauen, gleichberechtigt zusammenzuleben – eine Zukunft zu ermöglichen. Oben in Kanada, wo vielleicht die Vampire etwas weniger zahlreich sind.

Fotos: Sitges Film Festival